Interview mit Juliane Panknin von Ungehindert Dabei

Klimawandel und Krieg, Rassismus, Hass und Ausbeutung: Tagtäglich werden wir mit negativen Nachrichten aus aller Welt bombardiert. Doch so wichtig es ist, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, so wichtig ist es auch, das Positive im Blick zu behalten. Neben dem oft bitter nötigen „Eskapismus durch Musikgenuss“ bietet die Metal-Szene hierfür (bei allen nicht zu leugnenden Problemen) jede Menge tolle Projekte. In unserer Interview-Serie „HEAVY … aber herzlich!“ stellen wir euch sozial, ökologisch oder politisch engagierte Vereine, Veranstaltungen und Personen vor, die uns Mut und die Welt zu einem besseren Ort machen.

Menschen mit Behinderung werden oft durch fehlende Informationen, ungeeignete Infrastrukturen oder mangelnde Sensibilität ausgeschlossen. Das gilt für den Alltag genauso wie für Metal-Festivals. Diese Hindernisse möchte der Verein UNGEHINDERT DABEI sichtbar machen und gemeinsam mit Veranstaltenden Lösungen entwickeln. Juliane Panknin erklärt im 13. Teil unserer Serie, wie UNGEHINDERT DABEI Veranstaltenden hilft, ihre Events barrierearm zu gestalten und für alle Menschen zugänglich zu machen.

Mehr Informationen zu UNGEHINDERT DABEI findet ihr unter www.ungehindert-dabei.de, sowie auf Facebook und Instagram.

Erklärt uns doch erst einmal in ein paar Sätzen, was UNGEHINDERT DABEI ist, und wie es zu der Initiative kam!
Der UNGEHINDERT DABEI e.V. ist ein Verein, der sich für mehr Barrierefreiheit und Teilhabe in der Festival- und Veranstaltungsbranche einsetzt. Ganz egal, ob jemand eine Behinderung hat, Unterstützung benötigt oder einfach auf gewisse Informationen angewiesen ist: Kultur und Live-Erlebnisse sollten niemandem verschlossen bleiben.
Entstanden ist die Initiative aus einem Projekt der HKES GmbH und der Veruga GmbH, das im Frühjahr 2025 zum Thema „Barrierefreiheit auf Festivals“ gestartet ist. Schnell wurde klar: Das Thema bewegt viele Menschen – und es braucht mehr als einzelne gute Ideen. Deshalb führen wir den Gedanken jetzt als Verein weiter. Wir wollen Veranstaltende miteinander vernetzen, Erfahrungen teilen und gemeinsam Lösungen entwickeln, die im Festivalalltag auch wirklich funktionieren. Uns geht es nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten. Wir möchten zeigen: Inklusion ist machbar – und sie beginnt oft mit kleinen, gut durchdachten Schritten.

Wer kann sich bei euch melden und mitmachen – fokussiert ihr auf größere Festivals oder auch kleinere Events bis hin zu Underground?
Ob Veranstalter großer Festivals oder kleiner Events, Organisatoren von Stadtveranstaltungen, interessierte Fachkräfte oder betroffene Menschen: Jeder, der sich für das Thema einsetzen möchte und Barrierefreiheit auf Kunst- und Kulturveranstaltungen vorantreiben möchte, ist im Verein willkommen.

Welche Events sind aktuell Teil der Initiative?
Unser Konzept durften wir bereits unter anderem beim METAL FRENZY FESTIVAL, beim DEICHBRAND FESTIVAL und beim NEW HEALING FESTIVAL vorstellen.

Team des UNGEHINDERT DABEI e.V.

Was sind die größten Probleme, die ihr identifiziert habt – was verhindert aktuell Teilhabe besonders oft?
Oft fängt die Hürde schon an, bevor überhaupt Musik läuft oder sich ein Vorhang hebt: bei fehlenden Informationen. Menschen mit Behinderung müssen wissen können, was sie vor Ort erwartet. Gibt es barrierearme Wege? Wie sieht es mit Toiletten, Anreise, Assistenz oder Rückzugsorten aus? Und ganz wichtig: Gibt es eine direkte Ansprechperson, wenn Fragen offenbleiben? Auf der anderen Seite erleben wir bei Veranstaltenden selten fehlenden Willen. Viele möchten ihre Veranstaltung zugänglicher machen – sie wissen nur nicht immer, wo sie anfangen sollen oder welche Bedürfnisse es neben dem Thema Rollstuhl noch gibt. Barrierefreiheit wird häufig sehr schnell auf Rollstuhlfahrende reduziert. Dabei gehören zum Beispiel auch Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung, neurodivergente Menschen oder Menschen mit chronischen Erkrankungen dazu. Ein weiterer Punkt: Betroffene werden noch zu selten direkt in die Planung eingebunden. Dabei wissen sie selbst am besten, welche Hürden im Alltag und auf dem Gelände tatsächlich entstehen. Genau deshalb setzen wir auf Austausch auf Augenhöhe. Barrierefreiheit soll keine nachträgliche Sonderlösung sein, sondern ganz selbstverständlich von Anfang an mitgedacht werden.

Juliane Panknin, Schriftführerin des UNGEHINDERT DABEI e.V.

Wie geht ihr das Thema Inklusion an, was sind eure primären Ziele?
Unser Wunsch ist, dass barrierearme Planung irgendwann so normal wird wie Sicherheitskonzepte, Sanitäranlagen oder Einlassplanung. Inklusive Maßnahmen sollten nicht erst dann auf die Liste kommen, wenn jemand danach fragt, sondern von Beginn an dazugehören. Dafür wollen wir zwei Dinge erreichen: Veranstaltende sollen praxistaugliche Unterstützung und Ideen bekommen – und Menschen mit Behinderung sollen auf einen Blick erkennen können, welche Angebote ein Event für sie bereithält. So lässt sich viel leichter entscheiden: Kann und möchte ich dort teilnehmen? Der Weg dorthin führt über unser Netzwerk, regelmäßige Runden Tische und ehrliche Gespräche zwischen Veranstaltenden, Fachleuten, Betroffenen und Interessierten. Denn nachhaltige Lösungen entstehen nicht allein am Schreibtisch, sondern miteinander.

Wie sieht das in der Praxis aus, was ist euer Input, beziehungsweise wie unterstützt ihr die Veranstalter?
In der Praxis unterstützen wir Veranstalter vor allem durch Austausch, Beratung und ein starkes Netzwerk. Der wichtigste Punkt dabei ist unser Netzwerk selbst: ein Ort für den offenen Austausch zwischen Veranstaltenden, Fachkräften, Menschen mit Unterstützungsbedarf, interessierten Personen und Organisationen. Uns ist wichtig, dass dieser Austausch auf Augenhöhe stattfindet – denn echte Inklusion funktioniert nur gemeinsam. Dabei betrachten wir jede Veranstaltung individuell. Jedes Event bringt unterschiedliche Voraussetzungen und Herausforderungen mit sich – sei es durch das Gelände, die Infrastruktur, die Größe oder die vorhandenen Ressourcen. Deshalb gibt es bei uns keine pauschalen Lösungen „von der Stange“. Stattdessen schauen wir gemeinsam mit den Veranstaltern, welche Hürden bestehen und welche Maßnahmen sinnvoll und realistisch umgesetzt werden können.

Das ist, wenn man mit dem Thema nicht vertraut ist, noch etwas abstrakt. Kannst du zwei, drei ganz konkrete Beispiele für effiziente Maßnahmen nennen, durch die Events inklusiver wurden?
Die wichtigste Maßnahme sind Informationen und eine Kontaktmöglichkeit. Eine gut auffindbare Seite, die verständlich erklärt, was Gäste vor Ort erwartet, kann enorm viel Druck nehmen. Noch besser wird es, wenn für Rückfragen eine direkte Ansprechperson erreichbar ist. Als weiteres Beispiel sind Matten als befestigte Wege – oder wie am Beispiel ROCKHARZ Förderbänder. Die Förderbänder machen nicht nur die Wege für Rollstuhlfahrende befahrbarer, sondern bieten Menschen mit Sehbehinderung gleich eine Orientierungsmöglichkeit.

Förderband als inklusiver Weg für Rollstuhlfahrende und Menschen mit Sehbehinderung

Woher habt ihr euer Know-how?
Unser Wissen kommt direkt aus der Praxis – aus der Branche für die Branche. Wir kennen den Veranstaltungsalltag, typische Abläufe und die Stellen, an denen gute Vorhaben manchmal an Zeitdruck, Geländeplänen oder fehlenden Informationen scheitern. Genauso wichtig ist aber das Wissen von Menschen mit Behinderung. Sie erleben die tatsächlichen Barrieren und bringen Perspektiven ein, die Menschen ohne eigene Betroffenheit leicht übersehen können. Genau diese Verbindung aus Veranstaltungs-Know-how und lived experience macht unser Netzwerk aus.

Viele Veranstaltende denken bei “Inklusionsmaßnahmen” sicher auch an Zusatzkosten – ist das so, muss man immer von Kosten ausgehen, oder gibt es auch Beispiele, wo eine andere Herangehensweise ausreicht?
Solche Maßnahmen sind nicht automatisch teuer. Natürlich gibt es bauliche und organisatorische Hürden, deren Lösung Geld kostet. Aber es gibt auch viele Maßnahmen, die vor allem gute Planung, Kreativität und den Willen brauchen, individuelle Lösungen zu finden. Manches lässt sich sogar mit einfachen Mitteln selbst bauen oder umsetzen. Wichtig ist es, Barrierefreiheit nicht als einzelnen Sonderposten zu behandeln. Ein barrierearmer Toilettencontainer etwa ist nicht nur eine „Zusatzlösung“, sondern Teil der gesamten Sanitärplanung. Und kleine Anpassungen, etwa Förderbänder oder bessere Wegeführung, können teilweise erstaunlich kostengünstig sein. Entscheidend ist: Was passt zu diesem Gelände, diesem Ablauf und diesen Gästen?

 

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Thema Kosten: Arbeitet ihr spendenbasiert oder subventioniert, oder finanziert ihr euch über ein Honorar für eure Beratung von den Veranstaltungen? Ist eure Unterstützung für Veranstaltende also kostenlos oder muss man euch „buchen”?
Derzeit finanzieren wir uns durch Mitgliedsbeiträge. Gleichzeitig suchen wir auch nach Fördermöglichkeiten, um perspektivisch auch eine Stelle zu schaffen.

Auf der anderen Seite: Gibt es für Veranstaltende eigentlich staatliche finanzielle Unterstützung für solche Maßnahmen, beratet ihr Veranstaltende auch dahingehend?
Auch hier suchen und entwickeln wir aktiv Lösungen. Langfristig möchten wir Veranstaltende auch dabei unterstützen können, passende Förderwege und Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. Das Thema braucht mehr Sichtbarkeit – und verlässliche Strukturen, damit gute Ideen nicht am Budget scheitern.

Politisch wird Inklusion immer weniger wertgeschätzt, Friedrich Merz hat zuletzt etwa die 1:1-Betreuung von Menschen mit schwerer Behinderung infrage gestellt. Inwieweit beeinflusst das politische Klima im Land die Arbeit eures Vereins?
Natürlich nehmen wir wahr, wie über Inklusion und Unterstützungsleistungen diskutiert wird. Aber unser Kurs hängt nicht von solchen Debatten ab. Wir machen das, was wir für richtig halten: Wir wollen Kultur zugänglich machen – und daran arbeiten wir weiter.

Barrierefreier Sanitärcontainer

Ein Mensch mit Behinderung aus meinem Umfeld hat zu eurer Initiative im Hinblick auf die aktuelle politische Lage sehr resigniert gesagt: „Wir stehen schon jetzt vor ganz anderen Problemen als danach zu fragen, wie man eingeschränkte Menschen besser auf Festivals bringt.“ Was würdest du ihm darauf antworten?
Die großen gesellschaftlichen Probleme wollen wir nicht kleinreden. Es gibt viele berechtigte Sorgen und Baustellen. Gleichzeitig glauben wir daran, dass Veränderung dort beginnt, wo Menschen ins Handeln kommen. Wir können nicht jedes Problem dieser Welt lösen. Aber wir können in unserem Bereich etwas bewegen: dafür sorgen, dass ein Konzert, ein Festival oder ein Kulturabend für mehr Menschen möglich wird. Nach vorne zu schauen heißt für uns nicht, Probleme zu ignorieren – sondern die Dinge anzupacken, die wir tatsächlich verändern können.

Wie würdest du die Metal-Szene in Sachen Inklusion – Stand der Dinge, aber auch Problembewusstsein und Willen zu Veränderung – beurteilen?
Beim ROCKHARZ erleben wir zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich Teil des Festivalbildes sind. Sie gehören dazu – nicht als Ausnahme, sondern als ganz normale Gäste. Genau so sollte es sein. Auch bei unserem Besuch auf der NATURE ONE haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht. Die Angebote wurden gut angenommen, viele Gäste waren interessiert und offen. Das zeigt: Wenn man miteinander ins Gespräch kommt und Bewusstsein schafft, entsteht oft viel mehr Verständnis, als man vorher vielleicht erwartet hätte.
Die Bereitschaft ist da. Wichtig ist, Wissen zugänglich zu machen, Menschen einzubeziehen und aus dem Thema eine Selbstverständlichkeit zu machen.


Alle weiteren Teile dieser Serie findet ihr hier:

Moritz Grütz

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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