BRYMIR untermauern mit ihrem fünften Album erneut ihren Anspruch auf die Top-Ränge des symphonischen Melodic Death Metal. Viktor Gullichsen ist nicht nur als Sänger und Hauptsongwriter tätig, sondern lässt auch seinen Hauptberuf als Sounddesinger für Filme hörbar mit einfließen. Wir sprachen mit dem Frontmann außerdem über persönlichen Ausdruck durch die Musik, düstere gesellschaftliche Zustände und den Schimmer der Hoffnung.

„What We Leave Behind“ ist das fünfte BRYMIR-Album und dürfte euer bislang dunkelstes und cineastischstes Album sein. Was bedeutet dir die Platte persönlich?
Dieses Album ist in einer dunklen Phase meines eigenen Lebens, dem Leben anderer Bandmitglieder und allgemein in der Welt um uns herum entstanden. Das Erschaffen und jetzt das Veröffentlichen waren für mich Etappen einer Reise, auf der ich mich selbst reflektiere, heile und weiterentwickle. Der Entstehungsprozess war zeitweise schmerzhaft, und jetzt, wo das Album draußen ist, ist es wie ein fortlaufender Heilungsprozess, der mit jedem Stream und mit jeder Live-Performance weitergeht. Als Künstler, der seine Musik wirklich als Ventil für ehrlichen Ausdruck seiner Selbst nutzt, war das Machen und Veröffentlichen dieses Albums definitiv eine der kraftvollsten Erfahrungen meines bisherigen Lebens!
In unserem letzten Interview über „Voices In The Sky“ hast du erwähnt, dass dich das Arbeiten in deinem Homestudio dazu gebracht hat, mehr mit Gitarren statt mit Keyboards zu arbeiten. Wie hat sich das seitdem entwickelt, auch konkret für euer neues Album?
Rund um die Entstehung unseres vorherigen Albums „Voices In The Sky“ habe ich viel darüber gesprochen, dass ich beim Komponieren oder beim Erstellen von Demos immer mehr gelernt habe, selbst Gitarre zu spielen, um ganz natürlich mehr gitarrengetriebene Parts zu schreiben und Riffs direkt auf demselben Instrument, mit derselben Signalkette und von Anfang an möglichst nah am finalen Sound zu entwickeln, anstatt Gitarren per MIDI-Programmierung mit Synthesizern und Samples zu emulieren und dann die Noten oder Tabs an unseren Gitarristen Joona Björkroth zu schicken, damit er sie einspielt.
Ich habe diese Methode ab unserem dritten Album „Wings Of Fire“ und danach immer stärker in meinen Schreibprozess eingebaut. Das war extrem belohnend, und es hat mir in Sachen Komponieren und Arrangieren ein riesiges Level-up gegeben. Ich habe so viel mehr über die Struktur von Heavy-Metal-Gitarren gelernt. Vorher konnte ich nur die Perspektive eines Recording- oder Mixing-Engineers oder Producers einbringen, aber jetzt kann ich mich, egal um welches Projekt es geht, immer in die Sichtweise des Gitarristen hineinversetzen.
Sobald man jedoch mit der Audioaufnahme beginnt, werden Transponieren, Tempowechsel oder auch einfach das Weiterkomponieren neuer Parts arbeitsintensiver und hängen davon ab, ob man Zugang zu Gitarren für die Aufnahme hat. Nach einem Gespräch mit Jari Mäenpää über Musikproduktion empfahl er mir eine sehr praktische Software, ein Plug-in für Metal-Gitarren (es heißt Odin III, ein großes Dankeschön!), das so echt klingt, dass es den Kompositionsprozess viel flexibler macht und einem die Möglichkeit gibt, auf Tour im Etagenbett liegend Killer-Riffs zu schreiben – inspiriert und noch voller Energie von einem Konzert, das erst wenige Stunden zuvor stattfand –, anstatt Ideen mit verschiedenen Keyboard-Sounds als Platzhalter festzuhalten, bis man wieder zu Hause ist und sein Aufnahmestudio nutzen kann.
Also habe ich das Gefühl, dass ich fürs Erste genug daraus gelernt habe, Demo-Gitarren selbst zu spielen. Ich bevorzuge es weiter, meine Song-Projekte so lange wie möglich komplett spielbar zu halten, nur mit MIDI, das gute Sounds triggert, weil das so viel mehr Raum für Kreativität lässt – und tatsächlich auch EINE MENGE Festplattenplatz spart, was (mal wieder) zu einem echten Problem geworden ist, weil die Komponentenpreise durch die Decke gegangen sind.

Du arbeitest professionell als Sounddesigner für Filme. Auf „What We Leave Behind“ höre ich diesen Einfluss stärker als je zuvor, manche Passagen klingen fast wie der Soundtrack zu einem Film, den es noch gar nicht gibt. Denkst du beim Komponieren für BRYMIR inzwischen in filmischen Kategorien, also in Szenen, Spannungsbögen, Atmosphäre und Dramaturgie?
Ja, auf jeden Fall. Meine Arbeit als Sounddesigner hat mir geholfen zu verstehen, was Drehbücher oder Handlungen wirklich funktionieren lässt, und mir natürlich ein ausgeprägteres Gespür für Dramaturgie im Allgemeinen vermittelt und – wie du gesagt hast – die Fähigkeit, Spannung aufzubauen, aufrechtzuerhalten und wieder abzubauen. Manchmal ist es so, als würde man Hinweise, Ideen oder „Samen“ einstreuen, die zum richtigen Zeitpunkt, oder im überraschendsten Moment, aufgegriffen oder „geerntet“ werden können. Ich setze auch gerne nicht-musikalische Soundeffekte als Teil des Gesamtklangs ein, die fast wie die Pinselstriche eines abstrakten Malers wirken (wie mein Vater, der Künstler Alvar Gullichsen) und Emotionen vermitteln, die entweder die Erzählung des Songs untermauern oder es dem Zuhörer ermöglichen, das abstrakte Sinneserlebnis auf seine eigene Weise zu interpretieren.
Gibt es Dinge, die du durch deine Arbeit beim Film gelernt hast, die du danach ganz bewusst in BRYMIR einbringst, zum Beispiel den Einsatz von Stille, Soundeffekten, Dynamik oder das Erzeugen emotionaler Spannung?
Ja, meine Arbeit hat unseren Werkzeugkasten für Ausdruck auf jeden Fall enorm erweitert und hilft dabei, dynamischere Alben zu gestalten und zu erschaffen, ohne den roten Faden zu verlieren.
An welchen Filmen oder Projekten hast du in letzter Zeit gearbeitet, die dir besonders Spaß gemacht haben und die BRYMIR vielleicht sogar direkter beeinflusst haben?
Es ist schwer, bestimmte Projekte hervorzuheben, die einen direkten Einfluss hatten; es geht vielmehr um den Prozess und die unzähligen Einzelteile, aus denen sich eine Tonspur für einen Spielfilm oder eine Fernsehserie zusammensetzt. Ein besonders eindrucksvoller Film war „Die Kairo Verschwörung“ (2022, Originaltitel “Cairo Conspiracy”), an dem ich als Foley-Künstler und Foley-Mischer mitgearbeitet habe. Da ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, die arabische Welt zu bereisen, bot mir die Arbeit an diesem Film die Chance, in das geschäftige Treiben des Alltags in einer faszinierenden städtischen Umgebung einzutauchen und die Figuren in diesen Kontext einzubinden, den ich erst studieren und kennenlernen musste. Alles von der Art der Schuhe über das Material der Gebäude oder Fußböden bis hin zu den Stoffen der Kleidung und bestimmten kulturellen Merkmalen wie speziellen Teekannen … was auch immer es ist, es muss authentisch klingen.
Beim Foley besteht der Job darin, die Schritte, die Bewegungen der Kleidung, Interaktionen mit oder zwischen Figuren und Objekten auf dem Bildschirm von Grund auf neu zu erschaffen. So, dass es die Figuren verstärkt und die Story stärkt oder trägt, und dabei müssen die komplett neu aufgenommenen Sounds für den Zuschauer absolut unsichtbar bleiben. Die Priorität ist, das Publikum mit maximal möglichem Effekt in die Geschichte hineinzuziehen, ohne dabei überhaupt irgendeine Aufmerksamkeit auf die Tonspur selbst zu lenken und auf die Tatsache, dass sie akribisch von Hand erstellt ist und überhaupt nicht am Set aufgenommen wurde. Es gibt bei den Field-Recordings während des Drehs selten irgendetwas außer den eigentlichen Dialogzeilen, das brauchbar ist. Deshalb hat das Lernen dieser Prozesse einen großen Einfluss auf BRYMIRs Musik und den Ansatz bei der Produktion gehabt.
Du bist Sounddesigner genauso wie Musiker und Produzent. Wo hört für dich bei dem neuen Album Musikproduktion auf und wo fängt Sounddesign an?
Das alles gehört zusammen, das eine gibt es nicht ohne das andere! Musik zu komponieren bedeutet für mich von der ersten Note an Sounddesign. Man möchte eine Geschichte erzählen oder ein Gefühl vermitteln oder vielleicht einfach nur ein großartiges Riff präsentieren und genau das mache ich heute: Ich gehe das Ganze über Sounddesign an und komponiere parallel dazu. Es ist nie so, dass ich erst einen Song schreibe und dann einfach noch Sounddesign darüberlege – beides ist miteinander verschmolzen und vollständig in meinen Arbeitsprozess integriert.
In unserem Interview 2022 hast du mir erzählt, dass BRYMIR Mythologie oft als Kanal nutzen, um über Themen aus der echten Welt zu sprechen. Auf „What We Leave Behind“ wirkt diese Verbindung auf mich noch stärker. Was macht nordische Mythologie für euch zu einer so effektiven Art, moderne Probleme anzusprechen?
Meine Identität war schon immer eng mit der nordischen Mythologie verbunden – aufgrund meiner Erziehung und meiner Familie spreche ich Schwedisch (das ist die zweite Amtssprache Finnlands), und die Bücher, die ich in meiner Jugend gelesen habe, drehten sich eher um Fantasy, die auf der nordischen Mythologie basierte, als um die finnische Mythologie.
Für mich und Jarkko Niemi (Bassist und der andere Haupttexter) geht es dabei komplett darum, uns auszudrücken und Wege zu finden, über unsere eigenen und kollektiven Beschwerden, Ängste und Reue zu sprechen. Das wollen wir mit einer Sprache, die auch majestätische, dramatische Bilder transportiert, selbst wenn es um persönliche Themen und Probleme der modernen Welt geht machen. Dabei sollen die Geschichten gleichzeitig etwas Zeitloses an sich haben oder sich so anfühlen, als wären sie älter als die Zeit selbst … Und es ist auch als Tool sehr nützlich, um ein gewisses Maß an Anonymität zu bewahren, weil manche Textthemen natürlicherweise ziemlich privat sein können. Darüber, selbst in einem mythologisch verschlüsselten Sinne, offen zu sprechen, ist sehr heilsam, weil unsere Songs sich meistens mit persönlichem Schmerz und Trauma beschäftigen.
Ich möchte auch noch hinzufügen, dass kulturelle Phänomene wie die TV-Serie „Vikings“ sehr dabei geholfen haben, die Konzepte und die Sprache der nordischen Mythologie bekannter zu machen. Dadurch ist es heutzutage ziemlich leicht, persönliche Geschichten in diesem Format zu erzählen, und die Leute können sogar einige originale Inspirationsquellen für Songs wiedererkennen!
„What We Leave Behind“ beschäftigt sich mit Krieg, Umweltzerstörung, gesellschaftlichen Entwicklungen, unserem Glauben an Fortschritt sowie sehr persönlichen Ängsten und Entscheidungen. Wenn du das Album auf eine zentrale Frage herunterbrechen müsstest: Was machen wir als Menschheit gerade falsch?
Ich glaube, wir als Zivilisation stürzen uns rücksichtslos kopfüber in etwas Unbekanntes, das alles sehr schnell verändern kann – sogar noch schneller, als es bisher der Fall war. Ihr habt sicher alle schon erraten, dass ich mich an dieser Stelle auf KI und die damit verbundene Infrastruktur beziehe … und ich bin nicht optimistisch, dass sich das so skalieren lässt, wie es sich all die Schönredner wünschen. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal auf die Bremse zu treten. Normalerweise bin ich dafür, mit Vollgas voranzukommen, und, meine Güte, „auf die Bremse zu treten“ klingt aus meinem Mund geradezu heuchlerisch. Von mir, der Verkörperung der Geschwindigkeit und Frontmann einer der schnellsten Melodic-Metal-Bands der Szene (lacht)!
Aber ja, Tech-Bros, es ist Zeit, mal ganz kurz ein bisschen auf die Bremse zu treten, oder?

Ist das Album eher eine Warnung davor, was wir vielleicht zurücklassen oder trägt es auch die Hoffnung in sich, dass wir unseren Kurs noch ändern können?
Es wirft genau diese Frage auf und hat leider ein ziemlich düsteres Ende, wenn der Beobachter genug hat und ins kalte Wasser geht, um nie wieder aufzutauchen … Die Aussicht auf eine strahlende Zukunft ist also ein bisschen absurd, aber natürlich gibt es sie! Genau wie unser SCOOTER-Cover ganz am Ende, als kleine Erinnerung daran, dass vielleicht doch nicht alles nur Untergang und Finsternis ist. Wir können den Kurs ändern, aber das erfordert große Anstrengungen und Opfer. Sind wir dazu bereit? Ich glaube nicht, aus Bequemlichkeit oder der Illusion davon.
„How Much Is The Fish?“ ist wahrscheinlich die unerwartetste Song-Auswahl, die ich mir für ein BRYMIR-Album hätte vorstellen können. Hat die Idee als ernsthafter Plan angefangen, oder gab’s einfach so einen Moment, in dem jemand gesagt hat: „Lass uns das einfach machen“, und alle sind mitgegangen?
Das wurde bei einem Treffen mit dem Label beschlossen; es war eigentlich nur so ein spontaner Gedanke, den ich in dem Moment laut ausgesprochen habe, aber ehrlich gesagt wollte ich schon seit über einem Jahrzehnt ein Cover dieses Songs machen. Ich bin ein SCOOTER-Fan! Zum Glück sind es die anderen Jungs auch, und das Label war von der Idee begeistert!
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Ihr habt das Cover mit eurem Umwelt-Engagement rund um „Herald Of Aegir“ verknüpft. Ist Humor für euch besonders wichtig, wenn ihr mit ernsten Themen umgeht, weil eine Message manchmal besser funktioniert, wenn man sie nicht ständig mit erhobenem Zeigefinger rüberbringt?
Ja, das hängt alles zusammen! Das Fisch-Thema begleitet uns schon seit diesem Song aus dem Jahr 2022, und es eskalierte, als uns ein paar finnische Freunde nach einer 38-tägigen Tournee durch Europa ein Fisch-Plüschtier nach Amsterdam mitbrachten. Tatsächlich geht es sogar fast 15 Jahre zurück, auf einen Insider-Witz unter meinen Freunden, als wir während eines Psytrance-Festivals einen „Fisch-Kult“ gründeten. Außerdem ist Angeln mein größtes Hobby … Die Fisch-Tradition ist bei diesem Song also tief verwurzelt. Und ja, ich glaube, Humor ist in diesen dunklen Zeiten dringend nötig und vermittelt wichtige Botschaften viel wirkungsvoller, wenn man sie mit einem Lächeln im Gesicht rüberbringt. Es es alles schon traurig genug und das wegen vieler schrecklicherer Dinge.
Das Album berührt immer wieder die Idee, dass unser Streben nach Fortschritt selbst zu einem Problem werden kann. Was bedeutet „Fortschritt“ für euch persönlich und woliegt die Grenze zwischen Fortschritt und Selbstzerstörung?
Die Grenze beginnt, wenn die Absichten falsch sind oder wenn ihr euch selbst gegenüber unehrlich seid, was das „Warum“ angeht.
Erst vor Kurzem gab es News darüber, dass ein Anthropic-Mitarbeiter aus moralischen Gründen gekündigt hat und sagte, KI-Firmen würden „mit unserem Leben pokern“. Wie siehst du KI gerade jetzt und in der Zukunft, und wie ist deine persönliche Haltung dazu?
Ich finde, für bestimmte Sachen ist das super und sollte als ein Tool betrachtet werden, ohne das man aber auch funktionieren können muss. Aber alles darauf zu setzen, dass unendlich skalierbare KI für alle alles lösen soll? Ich halte das für den größten Fehler oder das größte „Pump-and-Dump“-Manöver in der Geschichte der Menschheit und für das Beängstigendste seit der Atombombe.
Das Album ist ohne Zweifel sehr düster, aber in der Musik steckt auch viel Schönheit, Hoffnung und Zuversicht. Glaubt ihr, ein Album, das sich mit den dunkleren Seiten der Menschheit beschäftigt, braucht so eine Art Hoffnung als Kern?
Ich finde, es braucht am Ende des Tunnels ein bisschen Hoffnung, aber es war insgesamt so düster, dass wir uns für dieses hier etwas Licht leihen mussten. Danke schön, SCOOTER!
Danke für deine Zeit und deine Antworten. Ich würde das Interview gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming abschließen: Ich nenne ein paar Begriffe, und du sagst einfach das Erste, was dir dazu in den Sinn kommt.
Salmon: Power
Kreatives Ritual: Nachtzeit
Eine Stadt, die ihr gern nochmal besuchen würdet: Granada, Spanien
Lieblings-Soundtrack: „Brokeback Mountain“
Ein Skill abseits der Musik: Miniaturen bemalen
BRYMIR im Jahr 2032 (2022 hast du „überall“ gesagt – wie läuft diese Quest?): Immer weiter! Wir warten in manchen Gegenden noch auf Touren, aber BRYMIR IS COMING FOR YOU! Hört nicht auf, die Socials eures lokalen Promoters wegen uns zu nerven – teamwork makes the dream work!
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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

