CD-Review: Devin Townsend Project - Ki

Mai 2009

Besetzung

Devin Tonwsend - Gesang, Gitarre
Jean Savoie - Bass
Duris Maxwell - Schlagzeug
Dave Young - Keyboard

Gastmusiker
Che Dorval - Gesang

Tracklist

01. A Monday
02. Coast
03. Disruptr
04. Gato
05. Terminal
06. Heaven Send
07. Ain't Never Gonna Win...
08. Winter
09. Trainfire
10. Lady Helen
11. Ki
12. Qiet Riot
13. Demon League


Wenn es jemanden gibt, auf den die Attribute umtriebig, produktiv, innovativund kreativ alle zugleich zutreffen, so ist es wohl der Kanadier DEVINTOWNSEND, der 1993 erstmals als Gastsänger auf Steve Vais Album „Sex andReligion“ von sich reden machte. Als die Zusammenarbeit ein Jahr späteraufhörte, begann für den jungen Devin eine musikalische Odyssee, unterstütztvon Drogen, Alkohol und wer-weiß-was-noch. In dieser Zeit entstanden einigeAlben unter verschiedenen Namen, die man wohl ohne Neid – ob die Musik nunpersönlich etwas gibt oder nicht – als Meisterwerke bezeichnen kann. Ampopulärsten dürfte seine Band Strapping Young Lad sein, die alsSoloprojekt begann, sich aber bald zur vollwertigen Band mauserte, die ihrenHöhepunkt, das Album „City“, bis zur Auflösung 2006 nicht mehr erreichte,aber trotz allem überdurchschnittlichen Metal zwischen allen Stühlenhervorbrachte. Auch andere Projekte, abgesehen von zwei puren Ambient-Scheiben,gingen eher in die hartmetallische Richtung und begeistern auch nach Jahrennoch ob ihrer Komplexität, Vielfalt und TOWNSENDs unheimlichem Gespür fürMelodie sowie seinem ausgefallenen Gesang. Doch 2007 war es auch damit erstmalvorbei und das Konzeptalbum „Ziltoid the Omniscient“, welches sich- oberflächlich lustig – mit der Drogensucht auseinandersetzt, markierte erstmal dasEnde einer Ära. Knapp drei Jahre hat es gedauert, bis der nun vollkommen drogen- und alkoholfreie – auch Kaffee ist nicht mehr – Devin sich erneut das Mikro und dieKlampfe griff, um der Welt zu zeigen, dass jedes Ende auch ein Anfangist.

Die neueste Inkarnation hört schlicht auf den Namen DEVIN TOWNSEND PROJECT und ist auf vier Alben ausgelegt, die alle so dermaßen unterschiedlich ausfallensollen, dass der Chefdenker sich jedesmal andere Musiker ins Boot holt, umseine Vision angemessen zu verwirklichen. Den Anfang macht nun „Ki“, welches“ausdrückt, was vorhanden IST, anstatt das, was NICHT vorhanden ist“. Dafür hatsich Herr Townsend den gestandenen Jazz-Drummer Duris Maxwell ins Boot geholt,der, ebenso wie Basser Jean Savoie, einfach mal gar nichts mit Metal am Hut hat.Eine gute Methode, um unvoreingenommen an neues Material zu gehen. Der einzigenicht-neue außer Devin himself ist Keyboarder Dave Young, der auch schon beiSYL und der DTB sphärische Tastenklänge beisteuerte. Außerdem hat es eine gewisse Che Dorval auf „Ki“ geschafft, die als Neuerung Gesang beisteuert. Doch dazu später mehr. Was kommt also dabei heraus, wenn ein erfahrener Jazz-Schlagzeuger, ein Bassist, der laut Townsend eigentlich alles spielen kann, er selbst und Young sich zusammensetzen, um zu jammen? Soviel sei vorweggenommen: Auf das Resultat trifft auf jeden Fall die Bezeichnung ungewöhnlich zu.

Die erste Überraschung erwartet den geneigten Hörer gleich zu Beginn und machtdeutlich, dass hier tatsächlich etwas vollkommen neues dargeboten wird. Das kurzeInstrumental „A Monday“ eröffnet die Scheibe ungewohnt leise, sanft undzurückhaltend. Dass Devin Fender-Equipment für sich entdeckt hat, hört manjeder getragenen Note an und die sonst so vereinnahmende Wall of Sound lässtsich weit und breit nicht blicken. Stattdessen werden die Songs von klarenGitarrenklängen getragen, die sich dank dem Nährboden, den ihnen Maxwellslässig-energiegeladenes Spiel bietet, nach und nach im Ohr entfalten, ohne dortgleich Anspruch auf Alleinherrschaft zu erheben. Allein „Coast“ mit seinenwohlplatzierten Disharmonien lässt sich immer wieder anhören, ohne einem auchnur im Ansatz über zu werden. Wie kontrolliert das DEVIN TOWNSEND PROJECTmusiziert, lässt sich am „Disruptr“ beobachten, dem Ziltoid über die Schulterzu lugen scheint. Denn obwohl der Härtefaktor insgesamt massiv zurückgeschraubtwurde und es zweifelbar ist, dass mit „Ki“ glücklich wird, wer nur auf Gebolzesteht, gibt es sie, die gelegentlichen Fast-Ausbrüche. „Disruptr“ ist alsganzes ein solcher, wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, doch schlussendlichergibt er sich der Ausgeglichenheit und entspannten Ruhe.

Man mag es kaum glauben, aber DEVIN TOWNSEND scheint seine stimmlichenVariationsmöglichkeiten noch erweitert zu haben. Jede Stimmung, jede Emotionbekommt die ihr angemessene gesangliche Tonalität, die von hohem Säuseln überschon in sich variierenden Klargesang bis zu – tatsächlich – tiefen Growlsalles abdeckt. Zudem bekommt er markante Unterstützung von besagter Che Dorval, die sich erstmalig in „Gato“ zu Wort meldet und deren Organ so perfekt undkontrastiert in die Stücke passt, dass es fast schon beängstigend ist. Freilichdauert es einige Hördurchgänge der Platte bis sich Gänsehaut im Nacken bildet.Sowieso ist „Ki“ im Gesamten kein Schnellzünder. Wirkt es zu Beginn noch einwenig eintönig und gleichsam konfus, wächst es so gemächlich, aber stetig, wie“Terminal“ sich präsentiert. Das wunderbare „Heaven Send“ kommt so floydesk undfacettenreich daher, dass man ihm allein eine ganze Rezension widmen könnte.Dorvals Gesang, um den Devins Growls tanzen, während sich darunter eineauditive Klimax aufbaut, welche Chaos erahnen lässt und dann plötzlichverstirbt, um für einen Moment Geplaudere aus dem Studio Platz zu machen, isteinfach grandios.

Und dann ist da noch „Trainfire“. Man meint sich in die 50er-Jahre versetzt undElvis Presley wieder lebendig, so locker wird der urig Blues-triefendeRock’n’Roll wiedererweckt. Zusätzlich haut der gute Devin im Refrain eine derschönsten Melodien seiner Schaffenszeit raus, lässt wiederum alles fast inChaos versinken, nur um in Sekundenbruchteilen wieder lässig zum Blueszurückzukehren. Ob nun der alles vereinende Titelsong „Ki“ oder das folgende,karibisch anmutende Akustikstückchen „Quiet Riot“, es ist schier unmöglich,hier zu jedem Lied etwas zu schreiben, werden wenige Zeilen dem eigentlichenErlebnis beim Hören doch schwerlich gerecht. Ein Erlebnis, welches durch diesaubere, transparente Produktion übrigens nur begünstigt wird. „Ki“ ist einpersönliches, ruhiges, unaufgeregtes, aber keinesfalls unspannendes Albumgeworden und gewinnt mit der Zeit. Wer sich traut, mal reinzuhören, sollte dasruhig mehrmals tun und nicht gleich abschrecken lassen, denn es macht sichbezahlt. Man darf auf die drei folgenden Outputs vom DEVIN TOWNSEND PROJECTgespannt sein.

Bewertung: 9 / 10

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