Ein (Post-)Black-Metal-Requiem schreiben – mit lateinischem Originaltext, Chorpassagen und ohne Rücksicht auf Szenekonventionen? Für LAUDARE aus Leipzig kein Widerspruch, sondern Ausdruck eines ganz eigenen künstlerischen Zugangs. Im Interview mit Metal1.info sprechen wir mit der Band über die Album-Entstehung während der Corona-Pandemie, biografische Bezüge und geschriene Liturgien.

Warum ein Requiem? Es ist ja nicht das erste, worauf man gleich kommt. Es gibt beispielsweise das Rock-Requiem. Es gibt manchmal eine Lacrimosa-Vertonung aus dem Mozart-Requiem, aber ein komplettes Requiem inklusive der Messtexte ist ungewöhnlich. Wie kam es dazu?
Daniel: Ich kann mich an einen Abend in meiner WG erinnern. Das ist vielleicht schon fünf oder sechs Jahre her. Ich habe mir mal wieder die Zeit genommen, wirklich nur Musik zu hören, also aktiv. Und habe das Mozart-Requiem gehört. Das war seit jeher immer ein Stück, das mich sehr gefesselt hat, bei dem ich einen unfassbar tiefen musikalischen Genuss erlebe, wenn ich es höre. Das würde ich wirklich über das ganze Requiem sagen. Und irgendwie, ohne da jetzt tiefer oder weiter drüber nachzudenken, dachte ich dann beim Hören: Ein eigenes Requiem schreiben, das könnten wir doch auch mal machen? Das war, würde ich sagen, die Geburtsstunde.
Also hattet ihr wirklich die klassischen Vorbilder, also die großen Requien von Mozart, Verdi oder Fauré?
Daniel: Mit großen Vorbildern ist es natürlich so eine Sache. Ich würde jetzt vielleicht nicht unbedingt sagen, dass man sich diese Requien wirklich zum Vorbild genommen hat. Man weiß eben darum und hat sich dann auch noch einmal damit beschäftigt und sie auch noch gehört. Aber ob ich das so sagen würde, weiß ich jetzt nicht.
Jetzt ist ein Requiem eine Totenmesse. Es gibt einen festen Ablauf und feste Liturgie. Man kann beim Publikum heutzutage nicht direkt voraussetzen, dass es mit dieser festen Struktur vertraut ist. Ist das für das Album wichtig oder kann man auch völlig voraussetzungslos da rangehen?
Almut: Ich würde schon sagen, dass es auch in der musikalischen Umsetzung eine gewisse Konsistenz auch hinsichtlich der Stücke gibt. Wir haben letztens das Verdi-Requiem gehört, und irgendwie war es ganz witzig, weil der Aufbau des Introitus und dann setzt das Kyrie noch mal neu ein mit Solosängern – dass sich das auch bei uns ein bisschen ähnelt. Also grob von den musikalischen Elementen: Spannung, Entspannung und dann knallts. Dann sind vielleicht auch ruhigere Songs dabei. Ich würde schon sagen, dass das durchaus ein Gesamtwerk ist, aber wir handhaben es selber auch nicht immer so. Wenn wir live spielen, ist es so, dass wir nur einige Songs daraus spielen, weil andere sich live nicht so gut eignen. Ich denke, dass es auch nicht mal alle mitkriegen, dass da auf Latein geschrien wird.
Wie waren die Reaktionen auf die Musik und vor allem auch auf den Inhalt?
Daniel: Sie waren sehr verschieden bei Magazinen oder Leuten, wo man Reviews abgestaubt hat. Wir haben wirklich alles Mögliche erlebt. Man hat erlebt, dass Leute überhaupt nicht wussten, was ein Requiem ist und trotzdem darüber ein Review geschrieben haben. Wenn man Musikjournalismus betreibt, und wenn es nur ehrenamtlich ist, dann über sowas zu schreiben und gar nicht zu wissen, was ein Requiem ist, fand ich schon teilweise amüsant. Das Latein kam insofern zur Sprache, dass man sich sofort wiedergefunden hat in dem Vergleich mit anderen Bands: Wie schneidet es ab im Vergleich zu Englisch oder irgendwelchen skandinavischen Sprachen? Ich könnte nicht sagen, wie es generell wahrgenommen worden ist. Für die Leute, die wussten, was ein Requiem ist, war es dann auch folgerichtig, die Sprache zu wählen.
Marie-Luise: Ich fand auf jeden Fall dieses eine Review ganz witzig, wo davon ausgegangen wurde, wir hätten auf Latein Gedichte geschrieben. Es war wieder ein bisschen ulkig.
Wenn ich das richtig gehört habe, sind das die Originaltexte. Da ist nichts verfremdet worden oder kreativ mit den liturgischen Texten umgegangen? Gab es da jemals den Plan, das zu tun? Oder war von vornherein klar, dass es ein „richtiges“ Requiem wird?
Marie-Luise: Das war von Anfang an klar. Es gab am Anfang noch die Diskussion darüber, ob man jetzt den lateinischen Text verwendet oder nur eine englische Übersetzung dessen, weil es da ja durchaus auch schöne englische Übersetzungen gibt. Aber letzten Endes haben wir uns dann für die Konsequenz entschieden und dafür: Wenn schon ein Requiem, dann eben mit allem und auch mit Latein.
War der Kreischgesang beispielsweise im „Domine Jesu Christe“ ein bewusstes Stilmittel? Oder war gerade die Aufteilung der Protagonisten so? Habt ihr diesen Kontrast bewusst gewählt?
Daniel: Ich kann nicht sagen, dass es da zwangsläufig eine Stringenz gibt. Es war in der Bandgeschichte, so kennen wir das von den Releases vor dem Requiem, so, dass wir uns immer am Inhalt orientiert haben, wenn es darum ging, zu instrumentieren, zu arrangieren. Aber nie als oberstes Gebot. Letzten Endes ist es immer eine Abwägung zwischen dem Inhalt, der repräsentiert werden soll. Aber wenn es hier oder da nicht aufgeht, geht man den Kompromiss auch ein. Was jetzt solche Stellen explizit betrifft, kann ich mich für die einzelnen Stellen nicht mehr so erinnern, aber so sieht eben immer der Prozess aus.
War es für den kreativen Prozess eher förderlich, dass ihr so ein strenges, inhaltliches Konzept hattet, an dem ihr euch entlanghangeln musstet? Oder hat es euch eher eingeschränkt?Marie-Luise: Ich würde schon sagen, dass es uns sehr geholfen hat, dass man einen gewissen Leitfaden oder auch ein Thema hat, an dem man sich abarbeitet, und diese Grundstruktur: Wo kommen die lauteren Songs hin, wo kommen die leiseren Songs hin, wo ist ein Ruhepol usw. Das stand meiner Erinnerung nach schon relativ früh in dem Songwriting-Prozess fest, was wie im Gesamtkontext funktionieren wird. Und ja, ich finde, es ist ganz gut aufgegangen am Ende.
Mir ist aufgefallen, dass sich etwa die Laut-leise-Auswahl schon teilweise sehr unterscheidet von Mozart oder Verdi. Es hatte eher etwas Kammermusikmäßiges als das ganz große 200-Mann-Orchester.
Marie-Luise: Wir sind halt auch kein Orchester.
Ja, aber hättet ihr Bock drauf gehabt?
Daniel: Es gab die Entscheidung, dass wir auf drei Songs einen wirklichen Chor haben, wenn auch definitiv nicht 200 Mann groß. Nicht mal nahe dran (lacht). Das ist tatsächlich eher ein Stück weit eine Vernunftentscheidung mit einem gewissen Realitätsbezug, denn du kannst natürlich problemlos Chorarrangements für ein ganzes Album schreiben, aber wer nimmt die auf? Wer bezahlt das? Wer hat die Zeit, wer kümmert sich um die Musiker? Aber klar, natürlich hätten wir da Bock drauf gehabt. Das Album war schon unsere kleine Utopie, aber ein gewisser Realitätsabgleich braucht es auch.
Woher wusstet ihr, dass das auch für das Publikum, das normalerweise LAUDARE hört, akzeptabel ist? Oder habt ihr ein gewisses Publikum vor Augen gehabt? War es einfach ein Experiment?
Daniel: Es war halt Corona. Man hatte den Bezug zur Welt verloren. Man wusste überhaupt nicht, dass es außer dem Selbst sonst noch eine Welt gibt.
Almut: Die Idee ist schon vor Corona entstanden. Ich habe 2019 angefangen, und ich bin mit der Idee schon eingeladen worden, ein Requiem zu machen.
Wie ist euer Background? Verstehen sich LAUDARE selber auch als Christen oder als christliche Band? Oder habt ihr einfach ein christliches Motiv genommen? Ist das eine kulturelle Sache oder auch eine persönliche?
Almut: Ich habe das vorhin schon gedacht bei der Frage, ob das für uns seltsam war oder, ob das eine bewusste Entscheidung war, dieses Kreischen von einigen Texten. Ich würde sagen, wir alle drei haben irgendwie auch einen biografischen Bezug zu Kirche und Religion. Keiner von uns ist mehr gläubig, aber aus unserer Kindheit ist das mehr oder weniger präsent. Also bei mir sehr. Ich bin Pastorentochter, und genau das irgendwie in diese Musik zu nehmen und irgendwie auch ein christliches Thema und das in so einen anderen Kontext zu setzen, ist, glaube ich, auch ein bisschen eine Übersetzung in die eigene Lebenswelt. Also würde ich zumindest ein Stück weit sehen, dass es auch eine Sprache annimmt, die man irgendwie kennt. Die Rituale, der Introitus etc. sind ja alles auch Sachen, die mir aus der Kirchenliturgie absolut geläufig sind, und diese in einen ganz anderen Kontext bringt, wo geschrien wird und in eine ganz andere Ausdrucksweise, die teilweise gar nicht sakral ist, nicht heilig, sondern wo auch ganz andere Gefühle wie Aggression, Lautheit mit da sein dürfen. Ich finde also schon, dass es da durchaus einen biografischen Bezug gibt. Aber eben keinen gläubigen.
Aber die Bilder, diese kulturellen Kontexte, funktionieren noch? Habt ihr das Gefühl, vom Publikum verstanden zu werden? Sind sie noch gesellschaftlich soweit vorhanden, dass man anknüpfen kann, dass man verstanden wird, wenn man sie benutzt?
Marie-Luise: Gute Frage. Was beispielsweise Reviews angeht oder was über das Album geschrieben wurde, würde ich sagen, dass es schon vom Großteil verstanden wurde. Das ist zumindest mein Eindruck. Natürlich gab es auch einige, die es nicht verstehen. Aber die meisten haben da schon eine Idee davon und einen Sinn dafür. Was den Live-Kontext angeht, ist es schwierig zu sagen, da wir das Requiem noch nie als Gesamtwerk gespielt haben. Wenn wir irgendwie Konzerte gespielt haben, dann haben wir uns beispielsweise „Quid sum miser, quaerens me“, „Dies Irae“ und „Lacrimosa“ bisher live performt.
Die kommen dann einfach zwischen den anderen Songs?
Marie-Luise: Genau, die sind ganz normal in das Set eingepflegt, wie jeder andere LAUDARE-Song auch. Es gab irgendwann mal die Idee, das Ganze als Gesamtwerk auf die Bühne zu bringen. Wenn nicht als Tour, dann zumindest als Release-Show oder dergleichen. Dann auch mit dem Chor auf der Bühne. Das war alles mal ganz groß gedacht. Das ist aber dann letzten Endes doch auch ein wenig an der Realität gescheitert.
Metal hat sich tendenziell als Gegenbewegung und Rebellion gegen gesellschaftliche Standards begriffen. Wenn Religion vorkommt, dann meistens in Form von Religionskritik. Oder ist das mittlerweile ein alter Hut? Warum ist Metal das richtige Vehikel für sakrale Inhalte?
Marie-Luise: Schwer zu sagen. Ich glaube, von uns ist tatsächlich niemand wirklich tief in der Metal-Szene verwurzelt, und deswegen ist es gar keine so wirklich leicht zu beantwortende Frage für uns.
Aber ihr habt die Musik ja gewählt als Vehikel, um dieses Requiem rüberzubringen.
Daniel: Ich finde, LAUDARE hat schon immer ein bisschen eigensinnige Musik gespielt, und mit diesem Hintergrund musikalisch die breiteste nur mögliche Palette an Emotionen abbilden zu können. Und deswegen kann man leicht sagen, dass die Musik und dieses Stilmittel jetzt nicht unbedingt aus der Zugehörigkeit zu einer Szene entstehen, sondern eher aus Anleihen, die man sich aus allen möglichen existierenden Musiken nimmt, um das auszudrücken, was man versucht auszudrücken. Wir haben aber damals das Requiem im Grunde geschrieben während Corona. Jetzt ist es rausgekommen, aber wir waren schon im Studio vor drei Jahren. Das hat sich in der Postproduktion unfassbar gezogen. Da waren viele Hürden zu nehmen. Und ich glaube, wir haben uns seitdem auch alle ein bisschen verändert.
Das heißt, ihr werdet euch in andere Richtungen entwickeln bei späteren Releases?
Daniel: So meine ich das nicht. Aber es ist halt schwer für uns zu sagen, welchen Platz Religion in der Metal-Szene findet und auch welche Rolle sie vielleicht in Texten spielt, weil von uns halt niemand mehr hört. Mittlerweile gibt es wenig Identifikation mit der Szene.
Marie-Luise: Wir haben uns auch als Band eigentlich früher, wenn wir live gespielt haben, selten mal in Metal-Kontexten bewegt. Die Kontexte, in denen wir unterwegs waren und dann auch live gespielt haben, waren dann eher so geprägt von dieser ganzen Post-Hardcore- und Emo/Screamo-Szene. Und die Konzerte, die wir gespielt haben, die eher in einem Metal-Kontext stattgefunden haben, kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen.
Wie setzt sich euer Publikum dann zusammen an euren Konzerten? Was ist der typische LAUDARE-Abend?
Marie-Luise: Meistens sind die Leute ja überrascht von dem, was wir machen. Entweder es sind Leute, die uns wirklich von irgendwoher kennen und dann auch für uns dahin kommen und irgendwie was mit der Mucke anfangen können. Wir haben jetzt durch das Requiem schon einiges an Bekanntheit dazugewonnen, aber uns kennen dennoch nicht viele Leute. Wir spielen auch oft Konzerte zusammen mit irgendwelchen anderen Bands. In Aachen haben wir vor vier Punkbands gespielt. Alle Leute waren unglaublich besoffen und bekifft und es war wirklich der Wahnsinn. Und dann haben wir gespielt und uns gefragt: Oh Gott, wie werden die Leute jetzt reagieren? Die werden doch jetzt alle depressiv, wenn die unsere Musik hören. Aber die haben es so hart gefeiert! Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Leute oft überrascht sind, aber auch viel damit anfangen können, wenn es abwechslungsreich und interessant ist.
Was wären denn dann Themen, die ihr als Nächstes angehen wollt?
Almut: Bachs Weihnachtsoratorium! (lacht)
Daniel: Für den Moment wär es überhaupt erst mal schwer zu sagen, wann ein nächstes LAUDARE-Album überhaupt kommen wird. Aber weniger aus der Tatsache heraus, dass das Material dafür nicht vorhanden wäre, als vielmehr, dass man so ein Album nicht ständig machen kann. Und dass ein Album in aller Regelmäßigkeit vielleicht doch gar nicht mehr unbedingt zeitgemäß ist. Wenn ich die Frage richtig verstehe, dann geht es ja ein bisschen darum, was man unter einem größeren Thema noch erschaffen kann. Und da ist die Band gerade wesentlich schmalspuriger unterwegs. Es geht eher darum, einzelne Songs zu schreiben und dann hier und da mal das Thema rauszupacken, beispielsweise innerhalb Anfang nächsten Jahres auf Tour zu gehen und dass man dann einfach ein bisschen was hat, um noch mal die Werbetrommel zu rühren. Aber was Größeres, noch eine größere Dimension – das ist erst mal in nächster Zeit überhaupt nicht in Planung.
Also erst mal eher kleine Etüden als eine ganze Symphonie?
Marie-Luise: Klar war es spannend mit diesem Requiem: Dieses ganze Album und auch diese ganze Sache mit den Choraufnahmen und die ganze Produktion, die daran hing. Ich glaube, wir haben uns daran ganz schön abgekämpft in den letzten Jahren, und es war nicht so einfach. Ich bin wirklich froh, dass erst mal der Kanal wieder frei ist und dass das Album endlich raus ist. Mal sehen, wann wir wieder genug Energie haben.
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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

