Interview mit Steve von Pup

Mit „The Dream Is Over“ haben die Kanadier PUP ein rastloses, emotionales, hochmelodisches Poppunkalbum veröffentlicht, dass das Zeug zum Genreklassiker hat. Einen Tag vor Beginn des Oktoberfests in München trafen wir uns mit Gitarrist Steve und sprachen über das unermüdliche Touren, das Gemeinschaftsgefühl der Band, die kanadische Punkszene und über den Polaris Prize.

Ihr seid gerade auf großer Europatour mit Moose Blood und Luca Brasi. Wie läuft es bisher?
Es ist immer super in Berlin oder Köln zu spielen, wo wir schon einmal gespielt haben. Gleichzeitig ist es auch toll, neue Orte kennenzulernen, wie zum Beispiel Leipzig, wo wir gestern waren. Die Show und das Venue waren super, aber wir waren auch in der St.-Thomas-Kirche und haben Johann Sebastian Bachs Grab gesehen. Ich finde es also genau so schön, neben den Shows auch die Städte zu erkunden.

Habt ihr denn die Zeit dazu?
Ja, auf dieser Tour schon, da wir ja nur Support sind. Wir haben jetzt nicht so viele Soundchecks, können später aufstehen, einen Kaffee trinken gehen und die Städte besichtigen. Heute zum Beispiel konnten wir um 13 Uhr losgehen. Das ist mir auch wichtig, um nicht durchzudrehen, weil man sonstt jeden Tag dasselbe tut.

Ihr wart ja vor diesen Konzerten länger in England unterwegs und diese Tour ist ja auch recht lang…
Und danach geh es direkt nach Australien.

Das ist schon echt eine unglaubliche Menge an Konzerten.
Ja, aber genau deswegen versuche ich dabei auch immer die Monotonie zu durchbrechen, um die Zeit vor der halben Stunde, in der du auf der Bühne stehst, gut rumzukriegen. Je mehr Wege du findest,  die Städte, in denen du bist, kennenzulernen und zu erfahren, was die Städte besonders macht, umso besser.  Wir waren jetzt schon ein paar Mal in Europa, aber zum Beispiel vorher noch nicht in München, morgen geht es nach Italien. In England war es auch toll, aber da kennen wir jetzt schon einige Leute, daher ist es jetzt auf dem Festland aufregender, frischer. Ich war vor einigen Jahren mit meinen Eltern schon einmal in München, aber da war ich 12. Jetzt ist das komplett anders, jetzt kann ich ja auch Bier trinken. (lacht) Weil wir viel touren ist es wirklich gut, etwas Anderes zu tun, als nur in einem Van zu sitzen oder auf der Bühne zu sein oder zu trinken… Wobei, nein, trinken ist gut, das tun wir gerne und immer. (lacht)

Du hast ja schon gesagt, dass ihr auf dieser Tour nur Support seid. Kanntet ihr Luca Brasi und Moose Blood schon vorher?
Wir kennen Moose Blood, da wir schon mal mit ihnen auf der Warped Tour in den USA unterwegs waren und Luca Brasi kennen wir von Shows in Australien. Das war eine gute Ausgangsposition, da sich jeder kannte. Von Tag 1 an waren alle entspannt und wir konnten direkt gut miteinander abhängen.

War das auch ein Grund, wieso diese Tourkonstellation zustande gekommen ist?
Nein, das war einfach gutes Timing. Moose Blood hatten diese Tour geplant und wussten, dass wir in Großbritannien waren, dann haben sie uns gefragt.

Für mich sind alle drei Bands auf dieser Tour auf einem Level – wie fühlt es sich für euch auf der Bühne an? Seht ihr es wirklich als eine Supportshow oder kommen auch viele Leute euretwegen?
Es kommen Fans für alle drei Bands, für einzelne Bands – aber generell finde ich, dass die Leute heutzutage offener sind, auch wegen des Internets. Man bekommt eben viel Musik, und deswegen kommen die Leute zu einer Show und sind auch bereit, sich mal die anderen Bands anzuschauen. Gleichzeitig glaube ich, dass es auf dieser Tour wirklich viele Überschneidungen gibt, da uns diese Emo-, Punk-, Noiserichtung schon verbindet.

Und wie sind die Publikumsreaktionen bei euren Auftritten?
Wenn du das erste Mal in einer Stadt bist und dich niemand kennt, ist es manchmal hart, aber das passiert immer, das sind wir auch gewohnt. Das spornt uns auch an, die Leute für uns zu gewinnen. In den Städten in denen wir schon waren, wird es von Mal zu Mal besser und jetzt ist es auch spannend zu sehen, was im Süden von Deutschland passiert. Das ist jeden Abend ein neues Abenteuer, das finde ich gut!

Ich habe den Eindruck, dass Punkrock in Deutschland grade sehr gut ankommt und viele spannende Bands hervorbringt. Wie siehst du das denn in Kanada?
In Kanada und Nordamerika sind wir in der dankbaren Situation, dass viele Bands sich gegenseitig unterstützen, und es echt viele unterschiedliche Szene-Zentren gibt, wie in Philadelphia, Chicago, Toronto, Los Angeles, Ohio… Deswegen kommen überall viele Leute auf die Shows, wir haben deswegen auch Konzerte in Boston, New York, Los Angeles oder Toronto ausverkauft. Das ist echt cool. Dies liegt zu einem großen Teil daran, dass die Musik dieser Bands von den Leuten akzeptiert wird und dass eben nicht alles gleich klingen muss. Punk war ja schon immer erfolgreich in Europa. Aber gerade so Events wie The Fest oder das Groezrock, als Orte, an denen Bands aus Amerika, aus Europa, aus Australien, aus Japan aufeinandertreffen und sich kennenlernen, sind dafür auch enorm wichtig. Es fühlt sich aufgrund der Globalisierung alles intimer an, was viel bringt.

Wo würdest du denn PUP in diesem von dir gerade angesprochenen vielfältigen Punkspektrum einordnen?
Das ist schwer. Wir sind krachig, poppig, punkig, aggressiv, rotzig… Wir haben ja das Glück gehabt, mit vielen unterschiedlichen Bands spielen zu dürfen, mit Moose Blood, The Menzingers, Modern Baseball, The Hives, Cloud Nothings… irgendwo in diesem Dunstkreis würde ich uns wahrscheinlich einordnen. Aber das Schöne ist ja, dass die Leute nicht mehr so schnell ein Label draufkleben müssen, da es so viel Verschiedenes gibt und durch das Internet auch ein besserer Zugang zu viel verschiedener Musik besteht.

Lass uns doch über euer neues Album sprechen. Ich finde, „The Dream Is Over“ klingt musikalisch fröhlicher als euer Debüt, dass ich aggressiver einschätze. Würdest du mir zustimmen?
Musikalisch gibt es immer bei uns immer das Element der Freude, aber das ist auch klar, da wir es lieben, gemeinsam Musik zu schreiben und zu spielen. Daher sind wir sehr enthusiastisch, das merkt man sicher. Aber du hast recht, wir haben dieses Mal die punkigen und aggressiven Momente des ersten Albums genommen und uns etwas stärker darauf fokussiert. Zum Beispiel haben wir versucht, die härteren Elemente, die wir am ersten Album mochten, ein wenig mehr auszubreiten. Ich denke, dass man mit mehreren Hördurchgängen merkt, dass „The Dream Is Over“ deutlich härter und intensiver ist, auch wenn es nicht gleich auffällt.

Wie steht dies im Zusammenhang mit euren Texten?
Stefans Texte sind verspielt, aber ernsthaft, sie haben sich aus Wut und Trauer entwickelt, und dem steht die Musik ein bisschen entgegen – das ist etwas, dass wir auch wollen. Wir sind nicht die ernsthaftesten Menschen; das bedeutet jetzt nicht, dass wir PUP oder unsere Musik nicht ernst nehmen würden, aber ich glaube, niemand will die ganze Zeit komplett ernste Bands. Musik soll immer auch Spaß machen. Und ich habe das Gefühl, dass wir das mit unserem neuen Album geschafft haben.

Seid ihr demnach mit einem klaren Plan, wie die Lieder klingen sollen, an die Arbeit gegangen?
Wir haben uns nicht gesagt, dass dieser Song härter, dieser eher poppiger sein sollte, da wir so nicht schreiben. Aber: Wir wollen uns nicht wiederholen. Wir hatten dieses Mal weniger Zeit, das Album zu schreiben, was viele Bands wahrscheinlich nervös machen würde, da sie befürchten, in dieser Situation nicht das beste Album schreiben zu können, das in ihnen steckt. Für uns hat diese Situation alles kohärenter gemacht, das Album fließt daher auch besser. Das war echt eine Überraschung, das hatten wir so nicht unbedingt erwartet. Aber wir waren einfach so viel auf Tour. Wenn wir Zeit haben, dann sind wir drei, vier, fünf Tage die Woche im Probenraum und schreiben, gehen auf Tour, schreiben wieder und so weiter, aber dieses Mal hatten wir einfach weniger Zeit.

Wie schreibt ihr denn eure Lieder normalerweise?
Die Songs schreiben wir zusammen. Manchmal schreibt Stefan zuerst einen Text, manchmal erst am Ende. Normalerweise kommt einer von uns mit einem Songskelett, einem Riff, einer Melodie oder irgendeiner kleinen Idee in den Probenraum. Dann setzen wir uns zusammen; wir haben ein Whiteboard im Probenraum, darauf schreiben wir dann alle möglichen Akkordfolgen und Songstrukturen auf und spielen mit diesen Ideen, nehmen diese auf, nehmen alles wieder auseinander, setzen es neu zusammen… Das übliche Spiel. (lacht)

Ist es euch wichtig, live primär die neuen Lieder zu spielen?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, wir haben jetzt schon neun der zehn Songs live gespielt. Es ist gut zu wissen, dass wir die Songs jetzt wirklich draufhaben. Viele der alten Lieder haben wir einfach so oft gespielt, dass wir uns wirklich darauf gefreut haben, mal andere Songs dabei zu haben. Auf dieser Tour spielen wir jeden Abend eine unterschiedliche Setlist – manchmal nur zwei, drei unterschiedliche Nummern, aber für uns fühlt sich das gut an. Wir gewöhnen uns dann nicht so schnell an den Ablauf des Abends, das ist wichtig. Viele Leute singen schon bei den neuen Songs mit, das fühlt sich auch super an.

Zu einem Song, der live sicher super ankommt, „DVP“, habt ihr ein starkes, von Videospielen beeinflusstes Video veröffentlicht. Wer hatte die Idee dazu?
Jeremy Schaulin-Rioux ist für viele unserer Videos verantwortlich, zusammen mit Chandler Levack. Jeremy kam mit dieser Idee auf uns zu, dann haben wir Stills auf YouTube gefunden und er hat es zusammengefügt. Ich glaube, er ist dabei ein bisschen wahnsinnig geworden, da er lange alleine in seinem Apartment saß und alles zusammenbasteln musste. (lacht) Er ist ein echt guter Freund von uns, jemand, der leidenschaftlich und talentiert ist und diese Videos unbedingt für uns machen wollte. Das heißt: Wir können einen guten Freund von uns bezahlen, was einfach toll ist.

Es wäre ja fast nicht zu diesem Album gekommen, da euer Sänger Stefan seine Stimme verloren hatte. Wie hat es sich angefühlt, als die Band infrage stand, als Stefan die Diagnose bekam, eventuell mit der Musik aufhören zu müssen?
Das war für uns ein weiteres Hindernis von vielen. Ich glaube, dass man als tourende Band mit Widerständen umgehen muss, wenn sie auftreten. Wir sehen uns als Brüder, insofern war das einzige, was wir tun konnten, zu sagen: Wir machen alles, damit du wieder gesund wirst und dich erholen kannst. Wenn man sich dazu entschließt, seinen Job zu kündigen und in einer Band zu spielen, entschließt man sich dazu, Risiken auf sich zu nehmen. Und dann ist das eben passiert. Stefan hat daraufhin wirklich unendlich viel getan, sich selbst zu helfen, sich zu erholen und seine Stimme so zu reparieren, dass er weiter Musik machen kann. Diese Unterstützung war die einzige logische Reaktion, die wir zeigen konnten. Gleichzeitig war es auch nett, mal eine kleine Pause zu haben. (lacht)

Ihr spielt ja seit der High-School gemeinsam – wäre es überhaupt eine Option für euch, jemand anderes in die Band zu holen, wenn einer von euch nicht mehr weitermachen könnte?
PUP sind wir vier. Nicht, dass einer von uns wichtiger wäre als der andere – die Kombination aus uns vier ist das, was PUP ausmacht. Ich glaube nicht, dass PUP die gleiche Band wäre, wenn jemand anderes dabei wäre. Ich finde das gut, und ich glaube, jeder von uns ist froh darüber, zu wissen, worin die Stärken jedes Einzelnen liegen. Wie vertrauen darauf, dass wir das zusammen hinkriegen – sei es Musik, T-Shirt-Design, Social Media oder Finanzangelegenheiten.

Vanessa Heins

Euer neues Album wird nicht nur von den Fans gelobt, sondern auch von den Kritikern. Ihr seid damit wieder für den Polaris Prize nominiert, dieses Mal auch auf der Shortlist. Wie fühlt sich das an?
Ja, die Verleihung ist in ein paar Tagen! Es ist echt irre, niemand von uns hätte das jemals erwartet. Es gibt so viele fabelhafte Musiker und Bands in Kanada, die jedes Jahr Musik veröffentlichen, sei es Rap, Folk, Pop, Rock, wie man auch an unseren Mitnominierten sehen kann. Und dass wirklich einige unsere Kollegen und Kritiker finden, dass wir unter den Top10 sind, ist unfassbar. Es ist schade, dass wir nicht da sein können, aber dafür sind wir hier auf Tour. Ich meine, schau dir das Bier an, das wir grade trinken, das ist super! (lacht) Wir haben niedrige Erwartungen, was gut ist. Alles, was wir wollen, ist Lieder zu schreiben, die wir mögen und hart daran arbeiten, gute Shows zu spielen. Alles andere ist nur ein Bonus. Sobald man ein Album gemacht und veröffentlicht hat, sobald man es Leuten verkauft oder sie es illegal runterladen – was mir echt egal ist – ist es nicht mehr dein Album. Man kann nicht mehr kontrollieren, was Leute über deine Musik denken oder wie sie dich als Band wahrnehmen, sobald das Album veröffentlicht ist. Entsprechend ist es großartig, diese positive Reaktion zu erfahren.

Glaubt ihr, dass ihr eine Chance habt, zu gewinnen?
Nein, das glaube ich nicht. Aber es gibt auch keine Vorhersagen oder sowas. Das wird am Montag entschieden. Wir sind währenddessen in Wien, da gehen wir wahrscheinlich früh ins Bett, wachen sehr früh auf und schauen, was passiert ist.

Was würdet ihr tun, wenn ihr gewinnt?
Ich glaube, ich würde ein Bier zum Frühstück trinken. (lacht) Aber wir haben Dienstag sogar frei, insofern: Mal schauen was passiert. (lacht) [Gewonnen hat schließlich Kaytranada mit dem Album „99.9%“, Anm. d. Red.]

Eure Landsleute von Fucked Up haben vor ein paar Jahren mit ihrer Mischung aus Hardcore, Punk und Indie tatsächlich gewonnen. Habt ihr euch von dort auch einen Rat geholt?
Ja, ich war vor kurzem bei Damians Podcast, turned out a punk, das war nett, wir waren bei ihm zu Hause, haben Tee getrunken und geredet. Und wir haben auch schon ein paar Mal mit ihnen live gespielt. Es ist echt eine Ehre, diese Band ist wirklich extrem wichtig für Punk in Kanada. Man bekommt viel von ihnen mit in Toronto, sie tun viel für die Szene dort und sind sehr dahinter, andere Bands zu fördern. Es ist toll, in einem Atemzug mit Fucked Up genannt zu werden.

Abschließend: Was sind eure Pläne für die nächste Zeit?
Nach der Tour in Australien sind wir ein paar Tage zu Hause, dann spielen wir bis Dezember eine Tour in Nordamerika. Dann werden wir uns ein bisschen entspannen, vielleicht ein bisschen neue Musik schreiben. Nächstes Jahr werden wir hoffentlich wieder in Europa sein. Zusammengefasst: Touren, Musik schreiben, Bier trinken und coole Dinge erleben.