Wer im Metal-Kontext sozialisiert ist, dürfte mit TRISTAN BRUSCH auf den ersten Blick wenig anfangen können. Keine Riffs, kein Druck, keine Katharsis über Lautstärke. Und trotzdem funktioniert sein Konzert in München erstaunlich gut auch aus genau dieser Perspektive: weil Brusch eine ähnliche Konsequenz in seiner Emotionalität verfolgt wie viele der Spielarten härterer Musik. Nur eben ohne Verzerrer, dafür mit Chanson, feiner Ironie und einer guten Portion existenzieller Schwere.
Den Auftakt übernimmt LISA HARRES, die den Abend rund 20 Minuten lang eröffnet – und das bewusst reduziert. Ohne Band, allein meist an der Gitarre, stellt sie ihr Debütalbum „Time As A Frame“ vor. Ihre Songs wirken fragil und gleichzeitig erstaunlich präsent, getragen von einer sehr klaren, schönen Stimme, die gerade in den ruhigen Momenten hängen bleibt. Zwischen den Stücken verliert der Auftritt allerdings etwas an Spannung: Lisas Ansagen wirken stellenweise arg nüchtern. Musikalisch passt das Set als leise Einladung trotzdem gut in den Kontext des Abends.

Die ersten Töne stehen noch im Raum, da ist TRISTAN BRUSCH längst auf der Bühne. Kein großes Aufheben, kein Pathos im Auftritt. Er wirkt eher wie jemand, der sich vorsichtig in seine eigene Geschichte hineinbewegt. Und genau das passt zu diesem Abend in München, der sich weniger wie ein klassisches Konzert anfühlt, sondern eher wie ein gemeinsames Durchatmen.
Im Zentrum der gut 90-minütigen Show steht erwartungsgemäß das aktuelle Album „Am Anfang“, mit dem BRUSCH seine lose Trilogie abschließt. Der Einstieg gelingt direkt mit „Grundsolider Schläger“, einer dieser typisch ambivalenten Songs, in denen sich lakonischer Humor und leise Tragik gegenseitig aushebeln. Musikalisch bewegt sich das Ganze zwischen Chanson, Indie und orchestralen Momenten, getragen von einer Band, die Bruschs oft fragile Stücke spürbar verdichtet, ohne sie zu erdrücken. Überhaupt funktioniert das Zusammenspiel mit Cello, Keyboard, Bass und Schlagzeug bemerkenswert gut: Die Band gibt den Songs mehr Raum, ohne ihnen die Intimität zu nehmen. BRUSCH wirkt dabei konzentriert, fast kontrolliert, gleichzeitig aber nie distanziert. Man merkt, dass dieses Setup für ihn als ursprünglichen Solo-Künstler immer noch etwas Besonderes ist, aber genau daraus zieht der Abend auch seine Spannung. Zu den Höhepunkten zählen auch jene Momente, in denen sich BRUSCH den Gesang mit Veronika Hahn teilt, manchmal sogar das selbe Mikro wie in „Am Herz vorbei“.

Zwischen den Songs spricht BRUSCH viel, oft trocken, manchmal selbstironisch, selten ausschweifend. Wenn er etwa die Geschichte hinter „Lieben in Maßen“ erzählt, kippt das wie so oft bei ihm vom Sprachwitz ins Grundsätzliche. Dieses Spiel mit Bedeutungen, mit kleinen Verschiebungen im Text, ist eines seiner stärksten Mittel. Es sind auch die scheinbar nebensächlichen Details wie seine Tolpatschigkeit im Umgang mit Wasserflaschen oder Stühlen, die hängen bleiben. Inhaltlich bleibt BRUSCH sich treu. Verlust, Zweifel, die Suche nach Sinn – das alles ist präsent, aber nie schwerfällig inszeniert. Stattdessen wirken viele Momente fast beiläufig, gerade dadurch aber umso ehrlicher. Wenn er sagt, dass Schönheit für ihn oft erst dann funktioniert, wenn sie ein bisschen wehtut, versteht man sofort, was er meint. Songs wie „Geboren um zu sterben“ tragen genau diese Haltung in sich, ohne ins Resignative zu kippen. Das Publikum geht diesen Weg bereitwillig mit. Keine überschwängliche Euphorie, kein lautes Mitsingen, sondern eine konzentrierte, fast andächtige Stimmung. Man hat eher das Gefühl, dass hier jeder für sich zuhört und trotzdem Teil von etwas Gemeinsamen ist.

Gegen Ende wird es noch einmal persönlicher. Die einzige Zugabe „Das Leben ist so schön“ spielt BRUSCH alleine an der Gitarre. Davor spricht er über ungeklärte Rechte an seiner Musik, weswegen er nun sein eigenes Label gegründet hat und auf Unterstützung seiner Anhänger angewiesen ist. Danach wird es musikalisch ruhiger, klarer, trotz allem fast versöhnlich. Besonders diese letzten Minuten lösen die zuvor aufgebaute Schwere ein Stück weit auf. Keine große Katharsis, eher ein leises Einverständnis damit, dass nicht alles aufgelöst werden muss.
Am Ende bleibt ein Abend, der sich bewusst gegen einfache Antworten stellt. TRISTAN BRUSCH liefert keine großen Gesten, sondern kleine, präzise Beobachtungen. Und genau darin liegt seine Stärke.
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