Interview mit Jörg von der Fecht von Bleeding

Nur zwei Jahre nach ihrem durchweg gelungenen Debüt „Behind Transparent Walls“ haben die deutschen Prog-Metaller von BLEEDING mit „Elementum“ ein erneut erstklassiges Album veröffentlicht, das gekonnt Härte, musikalische Komplexität und eine Prise Witz vereint. Wir sprachen mit Gitarrist Jörg von der Fecht über die neue CD, Trash-Filme und die Mini-Tour mit Psychotic Waltz.

 

Hallo und vielen Dank dafür, dass ihr euch für dieses Interview Zeit genommen habt. Wie geht es euch?
Moinsen Manuel! Alles schick so weit. Wir konnten unser neues Album endlich veröffentlichen, wir bekommen tolle Reviews, was will man mehr?

Ihr habt mit BLEEDING vor wenigen Tagen euer neues Album „Elementum“ veröffentlicht, das, wie mir scheint, in Songwriting und Produktion härter als der Vorgänger ausgefallen ist. Die Riffs wirken thrashiger, die Produktion rauer. Teilt ihr diesen Eindruck?
Eine ordentliche Thrashkante hatten wir ja vorher auch schon. Vielleicht rührt der Eindruck daher, dass das Songwriting mehr auf den Punkt kommt. Tatsächlich ist das auch ein Aspekt, auf den ich beim Songwriting geachtet habe. Auch wenn es so scheint, als ob in ein, zwei Songs alle Gäule mit uns durchgehen, hat das tatsächlich Methode.

Da ich gerade die Produktion angesprochen habe: Wo wurde „Elementum“ aufgenommen?
All across the world. Die moderne Technik machts möglich. Heiko hat bei sich zuhause aufgenommen, Theo (Andreas, unser Drummer) bei seinem Kumpel Koopie. Gesang und Gitarren haben wir bei mir zuhause aufgenommen.

Der Titel des neuen Albums „Elementum“ scheint einen Bezug zu dem kultigen Trash-Film „Roboter der Sterne“ zu haben, zumindest wird dies durch die kurze Audio-Sequenz zu Beginn des Titelstücks suggeriert. Welche Bedeutung hat der Titel – und wie seid ihr auf diesen Film gestoßen?
Diese Suggestion ist dann irreführend. Elementum hat tatsächlich keine besondere tiefschürfende Bedeutung, sorry. Es ist aber ein verdammt sexy aussehendes Wort. Iconic würde der Englisch Sprechende dazu sagen und damit prädestiniert für einen Albumtitel. Auf „Roboter der Sterne“ sind Marc und ich gestoßen, als wir uns mal wieder über miese Trashfilme ausgetauscht haben. Dass wir „Elementum“ damit einleiten, hat eigentlich mehr mit der Gesamtdramaturgie des Albums zu tun. An der Stelle musste einfach eine kleine Auflockerung her.

Beim Hören hatte ich den Eindruck, dass das Titelstück – ein Instrumentalstück – Elemente der Filmmusik von „Roboter der Sterne“ aufgreift und variiert. Täusche ich mich da?
Nein, auch hier muß ich reingrätschen. Sollte dem tatsächlich so sein, fordere ich hiermit den Videobeweis, weil siehe eine Frage vorher.

Wo wir gerade bei Filmen sind: Wenn ihr die Chance bekommen würdet, für einen Film eurer Wahl die Filmmusik zu schreiben, für welchen würdet ihr euch entscheiden – und warum?
Als Band BLEEDINGvvielleicht für ein psychotisches Roadmovie. Mit Aliens. Und Gemetzel. Psychotischen Aliens! Das spiegelt so ziemlich die Themen unserer Bandtreffen wieder (lacht). Ich persönlich habe in meinen wildesten Weltherrschaftsträumen tatsächlich schon des öfteren über Soundtracks nachgedacht. Das würde aber wahrscheinlich eher in Richtung SciFi gehen, weil ich auch ziemlich in elektronischer Musik verhaftet bin. SynthPop und EBM sind meine anderen Spielwiesen neben Metal und die bieten sich einfach perfekt für sowas an.

Die meisten eurer Songs weisen eine eher komplizierte Struktur auf, kombinieren verschiedene Tempi und eine Vielzahl an Riffs. Gab und gibt es eigentlich Momente, in denen ihr Songideen aufgeben müsst, weil sie euch entgleiten oder zu komplex werden?
Nee, bei uns wird ohne Rücksicht auf Verluste rausgehauen, was wir geil finden. Selbst wenn ich, wie eingangs erwähnt, auch ein Auge darauf habe, macht es keinen Sinn, dass wir uns in irgendeiner Art und Weise selbst beschränken. Aus den anfangs grenzwertigsten Ideen entwickeln sich mitunter richtig coole Sachen! Oder man hört es sich ein paar Wochen später wieder an, denkt OMG und schmeißt es in die Tonne. That’s it. Und das können wir uns auch leisten, weil wir Ideen ohne Ende haben.

Nahezu alle Songs auf „Elementum“ dauern – Standard in der Prog-Szene – fünf Minuten oder länger. Ist es schwieriger, einen guten kurzen Prog-Metal-Song zu schreiben?
Kommt auf die (persönliche) Definition von Prog an. Aber ‚historisch‘ gesehen bringt jeder Prog-Song nun mal ein gewisses Gewicht mit sich. Am besten Intro, zwei, drei Strophen, Refrains, Breaks, Soli, whatever. Wie soll man das in Pop-typischen drei Minuten unterbringen? Abgesehen davon sollte man sich nicht täuschen lassen, auch im Popbereich gibt es viele bekannte Songs, die locker fünf Minuten knacken. Aber es ist halt für ein anderes Publikum gedacht und oft auch für eine andere Distribution, soll heißen Radio. Da ist halt nichts mit fünf Minuten gespannt vor der Röhre hocken. Da ist schneller Konsum gefragt. Anyway; Notiz für mich selber: Drei Minuten Prog-Song schreiben (lacht).

In dem Song „Science And Sense“ lautet eine Zeile „Truth can not be found in books“ – als Textwissenschaftler interessiert mich hier natürlich, nach welcher Form von Wahrheit dieser Song fragt und sucht.
Das könnte Dir Haye wahrscheinlich besser beantworten. So wie ich es verstehe, ist es wohl ‚die‘ Wahrheit, also etwas Universelles. Die Zahl 42. Keine Ahnung. Ich denke, dass sich der Song aber eher auf die Suche bezieht, also dem ewigen Wissensdurst, der trotz aller erlangten Antworten und Wahrheiten eben nie endet, sodass sich kein Frieden einstellen kann. Daher wohl auch der Verweis zu Prometheus. Dem Titanen, nicht dem Film. Der ist aber geil! Hast Du gesehen?

Eines der atmosphärisch dichtesten Stücke auf „Elementum“ ist „Paranoia“. Was war der Anlass, einen Song zu diesem Thema zu schreiben – und wie weit hatte das Thema Auswirkungen auf die Musik?
Den Anlass kann Dir nur unser Chefparanoide selber erzählen. Einfluss auf die Musik hatte das nicht, weil die Musik bei uns immer zuerst entsteht. Und dann muss Haye leider immer sehen, wie er zurechtkommt. Eventuell wird sich das auf dem nächsten Album aber schon ändern, man weisset nicht.

Gerade im Bereich komplexerer Musik stößt man immer wieder auf Konzept-Alben, die versuchen, teils geradezu kosmologische Gedankengebäude auf CD zu bannen. Habt ihr selbst schon einmal mit der Idee gespielt, einer CD ein kohärentes Konzept zu unterlegen? Welche Themen kämen für euch infrage?
Ja, eventuell für das nächste Album. Was dieses Konzept alles umfasst, wissen wir noch nicht. Texte, Musik, Layout, keine Ahnung. Aber wir alle lieben natürlich Konzeptalben. Thema könnte alles mögliche sein, so lange es nicht total abgelutscht ist und uns in irgendeiner Weise anspricht. Nein, keine Irrenanstaltsgeschichten, keine Texte von Massenmördern, keine Schwertkämpfe mit Drachen. Laaaangweilig …

Seit einigen Jahren kann man eine neue Prog-Metal-Welle beobachten, hier und da konnten einzelne Akteure teils beachtliche Erfolge für sich verbuchen. Verfolgt ihr diesen Trend? Und wo würdet ihr euch darin verorten?
Dediziertes Verfolgen ist es wohl nicht, aber was man halt so mitbekommt. Uns selber zähle ich ehrlich gesagt nicht dazu, das wäre wohl doch etwas anmaßend. Aber es ist cool, dass nicht nur Stumpf Trumpf ist. Nur eine bunte Szene kann auf Dauer überleben.

Vor zwei Jahren habt ihr in unserem letzten Interview von euren Plänen gesprochen, für einen eurer Songs ein Musikvideo zu drehen. Was ist aus diesen Plänen geworden? Und gibt es Ansätze, es mit einem der Songs von „Elementum“ noch einmal zu versuchen?
Keine Kohle, kein Video. Ganz einfache Rechnung. Ansätze gibt es immer wieder mal, bisher ist es aber bei Americas funniest homevideos geblieben. Das ist auf jeden Fall ein Punkt, wo wir noch eine Schippe drauflegen müssen/könnten/sollten.

Ihr habt im Vorfeld der Veröffentlichung eures neuen Albums einige Konzerte mit Psychotic Waltz in Deutschland gespielt. Wie war das für euch? Ist da ein Traum in Erfüllung gegangen?
Definitiv! Ich hatte die Anfrage erst gar nicht verstanden. Wie jetzt, Psychotic Waltz??? Dann ratterten gleich die anfallenden Kosten und die Logistik vor unseren inneren Augen vorbei, aber so eine Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen. Was willste denn später deinen Enkeln erzählen? Wir wären mal fast mit Psychotic Waltz getourt… Toll, Opa! Fuck, nein, wir SIND mit Psychotic Waltz auf einer Minitour gewesen und es war verdammt noch mal ein Highlight in unserer Bandhistorie und im persönlichen Bereich. So, wie wir sie vor Jahrzehnten als Fanboys kennengelernt haben, sind sie tatsächlich immer noch. Einfach coole, völlig normale Typen. Nach unseren Auftritten schnell die Sachen zusammengerödelt und dann wieder ab vor die Bühne, den Großmeistern bei der Arbeit zuschauen. Ein Traum! Jederzeit wieder!

Gibt es bereits konkretere Pläne für kleinere oder größere Touraktivitäten in den kommenden Monaten?
Nein, leider nicht. Es ist sauschwer mit so einer speziellen Mucke und mit unserem ‚Bekanntheitsgrad‘ einen Slot zu bekommen. Ein Gig im November hat sich leider zerschlagen. Im Dezember treten wir mit unseren Kumpels von Lanfear, Endseeker und einigen anderen Bands in unserer Heimat Stade auf. Das dürfte ein ziemliches Fest werden. Darüber hinaus sind noch zwei, drei Sachen angedacht, aber leider noch nichts Konkretes.

Wir sind am Ende unseres Interviews angekommen, das ich gerne mit dem obligatorischen Metal1-Brainstorming beschließen würde. Sagt uns einfach, was euch bei den zu Folgendem einfällt.
Lieblingsalbum 2017: Gibt es bis jetzt nicht. Für 2016 könnte ich Dir Fates Warning und Evergrey nennen, aber 2017… Nö.
Europa: Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht?
BLEEDING in fünf Jahren (Wunschvorstellung): Zwei weitere Alben veröffentlicht, Musik als Vollzeitjob, eigenes Studio.
BLEEDING in fünf Jahren (realistische Einschätzung): Zwei weitere Alben veröffentlicht, Musik als Hobby, ein Gitarreninterface für 200€.
Paranoia: Angenehm.

Herzlichen Dank für das Interview.
Wir haben zu danken! Vielen Dank für die coolen Fragen! See you!