CD-Review: Gojira - Magma

Juni 2016

Besetzung

Joe Duplantier – Gesang, Gitarre
Christian Andreu – Gitarre
Jean-Michel Labadie – Bass
Mario Duplantier – Schlagzeug

Tracklist

01. The Shooting Star
02. Silvera
03. The Cell
04. Stranded
05. Yellow Stone
06. Magma
07. Pray
08. Only Pain
09. Low Lands
10. Liberation


Sehnsüchtig warten Fans der französischen Öko-/Esoterik-Metaller GOJIRA auf das Nachfolgewerk des 2012 erschienenen „L‘Enfant Sauvage“. Nun steht das neue Album „Magma“ endlich in den Startlöchern. Überschattet wird der Release jedoch von der tragischen Entstehungsgeschichte: Kurz nachdem GOJIRA die Aufnahmen beginnen, wird die Mutter der Duplantier-Brüder todkrank und verstirbt, als die beiden kreativen Köpfe hinter GOJIRA gerade zur Hälfte mit dem Songwriting fertig sind. Ein Schicksalsschlag, der einen erheblichen Einfluss haben sollte.

Der Tod verändert Menschen. Er verändert ihre Art zu denken, ihre Art zu fühlen und natürlich folglich auch die Art das auszudrücken, was sie im Innersten bewegt. „Magma“ ist anders. Sehr sogar. Wer mit der Diskographie der Band vertraut ist, konnte über die Jahre hinweg feststellen, dass GOJIRA sich seit ihrem Meisterwerk „The Way Of All Flesh“ von purer Brutalität und Fokussierung auf Rhythmik entfernten und spätestens auf „L’Enfant Sauvage“ schon ein deutlicher melodischer, atmosphärischer Einschlag erkennbar war. Doch der Sprung zwischen diesem und „Magma“ ist dann doch überraschend groß. Wer sich auf ein weiteres Fest wütender Ausbrüche rhythmischer Gewalt gefreut hat, wird sich sicherlich nach dem ersten Durchlauf ratlos und irritiert wiederfinden. GOJIRA zeigen sich auf „Magma“ von ihrer nachdenklichen, ruhigen, bisweilen verletzlichen Seite. Wut und Aggression weichen Resignation und Trauer.
Dass die beiden Brüder das sich tatsächlich magmatisch langsam voranfressende, gänzlich clean gesungene und triste „The Shooting Star“ für die Eröffnung der Platte gewählt haben, ist daher als Entscheidung verständlich, kommt dem Album aber so gar nicht zugute. Einen zäheren Einstieg hätten sie aus ihren zehn Stücken nicht wählen können und so erweist sich der Start als eine Geduldsprobe. Mit dem Highlightsong und klassischem GOJIRA-Material „Silvera“ sowie „The Cell“ dem Mario-Duplantier-Austobe-Song, der auf keinem Album fehlen darf, folgt jedoch sogleich der Bruch und eine kurze, aber bestimmte Rückkehr zu ihren früheren Stärken: Die Songs sind kraftvoll, groovy, melodisch und eingängig.

Doch auch wenn GOJIRA ihren treuen Fans mit diesen Stücken merklich eine Freude machen wollten, sie bleiben die Ausnahme. Ob nun der bereits erwähnte Opener, der Titeltrack, das grandiose, immer nur mit kurzen Aggressionsausbrüchen versehene „Pray“ oder das beinahe meditative „Low Lands“ samt Enslaved-Gedächtnis-Part – sie alle werden von Ruhe und Nachdenklichkeit dominiert. In Bezug auf die Länge wurden die Songs zusammengestaucht, die Songaufbauten ganz untypisch für GOJIRA auf übliche Verse-Refrain-Strukturen zurückgefahren. Dass viele das als Anbiederung an den Mainstream auffassen und verfluchen werden, ist jetzt schon vorprogrammiert, im Kontext des Songmaterials aber zu kurz gedacht. Im Zuge des Herunterbrechens auf den emotionalen Kern sind auch ein strukturell reduzierter Ansatz sowie die sanftere, weniger maschinell-kalte Produktion des Albums nur logisch und konsequent.
Das starke „Only Pain“ geht dann aber doch noch mal sehr entschieden in die Offensive und klingt dabei wie die etwas bessere Version des vorab veröffentlichten „Stranded“. Zum Schluss versammelt man sich bei „Liberation“ zu wortwörtlich befreienden Klängen von Trommeln und Akustikgitarre im Stil eines unspektakulären Jams am Lagerfeuer, der bei fast jeder anderen Band wohl lächerlich wirken würde, in den Händen der Duplantiers aber zu einer zutiefst ehrlichen musikalischen Erfahrung wird. Vielleicht der schönste Abschluss eines GOJIRA-Albums seit „Global Warming“ vom 2005 erschienenen Werkes „From Mars To Sirius“.

GOJIRA mal ganz anders. „Magma“ fährt die sonst so bandtypischen Trademarks der Rhythmik, Aggression und kompositorischer Komplexität zurück und punktet stattdessen mit Emotionen, innerer Ruhe und Nachdenklichkeit. Das wird vielen treuen Fans einiges an Bereitschaft abverlangen, sich darauf einzulassen. Wer das jedoch tut, wird zwar vielleicht nicht mit dem musikalisch besten, aber mit dem intimsten und ehrlichsten GOJIRA-Album belohnt. Eine Erfahrung, die anstrengend, aber auch unglaublich lohnend sein kann. Man darf gespannt sein, wie die Reise dieser Ausnahmeband weitergeht.

Bewertung: 8 / 10

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