Interview mit Hysteriis von F41.0

Mit seinem Soloprojekt F41.0 hat Hysteriis dieser Tage ein außergewöhnliches Black-Metal-Album veröffentlicht: „Bürde“. Hinter dem kunstvollen Artwork verbirgt sich ein wahrer Schwarzmetall-Geheimtipp mit interessanten Texten und packenden Gastbeiträgen, unter anderem von Mitgliedern von Todtgelichter. Wie es zu der Zusammenarbeit kam, worin sich die Platte vom Debüt „Near Life Experiences“ unterscheidet, warum die Band nur mit verhüllten Gesichtern auftritt und weshalb Hysteriis seine Musik nicht als Depressive Black Metal verstanden sehen will, erfahrt ihr in folgendem Interview.

Zuerst mal eine allgemeine Frage, die du vermutlich nicht zum ersten Mal hörst: Warum ist dein Soloprojekt F41.0 nach der ICD-Klassifikation einer Panikstörung benannt?
Du hast dir wenigstens die Mühe gegeben, den Code zu googlen. Offenbar ist das keine Selbstverständlichkeit, wie mir der bisherige Interviewmarathon zu „Bürde“ zeigt. Im Prinzip ist der Hintergrund recht unspektakulär. F41.0 befasst sich mit mentalem Horror und dem inneren schwarzen Loch. Angst- beziehungsweise Panikstörungen sind gerade durch ihre diversen Ausprägungen für Betroffene undenkbar marternd. Ein geistiges Labyrinth, aus dem nur schwer ein Ausgang zu finden ist…

Möchtest du dem Hörer mit deiner Musik ein Gefühl davon vermitteln, wie sich diese Panikstörung anfühlt?
Es gibt den einen oder anderen Song mit direktem Bezug dazu, ja. „Fluchtpunkt“ vom Debütalbum „Near Life Experiences“ ist dabei wohl das gleichermaßen offensichtlichste wie prominenteste Beispiel hierfür. Inhaltlich lässt sich F41.0 allerdings nicht nur auf das Thema reduzieren.

Wie läuft bei dir das Songwriting ab? Fängst du mit den Texten oder der Musik an?
In der Regel stehen das Wesen, der Inhalt und Charakter eines Stücks an erster Stelle. Im Zuge dessen ist es dann bisher zunächst die Musik gewesen, die darauf basierend entstand. Ein Prozess, der sich von zwei Tagen bis zu mehreren Monaten erstrecken kann und den ich bewusst nicht beschleunigen will. Die Texte waren dann meist einer der letzten Schritte beim Fertigstellen eines Albums, auch wenn einzelne Fragmente schon vorher festgelegt worden sein konnten.

Was sind deiner Meinung nach deine Stärken und Schwächen als Musiker?
Puh, schwer zu sagen. Ich bin kein wirklich guter Instrumentalist und bin die Dinge schon immer recht unkonventionell angegangen. Das hat sicher so manchen professionelleren Musiker in meinem Umfeld zur Weißglut gebracht. Ich denke aber, dass ich wiederum ein gutes Gespür für Songstrukturen und deren Beseelung habe.

Du spielst depressiven Black Metal, allerdings nicht direkt DSBM. Wo liegen so deine musikalischen Vorbilder und Einflüsse?
Hier muss ich dazwischengrätschen: Mir ist klar, dass der gemeine Metal-Hörer sich damit schwer tut, zwischen dem, was F41.0 ausmacht und „Depressive Black Metal“ zu unterscheiden. Gesangstechnik, langsame Spielweise und die Texte, welche recht weit von klassischen Black-Metal-Inhalten entfernt sind, lassen bei genanntem Klientel offenbar nur diesen Schluss zu, weil das Naheliegendste nicht weiter hinterfragt wird. Fakt bleibt jedoch, dass ich mich stark von genannter Ausrichtung distanziere und zumindest versuche, das Projekt nicht in diese Bahnen lenken zu lassen. Todessehnsucht und Selbstzerstörung, vornehmliche Inhalte genannter Stilistik, liegen weit von dem entfernt, was ich ausdrücke möchte. Aber auch wenn ich fühle, dass die Zeit reif dafür ist, dies auch musikalisch bei der nächsten Veröffentlichung etwas klarer ausfallen zu lassen, sehe ich eigentlich nicht ein, warum ich mich aufgrund der „Verwechslungsgefahr“ grundlegend anders ausrichten sollte.
Die Bandbreite der Künstler, die mich beeinflusst haben, ist ziemlich weit gefächert. Klassischer Black Metal der ersten und zweiten Welle spielte natürlich eine große Rolle. Und dass gerade die deutschsprachige Ausprägung der Früh- und Mittneunziger (Nagelfar, Lunar Aurora, oder seinerzeit auch Secrets Of The Moon) eine nicht unerhebliche Anziehungskraft auf mich ausübte, hört man der Musik sicherlich an. Wichtig waren für jedoch auch immer Ausflüge in genrefremde Gefilde, vornehmlich ins (düstere) Alternative-Rock-Lager, den (Neo-)Folk, die Klassik oder abgründige Dark-Ambient-Klangcollagen.

Dein aktuelles Album heißt „Bürde“. Seit deinem Debüt „Near Life Experiences“ hat sich einiges getan, neben Gastsängern kam diesmal auch ein Gastdrummer zum Einsatz. Warum war es dir wichtig, diesmal echtes Schlagzeug zu verwenden?
Weil die Stücke einfach nach einem „wärmeren“ Klanggewand verlangt haben. „NLE“ hatte gerade durch den klirrenden Gitarrensound und die knarzigen Drums aus der Dose ein wahrlich widerwärtiges Antlitz. „Bürde“ sollte allerdings von Beginn an greifbarer und fragiler ausfallen. Hierzu war es unabdingbar, den Instrumenten mehr Raum zur Entfaltung zu gewähren. Und die wichtigste Basis hierfür war für mich das Einführen echter Schlagzeugparts. Hier möchte ich auch Schlagzeuger Tentakel Parkinson für sein großartiges Einfühlungsvermögen in das Material danken. Die Aufnahmen waren ebenso kreativ wie inspirierend, weshalb es durchaus denkbar ist, die Zusammenarbeit für die Zukunft weiterzuführen.

Wonach hat sich entschieden, wer genau an dem Album mitwirken würde?
Mir war wichtig, sowohl auf neuartige wie vertraute Strukturen zurückzugreifen. Dass Tentakel P., der ja nun doch einige Kilometer von mir entfernt lebt, das Album einspielte, hatte auch damit zu tun, mal vollkommen losgelöst von vertrauten Abläufen Musik entstehen zu lassen. Sein Stil ist wie gemacht für das, was „Bürde“ ausdrückt und wie zufrieden mich das Ergebnis stimmt, habe ich ja bereits angeführt. Sein Bandkollege Frederic, der für die markanten Schreipassagen zuständig ist, war bereits beim Vorgänger eine wichtige Stütze und versteht sich als eine Art loses Mitglied von F41.0. Seine markerschütternde Art, zu singen, passte wie die Faust aufs Auge zum fragilen Background des Albums, weshalb von Anfang an klar war, dass er dieses Mal etwas prominenter vertreten sein würde.
Gleiches galt für Asgoroth, der mich neben seiner herausragenden Stimmperformance auch bei den Ambientpassagen und dem Mastering unterstützte. Zu A. Schmied bestand bereits seit Jahren ein freundschaftlicher und respektvoller Kontakt und wir hatten große Lust darauf, auch musikalisch zusammenzuarbeiten. Das Stück „E.V.A.“ vom aktuellen Album bot sich hierzu perfekt an und ich bin verdammt stolz auf das Endergebnis. Die Zusammenarbeit mit Metvs war dann insofern überfällig, da er mein leiblicher Bruder ist. Er hat einen bewegenden Text zum Titelstück geschrieben und diesen im Zuge dessen natürlich auch eingesungen.

Ein weiterer Unterschied zu deinem Debüt ist, dass die Songs diesmal ein wenig kürzer sind, dafür sind es mehr. War das eine bewusste Entscheidung und falls ja, wieso?
Nein, das ist eher zufällig geraten. Die Songstrukturen sind einfach etwas geradliniger ausgefallen, was vielleicht eine leicht kürzere Ausrichtung erklären könnte. Eine echte Bewandtnis hat es damit allerdings nicht.

Gibt es noch etwas, das die beiden Alben deiner Meinung nach grundlegend unterscheidet? Siehst du darin überhaupt eine Notwendigkeit?
Ich denke, dass sich die Alben vor allem in ihrer Charakteristik unterscheiden. „NLE“ ist roh, abstoßend und hat einen durchgehend degenerierten Vibe. „Bürde“ ist „menschlicher“ ausgefallen, so seltsam das auf den ersten Blick auch klingen mag. Die beiden Alben sind jedoch in ihrer desolat anmutenden Stimmung geeint und dieser rote Faden wird auch weiterhin die treibende Kraft bleiben.

Bist du mit deinem Debüt rückblickend noch zufrieden?
Ja, absolut. Klar würde ich heute das eine oder andere etwas anders arrangieren beziehungsweise andere Aufnahmetechniken verwenden. Aber das, was „NLE“ inhaltlich ausmachte, haben wir auch klanglich umsetzen können. Und das ist das Wichtigste.

Wie schon der Titel wirken auch die Texte auf „Bürde“ sehr bitter, oft geradezu selbstzerstörerisch und voller Metaphern. Worum genau geht es?
Jeden Song eint das Leid im Ausgeliefertsein und in der Machtlosigkeit. Inhaltlich sind die jeweiligen Stücke dabei voneinander getrennt, obwohl sie in ihrer thematischen Grundausrichtung wiederum geschlossen sind. Wichtig war vor allem, das Album auf mehreren Ebenen stattfinden zu lassen. So findest du im jeden Stück zum Beispiel auch immer wieder die Balance von Leben und Tod wieder, welche als „Urbürde“ betrachtet werden kann. Da die Texte dieses Mal abgedruckt worden sind, ist es für den Hörer vielleicht auch spannender, die jeweiligen Ebenen der Stücke und des Albums selbst entdecken zu wollen. Viel tiefer möchte ich also gar nicht auf diese Seite von „Bürde“ eingehen.

Ich habe das Gefühl, dass deine Texte sehr persönlich sind. Fällt es dir da schwer, das Singen jemand anderem zu überlassen?
Ich selbst habe dieses Mal lediglich den Text zu „E.V.A.“ beigesteuert und diesen gemeinsam mit Schmied auch intoniert. Der Großteil der Lyrics auf „Bürde“ stammt von Frederic, welcher die betreffenden Songs dann auch zum großen Teil selbst eingesungen hat. Das gleiche galt für Metvs´ Text und Gesangslinien zum Titelstück. So bleibt es im Großen und Ganzen schon dabei, dass der jeweilige Texter auch für dessen Vertonung zuständig ist, sodass das Gesamtbild authentisch bleibt. „Alpha“ bildet dabei die bislang erste Ausnahme.

Die Texte zu „Alpha“ hat Koko Khaos geschrieben. Ich habe das Gefühl, dass sie etwas hoffnungsvoller als der Rest sind. Würdest du mir da zustimmen? Und warum wurden die Texte von Koko geschrieben?
Der Text basiert auf einem Gedicht von Koko Khaos, welches mir bereits lange vor den Aufnahmen zu „Bürde“ bekannt war. Subjektiv betrachtet habe ich in dem Text immer eine Art Mantra auf den Tod und das einhergehende Spiel von Trauer und Erlösung gesehen. Aber auch diese Zeilen lassen sich auf so vielen Ebenen lesen und gerade diese vielschichtige Art zu schreiben, hat mir sehr imponiert. Sie hat mir den Text zur freien Verfügung überlassen und Frederic hat das Stück dann nach kurzer Absprache mit ihr eingesungen. Das Ergebnis ist sicherlich eines der Kernstücke des Albums und spricht für sich.

Viele Textstellen werden immer und immer wieder wiederholt. Was ist deine Absicht dahinter?
Du sprichst neben „Alpha“, dessen mantraartigen Charakter ich bereits angeführt habe, sicherlich den Schlussakt des Albums, „Kokytos“, an. Die Entscheidung, das Stück sich zum Ende hin in seiner Monotonie und den gebetsmühlenartigen Wiederholungen zuspitzen zu lassen, liegt, denke ich, recht offensichtlich in dem begraben, was der Text aussagt. Wie eingangs erwähnt – aus dem geistigen Labyrinth kommen Betroffene nur schwerlich heraus. Bezüglich „Kokytos“ stellt sich wohl die Fragen nach dem „ob“.

Gibt es einen Song auf „Bürde“, der dir besonders am Herzen liegt und falls ja, welcher und warum?
Nein, „Lieblingssstücke“ habe ich keine.

Das Artwork sieht wirklich faszinierend aus, es passt gut zum Charakter der Musik. Hattest du da schon vorab genaue Vorstellungen oder hast du Wæik freie Hand gelassen?
Ich habe der Künstlerin lediglich ein paar Stichworte zur groben Orientierung genannt und ihr ansonsten strikt freie Hand gelassen. Ihrer Auffassungsgabe ist es zu danken, dass sie das Konzept des Albums daraufhin ohne Umschweife auf die Leinwand bringen konnte. Für mich stellt sie wirklich ein Ausnahmetalent dar und ich hoffe auch weiterhin auf ihre Dienste zurückgreifen zu dürfen.

Das Album erschien über Geisterasche Organisation. Wie kam es zur Zusammenarbeit und warum wurde es gerade dieses Label?
Kennengelernt haben wir uns im Rahmen meiner Arbeit mit der Band Kratein vor ein paar Jahren. Irgendwann kam es dazu, dass sie den Rahmen für das erste F41.0-Konzert stellten und dabei organisatorisch einen großartigen Job machten. Als es schließlich darum ging, sich mit interessierten Labels in Kontakt zu setzen, waren sie mit die ersten, die Interesse bekundeten. Und da ich fühlte, dass sie wirklich Feuer gefangen hatten, entschied ich mich, den Schritt zu gehen. Die Zusammenarbeit ist dabei wirklich sehr entspannt und angenehm.

Wenn du live spielst, verhüllst du dein Gesicht, richtig? Was ist der Grund dafür?
Die Entscheidung, mit verhülltem Gesicht aufzutreten war ursprünglich dem Gedanken geschuldet, kein großes Brimborium um die optische Seite der Band zu veranstalten. Mir gehen die vielen Kapellen, welche möglichst viel Bühnendekoration oder sogar maßgeschneiderte Verkleidungen einsetzen ungemein auf den Zeiger und ich dachte, die Maskierung wäre eine gute Variante, einen schlichten Gegenpol zu setzen. Ziel war gerade live, die Musik ins Zentrum stellen zu können. Wirklich geklappt hat dies allerdings nicht, wie mir manche Gespräche mit Hörern aufgezeigt haben. Es sind nicht Wenige, die sich live vom verhüllten Antlitz begeistern lassen, wenn sie einen Gig von F41.0 erleben.

Was sind deine nächsten Pläne für F41.0?
Nun, zunächst einmal hoffe ich, das Material endlich auch live präsentieren zu können. Momentan ist es noch sehr ruhig diesbezüglich. In näherer Zukunft ist dann eine Split-Veröffentlichung mit Ygramvl geplant, welche fertiggestellt ist und nur auf Aufnahme und Veröffentlichung wartet. Zusätzlich arbeite ich parallel am Nachfolger von „Bürde“.

Zum Abschluss würde ich jetzt gerne noch unser traditionelles Metal1.info-Brainstorming durchgehen:
Antidepressiva: Notwendiges Übel für die Massen.
Band – Soloprojekt: Kreative Reibung <–> Selbstverwirklichung und Verantwortung
Kunst: Lebenswichtig
Todtgelichter: Freundschaft
Religion: Omnipräsent
F41.0 in fünf Jahren: Interview mit Metal1.info, die Zweite?

Gut, das war’s dann auch schon. Nochmals danke für deine Antworten. Die letzten Worte gehören dir:
Dank dir für die Plattform und das interessante Interview. Hört Euch „Bürde“ über einen der illegalen Downloadblogs oder YouTube an und entscheidet hinterher, ob ihr F41.0 via BigCartel oder das Label unterstützen möchtet.