Interview mit The Watcher von Fen

Im Januar konnten FEN mit ihrem neuen Werk „Dustwalker“ nicht nur generell für Begeisterung sorgen, sondern sogar unseren „Album des Monats“-Award abräumen – Grund genug, Frank (a.k.a. The Watcher) einige Fragen zu stellen. Was der ausgesprochen auskunftsfreudige Sänger und Gitarrist zur Atmosphäre des Albums, seinen Erwartungen an Bands wie die seine sowie die bevorstehende Tour mit Agalloch zu berichten wusste, könnt ihr nun hier nachlesen:


Hallo und vielen Dank, dass dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wie geht es dir?
Mir geht es gut, danke. Ich erhole mich immer noch von unserer Album-Release-Show vor ein paar Tagen, um ehrlich zu sein. Wir haben über 100 Minuten lang gespielt und haben uns danach ein paar Bier genemigt, insofern wurde es dann doch ein ziemlich langer Abend. Aber es war eine schöne Feier zu Ehren des Albums, auf das wir alle sehr stolz sind, insofern haben wir das in vollen Zügen genossen.

Das angesprochene Album, „Dustwalker“ ist vor ein paar Wochen erschienen – zunächst einmal Gratulation, das Album wurde von unserer Redaktion zum “Album des Monats Januar” gewählt.
Seid ihr generell bislang mit der Pressereaktion zufrieden, und wie wichtig sind dir Reviews?

Danke zunächst für die Auszeichnung, wir fühlen uns sehr geehrt, dass ihr uns diesen Preis verliehen habt! Alles in allem sind wir sehr zufrieden mit dem Presseecho – ich bin immer etwas nervös, wenn ein neues Album erscheint. Heutzutage gibt es so viele Kritiker da draußen, und gerade unsere Musik scheint für Analysen prädestiniert. Es reicht nicht mehr, dass der Hörer sich denkt “Yeah, dazu will ich headbangen”, wenn es um so atmosphärische Musik geht – die meisten Kritiker wollen sich tief in die Bedeutung und Intentionen hinter den Songs hineinarbeiten.


Eigentlich kümmert mich das nicht, und natürlich freue ich mich, die Interpretation anderer zu unserer Arbeit zu lesen, aber negative Reaktionen oder gar direkte Verunglimpfungen haben natürlich einen gewissen Einfluss auf unser Selbstbewusstsein – ganz egal, wie gut du dich bezüglich dessen fühlst, was du da erschaffen hast. Die meisten Künstler behaupten, dass sie die Presse ignorieren, aber wenn ich mir so anschaue, was ich schon für fragile Egos kennengelernt habe, weiß ich, dass einige von ihnen diesbezüglich lügen. Denn so sehr wir diese Musik auch für uns selbst machen, präsentiert doch jede Band, die über ein Label Alben veröffentlicht oder Konzerte spielt, ihre Musik der Öffentlichkeit – und dem entsprechend muss sie mit Kritik rechnen, im positiven wie negativen.
Für mich persönlich ist es recht einfach, die Reviews danach auszusieben, ob der Journalist wirklich verstanden hat, was wir tun, und durchdachte Kritik geäußert hat. Das sind dann auch die Reviews, denen ich – egal, ob positiv oder negativ – meine Aufmerksamkeit schenke. Ich bin immer bereit, mir begründete, durchdachte Kritik anzuhören – ich bin sicher nicht so arrogant, mich als unfehlbar zu erachten – und oft kommen da auch gute Sachen zur Sprache. Oft kommen Künstler ihrer Arbeit so nahe, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Da ist die Perspektive eines Außenstehenden mitunter ganz nützlich.

Okay, sprechen wir etwas über die Entstehung der Songs: Könntest du uns etwas über eure Arbeitsweise hinsichtlich Songwriting und Aufnahmemethoden erzählen?
Unsere Songs entstehen meist aus Ideen, die ich oder Grungyn in Einzelarbeit erarbeitet haben. Das kann von ein paar lose verbundenen Ideen, die noch einiges an Entwicklungsarbeit brauchen bis hin zu komplett ausgearbeiteten Songs reichen. Das hängt einfach davon ab, wie inspiriert wir zu dem Zeitpunkt sind, denke ich!Diese Ideen werden dann in den Proberaum gebracht, um sie zu arrangieren, entwickeln und übedenken. Ich schreibe gerne alleine, wenn mich die Lust dazu überkommt – es kann eine sehr bereichernde Erfahrung sein, in der Nacht mit einem Glas Whisky und der Gitarre da zu sitzen und an einem Song zu arbeiten.
Wir haben in den letzten Jahren auch angefangen mit Improvisationen und Proberaum-Jams zu experimentieren, um Songs zu entwickeln. Ich denke, das ist aber wirklich etwas für Bands, die richtig zusammengewachsen sind und sich als Musiker perfekt kennen. Auf „The Malediction Fields“ beispielsweise waren die Songs größtenteils komplett geschrieben, bevor sie der Band präsentiert wurden. Bei „Dustwalker“ haben wir viel mehr Zeit darauf verwendet, im Proberaum an der Dynamik der Songs zu arbeiten, die Songs gemeinsam durchzuspielen, um so Ideen zu finden, die wir vorher noch nicht überdacht hatten. Der Song „Spectre“ beispielsweise entstand zunächst als drei- bis vierminütiges Akustik-Stück mit Piano-Outro – das hat sich dann erst als Resultat der Jams im Proberaum und unserer Bereitschaft, der Kreativität freien Lauf zu lassen, zu dem großen, instrumenalen Crescendo der finalen Version entwickelt.
Bezüglich des Recordings ist unser Ziel stets, den Sound so natürlich und ausladend als möglich hinzubekommen. Wir nehmen die Drums in einem großen Raum mit einer Menge natürlichem Hall „live“ auf, also ohne Click Track, Editing oder anderweitige Nachbearbeitung. Gitarren und Bass nehmen wir dann so „live“ wie möglich auf, auch wenn es natürlich unseres sehr strukturierten Sounds wegen notwendig ist, viele Teile mit weiteren Spuren zu versehen. Trotzdem ist das Ziel immer, sicherzustellen, dass die Aufnahme lebendig wirkt – ich werde es nie zulassen, dass im Studio getrickst wird oder der Charakter des Albums durch überambitionierte Aufnahmetechniken erstickt wird.


Wo siehst du die Hauptunterschiede zwischen dem neuen Album und seinem Vorgänger – musikalisch wie auch hinsichtlich der Aufnahmen?

Um ehrlich zu sein wurden „Epoch“ und „Dustwalker“ auf ziemlich ähnliche Art aufgenommen. Ich denke, dieses Mal hatten wir etwas mehr Erfahrung damit, so zu arbeiten – und nicht nur das, wir waren auch fokussierter, entschlossener, uns selbst zu übertreffen. 2011 war ein schweres Jahr für uns, zwei Mitglieder sind ausgestiegen – so etwas kann eine Band gefährlich verwunden – deshalb sind wir die Aufnahmen für das Album sehr fokussiert und zielstrebig angegangen. Wir wollten einfach zeigen, dass wir alles andere als geschwächt sind – die Band war stärker denn je zuvor.
Musikalisch wollten wir das neue Album kraftvoller und härter klingen lassen als seinen Vorgänger – der Kontrast zwischen Licht und Schatten musste noch stärker betont werden, die Übergänge klarer, die Songs definierter. Die Intention war, jedem Song seinen eigenen Charakter zu verleihen, die individuellen Teile unterscheiden sich deutlich klarer voneinander als noch auf „Epoch“. Ich denke, dass wir damit im Großen und Ganzen erfolgreich waren.

Lass uns etwas über die Texte sprechen. Gibt es auf „Dustwalker“ ein festes Textkonzept, und wenn ja, welche Idee steckt dahinter?
Bis zu einem gewissen Grad gibt es das, ja, auch, wenn das übergeordnete Konzept loser gehalten ist als auf „Epoch“. Auf dem letzten Album ging es um den Gedanken der verstreichenden Zeit – „Dustwalker“ thematisiert nun die Einsamkeit, das Gefühl, von der Realität, die uns umgibt, abgekapselt zu sein. Es ist schwer, das prägnant darzustellen – es geht nicht so sehr darum, sich „fehl am Platz“ zu fühlen, oder um eine Art erwachsene Auslegung von „nicht dazugehören“. Es geht eher um ein tief wurzelndes Gefühl von Unzugehörigkeit, einer geisterhaften Existenz, die zwischen den Realitäten treibt, nirgends hingehört und entschwindet.
Es bezieht sich vornehmlich auf eine Denkweise, in der ich mich vor ungefähr zwei Jahren gefangen wiedergefunden habe – ich habe mich gefühlt, als würde ich die Welt durch eine Linse beobachten, wie sie an mir vorüberzieht, durch eine dicke Fensterscheibe, die ich nicht durchdringen konnte, um mich wirklich mit der Welt um mich herum zu „verbinden“. Und an diesem Punkt hat mich das nicht einmal gestört – es war mehr ein Gefühl der Verwirrung
vermischt mit Einsamkeit. Die Texte drehen sich deshalb um Interpretationen dieser Einstellung – spiritueller (‘Spectre‘), physischer (‘Hands Of Dust‘) und zeitlicher (‘Walking The Crowpath‘) Trennung von dem, was einen direkt umgibt.
Diese drei sind auch das Herzstück, sie sind thematisch verbunden. Die anderen Songs auf dem Album handeln von etwas anderen Themen, aber jeder von ihnen fügt der dem Album zu Grunde liegenden Thematik einige Elemente hinzu.

Könntest du uns in diesem Kontext den Albumtitel etwas genauer erklären? Wer ist der „Dustwalker“, wofür steht dieser Begriff?
Der „Dustwalker“ bezieht sich auf eine anthropomorphe Gestalt, die die Gefühle, die ich eben angesprochen habe, verkörpert. Er kann sich auf jeden von uns beziehen – jeden, der seinen Weg gegangen ist, ist, zumindest eine kurze Zeit, in den Fußstapfen des „Dustwalker“ gewandelt.

Das Album hat zwei verschiedene Artworks für die beiden unterschiedlichen Versionen. Welches findest du persönlich passender und warum?
Ich persönlich mag das der limitierten Edition lieber – ich denke, es fängt den Geist der weltenthobenen Abkapselung besser ein.
Das Cover der Standardedition hingegen passt besser zu der kälteren Atmosphäre des Albums und bringt eine frostigere Ästhetik hinein – dahingehend funktioniert es ebenfalls großartig. Im Endeffekt mag ich sie beide – jedes der Bilder verkörpert Schlüsselelemente des Albumkonzeptes und ich denke, Grungyn hat hier einen großartigen Job gemacht – nicht nur darin, die Ideen, die wir hatten, umzusetzen, sondern auch darin, Symbolik einzuarbeiten, die die musikalische Seite ebenfalls widerspiegelt.

Also sind die Bilder nicht nur Kunst, sondern stehen für dich in einem Kontext zur Musik? Wie wichtig ist dir das?
Es ist mir immer sehr wichtig, dass das Artwork mit dem Textkonzept des Albums zusammenpasst. Ich denke, ein aussageloses Bild als Cover zu verwenden, würde eine Menge der Arbeit zunichtemachen, die wir in eine allumfassende Atmosphäre gesteckt haben.
Für diese Art von Ambient Black Metal sind alle Elemente, ist das gesamte Drumherum wichtig. Die Bilder, die Texte, die Ästhetik, eine angemessene Sprache – all das sind große Bestandteile der Erfahrung, die wir abzuliefern versuchen. Ich habe stets jedes FEN-Album mit einer Reise verbunden, einer Reise, auf die du den Hörer mitzunehmen versuchst. Um ihn auf diese Reise mitzunehmen, brauchst du totale Hingabe – ein Artwork, das mit dem Konzept zusammenpasst, ist ein wichtiger Aspekt davon.
Persönlich fühle ich mich auch immer etwas betrogen, wenn eine Band vorgibt, atmosphärischen Black Metal zu spielen und dann schlecht durchdachte Kunst bei ihrem Artwork abliefert… das fühlt sich dann einfach unvollständig an.

Ihr werdet in ein paar Monaten mit Agalloch auf Tour gehen, einige der Termine in Deutschland sind sogar schon ausverkauft, Gratulation dazu. Was erwartet ihr von der Tour?
Nun ja, hoffentlich werden wir unserer europäischen Hörerschaft, die uns noch nie live gesehen haben, exzellente Shows bieten! Wir fühlen uns sehr geschmeichelt, diese Tour mit Agalloch spielen zu dürfen; das ist einfach eine großartige Band, und ich bin mir sicher, dass sie eine beeindruckende Fanschar anziehen. Insofern ist es für uns wirklich eine Ehre, vor ihren Fans zu spielen.
Es wird aber auch harte Arbeit, das weiß ich – unsere bislang längste Tour ging zehn Tage – und es wird eine Menge Totzeiten geben, in denen man im Bus sitzt, wartet, dass etwas vorangeht und all die anderen Zeiträume, die es bei so etwas zu überbrücken gilt.
Letztendlich bietet uns diese Tour aber einfach die fantastische Gelegenheit, unsere Musik mit sehr vielen Leuten in ganz Europa zu teilen. Es gibt ein paar Länder, in denen wir bereits gespielt haben und bei denen wir es kaum erwarten können, dorthin zurückzukehren und alte Freunde wiederzutreffen, und es gibt andere, in denen wir bislang noch nicht waren, bei denen es natürlich umso aufregender ist.
Es sollte auf alle Fälle ein interessanter Monat werden, egal, was passiert, und wir werden unser Bestes geben, dass es sich für jeden, der kommt und unsere Show ansieht, rentiert.


Kennt ihr die Jungs von Agalloch schon?

Wir haben mit Agalloch schon viermal gespielt, insofern kennen wir sie schon ganz gut. Wir freuen uns sehr, mit ihnen auf Tour zu sein – wir hatten mit ihnen immer eine gute Zeit, viel Bier getrunken und einen vielseitigen Themenmix (die Iron Maiden der 90er als Kernthema!) diskutiert. Sie sind wirklich eine sehr entspannte Truppe, eine großartige Band und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Tour zusammen zu Ende bringen werden, ohne uns gegenseitig umzubringen. Im Ernst: Sie sind gute Freunde und ich denke, es wird ein großartiges Abenteuer!

War es schwierig zu organisieren, bei dieser Tour dabei sein zu können? Ich meine, ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder Arbeitgeber bereitwillig frei gibt, damit man fast einen Monat lang auf Tour gehen kann…?
Ja, natürlich, das war etwas, was wir uns gut überlegen mussten. Wir haben alle Vollzeit-Jobs, denen wir verpflichtet sind, und für mich bedurfte es da längerer Verhandlungen. Schlussendlich hat Musikmachen aber meine absolute Priorität und kommt vor allem anderen – es gibt nichts auf der Welt, wofür ich eine Gelegenheit wie diese ablehnen würde, nur um mich einem System anzupassen, das im Endeffekt nichts anderes ist als bezahlte Skalverei.
Ich kann nicht oft genug betonen, dass ich nicht in diese Stadt gezogen bin und 16 Jahre finanzielle Schwierigkeiten, Selbstaufopferung und endlose Probe-, Songwriting- und Studiozeiten auf mich genommen habe, um mich am Ende doch fünf Tage die Woche von neun bis fünf im Büro zu plagen.
Arbeit ist ein notwendiges Übel, das existiert, um mir zu ermöglichen, mich kreativ auszuleben, nicht anders herum – der Moment, in dem diese Band wegen meines Berufes Kompromisse eingehen muss, ist der Moment, in dem ich meinen Job in Frage stellen muss. So einfach ist das.

Was bedeutet die Tour für FEN? Denkst du, sie ist ein großer Schritt für euch als Band, der euch auf ein neues Level heben wird?
Ich denke, es ist definitiv eines der wichtigsten Ereignisse unserer bisherigen Karriere – zumindest an der Live-Front auf alle Fälle! Diese Tour ist eine echte Chance für uns, vor einem großen, europäischen Publikum Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Ich war immer der Meinung, dass Europa die Heimat dieser Musikrichtung ist und seit diese Band angefangen hat, live zu spielen, war mein Ziel, eine „echte“ Europatour zu spielen, um unsere Botschaft zu verkünden.
Ob es uns auf ein „neues Level“ hebt – wer weiß? Bekanntheit um ihrer selbst willen ist nicht unser Ziel, aber höhere Aufmerksamkeit öffnet wohl neue Türen zu interessanteren, neuen Chancen – größeren Gigs und Festivals beispielsweise – insofern würde ich mich wohl selbst belügen, würde ich leugnen, dass ich natürlich hoffe, dass diese Tour die Bekanntheit von FEN steigern wird. Schließlich haben wir alle sehr hart für diese Band gearbeitet und eine Menge dafür geopfert – unsere Botschaft jetzt weiterverbreiten zu können und diese Gelegenheit zu bekommen, rechtfertigt all diesen Einsatz. Wir leben alle nur einmal – das sind die Erfahrungen und Abenteuer, die uns bis ans Ende unserer Tage begleiten werden, die unserer Existenz eine Bedeutung und Substanz verleihen.

Okay, das war doch ein schönes Schlusswort – oder gibt es noch etwas, das du an dieser Stelle noch sagen willst?
Eigentlich nur vielen Dank für deine Unterstützung und die durchdachten Fragen. Hoffentlich sehen wir uns auf Tour!

Ich denke doch! Dann lass uns das Interview an dieser Stelle mit unserem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden:
Europa:
Bier.
Motörhead: Warzen.
Deutschland: Wurst.
Der Papst: Altersschwach.
Metal1.info: Cool.
Fußball: Barnet FC.