
PATTI SMITH ist eine lebende Legende, genau wie IGGY POP, der nur wenige Tage zuvor im gleichen Alter auf der selben Bühne gestanden hat. Ihr Auftritt im ausverkauften Tollwood-Zelt in München gerät zu einer mitreißenden Mischung aus politischer Botschaft, musikalischer Zeitreise und persönlicher Nähe. Doch trotz aller magischen Momente bleibt nicht alles makellos.
Der Einstieg in das Set verläuft zunächst etwas holprig. Gesanglich treffen die ersten Stücke wie „Redondo Beach“ nicht immer ins Schwarze – man hört ihr die lange Karriere und vielleicht auch die Tagesform an. Doch PATTI SMITH wäre nicht PATTI SMITH, wenn sie sich davon beirren ließe. Statt sich hinter Routine zu verstecken, begegnet sie den Unsicherheiten mit entwaffnendem Humor und Charme und hat das Publikum früh auf ihrer Seite. Unterstützt wird sie von einer routinierten Band um Keyboarder und Bassist Tony Shanahan. Mit dabei ist auch ihr Sohn Jackson Smith an der Gitarre. Der macht seine Sache solide, auch wenn er nicht der stärkste Solist ist.

Die meiste Aufmerksamkeit gilt ohnehin seiner Mutter, die am Bühnenrand steht, Wasser in den Graben spuckt, sich die Akustikgitarre umschnallt oder immer wieder den Geist der Freiheit beschwört. Politisch und poetisch zugleich wird es, als SMITH vor „Ghost Dance“ die Verbrechen an der indigenen Bevölkerung anprangert oder mit „1959“ die Unterdrückung in Tibet thematisiert. Das Stück, das sie dem Dalai Lama widmet, wirkt hymnisch und verletzlich zugleich. Ein gesprochener und früher indizierter Text von Allen Ginsberg, den sie von ihrer Band instrumental stimmig untermalt von Notizzetteln abliest und anschließend ins Publikum schleudert, schlägt eine Brücke zwischen Beat-Poesie und Punk.

Zwischendurch erzählt sie, sie sei am Nachmittag in Alt-Bogenhausen gewesen – am Grab von Rainer Werner Fassbender. „Ich habe im Regen mit ihm gesprochen“, sagt sie, und widmet ihm anschließend den Song „Nine“. Ob man will oder nicht: Diese Momente treffen. Auch wenn manche Ballade im Verlauf des Konzerts etwas zäh gerät, verliert SMITH nie die Verbindung zur Menge. Im Gegenteil: Als sie gegen Ende verkündet, dass sie mal eben zur Toilette müsse, wirkt das nicht peinlich, sondern charmant. Das gilt auch für jene Momente, in denen SMITH grinsend sagt, sie brauche ihre Brille, um die Botschaften auf den Plakaten im Publikum zu lesen. Der Applaus ist ihr stets sicher. Bei „Because the Night“ zeigt sich die stimmliche Unsicherheit dann noch einmal – ein paar Text- und Timingfehler sind unüberhörbar. Doch selbst das verzeiht das lautstarke Publikum und stimmt kräftig mit ein.

Richtig energetisch wird es zwischeneitlich auch bei der überraschend starken Cover-Version von „Bullet With Butterfly Wings“ von den SMASHING PUMPKINS. Anfangs scheint SMITH sich im Text zu verlieren, doch dann findet sie ihre Linie – und explodiert förmlich. Zum Abschluss folgt mit „People Have the Power“ die unverwüstliche Hymne, mit der sie ihre politische Botschaft bündelt und das Zelt nochmals zum Kochen bringt. Ob Punk tot ist? Vielleicht. Aber im Universum von PATTI SMITH lebt er weiter. Und ist vielleicht genau deshalb so berührend.
Ein nicht perfektes, aber großes Konzert. PATTI SMITH steht mit 78 Jahren für Haltung, Würde und die ungebrochene Kraft der Musik. Ihr Auftritt war nicht frei von kleinen Schwächen, aber reich an Seele. Und damit womöglich punkiger, als es viele jüngere Bands sein könnten.

