Festivalbericht: Elbriot 2015

15.08.2015 - 15.08.2015 Großmarkt, Hamburg

Elbriot 2015 – Vollgas und Chaos auf einem Parkplatz

Am 15. August 2015 ging das Elbriot in die nächste Runde. Auf dem Hamburger Großmarkt fanden sich Rund 10.000 Metal-Fans ein, um diese Bands zu feiern: VITJA, ESKIMO CALLBOY, BLACK STONE CHERRY, BLUES PILLS, CALLEJON, KVELERTAK, ENTER SHIKARI, OPETH, KREATOR und IN FLAMES.

Es ist ein grauer Morgen im Hamburger Hafen und es fallen vereinzelte Regentropfen auf den langen Weg vom Eingang des Elbriot-Geländes zur Bühne. Die Fläche ist gerahmt von Dixi-Klos, Merchandise-Ständen, Futter- und Getränke-Buden. Der Charme entspricht dem trostlosen Flair eines abgesperrten Parkplatzes. Nicht verwunderlich, denn es ist ein abgesperrter Parkplatz, den bestenfalls ein leicht postapokalyptisches Gefühl rettet, wenn man darauf steht.

IMG_2226Noch recht leer – für einen Samstagmittag vielleicht auch schon recht voll – ist die Betonfläche, als VITJA loslegen. Die Band ist kurzfristig für die ausgefallenen MASTODON eingesprungen und traf schon im Vorfeld auf recht viel Ablehnung des Publikums im Internet. Auch jetzt bleibt die Stimmung verhalten, obwohl Sänger David Beule sich die Seele aus dem Leib grölt, er die Gäste zu motivieren versucht und die Musik deutlich zu laut ist. Auch die Tonqualität braucht mehr als zehn Minuten, bis sie sich plötzlich, aber endlich dann doch professionell anhört. Zur schwülen, feuchten Luft kommt keine Feierlaune auf. Schade, denn eigentlich kann das djentige Metalcore-Quartett einiges, was zum Beispiel die Songs „Your Kingdom“ von der gleichnamigen, aktuellen EP und „Conversations“ vom Debüt-Album „Echoes“ zeigen, den Beule doppeldeutig auf Songinhalt und Besucher beziehbar mit „Macht mal das Maul auf!“ ankündigt. Kein wirklich guter Start, der auch noch in einem starken Regenschauer endet.

IMG_2455Die kurzfristige Abkühlung von der schwülen Hitze verschafft den immer mehr werdenden Metalheads die nötige Energie, um bei ESKIMO CALLBOY nun aber richtig abzugehen. Die Trancecore-Party beginnt und kann ganz besonders mit All-Time-Favorites wie „Hey, Mrs. Dramaqueen“ und „Muffin Purper-Gurk“ punkten. Leider spielen Eskimo Callboy vom aktuellen Album „Crystals“ auch „Best Day“, der von vielen Fans als popmusikalischer Selbstverkauf gehandelt wird, bevor sie mit „Is Anyone Up?“ der Partystimmung noch einmal richtig einheizen. Eskimo Callboy hinterlassen gut gelaunte Elbriot-Besucher, die nach der Bühnenräumung den Musikern noch eine Weile hinterherrufen: „Eskimo! Eskimo! Eskimo!“

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„Me and Mary Jane got a thing going on!“, ertönen wenig später ganz andere Klänge in den Hamburger Hafen hinein. BLACK STONE CHERRY begeistern mit einem Southern Hardrock mit der lässigen Attitüde selbstverständlicher Entspanntheit. Viele wissen sich sofort zu fügen in ein Gefühl von Begeisterung und unaufgeregter Coolness. Neben vielen Songs von der neusten Platte „Magic Mountain“ sind auch ältere Tone dabei wie das beliebte „White Trash Millionaire“ und der Klassiker „Lonely Train“. Auch die fragenden Blicke, ob Black Stone Cherry überhaupt auf ein derartiges Metal-Festival passen würden, wurden zum Abschluss mit „30 Seconds of Death Metal“ wenigstens für einen Moment bedient. So locker, so smooth, so cool kann ein Festival-Nachmittag also sein.

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Bis hierher gab es keinen Aufstand, obwohl sich viele ein härteres Programm gewünscht hatten. BLUES PILLS mussten dann aber doch in eine Menge zerknirschter Gesichter schauen. Während die einen den verspielt rockenden und gemütlich groovenden Bluesrock der Schweden genossen oder zur Entspannung nutzten, regte sich in den aktiveren Gemütern Missmut über die Auswahl der Bands oder auch deren Anordnung. Mittlerweile ist es gut voll, aber nur wenige scheinen BLUES PILLS mehr Auftrittszeit zu gönnen als BLACK STONE CHERRY und ESKIMO CALLBOY. Es sei noch die aktuelle Platte „Blues Pills“ erwähnt und die Tatsache, dass das Team um Sängerin Elin Larsson durchaus Qualität abliefert, aber es stellt sich auch folgende Frage: Muss ein Festival, das zu 50% aus überwiegend ungewöhnlicherer Core-Musik besteht und Headliner wie IN FLAMES und KREATOR auf die Bühne holt, seine recht eindeutige Zielgruppe mit Bluesrock langweilen? Schade für viele Besucher und schade auch für BLUES PILLS.

IMG_3035CALLEJON hingegen treffen den Geschmack der Menge auf den Punkt. Die Tonqualität ist vom ersten Song an optimal: „Wir sind Angst“ vom gleichnamigen aktuellen Album. In ihrem ganz eigenen, tiefsinnig emotionalen, aber dennoch provokant harten Metalcore-Stil prügeln sie Songs wie „Sommer, Liebe, Kokain“, „Blitzkreuz“ und „Snake Mountain“ über den Platz, die auf keinem CALLEJON-Konzert fehlen dürfen. Als Sänger BastiBasti ganz ruhig wird und ankündigt, jetzt käme sein Lieblingslied, spürt man, wie viele Fans genau wissen, dass nun das Meisterwerk „Kind im Nebel“ gespielt wird: Ein – wenn nicht der – Höhepunkt des Elbriots. Im Kontrast dazu brüllt BastiBasti immer wieder alberne, wortlose Schreie in die Menge und fordert auf, die nachzumachen. Auch die Coversongs „Schwule Mädchen“ und „Schrei nach Liebe“ fruchten, sind jedoch vielleicht noch passender auf Veranstaltungen, auf denen CALLEJON unbekannter sind als hier. Zum Abschluss wird noch einmal auf die totale Party-Extase hingearbeitet, als bei „Porn from Spain 2“ Sänger Sushi von ESKIMO CALLBOY den Song um eine besonders hart geshoutete Tonlage ergänzt. Eine deutlich hervorragende Show, die den Fangeschmack heute hier auf den Punkt trifft.

IMG_3133Daran anzuschließen ist nun die Aufgabe von KVELERTAK, die ihren Rock ’n‘ Roll mit Hardcore Punk und Black Metal mischen. Damit gehören sie zur „uncorigen“ Hälfte des Elbriot, was man leider auch in der Begeisterung der Menge merkt: Sie ist geringer. Der Auftaktsong „Kvelertak“ vom aktuellen Album „Meir“ ist eher dem Rock ’n‘ Roll zuzuordnen und wird abgelöst vom stellenweise deutlich extrem-metalligeren Song „Nekroskop“ von der Vorgänger-Platte „Kvelertak“. Die norwegischen Texte bieten nicht wirklich Passagen, in denen die ohnehin nicht außerordentlich zahlreichen Fans mitgrölen könnten – oder würden. Aber im Gegensatz zum Auftritt von BLUES PILLS wird auch kein spürbarer Missmut laut.

Wieder wird deutlich, dass vor allem Metalcore-Fans die Karten des diesjährigen Elbriots gekauft haben. Bei ENTER SHIKARI steigt die Stimmung wieder an. Der noch gemäßigte Start mit „The Appeal & the Mindsweep I“ vom aktuellen Album „The Mindsweep“ wird unter anderem gefolgt von Abriss-Titeln wie „Destabilise“, „Radiate“ und „The Last Garrison“. Nicht zuletzt die motivierenen Ansagen von Lead-Sänger Rou Reynolds verhelfen zur Höchststimmung: „Maxumum Energy now! Make some space! Circle pit now! Bigger than that! BIGGER THAN THAT!“
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Die komplexe Mischung aus Metal, Metalcore, Dubstep und Sprechgesang fügt sich glatt und doch provokant in die Trance-Core-Post-Hardcore-Basis von ENTER SHIKARI. Die gelegentlichen leichten Tonprobleme im Gesang werden sofort vergessen, wenn Rou ehrlich wie kaum ein anderer Bühnenmensch sagt: „Thank you for your sweat! Thank you for your smiles! Thank you for your voices! Thank you for having uns here!“ Und während der letzte Song „Anaesthetist“ beginnt, hört und sieht man die Dankbarkeit der Menge: Thank you, Enter Shikari!

IMG_3503Erneut wird der tendenziell recht schwarz gekleideten Menge ein Genrewechsel zugemutet, der nicht unbedingt zur dramaturgischen Steigerung der Laune beiträgt. OPETH hätten durch partielle Death-Metal-Anleihen zwar auch Unterhaltungspotenzial für die anwesende Überzahl der Fans härterer Tonarten, aber die Entwicklung der Band und das heutige Programm bieten doch eher einen progressiven Rock. Der ist verspielt, interessant, vielseitig und durchaus gewürzt mit ein paar Tendenzen in Richtung Metal, aber wer bringt schon ein Messer mit zu einer Schießerei – und dazu noch ein Schweizer Taschenmesser mit gefühlten 145 Funktionen? Die Eröffnung mit „Eternal Rains Will Come“ und „Cusp of Eternity“ vom neusten Album „Pale Communion“ machen den Auftakt. Die Show steigert sich bis zum All-Time-Fevorite „Deliverance“, wird aber trotz der unbestreitbaren Qualität der Band von sehr vielen doch als Ruhepause für nachfolgende Bands genutzt. OPETH stellen sich somit als weiteres Fragezeichen hinter die Frage, ob der musikalische Spagat auf dem diesjährigen Elbriot zu groß ist.

IMG_3611KREATOR treffen zwar auch nicht direkt ins Herz der vielen am Core orientieren Metalheads des heutigen Publikums, aber immerhin scheinen ihre Klänge gut vereinbar mit dem anwesenden Massengeschmack. Als gestandene Thrash-Metal-Größe liefern sie ein buntes Programm aus ihren vielen Alben ab. Ob es die zunehmende Betäubung durch Bier, die Hitze des Tages, die Länge der Veranstaltung oder der Musikgeschmack sind, die verhindern, dass die Menge so richtig ausrastet, lässt sich nur schwer sagen. Ablehnung schlägt KREATOR jedenfalls nicht wirklich entgegen und so schreddern sie unter anderem mit dem Titelsong des jüngsten Studioalbums „Phantom Antichrist“ gelungen in den Abend des Elbriots hinein. Erwartbar, aber nicht weniger gern gehört, schließen sie mit dem Klassiker „Pleasure To Kill“.

IMG_3730Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und einige haben schon den Heimweg angetreten, doch die große, dunkle Masse wartet auf IN FLAMES. Als sie die Bühne erreichen, merkt man, dass sie eine der Bands sind, deretwegen viele, viele Tickets des Elbriot-Festivals verkauft wurden. So gewohnt es die schwedischen Metal-Giganten mittlerweile auch sein müssten, haben die letzten Alben wie schon die zu Beginn der 2000er Jahre wieder einmal zu einer stärkeren Spaltung der Fans geführt. So wundert es etwas, dass Sänger Anders Fridén das trotzig anmutende Bedürfnis hat, sich zu rechtfertigen: „We play some kind of Heavy Metal! Our kind of Heavy Metal! If you don’t like ist, fuck it!“ Wer es nicht mag, hatte ja auch die Gelegenheit, das Gelände vorher zu verlassen – der Vorteil bei der letzten Band des Tages. Alle anderen feiern ältere wie neue Songs ordentlich bis ekstatisch. Vom einstigen Melodic Death Metal ist nur noch wenig übrig. Heute spielt die Band eher einen Alternative Metal, der sich am Metalcore und entfernter auch am Post-Hardcore bedient, auch wenn ungewogene Kritiker sie aktuell liebend gern in die Pop-Rock-Schublade schubsen würden. Live ist diese Kritik allerdings auch spürbar. Songs wie „Everything’s Gone“ und „Paralyzed“ vom im Härtegrad kommen doch noch etwas weiter entschärften aktuellen Album „Siren Charms“ doch wesentlich geshouteter, aggressiver und aufgemöbelter rüber als die entsprechenden Studioversionen. Nach dem Anfänglichen Luftmachen über die negativen Stimmen wird mit „Bullet Ride“ exzessives Crowdsurfing gefordert und bald darauf stellt Fridén selbstironisch fest: „Wie have no fucking talent in this band, so put your hands up in the air and help us with the beat!“ IN FLAMES liefern nach ihrem Auftritt auf dem diesjährigen Wacken Open Air innerhalb kürzester Zeit ein weiteres erstklassiges Konzert in Norddeutschland ab, das einen eher unerwarteten Höhepunkt erhält, als das eher selten gespielte Meisterwerk „The Chosen Pessimist“ erklingt. Ein äußerst gelungener Abschluss eines durchwachsenen, aber dennoch durchaus gelungenen Festivals.
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Fotos: Jan Termath (P³Hamburg)
Text: Jazz Styx

Publiziert am von Jan Termath

Fotos von: Jan Termath

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