Interview mit Erik Mårtensson von Eclipse

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Die Schweden ECLIPSE sind inzwischen in der obersten Riege moderner Hard-Rock-Bands angekommen. Spätestens ihr Megahit „Viva La Victoria“ bescherte ihnen Radio-Airplay und machte sie auch im Mainstream bekannt. Mit „Wired“ konnten sie unter anderem Platz 1 in den schwedischen und Platz 23 in den deutschen Albumcharts erreichen. Bandleader, Sänger und Gitarrist Erik Mårtensson spricht im Interview mit uns darüber, warum ihr achtes Album gerade wegen der Pandemie so viel Partystimmung ausstrahlt, dass Erfolg nicht planbar ist und über seine Bierleidenschaft.

Eclipse Wired

Hallo Erik! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wie geht es dir aktuell?
Alles ist super! Nach fast zwei Jahren können wir endlich wieder anfangen, Livemusik zu spielen. Außerdem haben wir unser neues Album veröffentlicht, mit dem ich sehr glücklich bin!

In die deutschen Albumcharts seid ihr auf Platz 23 eingestiegen, Glückwunsch zu eurer bisher besten Platzierung! Was bedeutet euch das, wie wichtig sind euch Chartplatzierungen?
Das ist fantastisch. Wir denken nicht an Chartplatzierungen oder irgendetwas kommerzielles, wenn wir ein neues Album schreiben und aufnehmen. Wir wollen einfach die bestmöglichen Songs schreiben, für die wir uns selbst begeistern können. Wenn wir das Album mögen, mögen es andere vielleicht auch. Das ist unsere Philosophie.

Eclipse Bandfoto

ECLIPSE, © Calle Thorén

Mein Review zu „Wired“ beginnt mit dem Satz „Wie würden Bon Jovi klingen, wenn sie in den 2020er Jahren noch Eier in der Hose hätten?“ Ich mag die Musik von Bon Jovi wirklich gerne, aber ich denke, heutzutage sollten sie auf eure Power und die Menge an Hooklines neidisch sein. Wie siehst du das und wie stehst du zu Vergleichen mit Bon Jovi?
(lacht) Ich liebe es! Nun, die letzten zehn Bon-Jovi-Alben waren ehrlich gesagt eine Enttäuschung. Der Vergleich mit Bon Jovi stört mich überhaupt nicht. Ich liebe die frühen Sachen von ihnen und mit der Band bin ich als Kind aufgewachsen. Sie haben den Standard für eingängige, melodische Rockmusik in den 80ern gesetzt.

Ich würde sagen, eure Musik bewegt sich irgendwo zwischen dem melodischen Hard Rock der 80er und dem Heavy Metal der alten Schule, aber mit einem modernen Sound. Was sind heutzutage eure Haupteinflüsse oder seid ihr an einem Punkt in eurer Karriere, an dem andere Bands euch nicht mehr wirklich beeinflussen?
Das ist eine gute Beschreibung. Wir stehen mit einem Bein in den alten Klassikern und mit dem anderen im Hier und Jetzt. Es ist Heavy Metal mit einer Menge Melodien darüber. Hard Rock liegt mir im Blut, und ich höre ihn, seit ich vier Jahre alt bin, also kenne ich alle Regeln dieser Musik. Heutzutage lassen wir uns also immer wieder von anderen Sachen inspirieren und versuchen, sie in unsere Musik einzubauen. Wir versuchen immer, unsere eigene Art zu finden, Dinge zu tun. Ich denke, wir klingen mit jedem unserer Album mehr und mehr nach ECLIPSE.

In einem anderen Interview hast du gesagt, du hast “Saturday Night (Hallelujah)” in etwa 20 Minuten geschrieben. Wie langt arbeitest du normalerweise an einem Song, bis er fertig ist?
Das ist sehr, sehr unterschiedlich. Manche Songs passieren quasi einfach und manche sind unheimlich anstrengend fertigzustellen. Manchmal schreibe ich ein Lied 15 mal um, bevor ich damit zufrieden bin. An einem Tag schreibe ich manchmal zwei gute Songs und manchmal schreibe ich zwei Wochen lang, ohne irgendetwas zustande zu bringen, dass es wert wäre, es aufzunehmen. Aber das ist auch das Schöne und die Kunst daran. Es ist kein industrieller Prozess, es ist Kunst und es ist schwer kontrollierbar.

Erik Martensson von Eclipse

Erik Mårtensson, © Calle Thorén

Die Texte zu „Roses On Your Grave“ or „Dead Inside“ scheinen sich um Verluste zu drehen. Wo findest du Inspirationen, wenn du Texte schreibst? Basieren die Lyrics auch auf deinen eigenen Erfahrungen, haben die beiden Song einen realen Bezug?
Witzig, dass du gerade die beiden Songs erwähnst. Die Texte für diese zwei Tracks habe ich mit einem Freund geschrieben, mit dem ich schon ewig zusammen schreibe. Er hatte gerade eine richtig üble Scheidung hinter sich und das spiegelt sich in den Lyrics dieser beiden Songs wider. Also sind es tatsächlich reale Erlebnisse, aber zum Glück geht es dabei nicht um mein momentanes Leben. Ich versuche aber immer, Worte zu finden, die die Stimmung und die Melodien in den Songs repräsentieren. Das halte ich für mindestens gleich wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als die eigentlichen Lyrics. Manchmal habe ich richtig gute und kluge Texte auf Lager, die dann aber einfach nicht mit dem Song funktionieren, dafür macht manchmal ein Nonsens-Text in Verbindung mit der Musik einfach Sinn. Echt interessant.

Wie funktioniert das Songwriting für euch im Allgemeinen? Hat die Pandemie für euch etwas daran verändert oder euch in irgendeiner Weise beim Songwriting beeinflusst?
Nicht wirklich. Aber ich denke, dadurch haben wir sind die Song für „Wired“ energischer und aufbauender ausgefallen. Wir haben das perfekte ECLIPSE-Party-Album für die Nach-Covid-Welt gemacht.

Bereits nach dem ersten Hören kann man fast jeden Refrain auf „Wired“ mitsingen, die Lieder sind unglaublich catchy. Ist es immer euere Absicht, die Songs so zugänglich wie möglich zu gestalten?
Ich liebe eingängige Songs. Ich hasse es dagegen, Lieder zu hören, bei denen man nicht mal den Refrain erkennt: Wenn ich die zweite Strophe höre und der Part, von dem ich dachte, er wäre die Bridge, tatsächlich der Refrain war und ich das gar nicht merke. Wir versuchen nicht, Hits zu schreiben. Wir schreiben einfach nur das, was wir selbst hören wollen, wenn wir bei einem Konzert mit einem Bier in der Hand und einer hochgereckten Faust den Refrain mit dem Rest des Publikums brüllen.

Plant ihr vor dem Songwriting, das Album ausbalanciert zu gestalten? Sagt ihr euch selbst also „Wir brauchen eine Ballade, einen Midtempo-Song, einen etwas härteren Track, dann noch was fürs Radio…“?
Das haben wir versucht, sind damit aber gescheitert. Du kannst alle möglichen Pläne machen, am Ende aber geht alles einfach nur um die Songs, die entstehen und uns begeistern. Also beginnen wir zu schreiben und wenn wir sieben oder acht Songs fertig haben, bekommen wir ein Gefühl dafür, wohin sich das Album entwickeln wird. Wenn wir genügend Songs geschrieben haben, können wir uns darauf fokussieren, was das Album noch braucht. Falls wir vor allem Midtempo-Songs haben, müssen wir uns auf Uptempo-Tracks konzentrieren und andersherum.

Die „Ode an die Freude“ ist zwar gut in „Twilight“ eingebunden, wirkt aber erstmal etwas banal, da das Stück schon viele andere Rockbands verwendet haben. Wie kam es dazu?
Während den Demoaufnahmen haben wir es eingebaut und mussten lachen, weil es so perfekt gepasst hat. Es kommt sehr unerwartet. Wir dachten, wenn wir es lustig finden, geht es anderen auch so. Dass die Leute darüber reden, war aber nie der Plan. Es war einfach eine spontane, lustige Idee, die wir an diesem Nachmittag hatten und die es dann den ganzen Weg bis aufs Album geschafft hat.

Eclipse Bandfoto

ECLIPSE, © Calle Thorén

„Viva La Victoria“ ist mit Abstand euer bekanntester Song. Warum denkst du, dass gerade dieser Track so ein großer Erfolg wurde und welcher Song von „Wired“ könnte ähnlich erfolgreich werden?
Ich habe keine Ahnung, warum gerade dieser Song und kein anderer, er hat aber alle ECLIPSE-Zutaten. Eingängige Riffs und Melodien mit einem leichten Folk-Touch, sehr melodische Strophen und ein bombastischer Refrain, den jeder versteht und sofort mitsingen kann. Es ist uns nicht wichtig, den Erfolg zu wiederholen. Wenn es nochmal passiert, wäre es toll, darauf liegt aber nicht unser Fokus. Es könnte nochmal passieren oder nie wieder.

Mir ist aufgefallen, dass die CD- und Vinyl-Versionen verschiedene Tracklists haben. Warum habt ihr diese durcheinandergewürfelt? Gibt es eine „richtige“ Reihenfolge für das Album?
Die Art und Weise, wie man Musik über Streaming oder auf einem physischen Medium hört, unterschiedet sich sehr stark. Eine Schallplatte hat zwei eröffnende Tracks und zwei abschließende Tracks, jeweils auf Seite A und B. Daher war es spaßig, die Songs hin- und herzuschieben. Aber die kurze Antwort ist „Warum nicht?“

Das Coverartwork mit den Instrumenten auf der nebligen Bühne scheint zu schreien „Wir wollen endlich wieder live spielen!“ War das die Idee dahinter?
Das Foto wurde während des Videodrehs zu “Saturday Night (Hallelujah)” aufgenommen. Es hat einfach so gut ausgesehen und repräsentiert alles, wofür eine Rockband steht. Alle Fotos des Artworks stammen tatsächlich von diesem einen Tag.

Im August habt ihr auf dem Alcatraz Festival in Belgien gespielt, die Bilder und Videos davon waren wirklich surreal – keine Masken, kein Abstand, alles wirkte so normal. Hier in Deutschland wurden leider alle großen Sommerfestivals abgesagt. Wie war es für euch, nach der langen Zeit endlich wieder auf einer großen Bühne vor all den Leuten zu stehen?
Es war fantastisch. Ich war vor dem Auftritt echt nervös, da 17 Monate zwischen dem letzten Konzert und Alcatraz vergangen sind. Sobald wir aber auf der Bühne waren, saßen wir wieder im Sattel. Die großartigste Erfahrung war aber nicht das eigentliche Konzert, sondern all die Leute zu sehen, wie sie zusammen Bier trinken und wieder eine gute Zeit hatten. Ich war den ganzen Tag auf dem Festival, habe etwas getrunken und mir Bands angeschaut, bis es nachts vorbei war. Ich wusste ja nicht, wann ich diese Möglichkeit das nächste mal bekommen würde!

Im Video zu „Roses On Your Grave” spielt ihr in einem kleinen Club, im Video zu „Twilight“ vor dem großen Open-Air-Publikum des Alcatraz. Was bevorzugst du und warum?
Beide Situationen sind gut. In einem kleinen Club hat man die direkte Verbindung zu den Menschen direkt vor dir. Durch wenig Platz und Plaudereien zwischen den Lieder wird es intimer. Große Festivals bedeuten größere Posen, mehr Bewegung und höherer Anspruch, das Publikum zu unterhalten. Ich liebe beides und fühle mich überall ziemlich wohl.

Erik Martensson von Eclipse

Erik Mårtensson, © Calle Thorén

Ihr habt euer eigenes „Wired Lager“-Bier veröffentlicht. Wie kam es dazu und wie warst du in die Herstellung involviert?
Es hat alles damit angefangen, dass ich gesagt habe, „Saturday Night (Hallelujah)“ würde sich gut in einer Bierwerbung machen. Stattdessen haben wir aber unser eigenes Bier gemacht – umso besser! Ich bin ein richtiger Bier-Nerd und ich mag viele verschiedene Arten von Bieren. Alles von Lager bis zu saurem belgischen Lambic. Mein Bruder ist außerdem Bierbrauer und ich war schon bei vielen seiner Biere dabei, also konnte ich tatsächlich mit der Brauerei zusammenarbeiten, die unser Bier hergestellt hat. Während des Herstellungsprozesses war ich mehrere male dort und wir haben Hopfen, Mälze und alles Mögliche dazwischen besprochen. Es ist eine kleine Brauerei in der Nähe meines Wohnorts namens „The Beer Factory“. Leider ist das Bier momentan nur in Schweden erhältlich.

Chris Jericho von Fozzy hat dieses Jahr gesagt, dass er sich Sorgen um die zukünftigen Festivalheadliner macht, wenn Metallica, Iron Maiden oder Judas Priest mal nicht mehr da sind. Wie siehst du das? Verfolgst du ein paar jüngere Bands, die diesen Status eines Tages einnehmen könnten?
Es ist einfach, wie es ist und dagegen kann niemand etwas unternehmen. Vielleicht werden die Festivals kleiner, aber ich denke die Rock-Szene ist aktuell großartig und hat viele Bands, die tolle Alben veröffentlichen. Die Arenatage des Hard Rock kommen vielleicht zu einem Ende, aber ist das wichtig? Glücklicherweise habe ich die meisten der Giganten live sehen können. Es kommt auch auf das gesamte Business inklusive Bands, Agenten, Labels, Festivalveranstalter und vor allem auf das Publikum an, das die Rockszene am Leben hält. Wenn die alten Headliner nicht mehr da sind, werden wir sehen, wer an ihre Stelle tritt und ihre Plätze einnimmt. Wenn überhaupt…

In deiner Karriere bist du mit ECLIPSE und all deinen anderen Bands viel gereist. Was waren deine Lieblingsorte und wo möchtest du unbedingt noch hin?
Ich will in jedes Land reisen! Ich liebe es, neue Orte zu entdecken und wenn ich die Möglichkeit und die Zeit habe, reise ich immer einen Tag vor dem Konzert an, um mehr von den Orten zu sehen, die wir besuchen. Wir haben noch nie in Südamerika gespielt. Das wäre großartig und jeder erzählt mir, dass es verrückt ist, dort live zu spielen. Japan ist immer toll. Aber Rockclubs und Festivals in Deutschland zu spielen ist fantastisch! Europa ist einfach die Hochburg der Welt für Hard Rock und darauf sollten wir echt stolz sein.

Deine Bands ECLIPSE, W.E.T. and Nordic Union gehen alle ziemlich in die gleiche Richtung. Was für Musik magst du abgesehen von Hard Rock, was sind deine Lieblingsbands und eventuell Inspirationen aus außerhalb deines Genres?
Mir gefällt sehr viel Musik. Ich höre recht viel klassische Musik, aber meistens Rock. Das ist einfach mein Genre. Ich liebe Bands wie The Killers oder Gang Of Youths, aber in meiner Anlage läuft alles von Slayer bis Tom Petty. Ich habe eine große Vinyl-Sammlung mit über 700 Alben und unfassbar viele CDs. Wie bei den meisten Menschen streame ich heutzutage aber viel Musik. Wenn ich ein Album wirklich mag, kaufe ich mir davon auch gerne eine physische Ausgabe. Ich weiß, dass das für die Künstler viel bedeutet, da Bands mit Streaming so wenig verdienen. Alle Musik der Welt, die jemals geschaffen wurde, für nur 9,99 Euro pro Monat ist zu gut um wahr zu sein, fürchte ich.

Kommen wir zum Abschluss zu unserem traditionellen Brainstorming. Was fällt dir zu folgenden Begriffen zuerst ein…
Streaming: Heute habe ich mir “Go Farther Into Lightness” von Gang Of Youths angehört. Tolles Album.
Lustigster Moment auf Tour: Als unser Gitarrist nach einem Gig zu viel getrunken hatte und dachte, es wäre eine witzige Idee, mit einem Puderfeuerlöscher durchs Hotel zu laufen und einen ganzen Flur einzusprühen. Er ist nicht unbedingt stolz darauf, aber es bringt mich wirklich zum Lachen!
Bücher: Momentan lese ich „Der Schrei nach Leben“ („For Those I Loved“) von Martin Grey. Es wurde zwar 1971 geschrieben, ist aber fantastisch.
Natur: Dieses Wochenende haben wir in Norwegen gespielt und ich muss sagen, sie haben einen spektakuläre Natur. Abgesehen davon liebe ich Ski-Abfahrtslaufen und Wanden in den Bergen.
Etwas, das jeden schlechten Tag besser macht: Liebe und kaltes Bier.
ECLIPSE in zehn Jahren: Wir machen bessere Alben als je zuvor und touren weiterhin auf der ganzen Welt und treffen fantastische Menschen und Fans!

Nochmals vielen Dank für deine Zeit! Die letzten Worte gehören dir. Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?
Danke, dass ihr das ganze Interview gelesen habt. Ich kann es nicht erwarten, wieder auf vernünftige Touren zu gehen. Bis dahin, bleibt sicher und trinkt Champagner!

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