Interview mit Bela B

Während seine Band Die Ärzte pausiert hatte, war BELA B alleine umtriebig: Neben der Arbeit an diversen Filmprojekten hat er nicht nur das Hörbuch „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“ eingesprochen und war damit auf ausgiebiger Lese- und Musikreise, sondern hat, von der Arbeit an diesem Spaghettiwestern inspiriert, gemeinsam mit Smokestack Lightnin‘ und Peta Devlin sein viertes Soloalbum „Bastard“ aufgenommen. Grund genug, um uns per Telefon mit der deutschen Musiklegende über seine Liebe zum Metal, Trash-Filme, die Augsburger Puppenkiste und die Biographie der Band mit Ä zu unterhalten.

 

Gleich zu Beginn kommt BELA auf den Namen unseres Onlinemagazins zu sprechen:
Ich find‘, das ist ganz geil, dass du mich interviewst, weil mein Herz ja immer noch für Heavy Metal schlägt.

Spannend, dass du das sagst: Du hast mit Depp Jones vor einigen Jahren schon Metal gespielt, und auch bei Die Ärzte gibt es immer wieder Einflüsse aus dieser Musikrichtung. Gerade bist du musikalisch eher im Americana und Country unterwegs. Könntest du dir vorstellen, nochmal in die härtere Richtung zu gehen?
Härtere Sachen auf jeden Fall, aber eher Rock. So richtig Metal, mit typischen Metal-Attributen, also Stakkato-Gitarren und so was, weiß ich nicht… Ich muss auch sagen, dass meine Stimme für Heavy Metal in vielen Punkten einfach zu warm und zu weich ist, wobei es natürlich auch positive Beispiele gibt. Der Psycho-Mike von den Suicidal Tendencies hat auch eine total weiche Stimme, wenn er singt. Früher hat er einfach so hardcoremäßig geshoutet, aber wenn er singt, dann ist das total weich und hat ja auch sehr gut funktioniert. Auch Glenn Danzig hat bei seinen harten Bluesrocksachen zwar eine sehr mächtige und imposante Stimme, aber auch weniger aggressiv. Also wenn da nochmal ein Weg in die Richtung geht, dann wohl in diese Richtung.
Aber tatsächlich bin ich immer mehr ein Freund von Punkrock und Rock ’n’ Roll. So ein räudiger Rock wie Gluecifer und solche Sachen, das ist mir näher. Ich kaufe mir aber immerhin auch noch Metal-Platten, vielleicht, weil ich das selber nicht spiele – nicht wirklich viel, aber hin und wieder etwas. Ich find‘ auch Black Metal noch immer interessant, das fand ich auch vor zehn, fünfzehn Jahren schon sehr, sehr geil. Gut, jetzt ist die Aufregung ein bisschen verflacht, aber ich find‘ das schon immer noch gut.

(c) Konstanze Habermann

Hörst du denn auch aktuelle Bands aus dem Metalsektor oder bist du eher den Klassikern verpflichtet?
Ich hab‘ mir jetzt so eine Platte als Versuch geholt, mit einer Sängerin… das ist aber leider kaum auszusprechen, irgendwas Norwegisches. (lacht) Das ist klassischer Black Metal, aber mit Orgel, die dann für sphärische Parts sorgt. Da singt die Sängerin dann auch getragen drüber, zwischendurch gibt es melodische Parts, das find‘ ich schon ganz geil. Ein Freund von mir hat mich vor einiger Zeit auf Ghost gebracht, die find‘ ich aber so mittel. Ich hab‘ eine Platte von denen nur mit Coverversionen, die find‘ ich super. Und der Sänger hat auch eine weiche Stimme! (lacht) Und ich weiß nicht… ist Kvelertak Metal? Als die auftauchten, fand ich das super, jetzt nicht mehr so. Aber durch die Affinität zu Americana höre ich derzeit auch viel klassische Rockmusik und Rowdy Rock ’n’ Roll. Dazu steh‘ ich auch wieder viel auf Asselpunk. Ich bin zurzeit ganz verrückt nach der Band Pisse aus Thüringen. Auch Adam Angst find‘ ich total geil, das letztes Jahr eine meiner Lieblingsplatten. Die Leidenschaft teile ich auch mit dem Gitarristen Andre von Smokestack Lightnin‘. Der hat auch einen total weit gefächerten Musikgeschmack und Adam Angst hat für ihn wieder alles aufgemacht. Der hat früher Metal gehört und jetzt wieder total Interesse daran.

Mit „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“, aber auch mit deinem daran angelehnten Album „Bastard“ bist du gerade thematisch ganz im Trash angekommen. In welchem Genre siehst du denn am ehesten eine musikalische Entsprechung für dieses filmische Trash-Element?
Das, was wir musikalisch gerade machen, ist ja Western, das passt da sicher gut, aber gut sind zum Beispiel auch Surf-Elemente. Wenn ich auf die Website von einem Indie-Versand wie Flight13 gehe, dann such‘ ich auf jeden Fall in den Kategorien Garage und Surf, wenn es um Trash geht. Es gibt einen wahnsinnig harten Film, der sei dir hiermit sehr empfohlen, der heißt „White Lightnin‘“, erschienen in Deutschland bei dem Label Bildstörung. Das ist ein megakrasser Film zu dem Hasil Adkins den Sundtrack geliefert hat. Das ist eine One-Man-Band mit verzerrter Akustikgitarre, der mit den Füßen noch Drums spielt und singt, jodelt, keine Ahnung, total quer. Der ist erst berühmt geworden, weil ihn The Cramps gecovert haben. Das ist echt harte Musik, aber jetzt gar kein Metal. Der ganze Soundtrack ist von Hasil Adkins, mit Ausnahme einer Szene. Der Film handelt von einem klebstoffsüchtigen Jungen, der gegen seinen Vater rebelliert, Bluestänzer ist und oft zu Nutten geht, sich da Klebstoff reinzieht und rumvegetiert – und da läuft dann einmal Motörhead. (lacht) Das ist schon echter Trash, und Hasil Adkins ist die musikalische Quintessenz. Kann man geil hören, ist aber auch anstrengend. (lacht)

Ich hatte zuerst dein neues Album „Bastard“ und dann das Hörbuch gehört. Am Anfang war ich von den Interludes aus dem Hörbuch etwas irritiert, weil ich nicht sicher war, wie viel man von „Sartana“ wissen muss, um „Bastard“ ganz zu verstehen. Wieso hast du dich entschieden, die Interludes aus dem Hörbuch einzubauen?
Einfach, um das noch ein bisschen unterhaltsamer zu machen, auch weil ich es so abgefeiert hab‘, dass wir Rainer Brandt dabeihaben. Zusätzlich wollten wir ein bisschen Bewegung zwischen den Songs haben, das haben wir ja bei den Ärzten auch schon gemacht und gerade im Metal gibt es das ja auch oft. Dabei wollten wir gar nicht auf das Hörbuch hinarbeiten. Die ursprüngliche Idee war, einen Soundtrack zum Hörbuch zu schreiben, in dem wir jetzt Fragmente von sieben Songs haben. Aber als die Lieder, die wir in sehr kurzer Zeit live eingespielt hatten, fertig waren, waren wir total begeistert davon – vom Sound, von der Vielseitigkeit der Themen – obwohl es monothematisch more or less nur um den Wilden Westen geht. Wir waren dann so angetan, dass wir gesagt haben, dass das ein eigenständiges Album werden muss. „Einer bleibt liegen“ handelt von einem Tagträumer, „Zuhaus“ ist ein Lied über die Flüchtlingsthematik, daher ist das schon vielseitig. Wir haben das dann durch diese Interludes einfach angereichert; ich musste dabei immer an einen Tarantino-Soundtrack denken, auf denen ja auch immer irgendwelche Sachen aus dem Film drauf sind. Vor allem auf dem Pulp-Fiction-Soundtrack, den damals jeder hatte, fanden wir alle die Samples total geil. Die Ärzte hatten bei „Das ist nicht die ganze Wahrheit…“ ja auch dauernd Samples zwischen die Songs gepackt und ich fand es auch dieses Mal ganz schlüssig.

Du hast „Bastard“ wie schon den Vorgänger wieder gemeinsam mit Smokestack Lightnin‘ und Peta Devlin eingespielt. Wie schreibst du denn deine Musik normalerweise, und was war dieses Mal anders?
Eigentlich schreibe ich alleine, aber das variiert von Album zu Album. Das erste Soloalbum „Bingo“ habe ich mit mehreren Leuten geschrieben, teilweise Songfragmente bekommen und die dann ver- und bearbeitet. Bei „Code B“ habe ich alles alleine geschrieben und „Bye“ war die erste Zusammenarbeit mit Smokestack Lightnin‘, wobei ich da auch viel alleine gemacht habe. Wir hatten jetzt auch schon an einem neuen Album gearbeitet, hatten dann aber nicht genug Songs. Ich hab‘ das dann unterbrochen und von vorne angefangen. Dann kam die Sartana-Sache und ich meinte, dass wir erstmal das machen. Aus den Sessions davor stammt zum Beispiel der Bahnhofskino-Song („Ode an das Bahnhofskino“), zu dem ich nie einen geilen Text gefunden gehabt hatte. Aber als ich dann die Thematik gefunden hatte, dieses Thema Bahnhofskino, was ja ein Teil meines Lebens ist, konnte ich diese ganzen Filmzitate einbauen. Von der Thematik und vom Text her wäre das auch ein perfekter Ärzte-Song geworden. Dann habe ich diesen Song genommen und den Text dazu geschrieben, der toll zum Hörbuch, aber auch zum Album passt. Wir haben untereinander sehr eng zusammengearbeitet. „Einer bleibt liegen“ ist zum Beispiel ein alter Song von Smokestack Lightnin‘, über den Bernie sagte, dass er den Song geil findet, sie ihn aber nie aufgenommen haben, weil der letzte Pepp fehlt – und jetzt ist es unsere erste Single. Mit einem geilen Video. (lacht)

Wie ist es denn zu diesem Video gekommen, in dem du sowohl als Mensch als auch als Marionette der Augsburger Puppenkiste mitspielst? Wie fühlt es sich an, nach deiner Synchronisation für „Der Zauberer von Oz“ in der Augsburger Puppenkiste jetzt auch deine eigene Figur zu haben?
Ganz toll, ich bin echt gerührt. Florian Moch, der als Regisseur, Sprecher und Puppenspieler bei der Puppenkiste arbeitet, hat das auch wirklich toll gemacht. Das ist ein noch ganz junger Typ, der wiederum mit Die Ärzte groß geworden ist, insofern ist das für uns beide einfach eine tolle Zusammenarbeit. Es ist auch irgendwie so, dass ich mir bei meiner Sache immer meine Jugendträume erfülle. Jetzt endlich auch ein Video mit der Puppenkiste, das wollte ich schon Mitte der 90er mit den Ärzten machen, was damals leider nicht geklappt hat – aber jetzt hab‘ ich es endlich verwirklicht.

Wie viele Jugendträume sind denn jetzt noch übrig?
Ach du, immer offen bleiben, ne? Es gibt so viele Sachen oder auch Menschen, die ich unbedingt mal treffen will. Manchmal kommt mir dann der Tod zuvor, zum Beispiel bei Bud Spencer und Terrence Hill wird das wohl nichts mehr. Ein Freund und ich haben mal gesagt, das wäre das einzige für einen neuen Expendables-Film, wenn Bud Spencer und Terrence Hill mitspielen. (lacht)

Aber du hast dafür ja Rainer Brandt, den Synchrondrehbuchautor der legendären Filme der beiden kennengelernt.
Stimmt, so hab ich Bud Spencer dann doch auf der Platte, genau. (lacht)

Kanntest du Rainer Brandt schon vorher oder wie kam das ganze Sartana-Projekt zustande?
Ich treffe ihn erst jetzt bei unseren Berlin-Gigs, ich kenne ihn noch gar nicht persönlich. Er war auch bei den Aufnahmen nicht dabei, sondern hat seine Parts gesondert aufgenommen. Der Regisseur, Leo Koppelmann, und ich haben die Idee zusammen erarbeitet. Wir haben uns getroffen, weil er mit mir ein Hörspiel machen wollte, eigentlich was ganz anderes, irgendein Horrorthema, Dracula oder Frankenstein. Und am Tag vor unserem Treffen hatte ich zufällig „Sartana“ gesehen und dann sind wir auf Spaghettiwestern gekommen, von denen er auch ein großer Fan ist. Ich meinte dann, dass das auf jeden Fall ein Film sein muss, bei dem das Synchrondrehbuch von Rainer Brandt ist. Dann outeten wir uns beide als Megafans dieser zotig-schrägen Sprachkultur und so kam eins zum anderen. Oliver Rohrbeck, der seit frühesten Punkrocktagen ein Freund von mir ist, ist ein Golden Boy der Synchronsprecher- und Hörbuchsprecherszene, und der kennt den Rainer und hat schon oft mit ihm gearbeitet. Da kam letztens auch ein ganz rührendes Foto von ihm und Rainer Brandt an uns alle und Rainer Brandt hat schon versichert, wenn da nicht eine Krankheit oder irgendwas dazwischenkommt, dann ist er bei unseren Berlin-Shows dabei.

(c) Konstanze Habermann

Wie fühlt sich denn die Tour zu „Sartana“ mit den Elementen Film, Hörbuch und Musik im Vergleich zu den anderen Konzerten an, die du bisher gespielt hast?
Das ist mir alles nicht so fremd, ich habe ja schon einige Lesereisen und einige Konzerte hinter mir, und jetzt ist es halt eine Verbindung. Meine größte Angst war, dass es wie ein Musical rüberkommt, aber da kann ich jedem die Angst nehmen, das ist es nicht. Es ist wirklich eine Hommage. Es gibt majestätische Momente, wenn Smokestack Lighnin‘ das Sartana-Thema spielen und er auf der Leinwand über unseren Köpfen minutenlang durch die Berge des Wilden Westens reitet – natürlich waren es eigentlich spanische Berge. (lacht) Aber das ist schon auch ein toller Filmmoment, das ist, wie wenn du einen Film zeigst und dazu das Orchester spielt. Das Ganze ist echt ein Spektakel und macht tierisch Spaß, und obwohl wir vor uns die Bücher haben und uns an die Texte halten, ist das wirklich jeden Tag eine neue Performance. Stefan Kaminzki ist das Wunderkind, von dem wir alle begeistert sind, wie er acht Rollen spricht und live die ganzen Geräusche macht. Der ist übrigens auch ein mega Metalfan, die Kommunikation mit ihm läuft privat nur über irgendwelche Bay-Area-Bands und obskure 90er-Sachen. Er kommt dann immer an und meint, dass er wieder irgendeine neue Band aufgetan hat. (lacht) Black Metal ist nicht so sein Ding und auch Hardcore nicht, aber Speed und Thrash auf jeden Fall. Das wäre echt ein Kandidat für eure Seite!

Plant ihr denn, in nächster Zeit auch ohne den Hörbuchkontext auf Tour zu gehen?
Auf jeden Fall! Wir machen das grade abhängig davon, wie wir Sartana fortsetzen können, weil da noch viele weiße Flecken auf der Landkarte in Deutschland sind. Es ist ein bisschen kompliziert, weil das eine größere Produktion ist und wir das in Theatern aufführen wollen. Auf einer Bühne mit Band und diese Hörbuchebene, da müssen wir noch eruieren, wie das geht und ob das geht – es wäre schade, wenn das jetzt vorbei wäre. Und dann wollen wir auf jeden Fall dringend eine Tour machen. „Bastard“ ist ja mein viertes Soloalbum, und damit wollen wir auch mal wieder richtig auf Tour gehen. Ich war jetzt wirklich die letzten Jahre sehr wenig unterwegs. Was mit der Band mit Ä ist, weiß ich im Moment nicht, deshalb hab‘ ich auf jeden Fall Lust, mal wieder länger auf der Bühne zu stehen. Außerdem habe ich so viele neue Gitarren, die muss man auf der Bühne auch mal vorzeigen. (lacht)

Zum Beispiel die Colt-Gitarre aus dem Video zu „Einer bleibt liegen“, oder?
Die ist gar nicht mal so neu! Die habe ich mir irgendwann auf einer Ärzte-Tour gekauft und hatte sie auch schon mal benutzt. Jetzt kommt sie bei Sartana aber auch zum Einsatz und bekommt auch immer Szenenapplaus. (lacht)

Dann kommen wir auch schon zur letzten Frage: Im Herbst letzten Jahres ist „Das Buch Ä“ von Stefan Üblacker erschienen, das auf fast 900 Seiten die Biographie von Die Ärzte zusammenfasst. Wie hat es sich angefühlt, sich deinen musikalischen Werdegang durch die Mitarbeit an der Biographie noch einmal vor Augen zu führen?
Es war sehr gesund, sich damit auseinanderzusetzen. Gerade die letzten Jahre mit den Ärzten waren sehr anstrengend, und es war auch gut, dass wir nochmal reflektiert haben und die ganze Geschichte noch einmal haben Revue passieren lassen. Aber gleichzeitig war es auch anstrengend. Ich hab‘ da nochmal sieben Wochen nachgearbeitet – geschrieben hat es ja jemand anderes, aber ich hab‘ es noch einmal hinsichtlich der Fakten überprüft. Man denkt sich schon, Mann ey, das ist schon ‘ne ganz schöne Geschichte mit dieser Band. Die bemerkenswerten Sachen haben sich bei den Ärzten auch immer in der Öffentlichkeit abgespielt, sprich: auf der Bühne und bei Interviews, wenn wir am Entertainen waren. Wir sind keine Band, die mit ihren privaten Eskapaden auf sich aufmerksam gemacht hat. Dass sich das dann trotzdem so lustig liest und so eine lustige Vita ist, finde ich schon ziemlich geil.