Voivod Forgotten In Space Coverartwork

Review Voivod – Forgotten In Space (Boxset)

40 Jahre VOIVOD – eine lange Zeit, in der die eigensinnigen Kanadier 15 Studioalben veröffentlichten, zuletzt „Synchro Anarchy“ im Jahr 2022. Mit ihren häufigen Stilwechseln und dem seit jeher alles andere als massentauglichen Sound war die Truppe noch nie „Everybody’s Darling“, ist dafür aber unbestreitbar eine der bedeutendsten Thrash-Metal-Bands ihres Landes. Ihr Jubiläum feiern VOIVOD mit dem Boxset „Forgotten In Space“ und ihren frühen, wegweisenden Platten aus den wilden Noise-Records-Jahren.
Ganze fünf CDs bzw. LPs haben VOIVOD in die Box gepackt: Die drei Studioalben „Rrröööaaarrr“ (1986), „Killing Technology“ (1987) sowie „Dimension Hatröss“ (1988), dazu die Liveaufnahme „No Speed Limit Weekend“ (1986) und die „Dimension Hatröss Demos“ (1987). Oben drauf gibt es noch die DVD „Chaosmongers“ mit einer Mini-Dokumentation, Promovideos und einem bisher unveröffentlichten Konzert aus Chicago (1988).

Mit ihrem zweiten Album „Rrröööaaarrr“ begannen VOIVOD, ihren Thrash Metal mit progressiven Elementen zu erweitern, allerdings klingt die Scheibe eben noch so wie sie heißt: „Rrröööaaarrr“ ist räudig, dreckig, ungestüm und rebellisch und passt damit perfekt in eine Zeit, in der extreme (Thrash-)Bands immer schneller, härter und noch extremer werden wollten. Die Einflüsse von Motörhead, Venom oder Slayer sind spürbar, das überbordende VOIVOD-Chaos aber war schon auf dem Zweitwerk so eigen- wie einzigartig. Die auf ihre eigene Weise ungewöhnlichen und komplexen Songstrukturen über dem ständig rumpelnden, punkigen Thrash-Unterbau klingen nach purer Anarchie, nach Halbstarken, die mal so richtig ihre Muskeln spielen lassen – dazu passen Songtitel wie „Fuck Off And Die“ oder „Ripping Headaches“ wie die Faust aufs Auge. Die VOIVOD-Mitglieder waren zwar schon alle Mitte 20 und damit sicher keine Halbstarken mehr, sie waren aber eindeutig auf der Suche nach ihrem Sound und ihrer Identität als Band. Mit seiner intensiven, chaotischen Härte war „Rrröööaaarrr“ nicht nur eine schwer zu schluckende Pille, sondern ein aufsehenerregendes Album einer aufsehenerregenden Band, die erst am Anfang ihrer spannenden Reise stand.

Der rumpelige Sound von „Rrröööaaarrr“ konnte zumindest teilweise kaschieren, dass Away, Blacky und Piggy (R.I.P.) ihre Instrumente nicht immer sauber gespielt haben und dass Snake oft eher neben den Strukturen gesungen hat. Snake ist zwar nach wie vor eine Nummer für sich und harmoniert eher selten mit der Musik, aber das will und soll er ja auch gar nicht. „Killing Technology“ war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von VOIVOD: Nicht nur klingt das Album wesentlich besser, auch ist die spielerische und technische Qualität deutlich gestiegen und die progressiven Elemente harmonieren viel besser mit dem thrashigen Grundgerüst – obgleich das inzwischen kontrolliertere Chaos natürlich weiterhin vorherrscht. VOIVOD haben endlich erkannt, dass man nicht pausenlos ballern muss, um extreme Musik zu erschaffen.

„Dimension Hatröss“ ist dann vielleicht das wichtigste und wegweisendste VOIVOD-Album. Die Kanadier fuhren ihre Thrash-Wurzeln noch weiter zurück, sie agierten viel mehr im Midtempo und zeigen in einem differenzierten Soundgewand auch endlich richtig ihre musikalischen Qualitäten. Das inzwischen hochtechnische Gitarrenspiel sorgt im Zusammenspiel mit Effekten und dem vermehrten Klargesang von Snake für eine ganz neue, andersartige, außergewöhnliche Atmosphäre. Aber auch, wenn der Sound klarer und die Strukturen deutlicher erkennbar sind, ist die Musik nach wie vor unfreundlich, garstig und fordernd.

Alles, was neben dem Herzstück aus den drei Noise-Alben in der Box enthalten ist, bekommt ganz klar das Etikett „Für Hardcore-Fans“. Die Scheibe mit den „Dimension Hatröss“-Demos bietet vor allem anderen einen knarzigen, hässlichen Rumpelsound. Dadurch wird die Entwicklung der Aufnahmen und der qualitativen Steigerung der Band zwar deutlich, ein Hörgenuss ist das aber nicht. Die DVD bietet drei inhaltliche Elemente mit zweifelhafter Qualität: Die Minidokumentation „Chaosmongers“ zeigt in knapp 70 Minuten einen Zusammenschnitt aus Live- und Promovideos, die paar zwischendrin eingestreuten Interviewparts mit den Bandmitgliedern lockern das ganze ein wenig auf. Die optische Freude ist anhand der Aufnahmequalität nicht besonders groß, das 1988er Livekonzert ist mit dem Charme einer komplett durchgenudelten VHS-Kassette noch eine Nummer drunter. Der Konzertmitschnitt zeigt jedoch die ungezügelte Energie, die VOIVOD auf der winzigen Bühne zeigten und wie diese auf das steilgehende Publikum übersprang. Der außerdem auf der DVD enthaltene Audiomitschnitt vom „World War III“-Festival von 1985 ist bestenfalls als knarziger Lärm zu bezeichnen – das bietet in dieser Form leider absolut keinen Mehrwert und ist kaum hörbar. Die Live-CD mit dem „No Speed Limit Weekend“-Konzert dagegen bekam einen ordentlichen Sound spendiert und macht damit Spaß.
Das 20-seitige Booklet, in dem Away von den frühen VOIVOD-Jahren erzählt und außerdem teilweise unveröffentlichte Fotos zu sehen sind, ist dagegen schön gestaltet und eine tolle, interessante Ergänzung des Boxsets.

VOIVOD-Neuveröffentlichungen der Noise-Jahre sind unter BMG keine Seltenheit, immerhin hat jedes der drei Studioalben bereits seinen eigenständigen Re-Release mit massig Bonusmaterial erhalten. „Forgotten In Space“ ist dennoch ein großartiges Boxset mit enorm viel Inhalt fürs Geld, auch wenn die DVD mäßig geraten ist. Die Box und das Booklet sind schön gestaltet, die remasterten Alben klingen wesentlich besser als die alten Originalaufnahmen. Die Live-Zugaben sind außerdem ein toller Bonus für Fans. Die CDs selbst befinden sich in den üblichen Papp-Sleeves mit den Originalartworks, somit findet die Box leicht einen guten Platz im Regal. VOIVOD sind eine einzigartige Band und „Forgotten In Space“ ist eine tolle Zusammestellung ihrer Frühwerke aus der wilden, ungestümen Undergroundzeit.

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Wertung: 8.5 / 10

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