Interview mit Gas Lipstick von HIM

Drei Jahre nahmen sich HIM Zeit, um die Alkoholsucht ihres Frontmanns Ville Valo auszukurieren und am Material für ein neues Album zu schreiben. Das ist jetzt in Form von „Screamworks: Love In Theory And Practice“ erschienen. Mit Schlagzeuger Gas Lipstick konnten wir ein interessantes Gespräch über die Band und ihre neue CD, Charterfolge und kommende Touren führen.

Hi Gas! Alles Gute zum Geburtstag erstmal! Alles gut bei dir?
Oh, dir hat wer davon erzählt? Sehr cool, danke dir! Mir geht es soweit ganz gut, wie ist es bei dir in Deutschland?

Arschkalt, aber das kennst du ja.
Allerdings, aber noch ist es auszuhalten.

Euer neues Album „Screamworks: Love In Theory And Practice“ wurde jetzt auch in Deutschland veröffentlicht. Wie sind denn die bisherigen Reaktionen ausgefallen? Sind die Fans zufrieden?
Ja, durchaus. Ich schaue mir vor allem an, welche Reaktionen in verschiedenen Foren und auf Websites abgegeben werden und halte mich da gerne auf dem Laufenden. Soweit sind die meisten Reaktionen positiv, die Leute scheinen die Scheibe wirklich zu mögen. „Razorblade Romance“ muss wohl die ultimative Scheibe für HIM-Fans sein und die meisten Fans mögen die neue fast genau so gerne. Ich weiß nicht warum, weil ich jede einzelne CD liebe, aber es ist allem Anschein nach so.

Ihr habt euch mit „Screamworks: Love In Theory And Practice“ wieder für einen sehr kryptischen Titel entschieden. Kannst du unseren Lesern verraten, was es damit auf sich hat?
Das ist ehrlich gesagt etwas, das ich dir nicht verraten werden (lacht). Die Sache ist doch die: Wenn man zu viel von etwas preisgibt, verliert es oftmals seinen Reiz. Wir wollen, dass der Hörer selbst darüber nachdenkt und seine eigenen Schlüsse zieht. Wenn schon zu viel vorweggenommen wird, raubst du dem Hörer praktisch einen Teil seiner eigenen Interpretationsfreiheit. Aus dem Grund verrate ich dir die genauere Bedeutung des Titels auch nicht – die Leute sollen selbst schauen, welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen.

Okay, dann lass es mich mal versuchen. Mit „Love In Theory And Practice“ unterrichtet ihr eure Hörer in der theoretischen und praktischen Liebe?
Tun wir das?

Ich weiß nicht – das frage ich dich.
(lacht) Netter Versuch. Aber ich werde dir nicht erzählen, was der Titel bedeuten soll. Tut mir wirklich leid.

Der Song „Disarm Me (With Your Loneliness)“ wurde schon 2001 geschrieben. Warum fand er jetzt erst den Weg auf ein Album?
Eigentlich aus dem selben Grund, der auch schon bei einigen anderen Songs zutraf: Es passte einfach nicht. „Disarm Me (With Your Loneliness)“ passte einfach auf keines der bisherigen Alben. Wir schoben den Song also jahrelang beiseite, ehe der richtige Moment gekommen war und wir uns wieder mit ihm auseinandersetzen konnten. Ihn nun zu veröffentlichen schien uns als richtiger Zeitpunkt.

Auf dem letzten Album „Venus Doom“ gab es deutlich weniger „schwule Keyboards“, wie Ville damals sagte. Jetzt strotzt die ganze Scheibe vor ’80s-Keyboard-Passagen.
Es kam wieder darauf an, was am besten zu den einzelnen Songs passte. „Venus Doom“ war ziemlich langsam und schwerfällig, „Screamworks“ für unsere Verhältnisse schneller und heller. Du hast auch recht, dass das Keyboard ein wenig an die ’80er erinnert. Das war aber vollkommen gewollt und passt, unserer Meinung nach, auch ziemlich gut ins Gesamtbild.

Es wird immer noch mit den gewohnten HIM-Trademarks gehandelt: sehr viel Melodie, die gar nicht immer derart traurig und melancholisch ist, aber Texte, die das sehr wohl sind.
Ville schreibt die komplette Musik für die Band. Wie sie letztendlich ausfällt hängt also davon ab, wie er sich zu diesem Zeitpunkt fühlt, wie seine derzeitige Lebenssituation aussieht. Die Songs reflektieren seinen jeweiligen Gemütszustand immer, auch wenn das natürlich auf keine plakative Art und Weise geschieht. Ville ist seit einer ganzen Zeit trocken, trinkt nur noch Wasser, Kaffee und Red Bull. Dadurch konnte er mehr Energie ins Songwriting stecken – Energie, die er in der Vergangenheit dazu verwendet hat, jede zweite Nacht in Bars zu gehen und sich zu betrinken, um seine Alkoholsucht auszuleben.

„Heartkiller“ erschien als erste Single-Auskopplung der neuen Scheibe. Sucht ihr die Songs dafür eigentlich selbst aus, oder ist dafür eure Plattenfirma zuständig?
Dieses Mal haben wir die Entscheidung unserer Plattenfirma überlassen. Wir haben innerhalb der Band über mögliche Kandidaten für eine Single abgestimmt und hatten letzten Endes vier Titel zur Auswahl. Diese vier Vorschläge gaben wir dann an das Label weiter und sagten ihnen, dass sie entscheiden sollten, welcher davon die erste Single wird. Ich selbst hätte wohl nicht diesen Track ausgewählt, sondern mich für „Katherine Wheel“ entschieden. Der gefällt mir persönlich besser. Es ist sowieso verdammt schwer vorauszusagen, was als Single ein Hit werden könnte und was eher nicht dafür geeignet ist.

„Venus Doom“ war sechs Wochen auf dem dritten Platz der deutschen Album-Charts. Denkst du „Screamworks“ kann das noch toppen?
Das hoffe ich natürlich, klar. Letztendlich haben wir es nicht in der Hand, aber ich bin wirklich der Meinung, dass „Screamworks“ unser bestes Album überhaupt ist. Und wenn ich jetzt mal nur danach gehe, sollten wir auch in den Charts durchaus wieder erfolgreich sein. Die letzten Jahre über hat Ville sein Songwriting unserer Meinung nach weiterentwickelt, was man der aktuellen Scheibe auch deutlich anmerkt. Ich weiß, dass das jede Band über ihre aktuellste Veröffentlichung sagt – aber dieses Gefühl haben wir dabei wirklich.

Und ein Teil der Fan-Reaktionen dürfte euch darin ja auch bestätigen.
Wie eingangs schon gesagt: Es gab wirklich viele Fans, die das letzte Album weniger toll fanden und vom neuen dafür umso begeisterter sind. Jetzt bleibt halt abzuwarten, ob sich das letztendlich auch in unseren Verkäufen niederschlägt. Es macht aber den Anschein, als würden vor allem die Fans der älteren Scheiben wieder zu uns finden, was natürlich auch sehr interessant ist. Meiner Meinung nach haben wir uns nie wirklich krass geändert, aber gut… (lacht) Die Hardcore-Fans der ersten beiden Alben waren der Meinung, dass wir mit „Dark Light“ und „Venus Doom“ in unserem Sound amerikanisiert wurden – was ich persönlich nicht nachvollziehen oder verstehen kann. Diese Leute sagen aber auch, dass wir uns mit „Screamworks“ wieder unseren Wurzeln annähern und finden das entsprechend gut.

Ab dem 20. Februar seid ihr wieder in Australien auf Tour. Freust du dich schon darauf, oder magst du gar nicht aus deinem angenehm warmen Helsinki weg?
(lacht) Es fällt schwer, ja. Nein, im ernst: Ich habe Australien schon immer geliebt und freue mich, dass wir wieder dort auf Tour gehen können. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, freue ich mich natürlich auch auf das Wetter dort. Wir sind Teil der „Soundwave Festival Tour“, was im Grunde genommen so etwas wie das Ozzfest in den USA ist, und spielen unter anderem mit Bands wie Faith No More, Placebo, Paramore, Anthrax, Meshuggah und noch vielen mehr. Auf deren Shows freue ich mich auch persönlich schon sehr, diese Leute dann auch kennen zu lernen und Spaß mit ihnen zu haben. Wenn wir aus Australien zurück sind, werden wir ein paar Konzerte in Europa und auch Deutschland geben. Am 8. März in Hamburg und am 10. März in Dortmund, soweit ich weiß. Danach haben wir ein paar Shows in Großbritannien, ehe wir auf eine längere Tour in die USA gehen. Anfang Mai sind wir allerdings schon wieder zurück und hoffen, im Sommer noch ein paar Festivals spielen zu können; vor allem auch deutsche. Ich wollte schon immer auf dem Wacken Open Air spielen, aber ich glaube, dafür sind wir zu schwul.

Och, da gibt es und gab es schon weitaus schlimmere Bands als HIM.
(lacht) Okay. Ich liebe dieses Festival, war selbst schon einige Male als Besucher dort. Ich bin der Metalhead in HIM, deswegen gehört das Festival für mich absolut dazu. Vielleicht spielen wir ja wirklich eines Tages dort, wer weiß…

Aber nochmal zurück zu euren regulären Tourplänen. Kommt ihr im Herbst auch nochmal nach Deutschland zurück?
Im Herbst wollen wir auf jeden Fall auf eine ausführlichere Tour durch Europa gehen und euch dann natürlich auch in Deutschland besuchen. Aber bisher ist dafür noch nichts gebucht.

Eure größten Erfolge könnt ihr in eurer Heimat Finnland feiern. Schreibst du das vielleicht auch der generell etwas melancholischen Einstellung deiner Landsleute zu?
Ich weiß zwar nicht warum, aber die Mentalität eines Finnen scheint tatsächlich eine etwas melancholischere zu sein, als man sie in anderen europäischen Ländern antrifft. Verglichen mit den Schweden oder Dänen sind Finnen wirklich von einem anderen Schlag. Egal ob Kinder oder alte Menschen: jeder hier hört melancholische Musik. Das hängt wahrscheinlich mit dem Wetter und Klima zusammen. Wir haben nicht viel Licht, vor allem im Winter ist es verdammt kalt und wir haben sehr viel Schnee. Bei mir in Helsinki geht es ja sogar noch, wir haben vielleicht an die sechs Stunden, aber weiter oben im Norden haben sie zeitweise nur vier Stunden Licht am Tag. Das kann sich dann eventuell schon auf dein Gemüt auswirken, doch. (lacht)

Da scheinst du ja zum Glück eher eine Frohnatur zu sein – hättest du denn abschließend noch Lust, bei unserem traditionellen Metal1.Brainstorming teilzunehmen?
Klar, schieß los!

Wunderbar. Was fällt dir ein zu:

Finnische Winter: Arschkalt
Oliver Pocher: Spaß? Ja, doch – wir hatten unseren Spaß, er ist ein witziger Kerl
Iran: Ich hasse Gewalt und Krieg, deswegen: traurig
Album-Charts: Das ist eine sehr gute Frage… Arbeit!
Metal1.info: Nettes Gespräch trotz schlechter Telefonverbindung. Entschuldigung nochmal deswegen, liegt wohl am ganzen Schnee hier.

Kein Problem, wir haben es überlebt! Gas, vielen Dank für deine Zeit und das Beantworten der Fragen. Kommt heil aus down under zurück!
Danke dir, Dennis – hat Spaß gemacht! Wir sehen uns dann im Herbst auf einer Show bei dir in Deutschland. Stell schonmal das Bier kalt.

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