Konzertbericht: Dream Theater

2005-10-07 Düsseldorf, Philipshalle

Traumtheater in der Philipshalle zu Düsseldorf. Da nimmt man selbst als Genre-Neuling gut und gerne mal über zweihundert Kilometer auf sich, um einem Auftritt der wohl bekanntesten Progressive Metal-Band aller Zeiten beizuwohnen. Nach einer knapp dreistündigen, herrlich unkomplizierten Zugfahrt sowie einer kurzen, erfolglosen und Panik implizierenden Auseinandersetzung mit dem Düsseldorfer Straßenbahnnetz, gelangten wir – sprich der Gefährte Alexander B. und meine Wenigkeit – schließlich mit der U-Bahn an unser endgültiges Ziel und wurden vor der Halle prompt durch den Anblick von zwei überdurchschnittlich langen Menschenschlangen „ermutigt“. Glücklicherweise waren die bereits anstehenden Kollegen Sebastian und Gunnar auch ohne Absprache via Mobiltelefon schnell gesichtet, was uns doch noch einen recht guten Platz in der Besucherreihe bescherte. Der Einlass ging pünktlich und flott von statten, sodass wir uns schon gegen kurz nach sieben in der imposanten, weitläufigen Philipshalle wiederfanden, welche wohl zurecht Düsseldorfs primäre Location für Großveranstaltungen ist. Wir gehörten zur ersten Welle der eintretenden Besucher und hatten somit noch die Gelegenheit, den äußerst geräumigen Saal weitestgehend ungefüllt zu sehen. Nach dem obligatorischen Toilettengang galt es aber recht zügig eine möglichst zentrale Position vor der Bühne einzunehmen, um von vornherein passable Sicht zu genießen. Dies entpuppte sich zu diesem Zeitpunkt auch als kein Problem und so konnten wir uns letztendlich im vorderen Drittel des Feldes eingliedern.

Jetzt hieß es: Aufkommenden Harndrang schon im Ansatz unterdrücken und mit minimalem Radius sowie ob der Vorfreude wallendem Blut eine Stunde ausharren, bis das erhoffte Spektakel begann – und weder konnte noch wollte ich meine hohen Erwartungen während dieser Zeitspanne auch nur ansatzweise zurückschrauben. Die Minuten verflogen jedoch im Nu, das Publikum wurde zunehmend aktiver und forderte die Band durch immer neu angestimmte Klatsch- und Sprechchöre auf die Bühne. Dementsprechend brach natürlich überschäumender Jubel aus, als mit einer unerheblichen Verzögerung von ca. fünf Minuten um kurz nach acht die Introduktion des neuen Albums „Octavarium“ einsetzte und das Licht ausgeschaltet wurde. Drei Videoleinwände zierten den Bühnehintergrund, auf denen einleitend eine bewegliche 3D-Animation des genialen Coverbildes von erwähnter Platte zu sehen war. Beeindruckend! Davor breitete sich langsam ein großer schwarzer Vorhang aus, welcher schließlich herunterfiel und die fünf musikalischen Virtuosen enttarnte: Jordan Rudess, Mike Portnoy, John Myung, John Petrucci und James LaBrie. Kurz: DREAM THEATER.
Mit dem eröffnenden „The Root Of All Evil” – gleichzeitig auch Opener der aktuellen Scheibe – brachte das Quintett sofort ein Paradebeispiel für einen tighten, energiegeladenen Live-Vortrag, wohl überflüssig zu erwähnen, dass das Publikum von der ersten Sekunde an voll mit dabei war. Der Sound stimmte und die frenetische Menge zeigte sich sehr textsicher, nicht nur bei dem klasse Refrain des Liedes! Es folgte das Stück „Panic Attack“, welches ebenfalls auf „Octavarium“ zu finden ist, und erstes, ordentliches Kraftfutter für den passionierten Headbanger sowie selbstverständlich allerhand nette instrumentale Kunstgriffe bereithielt.

Doch nun versprach es spannend zu werden: Das Licht verdunkelte sich und die sicherlich über sechstausend Augenpaare in der Philipshalle sahen, wie auf dem mittleren Bühnenbildschirm die zwanzigjährige Dream Theater-Historie in Form von unzähligen Fotos und sämtlichen Albencovern im Schnelldurchlauf zurückgespult wurde. Eine Mischung aus Begeisterung, Neugier und Ungläubigkeit machte sich in der Masse breit, als diese herrliche Reminiszenz selbst über den Alltime-Klassiker „Images And Words“ (1992) und das Debütalbum „When Dream And Day Unite“ (1989) hinauslief, um schließlich im Jahre 1985 endgültig zu stoppen. Und tatsächlich: Mit „Another Won“ präsentierten Dream Theater im Handumdrehen einen absolut unbekannten Song aus ihren alten Demo-Zeiten, zu denen sie noch unter dem Namen MAJESTY unterwegs waren. Die Nummer machte wirklich Spaß und konnte mich voll und ganz überzeugen, als belustigendes Beiwerk dienten ein paar schreckliche Bandfotos mit kitschigem 80er-Jahre-Flair aus eben jener Frühphase sowie das – freundlich ausgedrückt – semiprofessionelle MAJESTY-Logo, welches stolz auf den Leinwänden prangte.

Von nun an ging es chronologisch aufwärts und so sauste einem direkt im Anschluss „A Fortune In Lies“, der Opener des Erstlings „When Dream And Day Unite“ um die Ohren. Auch dieses Stück hatte einen unabdingbaren Nostalgiebonus und ebenso hohes Live-Potenzial, einfach grandios! „Under A Glass Moon“ stellte überraschenderweise den ersten Vertreter des legendären „Images And Words”-Albums dar und dank der prägnant gewählten, spacigen Weltraumanimationen auf den Monitoren, mutierte die Nummer zu einem vollends intergalaktischen Live-Vergnügen. Die gute Stimmung brach zu keinem Zeitpunkt ab, sondern steigerte sich unablässig, angeheizt von einem gesanglich blitzsauber agierenden James LaBrie, der auch bei dem nachfolgenden, episch-angehauchten Ohrwurm „Caught In A Web“ von der Platte „Awake“ (1994) kein bisschen ins Wanken geriet. Jahrelang durch eine Lebensmittelvergiftung stimmlich gehandicapt, zeigte sich der umstrittene Sänger heute so stark wie wohl nur selten zuvor. Die ausgedehnten, balladesken Klänge von „Peruvian Skies“ – enthalten auf der 1997er Platte „Falling Into Infinity“ – gaben einem anschließend erstmal die Chance zu einer kleinen Verschnaufpause. Eine sehr geeignete Live-Nummer, in der man sich bis zum „heavy“ Ausbruch ganz und gar verlieren konnte. Die Instrumentalfraktion arbeitete ebenfalls weiterhin brillant und da es diesen entfesselten Musikern scheinbar mal wieder nicht genügte, nur ihre meisterhaft vollkommene Technik zur Schau zu stellen, zitierten die Jungs in dem Lied kurzerhand Metallica’s „Wherever I May Roam“ sowie „Whish You Were Here“ von Pink Floyd, um augenzwinkernd den eigenen Spielwitz zu unterstreichen. Mit „Raise The Knife“ wurde danach erneut ein völlig unbekanntes Stück gespielt, welches laut LaBrie während einer Session zu „Falling Into Infinity“-Zeiten entstanden war, es aber nicht auf das Album geschafft hatte. Das Publikum nahm den Song jedoch bestens auf und unsere Prog-Spezis Sebastian und Gunnar einigten sich sogar spontan darauf, dass es sich eventuell um den stärksten Track der Platte hätte handeln können.
Logischerweise sollte nun etwas von dem Ausnahmekonzeptalbum „Scenes From A Memory“ (1999) folgen. Orientalisch angehauchte Klänge setzten ein und schon nach dem Bruchteil einer Sekunde dürfte allen klar gewesen sein: Der tolle 13-Minüter „Home“ hatte sich in die Setlist geschlichen. Die nahezu exotischen Melodien, die herzhaft verfrickelten Instrumentalpassagen und der spitzenmäßige Refrain, auch in diesem Lied schien alles seine Perfektion zu haben, es war schlichtweg ein einziger Genuss!

Damit beendeten Dream Theater ihr erstes Set und schickten die Audienz in eine fünfzehnminütige Pause. Ein vorzeitiges Resümee? Bei solch einer Reizüberflutung leider kaum möglich! Feststand jedoch schon jetzt, dass sich jeder einzelne Cent gelohnt hatte. Wie bereits angedeutet, war es Sänger James LaBrie nicht nur gelungen, dem hohen Niveau seiner Mitmusiker gerecht zu werden, sondern auch selbst Akzente zu setzen, was dem Gesamtbild überaus gut tat. Den anderen vier Sympathiefiguren auf ihre kunstgeübten Händen zu schauen, versprach ohnehin eine helle Freude zu werden, erwies sich letztendlich aber – um es noch zu steigern – gar als eine einzigartige Erfahrung: Der sympathische Showman, humorvolle Selbstdarsteller und unfreiwillige „Jesusverschnitt“ Mike Portnoy trommelte wie immer beispiellos exzellent, erhob sich zeitweilig sogar von seinem Hocker, um lässig im Stehen weiterzuzocken, suchte von allen Instrumentalisten am häufigsten Kamera und Publikum und entzückte die Leute nebenbei noch mit seiner grüngefärbten Bartspitze. Werte Musikwelt: Dieser Mann ist und bleibt ein Unikum! Den nicht minder coolen Gegensatz dazu stellte wie gewohnt Bassist John Myung dar: Passiv, schüchtern, fast isoliert, jedoch voll und ganz instrumentverliebt und blitzschnell durch die Partituren peitschend. Absolut liebenswert!
Der stets charismatisch und ausgeglichen wirkende John Petrucci glänzte selbstredend durch sein atemberaubendes, grenzenlos versiertes Gitarrenspiel, gerne auch mal unisolo mit „Tastenmagier“ Jordan Rudess, dessen hyperschnelle und unnachahmlich präzise Spielweise das Instrument „Keyboard“ geradezu zweckentfremdet: Wer die Finger dieses Herren je über eine Tastatur hat flitzen sehen, wird die Stromorgel definitiv nie wieder in seinem Leben als ein bloßes Begleitinstrument erachten. Pure Akrobatik!

Dass auf der Bühne sofort nach der Pause der absolute Dampfhammer ausgepackt wurde, dürfte jedoch nicht an ihnen vorbeigerauscht sein: Die Rede ist von dem vielerseits gewünschten, vierzehnminütigen Longtrack „The Glass Prison“ – Repräsentant des Doppelalbums „Six Degrees Of Inner Turbulence“ (2002) – welcher nebst aller technischen Raffinessen noch derartig heftig planierte, dass es nur so seine Art hatte. Hier geriet man selbst als Liebhaber extremerer Stilrichtungen ins Schaudern! Nahtlos griff das Stück in seinen thematischen Nachfolger „This Dying Soul“ von dem Album „Train Of Thought“ (2003) über, der ebenso vorbildlich hinter seinem „großen Bruder“ hinterher hämmerte. Was für ein Brett!
Nun war die Band wieder beim neuesten Output „Octavarium“ angelangt und gab davon das Stück „Never Enough“ zum besten, welches meiner Ansicht nach die einzige austauschbare Nummer an diesem Abend darstellte, wahrscheinlich dadurch bedingt, dass ich vom aktuellen Silberling stattdessen gerne das hitverdächtige „These Walls“ gehört hätte. Aber sei’s drum, rein musikalisch konnte man auch hier nicht meckern, obgleich der Song durch den großzügigen Muse-Einschlag bei den Fans sicherlich etwas polarisiert. Mit „Sacrified Sons“ widmeten sich Dream Theater anschließend der Dramatik um die Terroranschläge vom 11. September 2001. Eine sehr schön dargebotene Halbballade mit abermals tollem LaBrie und einem andächtigen Gitarrensolo, die sich live noch besser entfaltete, als auf CD.
Doch nun kam tatsächlich das, was so viele gehofft, aber nicht für möglich gehalten hatten: Das vierundzwanzigminütige Titellied „Octavarium“. Und dies ist auch der Punkt, an dem ich am liebsten versuchen würde, sämtliche Lobhudelei einzustellen, da sie diesem Erlebnis kaum gerecht werden kann. Einfach faszinierend, wie rituell Jordan Rudess die ersten Minuten dieses Epos auf einem mir bis dato unbekannten elektronischen Instrument namens „Continuum“ zelebrierte und dieses Meisterstück abschließend in einem sagenhaften Bombastfinale mit Petrucci’s wunderbarem, elegisch-pathetischem Gitarrensolo kulminierte, ja geradezu ejakulierte. Das Intensitätslevel wurde schlichtweg ins Unermessliche getrieben, objektiv gesehen war hier einfach keine Steigerung mehr möglich!

Offiziell sollte dieses unglaubliche „Fest der Sinne“ damit vorbei sein, jedoch ließen sich Dream Theater selbstverständlich noch zu einem Zugabenblock hinreißen, welcher mit dem leicht kitschigen, aber absolut aufbauenden und herzerfrischenden „The Spirit Carries On“ für ein Meer hochragender Hände inklusive Feuerzeug schwingendem Mike Portnoy sorgte und der Show mit der kultigen Überhymne „Pull Me Under“ und dem hochkarätigen „Metropolis Pt.1“ endgültig die imaginäre Krone aufsetzte. Wünsche blieben hier eigentlich keine mehr offen, lediglich „Learning To Live“ hätte die Klassikerriege noch bereichernd ergänzen können, aber man kann schließlich nicht alles haben. Ein unvergesslicher Abend, dem ich nichts mehr hinzuzufügen habe außer eines: Danke Dream Theater, danke!

Setlist
01. The Root Of All Evil
02. Panic Attack
03. Another Won *
04. A Fortune In Lies
05. Under A Glass Moon
06. Caught In A Web
07. Peruvian Skies
08. Raise The Knife **
09. Home
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10. The Glass Prison
11. This Dying Soul
12. Never Enough
13. Sacrified Sons
14. Octavarium
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15. The Spirit Carries On
16. Pull Me Under / Metropolis Pt.1

* Demo-Song aus der MAJESTY-Zeit (1985)
** auf keinem Studioalbum zu finden, entstanden während einer Session zur „Falling Into Infinity“-Phase

Geschrieben am 7. Oktober 2005 von Metal1.info

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