Ja wie denn nun? Erst heißen LYNCH MOB plötzlich nicht mehr so, weil der Name problematisch sein könnte und tauchen in den Medien nur noch unter dem griffigen Titel „die Tourband, die früher mal LYNCH MOB hieß“ auf. Weil dieses Label überraschenderweise nicht so richtig zieht, nennen sie sich kurze Zeit später doch wieder LYNCH MOB, allerdings gibt ihr Bandkopf, der ehemalige DOKKEN-Saitenhexer George Lynch, quasi im gleichen Atemzug bekannt, dass sich die Band alsbald in den Ruhestand verabschieden würde. Dass es sich dabei um eines dieser im Musikgeschäft in letzter Zeit recht häufigen Missverständnisse handelt und sich der Titel ihres neuesten Live-Albums „The Final Ride Live“ daher auf etwas anderes beziehen muss, merkt man daran, dass Mr. Lynch unlängst verlauten ließ, dass LYNCH MOB gerade an einem neuen Album arbeiten.
Zumindest die Setlist von „The Final Ride Live“ liest sich relativ gewöhnlich. Dass mit „Lightning Strikes Again“ einer der besten DOKKEN-Songs als Opener gewählt wurde, ist genauso wenig überraschend wie die Tatsache, dass „Wicked Sensation“ als Titeltrack des Debütalums den Abschluss macht, und auch ansonsten findet sich vom neueren LYNCH-MOB-Material kaum eine Spur. Mit „Caught Up“ und „Time After Time“ stammen gerade mal zwei Songs vom damals aktuellen Album „Babylon“ und auch „Let The Music Be Your Master“ von 2009er Album „Smoke And Mirrors“ kann mit viel Wohlwollen als „neu“ bezeichnet werden. Ansonsten liegt der Fokus auf „Wicked Sensation“ sowie klassischem DOKKEN-Material, was allerdings bei Bands wie LYNCH MOB nicht unerwartet kommt – das Publikum will nun mal in erster Linie die Klassiker hören.
Wer LYNCH MOB hört, tut das vermutlich in erster Linie wegen ihres Bandleaders. George Lynch gilt zurecht als einer der begabtesten und einflussreichsten Gitarristen, die der Metal der 80er hervorgebracht hat und liefert auch auf „The Final Ride Live“ eine solide Performance. Allerdings hat der Mann sein Spiel seit der Hochphase von DOKKEN stark verändert und das ist auch während dieses Auftritts nicht zu überhören. Da es für Mr. Lynch nichts mehr zu beweisen gibt, spielt der Mann heute reduzierter, songdienlicher und weniger „angeberisch“. Das eignet sich hervorragend für breitbeinige Hard-Rock-Songs wie „No Good“, „Hell Child“ oder auch den DOKKEN-Hit „It’s Not Love“, passt aber lange nicht so gut zu Reißern wie „Paris Is Burning“ oder „Lightning Strikes Again“ – vor allem im Opener will das inzwischen eher bluesige Spiel des einstigen Saitenhexers nicht so recht passen.
Der noch vergleichsweise jugendliche Sänger Gabriel Colón hingegen macht bei der Truppe einen hervorragenden Job. Mit seiner Stimme, die wie eine Mischung aus dem ursprünglichen LYNCH-MOB-Sänger Oni Logan und Axl Rose klingt, passt der Mann hervorragend zu den stadtiontauglichen Hard-Rock-Songs und kann auch das klassische DOKKEN-Material passend, wenngleich ein wenig rauer interpretieren. Der generelle Sound von „The Final Ride Live“ ist einer modernen Live-Aufnahme durchaus angemessen. Während die Band fett und druckvoll klingt, verfügt der Klang doch über das nötige Live-Feeling und auch das Publikum kommt gut genug zur Geltung, damit die Aufnahme authentisch nach Club-Konzert klingt – das ist vor allem bei Live-Releases von Frontiers nicht immer garantiert.
Der visuelle Teil von „The Final Ride Live“ geht ebenfalls absolut in Ordnung. Die Stadionzeiten von Mr. Lynch sind schon lange vorbei und zusammen mit dem reduzierten Bühnenbild, das LYNCH MOB auffahren, wirkt die Darbietung der Truppe auf den ersten Blick geradezu spartanisch. Das „Guild Theater“ im kalifornischen Menlo Park, in dem das Konzert mitgeschnitten wurde, fasst auch „nur“ 500 Personen, ist an jenem Abend aber bis in die Ränge gefüllt, weshalb durchaus auch in Sachen Publikum für das Ambiente einer energetischen Rockshow gesorgt ist. Und obwohl nur mit stationären Kameras gefilmt ist der Konzertfilm hervorragend gelungen, was vor allem am atmosphärischen Schnitt liegt, der vor allem die Finger des Bandkopfs stets zum richtigen Zeitpunkt in den Fokus nimmt.
Zwar fühlt sich der Titel „The Final Ride Live“ aufgrund der jüngsten Aussagen des Bandleaders ein bisschen nach Etikettenschwindel an, auf die Qualität der Veröffentlichung hat das aber keinen Einfluss. Wer sich nicht daran stört, dass Gitarrenlegende George Lynch den Fokus in seinem Spiel mittlerweile nicht mehr so sehr auf technische Finesse legt, bekommt einen organischen, authentischen Live-Mitschnitt in Bild und Ton, der ein ziemlich akkurates Bild der aktuellen Version von LYNCH MOB vermittelt. Natürlich ist es schade, dass das erste Live-Dokument der Truppe erst auf dem Weg zum Karriereende aufgenommen wurde und nicht schon in der Zeit von „Wicked Sensation“ oder dessen Nachfolger, doch der Volksmund weiß: Besser spät als nie.
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