Interview mit Schwadorf von Empyrium

Markus Stock aka Schwadorf ist ein gern gesehener Gast in unserer Interview-Rubrik: Allein im Vorjahr stand er uns dreimal Rede und Antwort, zu seiner Arbeit als Produzent, zum aktuellen The-Vision-Bleak-Album „Witching Hour“ und zur EMPYRIUM-Live-DVD „Into The Pantheon“. Anlässlich des Releases des lang erwarteten neuen EMPYRIUM-Albums „The Turn Of The Tides“ ging es um alle Betätigungsfelder auf einmal, die ambivalente Bonus-CD-Politik der Labels und nicht zuletzt um alte und neue Inspirationsquellen für die verschiedenen Projekte.

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Kennt Studioarbeit Sommerferien? Oder haben im Gegenteil auch die Musiker gerade jetzt Zeit, aufzunehmen?
Ab nächster Woche bin ich wieder beschäftigt, aber davor war ich jetzt vier Wochen ungebucht – das ist zwischendurch auch mal nötig: Masterings abschließen, irgendwelche Dateien hochladen, Festplatten säubern und lauter so Krimskrams. Deswegen bin ich selbst dann, wenn ich frei habe, meistens im Studio, weil irgendetwas immer noch erledigt werden muss. Gerade Masterings kommen auch gerne mal spontan rein, richtige Lücken entstehen da sowieso nicht.
Normalerweise ist der August aber mein stressigster Monat, eben weil in vielen Bands Studenten spielen und die jetzt gerade Semesterferien haben. Andere haben dann vielleicht Kinder, da ist im August dann auch eher mal frei.

Wie findest du neben der Studioarbeit noch Zeit und Muse für die eigenen Songs? Zum einen kann man sich gut vorstellen, dass du nach einem Arbeitstag keine Lust mehr auf irgendeine Form von Gitarrenmusik hast, zum anderen scheint es naheliegend, dass man schnell Gefahr läuft, einfach nur gute Riffs von anderen Bands nachzuspielen…
Das ist beides richtig! Während einer langen, anstrengenden Produktion wie jetzt mit Dornenreich, wo man fünf oder sechs Wochen im Studio ist, mach ich abends überhaupt nichts mehr, außer vielleicht vor dem Einschlafen noch zwei oder drei Bier zu trinken. Die ständige Konzentration und der Lärm um einen herum – im Endeffekt hört man ja acht Stunden laut Musik – ermüden da extrem. In dieser Zeit schreibe ich dann auch überhaupt nichts. Andererseits ist es genau wie du sagst, dass man aus so einer Produktion auch viel Inspiration mitnimmt, die man im besten Falle so weit retten kann, bis man selber wieder etwas schreibt.
Den konkreten Fall, dass ich mir von irgendwo ein Riff geborgt habe, hatte ich schon oft (lacht). Manchmal fällts mir auch erst auf, wenn die Platte schon raus ist… Es ist als Musiker ja nicht so, dass man bewusst klaut. Manchmal hat man etwas so im Ohr, dass man es dann nutzt, ohne noch zu wissen, wo es herkam. Es kommen dann auch Leute zu mir und sagen „Hey, das hast du doch von der und der Platte geklaut.“, und ich hör das dann nach und dann stimmt es halt auch meistens… Echt verblüffend.

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Inwiefern ist das neue Album auf andere Art und Wiese entstanden als „Weiland“ damals?
Der Entstehungsprozess hat sich ganz massiv unterschieden. Früher war es so, dass ein EMPYRIUM-Album fertig war, wenn wir damit ins Studio gegangen sind – da wurden die Songs vor Ort nur noch verfeinert. Vor allem für die ersten drei Alben gilt das, bei „Weiland“ war ein bisschen Freiraum da, aber auch das war sehr gut vorbereitet. Bei „The Turn Of The Tides“ war es jetzt aber so, dass wir uns für jeden Song eine Woche im Studio getroffen haben und ihn in dieser Zeit von Anfang bis Ende geschrieben und aufgenommen haben. Da waren vorher zwar Songideen da, aber Strukturen hatten wir meistens noch nicht.

Daran schließt sich die Frage an, woher diesmal die Inspiration für die Themen des Albums kam: Bei „Weiland“ und „Where At Night The Wood Grouse Plays“ meint man, sich ziemlich genau ausmalen zu können, woher die Anreize für die einzelnen Songs stammten, auf „The Turn Of The Tides“ agiert ihr da ja doch abstrakter.
Die neue Scheibe ist in dieser Hinsicht wesentlich offener. „Where At Night…“ und „Weiland“ hatten eine ganz geschlossene Atmosphäre, das waren Konzepte, wo ein Deckel drauf ist: Was für Bilder entstehen und was die Platten ausdrücken sollten, war ganz klar definiert. Ich will das jetzt gar nicht laut aussprechen, weil es ziemlich nach Esoterik-Quatsch klingt, aber „The Turn Of The Tides“ ist demgegenüber direkt aus unseren Leben entstanden – weil wir das Album gar nicht geplant hatten. Das Konzept der Platte, gewissermaßen auch der rote Faden, an dem wir uns orientiert haben, ist entstanden, während wir daran gearbeitet haben. Insofern ist das Album auch sicherlich viel songbasierender als die Vorgänger. Für uns war das auch eine sinnvolle Herangehensweise, um sich der Erwartungshaltung der Leute zu entziehen, und diesen offeneren Ansatz werde ich mir glaube ich auch beibehalten.

Ist das Album konzeptionell und musikalisch dann für dich tatsächlich der große Schritt, als der er beworben wird?
Für mich ist es ein totaler Neubeginn, aus den genannten Gründen. Gerade der musikalische Stil ist auch anders, obwohl ich überzeugt bin, dass der Kern des Ganzen nach wie vor unverkennbar EMPYRIUM ist. Wir sind nicht wie Metallica oder Slayer eine Band, die festgelegt ist auf eine bestimmte musikalische Ausrichtung, der sie folgt – der Stil von EMPYRIUM ist eher ein Gefühl, eine Atmosphäre, und die sehe ich hier ganz genauso wie auf den Vorgängeralben. Die Platte zeigt eine neue Facette der Band, was ja auch irgendwo natürlich ist. Wenn ich mir überlege, dass wir 16 Jahre nach „Where At Night…“ hergehen und den zweiten Teil abliefern würden, würd ich mir selber reichlich blöd dabei vorkommen. So etwas kann nicht ehrlich sein. Und ich kann nur die Musik komponieren, die auch aus mir herauskommt. Genau das ist „The Turn Of The Tides“.

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Der musikalische Schritt, der am neuen Album zum Teil kritisiert wird, ist auch gar nicht so groß, wenn man die musikalischen Unterschiede zwischen den Vorgängeralben als Maßstab anlegt.
Finde ich auch. Ich weiß noch, als „Where At Night…“ erschien, gab es Leute, die sich da gleich gut einfühlen konnten und es gab Leute, die sagten „Ey, was isn da mit der Band los, was kommen die jetzt mit so ner langweiligen Scheiße um die Ecke?!“. Das war schon ganz ähnlich wie jetzt bei „The Turn Of The Tides“.

Hattest du mit den gespaltenen Reaktionen gerechnet?
Als Musiker hat man oft Stellen bei einem Album, wo man sich im Nachhinein denkt, dass man da vielleicht auch etwas anders hätte machen können. Das habe ich bei „The Turn Of The Tides“ so gut wie gar nicht, deswegen ist mein Gefühl bezüglich der Platte auch total positiv. Schon seit sie fertig ist, und das ist sie immerhin seit zwei Jahren, hatte ich nie den Hauch eines Zweifels daran. Insofern war es bei mir gar nicht so präsent, mir Gedanken über die Reaktionen zu machen. Ich weiß, dass das Album zu 100% das ist, was ich mit der Band gerade machen möchte, deshalb habe ich da im Vorfeld gar nicht groß daran gedacht.
Dass die Reaktionen so ambivalent sind, ist für mich auch ein gutes Zeichen; ich finde es gut, dass das Album polarisiert. Hätten wir ein „Songs Of Moors Pt. II“ gemacht, was insgesamt definitiv die beliebteste EMPYRIUM-Scheibe ist, hätten das vermutlich alle geliebt. Prinzipiell weiß ich schon ziemlich genau, was die Leute von EMPYRIUM hören wollen, bei The Vision Bleak ist es genau dasselbe. Aber das hätte einfach nicht in unserer Natur gelegen, und wenns Leuten dann nicht gefällt, kann man es nicht ändern.

Empyrium-TheTurnOfTheTides14Inwiefern nehmen „The Days Before The Fall“ und „Dead Winter Ways“ eine Sonderstellung auf dem Album ein? Gerade Ersteres hat ja nun auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel, war da überhaupt schon klar, wohin es mit EMPYRIUM geht?
„The Days Before The Fall“ ist die Blaupause für das Album, absolut. Wir haben den Song damals für die „Whom The Moon A Nightsong Sings“-Compilation von Prophecy geschrieben und bei den Kompositionsarbeiten erst gemerkt, dass wir EMPYRIUM weiterführen können, ohne uns zu wiederholen, und dass das, was herauskommt, sich auch EMPYRIUM nennen kann. Der Plan fürs neue Album entstand erst zu dieser Zeit. „Dead Winter Ways“ war dann der zweite Song; überhaupt folgt die Tracklist mit einigen Abweichungen der Chronologie, in der die Songs entstanden sind.

Hast du, thematisch betrachtet, jemals wirklich aufgehört, an EMPYRIUM zu arbeiten? Gerade das letzte The-Vision-Bleak-Album ist hinsichtlich mancher Texte näher an „Where At Night…“ dran, als alles zuvor. Die Ästhetik ist ja irgendwo genau dieselbe.
Würde ich total zustimmen, absolut. „Where At Night…“ ist ein Album über Märchen, mit vielen schaurigen Geschichten. Im Endeffekt habe ich mit The Vision Bleak nichts anderes gemacht, aber halt mit einer ganz anderen Stilistik. Das sind Themen, die mich seit meiner Kindheit geprägt haben, Sagen, Märchen, Horrorfilme… Und ich glaube, dass Angst das zentrale Gefühl ist, was alles verbindet, ob es nun Verlustangst wie bei EMPYRIUM ist oder die Angst vor einem Werwolf bei The Vision Bleak (lacht). Ich war schon immer der Meinung, dass sich die Bands atmosphärisch nicht so sehr unterscheiden, nur halt bezüglich des musikalischen Korsetts. Klar gibt es Leute, die bei so ner Aussage die Augen verdrehen, aber für mich gab es da schon immer große Parallelen.

Inwiefern beschäftigt dich der ganze naturromantische Kosmos, der EMPYRIUM vielleicht doch eigen ist, noch? Ist das nach wie vor ein Steckenpferd, oder hat sich die Begeisterung da auch gelegt?
Irgendwo hat es sich schon gelegt, aber andererseits richte ich hier gerade meine Wohnung ein, und die Bilder, die ich aufhänge, sind von Caspar David Friedrich und Theodor Kittelsen… Das ist schon immer noch tief in mir drinnen. Ich beschäftige mich nicht mehr so sehr damit wie früher, aber diese Ästhetik ist absolut ein Teil von mir, darüber, was ich mir da jetzt an die Wand hänge, brauche ich keine Sekunde nachzudenken.

Die Musik EMPYRIUMs ist an sich auf keine Hörerschaft limitiert, sondern im Gegenteil eigentlich für verschiedenste Hörergruppen potenziell interessant. Spiegelt sich das beispielsweise auf Konzerten wieder? Aus welchen Kreisen kommen die Fans dort überwiegend?
Am größten ist auf jeden Fall die Gruppe von Leuten, die EMPYRIUM von der ersten Stunde an begleitet haben, die dann nach der Show zu dir kommen und sagen, sie hätten nie im Leben geglaubt, dass sie die Band irgendwann einmal live sehen würden. Selbst, als wir in Rumänien gespielt haben. Dann Leute, die von diesen wiederum mitgenommen oder anderweitig verständigt wurden, über soziale Netzwerke geht das ja rasend. Und natürlich sind auch ein paar Underground-Black-Metaler, aber vor allem eben Leute, die EMPYRIUM schon seit „A Wintersunset…“ begleiten. Alte Weggefährten der Band quasi. Das finde ich auch total cool, weil man da irgendwie das Gefühl hat, dass man für Freunde spielt. Man weiß genau, was die erwarten und man weiß auch genau, was man ihnen bietet.
Als ich mit The Vision Bleak angefangen habe, gab es eine Phase, wo es mich tierisch genervt hat, dass jedes Mal irgendwer zu mir gekommen ist und gesagt hat, dass ich doch bitte wieder EMPYRIUM machen soll. Rückblickend bin ich total geschmeichelt davon, dass eine Band zehn Jahre tot sein kann und trotzdem nicht von den Leuten vergessen wird. Die haben so lange auf ein neues Album oder ein Konzert oder so etwas gewartet und waren dann auch wieder da, als wir weitergemacht haben. Aber ich meine, für mich war die Band damals töter als tot.

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Flankiert wird der Release des neuen Albums von einer Neuauflage des kompletten Backkatalogs als Boxset, was insofern überraschen mag, als seit dem letzten Release dieser Art, der „A Retrospective…“-Box, eigentlich nur eine DVD und nun das neue Album erschienen sind. Was steckt also hinter dem Release?
Es steckt ganz einfach das Format Vinyl dahinter, in dem die Box erscheint. Wahnsinnig viele Leute fragen das nach, gerade bei den alten EMPYRIUM-Platten – ich selber habe übrigens keine einzige der alten Scheiben mehr auf Vinyl. Wie mans immer so macht, da verschenkt man hier eine und da eine und plötzlich sind alle weg. Die Nachfrage nach Vinyl ist jedenfalls wirklich riesig. Prophecy hatten ein ähnliches Projekt schon einmal mit Tenhi gemacht, wo das auch super geklappt hat. Die haben uns dann angefragt, ob wir das auch machen wollen. Ich meine, ich mache auch keinen Hehl daraus, dass man auch einen Pfennig Geld damit verdienen kann, das ist überhaupt keine Frage. Aber die Leute wollen es halt auch kaufen. Die alten Platten waren nun einmal limitiert, selbst bei Ebay seh ich die nur ganz selten.
Ich muss aber auch dazu sagen, dass die Box unglaublich viel Arbeit war. Das Layout, die Prägung, das ganze Zeug… Und wir haben uns echt Mühe damit gegeben. Ich kann schon verstehen, wenn Leute sagen, man würde ihnen da das Geld aus der Tasche ziehen, aber ich finde, dass man als Käufer auch wirklich einen Gegenwert bekommt. Da steckt schon viel Herzblut drin. Initiiert wurde es von der Plattenfirma, aber wenn ich das Gefühl habe, dass ich den Fans nicht irgendeinen Scheiß verkaufe, ist das auch okay.

Bei Prophecy erscheinen ja nicht nur Boxsets, sondern auch quasi jedes Album mit irgendeiner umfangreichen Bonus-CD. Als wir jüngst mit Eviga von Dornenreich über dieses Thema sprachen, da meinte er, dass es eigentlich fast genauso viel Arbeit wäre, diese Bonus-CDs zu erstellen, wie das eigentliche Album zu schreiben – findest du, dass sich der Aufwand für diese Gimmicks lohnt, die ja eigentlich nur Dreingabe sein sollen?
Das ist ein verdammt gutes Thema, und ich muss sagen, dass ich jedes Mal hadere. Jedenfalls, während ich mit der Erstellung beschäftigt bin. Bei Artbooks muss ich sagen, wenn ich sie dann fertig in der Hand habe, finde ich sie total schön, da hat man schon wirklich viele gestalterische Möglichkeiten. Aber trotzdem, ich komme aus einer Zeit, wo die Arbeit an einer Platte beendet war, wenn man sie aufgenommen hatte. Dann hat man noch ein bisschen Layout gemacht – und sich damit natürlich schon auch Mühe gegeben –, aber das wars dann auch. Heutzutage habe ich das Gefühl, dass die Arbeit eigentlich genau dann erst anfängt. Bonusmaterial? Hat man normalerweise nicht, aber will ja trotzdem etwas Interessantes machen. Ich bin halt auch kein Musiker, der dann immer noch 25 Songs auf Reserve hat, da muss ich schon wirklich immer eigens wieder zum Schreiben anfangen. Aber man will dann auch keinen Mist abliefern und im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass man für ein Artbook noch einmal ein komplettes Album und noch einmal ein komplettes Layout macht. Das ist schon verrückt. Bei jeder Veröffentlichung sitze ich da und denke das gibt’s doch nicht, jetzt habe ich hier gerade eine Platte fertig, und damit ich sie verkaufen kann, mach ich noch eine.
Und natürlich kann diese Dreingabe nicht so wertig werden wie das eigentliche Album, man kann da auch nicht so viel reinstecken, wie ins Album selbst. Das wäre sonst auch sonderbar. Meine Maxime ist aber trotzdem, den Leuten etwas zu bieten und nicht irgendeine Proberaumaufnahme oder Demoversion oder so, wo man genau hört, dass das aus der Not geboren ist.

Wird diese Bonus-CD dann, zugespitzt gesagt, nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen produziert?
Sagen wir es so: Würde ich nicht gebeten, dieses Material zur Verfügung zu stellen, würde ich es nicht komponieren. Wenn die Anfrage aber da ist und ich sie für sinnvoll halte, gebe ich mir schon Mühe, das Beste herauszuholen, obwohl es viel Arbeit ist und die Platte selbst der absolute Fokus bleibt.

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Dornenreich haben jüngst auch eine Schaffenspause auf unbestimmte Zeit verkündet. In Interviews bekommt man das Gefühl, dass es nicht nur um das musikalisch gerade sinnvoll abgerundete Konzept geht, sondern auch eine gewisse Szene-Müdigkeit eben bezüglich der Arbeit an Albumproduktionen, aber auch Live-Tätigkeit u.a. mit hereinspielt. Nun sollte man ja meinen, dass sich dieser Effekt bei jemandem, der neben seinen Bands auch noch Tag ein Tag aus im Studio sitzt, noch viel schneller einstellt. Hast du schon einmal daran gedacht, mal für längere Zeit einen Gang zurückzuschalten?
Ich kann das gar nicht. Klar habe ich auch Momente, wo ich mich frage, was das hier alles eigentlich soll; wenn ich nach einem Konzert mit 100 Euro heimkomm und mir denk „komm, das kanns doch nicht sein.“, aber aufhören kann ich einfach nicht. Ich habe mich irgendwann, ziemlich früh, entschieden, dass Musik mein Lebensinhalt ist. Wenn ich nicht an Musik arbeite, werde ich auch persönlich unausstehlich, ich brauche das einfach. Produzieren ist ja auch Ausdruck, man ist immer auch irgendwo kreativ involviert. Gerade bei Bands, mit denen man eng befreundet ist, wie Dornenreich, Helrunar oder Ewigheim macht es unglaublich Spaß, mit ihnen im Studio zu sein.
Die Szene-Müdigkeit kann ich andererseits total nachvollziehen. Weil ich durch diese ganzen Sachen wie Bonus-Songs und Artbooks, worüber wir gerade gesprochen haben, das Gefühl habe, dass man viel zu viel auf Nebenkriegsschauplätzen aktiv ist. Ständig muss man irgendwelche Dinge machen, die jetzt nicht unbedingt Top-Priorität haben, dabei will man sich eigentlich nur auf eine einzelne Sache voll konzentrieren und sich da reinbeißen, damit man es auch gut machen kann. Live spielen ist für mich auch so eine Sache, die eigentlich nur vom Wesentlichen ablenkt, nämlich im Studio Musik zu machen. Wenn das dann alles wieder einmal zusammen kommt, denke ich mir schon auch manchmal, dass es doch ganz schön viel ist. Da denke ich dann an die goldenen 90er zurück (lacht), wo das alles noch nicht auf der Agenda stand.

Na gut, mit EMPYRIUM wirst du dir jetzt auch nicht gerade deinen Lebensunterhalt verdient haben…
Oh, das hätte ich aber machen können. Wenn ich damals angefangen hätte, viel live zu spielen, hätte ich definitiv von EMPYRIUM leben können. Das wäre heute kaum mehr möglich. Natürlich ist die Musik auch jetzt noch eine Einnahmequelle, aber damals wäre das wesentlich einfacher gewesen. Mir war aber immer klar, dass das keine Perspektive ist, auch, was The Vision Bleak angeht. Wir hatten mit beiden Bands auch Angebote von sehr namhaften Plattenfirmen, aber es wäre für mich nie in Frage gekommen, so eine Touring-Band zu werden, die dann 200 Tage im Jahr unterwegs ist. Hätte ich damit angefangen, hätte ich mit Sicherheit schon lange aufgehört, Musik zu machen. Die Prioritäten liegen bei mir einfach ganz anders, ich wollte auch nie der große Guitar Hero auf der Bühne sein. Dabei spiele ich inzwischen eigentlich gerne live, mit den Leuten abhängen und auf der Bühne Energie rauslassen, das habe ich schon lieb gewonnen… Als Musiker habe ich mich aber immer im Studio gesehen, nicht auf der Bühne.

empyrium-tvb-deathshipThe Vision Bleak nehme ich noch einmal als Stichwort: Dieses Jahr feiert ihr mit der Band ja das Zehnjährige von „The Deathship Has A New Captain“ mit insgesamt vier Shows. Was darf man erwarten?
Wir werden natürlich das komplette Album spielen und der Platte huldigen. Einfach mit den Leuten, die damals mit dabei waren, den Geburtstag unseres Debüts feiern. Es werden keine Werwolf- und Frankenstein-Roboter auf der Bühne sein, das wird alles eher in kleinem Maße stattfinden. Drei Konzerte im Oktober, eines im Dezember auf dem Eindhoven Metal Meeting. Übrigens, auch diese Platte wird zu der Gelegenheit noch einmal als Vinyl neu aufgelegt (lacht). Aber ansonsten spielen wir da die Konzerte und gut ist es. Das ist auch schon seit vier Jahren oder so geplant, dass wir zum Jubiläum etwas machen.

Gib uns doch zum Abschluss noch einen kleinen Überblick, was wir von dir und deinen Bands in nächster Zeit erwarten dürfen, neben diesen Konzerten.
Also zunächst einmal bin ich froh, wenn ich mich jetzt dann einmal wieder auf neue Musik konzentrieren kann, die letzten zwei Jahre habe mich eigentlich primär damit beschäftigt, Altes irgendwie aufzubereiten, angefangen mit der EMPYRIUM-DVD über die CD bis hin zur „Deathship“-Neuauflage. Nach den Konzerten ist für beide Bands auf jeden Fall der Blick nach vorne gerichtet.
Ansonsten bin ich jetzt kürzlich Eudaimony beigetreten, mit den Leuten stehe ich sehr viel in Kontakt, da tauschen wir gerade Songideen aus, das wird jetzt dann wohl noch konkreter.

… wie kam das denn eigentlich?
Im Prinzip ist es so, dass ich mich mit Matthias, dem Sänger, schon ewig gut verstehe. Bei der Arbeit an der Platte jetzt, die ich ja auch produziert habe, haben wir dann echt gut zusammengearbeitet und die Band fand den Sound des Albums dann auch super. Matthias fragte mich im Zuge dieser Arbeiten, ob ich Bock hätte, mich kreativ einzubringen, und das hatte ich. Jetzt nicht als schreibender Gitarrist oder Bassist, sondern als jemand, der einfach Ideen beisteuert. Hauptkomponist wird selbstverständlich wieder Marcus ( E. Norman, Naglfar – Anm. d. Red.) sein, aber er schreibt eben Songs, schickt die herum und ich schaue, was mir dazu einfällt – das kann vom Drumbeat bis zum Keyboard alles sein. Das ist für mich echt eine coole Sache, dass ich nicht Feder führen muss, sondern auf Ideen reagieren kann. Das ist ein bisschen so wie beim Produzieren, wenn Bands wollen, dass man mitwirkt. Man kann sich einbringen, aber ist nicht verantwortlich.
Außerdem habe ich Sun Of The Sleepless wiederbelebt, und zwar genau in dem Maße, wie das eigentlich schon immer geplant war, als Ventil für kreative Ausbrüche, die man gerade einmal hat. Das werde ich jetzt wieder aufnehmen, als Projekt, wo ich an überhaupt keine Konzepte oder Genres gebunden bin, sondern machen kann, was ich will. Im November mach ich mit Ewigheim drei oder vier Releaseshows zur neuen Platte.
Wie immer ist viel zu tun, aber es macht alles ja auch Spaß.