Interview mit Inkantator Koura von Mosaic

Mit dem umfangreichen Re-Release seiner EP „Old Man’s Wyntar“ hat Inkantator Koura Anfang 2017 das Debütalbum seines Soloprojekts MOSAIC veröffentlicht, eine Hommage an den Winter zwischen Black Metal, Neofolk, Ambient und Neuer Deutscher Todeskunst, die ihresgleichen sucht. Was es mit den drei Kapiteln des Albums auf sich hat und was die Lyrik Georg Trakls und die DEFA-Märchenverfilmung „Gevatter Tod“ damit zu tun haben, erfahrt ihr im folgenden Interview.

Hallo und vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wie geht es dir?
Hallo Stephan, hier läuft alles ruhig und fokussiert. Momentan bereiten wir die kommenden Shows vor und danach werde ich mich an das längst überfällige neue Album machen.

MOSAIC ist ein recht ungewöhnlicher, aber schöner Name für ein Black-Metal-Projekt. Bezieht sich der Name auf die vielen verschiedenen Musikstile, die du in deiner Musik vereinigst oder hat er einen anderen Hintergrund?
MOSAIC als Name an und für sich hat viele Vorteile. Zunächst ist er ungewöhnlich, er ist kurz und einprägsam und in seiner Aussage beschränkt er meine künstlerische Tätigkeit in keinster Weise. Ich kann mich ohne jegliche Zügel und Grenzen total ausleben unter diesem Namen. Ein weiterer Grund der Namensgebung war seiner Zeit auch das Album „Mosaic“ von der Band Wovenhand, welches mich sehr beeinflusst hat. David Eugene Edwards ist christlicher Fundamentalist, er verknüpft auch so viele Elemente miteinander – dennoch ist besonders dieses Album sehr ehrfürchtig und düster – ebenso intim – so wie ich meine Musik auch sehe – darum ist MOSAIC für mich die beste Wahl. Ein Gebilde aus vielen Einflüssen – Mosaiksteinen – zusammengefügt zu etwas Neuem und Ganzen.

In deinem musikalischen Schaffen finden sich unter anderem Einflüsse von Black Metal, Neofolk, Ambient und Neue Deutsche Todeskunst. Was fasziniert dich im Speziellen an diesen Genres?
Sie eröffnen zunächst ganz eigene Welten. Immer sehr sphärisch und weltfremd. Sie gedenken häufig der alten Welt, haben einen archaischen Esprit – sie können alles transportieren – Wärme, Kälte, Licht und Dunkelheit – die großen Gegensätze, auf welchen unsere Welt aufgebaut ist.

Gerade Neue Deutsche Todeskunst ist kein allzu weit verbreitetes Genre, schon gar nicht in der Metal-Szene. Findest du, dass diese Stilrichtung mehr Beachtung verdient hätte? Welche Künstler aus diesem Bereich haben dich beeinflusst?
Diese Zuschreibung stammt eigentlich aus der Feder eines Freundes von mir. Damit referiert er besonders über die „seltsam“ anmutende Vortragsweise der „Spoken Words“ wie sie eben auch in der Neuen Deutschen Todeskunst zu finden sind. Man denkt dabei an Bands wie Goethes Erben oder Das Ich. Mein Einfluss stammt aber eher aus dem Neofolk, wo häufig alte Aufnahmen als Sample eingebaut werden. Da ich aber gerne meine eigene „Message“ ausdrücken wollte, entschied ich mich eben dafür, diese wie auf alten Aufnahmen klingen zu lassen.

Welche Bands und Musiker haben dich ansonsten im Allgemeinen inspiriert?
Für „Old Man’s Wyntar“ sind es andere Bands als „normal“, sag ich mal. Da steht besonders Paysage d’Hiver sehr weit vorne – sowie die Quebec-Szene wie Forteresse und Monarque bspw. Ansonsten sind die Haupteinflüsse für mich: Zemial, Absu, Deströyer 666, Melechesh, Primordial, Empyrium und Rome.

MOSAIC ist dein Soloprojekt. Warum ziehst du es vor, alleine Musik zu machen, anstatt in einer Band zu spielen?
So derb das klingen mag, aber schlicht und einfach: Ich möchte einfach die totale Kontrolle über das Projekt haben und alles entscheiden können. Ich habe konkrete Ideen und Visionen und so muss es dann auch umgesetzt werden.

Du arbeitest jedoch mit einigen Gastmusikern zusammen. Wäre es nicht einfacher, mit einigen davon gleich eine feste Band zu bilden? Und wie bist du mit den jeweiligen Gastmusikern in Kontakt gekommen?
Meine Mitmusiker haben stets die Möglichkeit, Feedback zu geben oder Sachen einzubringen. Letztendlich entscheide aber ich, was bei MOSAIC passiert. Da gibt es auch mal dicke Luft – darum ist es schwierig für mich, eine feste Band zu bilden – da zeichnet sich schon wieder zu viel „Kontrollverlust“ ab. Wir haben jetzt seit längerer Zeit ein festeres Line-Up (Drummer + zweiter Gitarrist), mit den beiden kann ich sehr gut zusammenarbeiten. Der Drummer hat ohnehin immer noch am meisten Einfluss auf das Songwriting, er gibt die Dynamik an, auch wenn ich meist schon die Ideen dazu im Kopf habe. Meine Mitmusiker kenne ich alle meistens auf persönlicher Ebene recht lange – und es zeichnet sich dann spontanerweise immer ab, wenn jemand etwas beitragen wird – oder darf.

Wie läuft bei dir das Songwriting ab?
Ich schreibe die meisten Riffs auf einer Akustik-Nylon-Gitarre, direkt bei mir daheim. Der Vorteil davon ist, man hört, ob das Riff funktioniert und sauber klingt. Mit einer E-Gitarre verwäscht sich ja die Riffaussage immer etwas, gerade bei der Tonne Hall auf meinem Sound. Danach treffen sich mein Drummer und ich, wir arbeiten eine Rohfassung aus und zeichnen diese mit, welche ich dann wiederum mit nach Hause nehme und dort an den zweiten Gitarren arbeite. Dann folgt der Gesang und danach Lead- und Solo-Gitarren und ganz am Ende der Bass – ja, sehr unorthodox, aber damit werden diverse Lücken dann aufgefüllt – meistens ist der Bass auch das Schwierigste im ganzen Lied, weil er nicht stupide einfach den Gitarrenläufen folgt. Er ist dazu da, um ein dichtes Fundament zu bilden und hier und da das gewisse Etwas zu erzeugen.

Wo siehst du deine größten Stärken und Schwächen als Musiker?
Also ich bin kein guter Musiker – technisch bzw. spielerisch. Was ich aber gut kann, ist Songs schreiben, das ist auch ein Grund, warum hier und dort Gastmusiker zum Einsatz kommen – weil ich meine eigenen Ideen nicht umsetzen kann. In Sachen Lyrics-Schreiben bin ich momentan doch sehr zufrieden damit, was ich da zusammenschreibe. Früher war das anders, da gab’s die Lyrics nur, weil ich welche brauchte – heute nimmt der Schreibprozess der Texte fast noch mehr Zeit in Anspruch als das eigentliche Songwriting – was letztendlich sehr gut ist. Meine Stimme zähle ich als vollwertiges Instrument, sie ist sehr dynamisch und eigentlich auch das Markenzeichen für MOSAIC.

Obwohl es MOSAIC schon seit 2006 gibt, ist „Old Man’s Wyntar“ dein erstes Full-Length. Wieso hast du davor nur Splits und EPs veröffentlicht?
MOSAIC war früher nur mein privates Projekt, fernab von einer Intention da groß mit an die Öffentlichkeit zu gehen. Zu der Zeit lag der Fokus auf meiner alten Band Alchemyst – einen Spross, der direkt aus MOSAIC gewachsen ist, im Grunde genommen. Somit war selten die Zeit da, für MOSAIC Lieder zu schreiben oder besser gesagt, veröffentlichungswürdige Songs zu produzieren. Die ersten beiden Songs waren dabei auch eben die, welche von der Produktion her es Wert waren veröffentlicht zu werden. Ein sehr pragmatischer Grund sozusagen – warum es nur diese beiden Split-EPs gab.

„Old Man’s Wyntar“ ist außerdem kein gänzlich neues Album, sondern ein erweitertes Reissue eurer gleichnamigen EP. Warum hast du dich entschieden, gerade diese EP erweitert neu zu releasen?
Das hat damit zu tun, dass die Erstauflage (auf Amor Fati Productions) nun nahezu ausverkauft ist, wir nun aber live aktiv sind und ich gerne alle wichtigen Werke immer zur Verfügung hätte – für neue Hörer, die sich mit MOSAIC anfreunden können. Dazu kam der Wechsel zu Eisenwald Tonschmiede, welche uns seit Vertragsschluss ungemein unterstützt hat. Und so überlegten wir, wie der Einstand aussehen könnte, und kamen dabei auf die Idee des A5-Buchs. Aber ein simples Re-Release sollte es nicht sein. Das Artwork wurde expandiert und eben über 30 Minuten Bonusmaterial komponiert und ergänzt.

Das Album ist in Kapitel unterteilt, was nahelegt, dass es sich dabei um ein Konzeptalbum handelt. Worum geht es denn auf „Old Man’s Wyntar“?
„Old Man’s Wyntar“ ist ein Konzeptalbum und stellt einen universellen Blick auf die Winter-Folklore Europas dar. Es generiert eine Zentralfigur namens „Old Man Wyntar“ aus allen möglichen Winterpersonifikationen, welche in den ersten beiden Kapiteln vorherrscht. Daneben werden die verschiedenen Seiten des Winters beleuchtet – die schöne und urige, aber auch die schroffe und kalte.

Die ursprüngliche EP war in zwei Kapitel unterteilt, auf dem Reissue gibt es nun noch ein drittes. Warum hast du die Geschichte um ein Kapitel erweitert?
Das dritte Kapitel schließt die Handlung ab. In den ersten beiden Kapiteln dreht es sich um den Wintereinbruch, die Impressionen, was er mit sich bringt – dann folgt der Schneesturm, in dem alles zugrunde geht und eine Welt aus Eis entsteht. Das dritte Kapitel steht für die Erinnerung – eine Rückbesinnung auf die Kindheit und Jugend und die damit verbundenen Eindrücke.

Außerdem sind diesmal zwei Bonustracks enthalten, ein melancholischer Ambient-Song und eine über 20 Minuten lange Black-Metal-Nummer. Wieso sind diese beiden Tracks auf dem Album enthalten, obwohl sie in keines der Kapitel gehören? Was hat dich zu einem derart langen Track inspiriert und was kannst du uns noch über die beiden Songs erzählen?
Das dritte Kapitel besteht aus drei Liedern, welche alle Bonustracks sind und nicht zum ursprünglichen Liedzyklus gehören – das ist richtig. Dennoch sind es für mich drei vollwertige Nummern, die perfekt in das „Old Man’s Wyntar“-Universum passen. Warum „Silver Nights“ so lang ist, kann ich nicht sagen, das hat sich so ergeben. Wie schon erwähnt – die Perspektive dieser Lieder ist ganz anders als in den ersten beiden Kapiteln. Die Sicht im Kapitel drei ist mehr eine „Ich-Perspektive“, welche zu sich selbst spricht und rekapituliert. Bei „Silver Nights“ dagegen könnte es sogar „Old Man Winter“ persönlich sein, welcher durch den „Text“ führt. Als weitere Figur taucht die alte Muttergottheit Hulda auf, welche durch die Rauhnächte jagt.

„Vom ersten Schnee“ endet mit Sprach-Samples, die den Tod thematisieren. Woher stammen diese Samples und warum hast du dich entschieden, gerade diese zu verwenden?
Der Dialog mit dem Tod entstammt aus dem alten DEFA-Märchenfilm „Gevatter Tod“. Der Tod galt früher als Synonym für den Winter – denn alles scheint zu ruhen, zu schlafen. Dieser Dialog – welcher nebenbei im Film nicht so vorkommt – verdeutlicht, was man selbst doch für ein kleines Licht in der großen weiten Welt ist und wie nichtig alles erscheint – und dass man nur im Tode ewig ist. Dieser Dialog ist die Krone der Nostalgie für mich in dieser Klanglandschaft.

Zum Schluss kommt dann eine sehr schöne, friedliche Flötenmelodie hinzu. Bedeutet das, dass sich der Protagonist in positiver Weise mit dem Tod abgefunden hat?
Diese Melodie stammt ebenfalls aus „Gevatter Tod“ und gehört zu der Stelle, wo der Tod nach seinem „Tagwerk“ von dannen zieht – eine perfekte Überleitung zu der drohenden Wilden Jagd.

In deinen Texten beziehst du dich öfters auf die Lyrik von Georg Trakl. Welchen Bezug hast du zu seinen Werken, was begeistert dich daran und inwiefern passen sie zu deiner Musik?
An Trakl fasziniert mich, wie er die Farbadjektive benutzt, um Stimmung zu erzeugen oder zu beeinflussen. Das ist auch ein wichtiges Merkmal in meinen Texten – die Farbe. Seine Poesie ist oft in geistiger Umnachtung entstanden – er war Apotheker und diente im Ersten Weltkrieg, die Fronteindrücke erschütterten ihn und er therapierte sich mit Selbstmedikation. Sein Erbe ist ein mächtiges Werk an purer Melancholie, Weltfremdheit, Oden an die Liebe und Innigkeit aber auch stark durchwebt von bittersüßer Morbidität – unfassbar fesselnd.

Du textest zum Teil auf Deutsch, zum Teil auf Englisch. Wonach entscheidest du, welche Parts du in welcher Sprache formulierst und wo siehst du die Vorzüge der jeweiligen Sprache?
Das steuert der Impuls von Herz und Seele in erster Linie. Jedoch kann man allgemein sagen, dass ich für die Neofolk-/Ambient-Parts bevorzugt meine Muttersprache und für die extremen Parts Englisch wähle, weil es für mich so am stimmigsten erscheint.

Ein Großteil der Texte sind in einer ungewöhnlichen Art (Sprech-)Gesang vorgetragen. Weshalb hast du dich für diese Art von Vocals entschieden, um damit deine Texte wiederzugeben?
Ja, das ist wohl dieses Neue-Deutsche-Todeskunst-Element. Intention ist es, dadurch den Text wirken zu lassen, als sei er eine alte Aufnahme. Damit soll die Brücke zum Diesseits gekappt werden, Nostalgie versprüht werden und ins Jenseits geführt werden. Das Alte, das Archaische, das Vergessene….

Auch sonst ist deine Musik alles andere als genretypisch. So kommen zum Beispiel kaum gewöhnliche Double-Bass-Drums oder Blast-Beats zum Einsatz. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Also ich finde, der Black-Metal-Anteil ist immer noch bei 60 % und wer braucht immer stupide Double-Bass- und Blast-Beat-Parts? Ich glaube, da gibt’s genug Bands die das machen. Ich will Impuls-Musik machen und dazu nutzen wir die Takte und Beats, die dazu nötig sind, um das zu Erzählende zu vermitteln. Das ist der Grund.

Während beispielsweise die Akustikgitarren auf „Old Man’s Wyntar“ recht klar produziert klingen, hat das Album ansonsten einen ziemlich rohen, bisweilen für mich persönlich etwas zu unausgeglichenen Sound. War das beabsichtigt und falls ja, aus welchem Grund?
Das Album ist eine Hommage an Paysage d’Hiver und dafür klingt es eigentlich schon viel zu gut produziert. Ein Winteralbum muss kalt klingen und verwaschen – wie in einem Schneesturm – mit kurzen Lichtblicken und sofort wieder in die Kälte abdriftend. Für mich ist der Sound auf „Old Man’s Wyntar“ genau so geworden, wie ich ihn wollte – ein Soundtrack zum Winter und bewusst so produziert.

Im Gegensatz zur EP-Version hat das Album auch ein neues Artwork, ein einfärbig gezeichnetes Bild vor einem grauen Grund. In diesem Stil waren auch deine letzten Releases gehalten. Warum ist das die perfekte Visualisierung für deine Musik und inwiefern passt das Artwork nun besser zu dem Album?
Das ist meine persönlich präferierte Ästhetik – mehr kann ich dazu nicht sagen. Minimal und althergebracht – perfekt.

Seit dem Release der EP „Samhain Celebration“ bist du bei Eisenwald Tonschmiede unter Vertrag. Wie kam es dazu, dass du gerade bei diesem Label gelandet bist?
Nico und ich kennen uns schon länger. Der Kontakt wurde intensiver als wir am Vivus-Humare-Album arbeiteten, welches auch über Eisenwald erschien und so kam dann Eines zum Anderen. Mittlerweile ist er ein guter Freund, wir wohnen nicht weit auseinander und sehen uns regelmäßig.

Wie wird es als Nächstes für MOSAIC weitergehen?
Ich arbeite an einem Album „Secret Ambrosian Fire“, dieses wird neun Lieder beinhalten und wiederum ein wahres Klang-Mosaik darstellen. Thematisch steht die Folklore des örtlichen Hörselberges im Vordergrund sowie Pflanzenmystik und die Tria Principia, alles umschlossen von einer Feuer-Thematik. Die Produktion wird weitaus definierter ausfallen, was dich freuen dürfte! Zudem planen wir im Oktober eine Europa-Tour mit unseren schwedischen Freunden Grift!

Wir kommen nun langsam zum Ende unseres Interviews. Zum Abschluss würde ich mit dir gerne noch unser traditionelles Metal1.info-Brainstorming machen, sofern du erlaubst:
Winter: Heimlichkeit und Mystik
Lieblingsalbum: Void Of Silence – „Human Antithesis“
Patriotismus: Lieber heimatverbunden
MOSAIC in zehn Jahren: Weiterhin aktiv
Märchen: Identität der Alten Welt
Tod: Das große Mysterium

Wunderbar, dann nochmals herzlichen Dank, dass du uns deine Zeit zur Verfügung gestellt hast. Die letzten Worte gehören dir:
Danke, Stephan, für das ausführliche Interview. MIRA BILITAS NATURAE!
Inkantator Koura im Auftrag der Elemente