Interview mit Marco Heubaum von Xandria

Das Personalkarussell dreht und dreht sich. Ende April stieg die langjährige Sängerin der Band Xandria, Lisa Schaphaus-Middelhauve, aus, eine Nachfolgerin wurde bislang immer noch nicht bekannt gegeben. Wir stellten Bandkopf Marco Heubaum zur Rede und kamen dabei auch auf Celtic Frost, Meeresfrüchte und überraschende Jahreswechsel zu Sprechen.

Hy Marco, vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview nehmen konntest. Wie geht’s dir und wie der Band?
Sehr gut, danke! Selbst hoffentlich auch!

Um gleich mal in die Vollen zu gehen: Ende April stieg ja Lisa bei euch als Sängerin aus. Wie seit ihr damit klargekommen und wie ist im Augenblick die Situation im Xandria-Lager?
Natürlich ist so etwas immer ein Einschnitt, genau wie vor 4 jahren, als unser damaliger Bassist Roland uns verließ. Nach außen ist es, wenn es sich um den Gesangsposten handelt, natürlich meistens viel einschneidender, aber für uns ist es das gleiche, denn es handelt sich in jedem Fall um eine Person, mit der man lange zusammengearbeitet und viel gemeinsam erlebt hat. Aber so ist das nunmal manchmal im Leben…

Ihr wart ja bis kurz vor Lisas Ausstieg noch gemeinsam auf Tour. Zeichnete sich da schon so was ab und wenn ja, wie war die Stimmung während den letzten Live-Shows?
Im Nachhinein hat sich ja meistens schon länger etwas abgezeichnet. Gewisse Dinge weiß man ja voneinander, und auch, welche Konflikte es gibt. Die Stimmung war aber gut auf den letzten Liveshows, wir werden diese letzte Tour mit Lisa in guter Erinnerung behalten.

Kurze Zwischenfrage leicht privater Natur: Ich hab gesehen, dass ihr am 11.4. im Havanna in Lautern gespielt hab, wo ich vor ein paar Wochen auch einen Gig mit meiner eigenen Band hatte… Wie war euer Auftritt da? :-D
Die Show ist kurzfristig von einem etwas weiter entfernten Ort dorthin verlegt worden und kaum jemand wusste, dass wir da spielen. Zudem ist der Club ja auch ziemlich klein. Es war etwa so, wie als wenn wir in unseren Proberaum ein paar Freunde eingeladen hätten.

Auf eurer Website hab ich gelesen, dass am 10. Juni der Bewerbungsschluss für den Posten der neuen Sängerin war. Das ist ja nun schon vorbei, also kannst du da ein paar Takte zu sagen? Wie groß war die Resonanz, habt ihr vielleicht schon eine Entscheidung getroffen und wie schwer fiel die euch oder fällt euch das suchen noch?
Wir haben eine Menge Bewerbungen aus aller Welt erhalten – z.B. aus Griechenland, Mexiko, den USA und vielen anderen Ländern. Die Suche ist bereits seit einiger Zeit abgeschlossen und wir werden euch sehr bald die neue Sängerin präsentieren können. Mehr dazu dann…

Was denkt ihr als Band darüber, eine neue Sängerin aufzunehmen? Lisa war immerhin acht Jahre lang fester Bestandteil von Xandria und auch wenn euch als Musikern das irgendwie etwas Unrecht tut wohl auf gewisse Art und Weise das Aushängeschild der Band. Kurzum: Kann man sie wirklich ersetzen?
Als Persönlichkeit kann man natürlich niemanden ersetzen, jeder Mensch ist einzigartig. Aber auch wenn Lisa eine sehr gute Sängerin und der Verlust selbstverständlich groß ist, ist es natürlich nicht unmöglich, sich die Musik von Xandria mit einer anderen Stimme vorstellen. Wir haben nicht nach einer Lisa-Kopie gesucht, aber es wird bestens zum musikalischen Kontext passen, darauf könnt ihr euch verlassen.

Stand jemals zur Diskussion, es erst mal ohne neue Sängerin zu versuchen und entsprechend die zukünftige Marschrichtung der Band zu verändern? Oder stand vielleicht sogar eine Auflösung der Band zur Diskussion?Nein, warum? Als ich die Band gegründet habe, war Lisa ja noch gar nicht in der Band, und die ersten Songs, die den Großteil des Debutalbums ausgemacht haben, sind vor ihrer Zeit in der Band entstanden. Die Musik ist die Existenzgrundlage von Xandria, und die existiert natürlich weiterhin, auch wenn natürlich jeder, der in der Band ist und war, diese prägt und geprägt hat. Trotzdem hatten wir natürlich nicht vor, als Instrumental-Band weiterzumachen, oder wie meinst Du die erste Frage? (lacht)

Wo wir schon gut beim Stichwort sind: Wird sich mit der neuen Sängerin denn mehr ändern als nur die Stimme von Xandria?
Es stand bereits vor Abschluss der Suche nach der neuen Sängerin fest, welche Marschrichtung das nächste Album haben wird und es gab schon viele neue Ideen. Aber lasst euch überraschen. Es wird den Kern von Xandria stark herausarbeiten aber ihn auch auf ein neues Level heben.

Wieviel Einfluss hatte Lisa denn auf das Songwriting der Band?
Lisa hat immer viel ihrer Kreativität in die Band fließen lassen, aber zuletzt ging diese in eine andere Richtung, so dass es schwierig geworden wäre, einen gemeinsamen weiteren musikalischen Weg zu finden. Das war ja auch einer der Gründe dafür, dass sie jetzt nicht mehr in der Band ist.

Nightwish machten ja nach dem Rauswurf von Tarja ähnliches durch wie ihr im Augenblick. Und die neue CD mit Anette spaltete das Fanlager ziemlich stark. Nun werdet ihr ja ganz gerne mit den Kollegen aus Finnland verglichen. Was glaubst du, stehen euch ähnliche Reaktionen der Fanschar bevor?
Klar, es wird sicher solche und solche Meinungen geben. Das ist doch ganz natürlich.

Apropos, wie steht ihr als Band eigentlich zu den ewigen Vergleichen mit Nightwish, Within Temptation oder so? Schmeichelt euch das, oder findet ihr es irgendwo nervig oder unpassend?
Das ist uns mittlerweile relativ egal. Die Leute brauchen oft einfach Schubladen, besonders die Presse, aber die meisten Leute hören doch einfach die Musik, die ihnen gefällt. Und wenn sie gleichzeitig auf Nightwish, Within Temptation und Xandria stehen, warum nicht? Die Vergleiche liegen zumindest näher als wenn man uns mit Motörhead vergleichen würde, auch wenn ich ein großer Fan bin…

Ich muss ehrlich gestehen, ein wenig frischer Wind wäre meiner Meinung nach gar nicht so falsch, denn „Ravenheart“ und „Kill The Sun“ waren tolle Alben mit vielen verdammt guten Songs, „India“ habe ich leider bis heute nicht gehört, aber auf „Salomé“ wirkte eure Musik in meinen Ohren irgendwie etwas… verbraucht und nicht mehr so frisch wie noch in den Jahren davor. Die CD ist ja nun schon über ein Jahr draußen, da hattest du bestimmt auch genug Zeit um noch mal kritischer darauf zurück zu blicken. Was denkst du persönlich über die Entwicklung, die Xandria mit diesen vier Alben durchgemacht haben?
Ja, ich denke auch, dass ein wenig frischer Wind gar nicht schlecht ist, und den werden die Leute auch von uns bekommen!

Um mal wieder auf erfreulichere Dinge zu kommen: Am 6.6. erschien eure Best-Of „Now And Forever“. Mach mal ein bißchen Werbung, warum braucht wirklich jeder Mensch diese CD? ;-)
Vor allem weil da nicht nur eine CD drin ist, sondern auch eine vollwertige DVD mit fast zwei Stunden Filmmaterial aus der History der Band. Die ist für uns eigentlich das „Herzstück“ der Best Of. Es gibt viele selbst mit Camcorder gefilmte Sachen, sehr lustiges zeugs, wie man uns vermutlich bisher gar nicht kennt… Außerdem haben wir vielen Songs beim Mastering einen besseren Sound verpassen können, denn mit dem Mastering waren wir oft nicht zufireden in der Vergangenheit. Auf der India z.B. war das Zusammenspiel zwischen den Instrumenten und dem Orchester leider oft sehr schwammig, und jetzt hört man viel mehr Details. Es lohnt sich auf jeden Fall!

Auf der Scheibe finden sich ja auch drei Bonus-Tracks (ein bisher komplett unveröffentlichter sogar). Wann entstand „One Word“ denn und wieso hat der Song es auf kein Album geschafft?
„One Word“ stammt aus der Salomé Aufnahmesession, und außer mir fand den keiner in der Band toll, daher war es der Song, der nicht mit drauf kam. Da ich aber der Meinung bin, dass der Song klasse ist, ist er jetzt wenigstens auf der Best Of gelandet – jetzt kann sich jeder selber ein Bild machen! (lacht)

Das muss ich als Fan der „Monotheist“ von Celtic Frost noch fragen: Lisa hat ja auf der CD bei dem Song „Drown In Ashes“ gesungen. Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit?
Sie wurde einfach von den Jungs gefragt… sorry, aber Details weiß ich dazu nicht mehr…

Mir fiel gerade auf, dass wir noch gar kein Interview mit euch geführt haben, also muss jetzt auch noch ein wenig allgemeinerer Kram kommen. Fangen wir doch mal so an: Wo kommt der Name „Xandria“ eigentlich her, wenn ich interessehalber mal nachfragen darf?
Oh Gott, ich hatte eigentlich spätestens nach dem dritten Album gehofft, dass die Frage keiner mehr stellen würde. Die Antwort ist auch nicht so wahnsinnig spannend: Ich hatte den Namen einfach irgendwann im Kopf und der Klang des Wortes passte zu der Vision, die ich von der Musik damals hatte. Ich dachte damals sogar, ich hätte das Wort erfunden, aber ich habe dann festgestellt, dass es mehrere Bedeutungen und Verwendungen dafür gibt.

Die jetzige Band ist ja quasi „Xandria 2“, nachdem 1997 bereits mal mit einem komplett anderen Lineup eine Demo aufgenommen wurde. Was unterscheidet die heutigen Xandria vom kurzlebigen ersten Versuch ’97?
Ich bin der einzige, der damals schon dabei war und hatte danach bloß meine musikalischen Ideen mitgenommen, um sie später in einer neuen Band, die ich wieder Xandria genannt habe, mit neuen Leuten zu verwirklichen, weil es mit den alten damals Streit darüber gab. Aber wir sind irgendwann wieder gute Freunde geworden (lacht), wir hatten sogar kurz noch eine Just-for-Fun Band, in der wir nur mit Coversongs aufgetreten sind, weil man sich da ja nicht streiten konnte – es gab halt für jeden genug Lieblingssongs zum Aussuchen!

Ich weiß ja nicht wie ihr als Band das erlebt habt, aber ich hatte den Eindruck, dass ihr mit „Ravenheart“ irgendwie quasi aus dem Nichts plötzlich einen sehr großen Bekanntheitsboost erhalten habt. Wie fühlte sich das an, als plötzlich das eigene Video auf MTV und Viva hoch und runter lief?
Es war sehr unwirklich, als wären das entweder nicht wir oder als wäre das nicht wirklich MTV oder VIVA, was da an war. Letztendlich darf man das aber nicht so ernst nehmen, dann erstens ist das nicht das, worauf es ankommt, und zweitens läuft da fast eh nur scheiße…

Als ich mir eben eure Diskographie angeschaut habe, fiel mir etwas auf: 2003 ein Album, 2004 ein Album, 2005 ein Album, 2007 ein Album… Was war 2006 los?
Zwischen den letzten beiden Veröffenlichungen lagen halt ein paar Monate mehr, und zufällig lag dann da der Jahreswechsel drin… einfache Frage, einfache Antwort ;-)

Thematisch scheint ihr euch schon seit der ersten Platte in relativ orientalischen/südländischen Gefilden zu bewegen. Songs wie „Casablanca“ oder „Isis/Osiris“ auf dem Debut, gut, bei „Ravenheart“ jetzt nicht so (vielleicht mit Ausnahme von „The Lioness“, das übrigens meiner Meinung nach euer absolut bestes Lied ist), dann „India“ und „Salomé“… Stimmt das so oder täusche ich mich da? Und wenn ja, was fasziniert euch daran?
Die Ausdrucksweise der orientalischen Musik ist eine ganz starke, emotionale. Ich hatte früher ein paar befreundete Musiker orientalischer Abstammung, und die haben mir gezeigt, welche Faszination davon ausgehen kann. Es ist einfach spannend, verschiedene musikalische Kulturen miteinander in Berührung zu bringen, weil dabei spannende Dinge entstehen können, neue Arten, etwas zu sagen. Und das tun wir ja immer mal wieder gerne mit verschiedenen Einflüssen, nicht nur den orientalischen.

Werfen wir noch mal einen kleinen Blick in die Zukunft. Was denkst du, wann werden Xandria wieder auf der Bühne stehen?
Noch dieses Jahr, aber nicht in Deutschland. Es ist zum Beispiel eine Südamerika-Tour geplant. Die Fans dort fordern das schon lange!

Gibt es eigentlich noch irgend einen unerfüllten Traum, den ihr bezüglich Liveshows habt? Ich meine, ihr habt schon durch keine Ahnung wieviele Länder getourt, auf dem Summer Breeze gespielt, auf dem Méra Luna, dem Wave Gotik Treffen… Was fehlt euch noch?
W:O:A!

Gibt’s irgend eine bestimmte Band, mit der du gerne mal gemeinsam unterwegs wärst?Hm, Iron Maiden wäre super, auch wenn das bestimmt nie passieren wird. Oder Nightwish und Within Temptation, dann wären alle zufrieden, die uns drei Bands immer vergleichen, haha!

So, wir sind so gut wie durch. Den Abschluss bildet wie immer unser bekanntes und beliebtes Metal1-Wortspiel. Regeln wie gehabt, ich sage ein Wort oder einen Begriff und du antwortest aus dem Bauch heraus das Erste, was dir einfällt. Achtung, fertig, los:

Ibanez? – Habe ich noch nie gespielt.
Finnland? – Bin ich leider noch nie gewesen.
Rot- oder Weißwein? – Kommt auf den Anlass an. Ich mag beides.
The Lioness? – Du bist der erste, der sagt, es wäre sein Lieblingssong von uns!
Das Ende der Welt? – The End Of Every Story.
Lieblingspizza? – Frutti di Mare. Oder Prosciutto Asparagi.
Metal1.info? – Mal nicht immer dieselben Interview-Fragen wie sonst ;-)

Dankeschön, dass du dir die Zeit für unsere kleine Fragerunde genommen hast. Ich wünsche dir und der Band alles Gute für die Zukunft, bei der Auswahl einer neuen Frontfrau und überhaupt. Die letzten Worte gehören dir, was möchtest du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?
Bleibt euch und der Szene treu!