CD-Review: Gojira - Fortitude

April 2021

Besetzung

Joe Duplantier – Gesang, Gitarre
Christian Andreu – Gitarre
Jean-Michel Labadie – Bass
Mario Duplantier – Schlagzeug

Tracklist

01. Born For One Thing
02. Amazonia
03. Another World
04. Hold On
05. New Found
06. Fortitude
07. The Chant
08. Sphinx
09. Into The Storm
10. The Trails
11. Grind


Wenn es momentan eine Band der Stunde gibt, dann sind das GOJIRA: Die Franzosen sind derzeit in aller Munde und haben nicht zuletzt mit ihrer Spendenaktion rund um die „Amazonia“-Single viel Aufmerksamkeit erregt. Nahezu alles, was in der Szene Rang und Namen hat, steuerte zur Versteigerung für den guten Zweck Instrumente, Kunst oder persönliche Dinge bei.

Wer sich für GOJIRA interessiert und die Gruppe ein wenig verfolgt, wird keine Zweifel haben, dass diese groß angelegte Aktion weit mehr ist als einfach nur gute Album-Promotion. Diese vier Herren sehen sich auf einer Mission und verfolgen diese so konsequent und zielstrebig, dass sie mitunter schon als wichtigste Metal-Band der letzten Jahre, bisweilen gar des letzten Jahrzehnts angesehen werden. Fünf Jahre nach dem letzten Album erscheint mit „Fortitude“ nun neue Musik – und diese wurde von der Szene und der unaufhaltsam größer werdenden Fanschar GOJIRAs so sehnlich erwartet wie noch keines ihrer Werke zuvor.

Bereits im Sommer 2020 gaben GOJIRA einen Vorgeschmack, als sie im aufwändig animierten Video zu „Another World“ zu sehen waren. Es folgten die Vorabveröffentlichungen der Songs „Born For One Thing“, „Amazonia“, „Into The Storm“ und „The Chant“. Alleine diese fünf Titel zeigen, wie unglaublich vielfältig diese Band ist. Völlig gleich, ob „Amazonia“ Spuren von Sepultura-DNA aufweist oder „Born For One Thing“ und auch „Into The Storm“ ein wenig an Korn erinnern – all ihre Songs klingen zugleich unverwechselbar und einzigartig nach GOJIRA.

Was die vorab präsentierten Songs (und schon die gesamte „Magma“-Platte) vermuten ließen, wird auf dem fertigen Produkt „Fortitude“ bestätigt: Die Zeiten bedingungsloser Härte sind vorbei. Themen, die der Band besonders wichtig erscheinen, werden vermehrt über leisere Töne vermittelt. Das war nicht immer so, man denke nur etwa an „Toxic Garbage Island“, eine Nummer, die die Verschmutzung der Weltmeere behandelt und zu den brutalsten Stücken der Gruppe zählt. Wer die Franzosen mit all ihren temporeichen, kraftvollen Titeln kennen und schätzen gelernt hat, kann über diesen Werdegang durchaus geteilter Meinung sein. Doch davon lassen sich Joe Duplantier und seine Mitstreiter nicht beirren. Das aufrichtige Vermitteln von Werten und das Ansprechen gesellschaftskritischer Themen in einem eindringlichen Klangkostüm ist ihnen heute wichtiger, als einem vermeintlichen Ruf als Brachialkapelle gerecht zu werden. Diesbezüglich scheinen sie sich mehr oder weniger ausgetobt zu haben. Inzwischen stehen GOJIRA weiterhin für handwerklich extrem anspruchsvolle Musik, gestalten diese aber sehr viel zugänglicher als noch vor einigen Jahren.

Dazu trägt auch der qualitativ spürbar weiterentwickelte Gesang schwer bei. Während Duplantier schon immer beeindruckend tonsicher schreien konnte, entzückt längst auch sein Klargesang. Wie wunderbar der klingt, kann man auf „The Trails“ hören, dem auffälligsten und stimmungsvollsten Song der neuen Platte. Diese Nummer ist alles andere als typisch für GOJIRA, und doch ist sie der vielleicht schönste Song der Bandgeschichte. Auch das hymnenhafte Singen auf „The Chant“ zeigt Sänger Joe von einer ungewohnten Seite. Wird das Livepublikum hier entsprechend mitgenommen, hat diese Nummer das Zeug zum „Aloha Heja He“ der Metal-Festivals. „Hold On“ reiht sich in die Riege der klar gesungenen Songs zunächst nahtlos ein, bis er dann tatsächlich alle heutigen Trademarks der Band in diesem einen Stück vereint.

Freunde früherer Stunden kommen dennoch auf ihre Kosten. So zeigen „Into The Storm“ oder das mit wildem Nu-Metal-Riffing (!) startende „New Found“ und das bequem auch auf vorige Alben passende, Death-Metal-lastige „Sphinx“, dass GOJIRA auch rund 25 Jahre nach ihrem Debüt noch messerscharfe Riffs abliefern können. Es sind nur ein paar wenige dieser klassisch rohen Darbietungen, die an einstige Phasen der Gruppe erinnern. Doch man kommt nicht umher, nach dem Hören von „Fortitude“ anerkennend mit dem Kopf zu nicken – egal, welche Erwartungen man an das Album gestellt hatte. Was die Wahl-New-Yorker auf dieser Platte an Ideen- und Facettenreichtum bieten, sucht inzwischen seinesgleichen.

Viele Hörer hatten nach der eher sanft anmutenden, von reichlich Tragik geprägten „Magma“ die Hoffnung, die Truppe würde sich ihren Wurzeln doch wieder ein Stückchen annähern. Dass sie es nicht tut, zeigt vor allem, wie authentisch dieses Quartett ist. Schon lange muss es nichts mehr beweisen; GOJIRA haben sich einen sehr exklusiven Stellenwert in der Metalwelt erarbeitet und dass sie im Verlauf der Jahre musikalisch so gänzlich ohne festen Wohnsitz unterwegs sind, untermauert diesen. Das lässt wie bei jeder größeren Stiländerung einer Band auf der einen Seite enttäuschte Fans zurück, doch auf der anderen Seite wird es ihr zahllose neue Fans bescheren.

Diese Vereinigung überdurchschnittlich guter und so perfektionistischer Musiker ist einfach stimmig, wir erleben Weiterentwicklung auf allerhöchstem Niveau. Jeder Schritt ist genauestens durchdacht – es ist nur logisch, dass GOJIRA momentan das Aushängeschild des Metal schlechthin sind. Mit „Fortitude“ gelingt es ihnen, Grenzen zu sprengen: Sie haben ein Gänsehaut-Album erschaffen, das auch genrefremden Musikfans gefallen kann und so „unsere“ Musik in einzigartiger Weise einem breiteren Publikum zugänglich macht, ohne dass irgendjemand an Ausverkauf denken wird. Damit sind GOJIRA auf mehreren Ebenen Vorbilder und tatsächlich nichts anderes als die bedeutendste Metal-Band unserer Zeit.

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Bewertung: 10 / 10

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2 Kommentare zu “Gojira – Fortitude”

  1. Simon

    Witzig, das war tatsächlich auch mein erster Kontakt mit Gojira. :D Ich kannte sie nicht, dann waren sie da Vorband von In Flames und der Sound war grenzkatastrophal. Man hat im Grunde nur das Schlagzeug gehört, aber das allein war so… beeindruckend, so anders als das was ich kannte. (Die andere Band am Abend war übrigens Sonic Syndicate :D). Also habe ich, als ich wieder daheim war auf Youtube nach dieser Band gesucht und da es die Tour zum damals frisch erschienenen „The Way of All Flesh“ war, bin ich natürlich dort gelandet und habe mir „Oroborus“ und „Toxic Garbage Island“ angehört. Und ich war direkt Fan. Das hat so gezündet bei mir.

    Ich muss zugeben, gerade die neueren Gojira-Alben brauchen bei mir immer ein paar Durchläufe, bis ich sie vollends zu schätzen weiß und deshalb kann ich nicht endgültig sagen, was ich in 2 Monaten von „Fortitude“ halten werde. Aber es ist definitiv keine 10/10 für mich und ich kann auch jetzt schon sagen, dass es bei weitem nicht mein Lieblingsalbum werden wird. Ich finde gerade in der Mitte des Albums sind schon ein paar Fillertracks gelandet. Und was mir in diesem Kontext ein bisschen sauer aufstößt, ist die Abwertung, die Magma jetzt umso stärker erfährt als damals schon. Überall sieht man Aussagen wie „also Magma hat mir ja nicht getaugt, aber FORTITUDE! Das ist mal wirklich ein Meisterwerk.“, so als ob Fortitude der Phönix ist, der aus der Asche (höhö) des vergeigten „Magma“ wiedergeboren wurde. „Magma“ ist so ein grandioses Album und so krass missverstanden worden und ich habe das Gefühl, dass „Fortitude“ eigentlich an den „Magma“-Stil anknüpft, aber inzwischen haben die Fans sich daran gewöhnt und finden, dass es jetzt wieder „nach Gojira klingt“. Während „Magma“ halt den schweren Stand hatte, das Album zu sein „das anders klingt“. Egal, wo sich „Fortitude“ irgendwann einreihen wird in meinem persönlichen Gojira-Ranking (aktuell schätze ich: Mittelfeld), ich denke es wird mir immer schwer fallen, es wirklich zu lieben, weil so viele es aktuell in den Himmel loben und seinen wundervollen Bruder „Magma“ umso stärker im Vergleich niedermachen und das empfinde ich als wirklich unfair und löst in mir den Reflex aus, „Magma“ umso mehr zu verteidigen und „Fortitude“ vielleicht unfairerweise abzuwerten.

  2. Fenrir

    So gern ich sehr kritisch wäre, aber ich kann dem nur zustimmen, vorbehaltslos. Vor Jahren habe ich Gojira als Vorband von In Flames 2009 (?) in München im Zenith gesehen. Der Sound war Brei und ich konnte beim besten Willen nichts mit Gojira anfangen. Heute halte ich diese Band tatsächlich für eine der bedeutendsten Metal-Bands unserer Zeit… Ich verneige mich vor dem Werk, höre es fassungslos staunend und trage inspiriert ihrem Wirken bei!

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