Weiterentwicklung – eine Sache, die je nach Band als ein schleichender Prozess über Jahre hinweg oder aber als absoluter Faustschlag erfolgen kann. FIRTAN können sich ohne Weiteres in die erste Kategorie einordnen. Die Zeiten, in denen sich die Band vorwiegend an der paganistischen Interpretation des Black Metal erging, sind insofern vorbei, als die Truppe sich längst nicht mehr um Genregrenzen schert. Das war schon auf „Ethos“ von 2024 sehr deutlich zu spüren und „Helios“, das jüngst erschienene Album der Formation, setzt den Weg steter Entwicklung unbeirrt fort.
Was normalerweise weniger gewichtig wäre, hier aber direkte Auswirkungen hat, ist die Spielzeit. Hatte „Ethos“ noch kompakte 50 Minuten Lauflänge, bringt es „Helios“ auf satte 70. Da ist das atmosphärische Intro „Himsa“ (Sanskrit, etwas für „Gewalt“, „Verletzung“ oder „Schädigung“) mit Wind, Ambients und Klaras schönem Violinenspiel noch der kürzeste Kandidat. Wenn sich dann „Kalika’s Tongue“ mit furiosen Riff- und Schlagzeug-Arrangements als Antithese in Stellung bringt, wird auch unmittelbar klar, wie die Formel von FIRTAN 2026 aufgebaut ist. Mit einer guten Portion Wut im Bauch begibt sich die Band über wendige, beinahe progressive Kompositionen auf den Weg zur Erleuchtung. Von Anfang an entstehen durch die Verschmelzung schwelgerischer Gitarrenmelodien mit der Violine dichte Klanggeflechte, die neben aller Brutalität eine absolute Schönheit widerspiegeln.
Ob die Truppe nun wie auf „Solis Currus“ (Latein, etwa „Sonnenwagen“) schleppende Riffs intoniert von Chris und Lukas, sowie tiefe Growls in bester Death-Doom-Manier auffährt, ob sich auf „Ascension“ vor einer rasanten Death-Metal-Wand die Stimmen von Sänger Philipp und Klara treffen und so einen wunderschönen Kontrast in eine heftig vorpreschende Nummer bringen, oder ob sich der Titeltrack langsam von Akustikgitarren und Chören zu seiner ganzen melodischen Größe entfaltet – langweilig wird „Helios“ absolut nicht. Wenn man sich darauf einlässt.
Die gesteigerte Komplexität in den Stücken der Truppe dürfte zumindest im Ansatz auch eine Erklärung für „The Hierophant Way“ liefern. Hier nämlich hat sich das Gespann niemand Geringeren als James Dorton, seines Zeichens Schreikehlchen bei Bands wie NE OBLIVISCARIS und BLACK CROWN INITIATE, ins Boot geholt. Und selbstverständlich kommt der Track bei so einem Namen mit knapp 12 Minuten Spielzeit daher. Die lohnen sich aber, hat der Song doch jede Menge interessanter Tempo- und Rhythmuswechsel, tollen, abwechslungsreichen Gesang und jede Menge Melodie zu bieten. Im Grunde destilliert sich hier auch die Essenz von „Helios“. Eruption trifft auf Stille, Düsternis auf Licht, Wut auf Schönheit.
Fest steht: „Helios“ ist das bisher forderndste und zugleich abwechslungsreichste Album der Band. Denn obwohl Stücke wie „Revealing Prana“, „The Form Revealed“ oder der wunderschöne akustische Schlusspfiff „Shadows Of A Dawn Unborn“ die absolut notwendige Auflockerung bringen, braucht „Helios“ jede Menge Geduld und den ein oder anderen Durchlauf mehr, um es in seiner ganzen Größe zu erfassen. Die teils ausufernden Kompositionen haben dabei aber kein Problem mit Langatmigkeit oder repetitiven Songstrukturen. Eine Reise ist eine Reise. Besonders, wenn es um jene der Erkenntnis geht. Dass dieser Weg nicht selten lang und von vielerlei Gabelungen gesäumt ist, haben FIRTAN hervorragend übersetzt. Dieses hohe Ziel erreicht zu haben, macht „Helios“ aber auch zu einer Veröffentlichung, die nicht in jeder Stimmungslage oder Situation genießbar ist. Wer das aber bereit ist zu akzeptieren, der wird mit einem wendigen und aufwühlenden Album belohnt.
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Wertung: 8.5 / 10



Was mir an deinen jüngsten Reviews sehr gefällt, ist, dass du dem Hörer klar machst, in welcher Stimmung sich das Album erschließt. Das hilft mir ungemein und ich versuche dann die Momente so abzupassen. Ich stelle fest, dass du da sehr treffend für mich beschreibst. Danke.
Hey Fenrir,
das freut mich wirklich sehr, vielen Dank.
Liebe Grüße
Philipp | M1