Das Ticket-Kartell. Oder: Wie Konzerne den Konzertmarkt beherrschen

Gerade in Zeiten sinkender CD-Verkäufe und steigender Streaming-Nutzung sind Konzerte für Bands – von den Newcomern bis zu den Rockstars – der Sektor, in dem noch Geld verdient werden kann. Allein, je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto klarer sieht man: Von den steigenden Preisen im generell immer skurrileren und unübersichtlicheren Angebot aus FOS- und VIP-, Magenta-Musik-Prio-, Hot- und Platin-Tickets profitiert niemand anderes als die Tickethändler. Und das sind in Deutschland im Quasi-Monopol nahezu ohne Konkurrenz Live Nation mit ihrem Ticketportal Ticketmaster, und CTS Eventim.

FOS oder VIP? Egal: Einer profitiert immer

Aber was sind das eigentlich alles für Kategorien und was soll das eigentlich alles? Zum Thema FOS (Front Of Stage) habe ich bereits 2017 einen Artikel mit dem Titel „Goldrausch im Innenraum. Oder: Wer vorne steht, hat mehr gezahlt“ geschrieben.

Alle regulären Ticket-Kategorien für Slipknot in Frankfurt bei Ticketmaster. Dazu kommen verschiedenste Spezialangebote und -packages. (Quelle: Screenshot von Ticketmaster.de)

Mittlerweile ist es keine Besonderheit, sondern Standard, dass der Innenraum in Preiskategorien unterteilt wird. Und zähneknirschend spiele selbst ich mittlerweile mit, weil ich gerne vorne stehe, weil es mir bei Konzerten tatsächlich mehr um visuelle Eindrücke geht als um die Musik. Die Folgen dieser Monetarisierung der Fanliebe machen sich jedoch fast immer bemerkbar. Ob bei Metallica oder Alice Cooper: Die Stimmung in den ersten Reihen ist bei Front-Of-Stage-Konzerten nie so gelöst und euphorisch wie bei Shows, in denen die ersten Reihen noch den größten Fans, nicht den Fans mit dem größten Geldbeutel gehören. Auch das Thema VIP-Tickets wurde an anderer Stelle auf Metal1.info bereits ausführlich thematisiert: In „Das Geschäft mit dem Personenkult. Oder: Wie aus Fans VIPs wurden.“ Wie auch von FOS-Tickets, kann man auch von VIP-Tickets halten, was man will. Hauptverdiener bei den saftigen Preisaufschlägen ist jedoch in der Regel nicht der Künstler, sondern der Ticketanbieter.

An dieser Stelle sollte zum besseren Verständnis vielleicht kurz das Modell der Ticketanbieter erklärt werden: Anders als der Konzertveranstalter, der das finanzielle Risiko einer Tour trägt, trägt ein Ticketanbieter keinerlei Risiko. Er verkauft Tickets und kassiert Provision – und das ab dem ersten verkauften Ticket, unabhängig davon, wie defizitär am Ende die Veranstaltung ausfällt. Dass Live Nation mit dem Konzertbereich, also dem Veranstalten von eigenorganisierten Konzerten, über Jahre horrende Verluste eingefahren hat (laut Geschäftsbericht noch 2017 stolze 93,59 Mio US-Dollar!), war dank der Marktmacht im Ticketing quasi irrelevant. Denn hier lässt sich nicht zuletzt durch die verschiedenen Premium-Tickets richtig Geld verdienen. Indem man selbst den Fans immer neue, „exklusive“ Angebote macht (Ticketing: 200,9 Mio. US-Dollar Gewinn 2017) – oder in dem man anderen Firmen Exklusivität verkauft (Sponsoring & Advertising: 251,49 Mio. US-Dollar Gewinn im Jahr 2017). Ganz ähnlich, wenn auch im Konzertbereich leicht positiv, sieht es auch bei Eventim aus.

Early Entry, Hot oder Platinum?

Exklusive Angebote an die Fans nennen sich heute so wohlklingend wie nichtssagend „Collector-Ticket“, „Early-Entry-Package“, „Hot-Ticket-Package“ oder „Platinum-Ticket“. Aus dieser Gruppe sticht das „Platinum-Ticket“ hervor. Handelt es sich bei den anderen Angeboten um eine „besondere“ Ticketform („Collector Tickets“ für 5,95 € Aufschlag: „Du trägst sie, ähnlich wie einen Backstage-Pass, an einem Lanyard um den Hals. Sie sind im jeweiligen Tour-Artwork gestaltet und nicht nur hübsch anzusehen: Sie sind gleichzeitig auch deine Eintrittskarte für die Show.“, Ticketmaster Trust Page) oder Pakete aus mehr oder weniger „Sonderleistungen“ (etwa früheres Betreten der Halle oder spezielles Merchandise und schrottige Souvenirs), erklären sich Sinn und Funktion des Platinum-Ticket nicht direkt.

Bis zu 155,75 % Preisaufschlag zahlt der Kunde bei Platin-Tickets – für identische Karten. (Quelle: Screenshot von Ticketmaster.de)

Auf der Ticketmaster-Homepage steht dazu zu lesen: Mit den exklusiven Platin Tickets hast du die Möglichkeit auf Tickets zuzugreifen, die nachfrageorientiert direkt vom Künstler und Management bereitgestellt werden. Ticketmaster Platin ermöglicht dabei eine marktgerechte Preisgestaltung für Live-Events (Preisanpassungen in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage). Das Ziel ist es, den Fans einen fairen und sicheren Zugang zu stark nachgefragten Tickets anzubieten und gleichzeitig den Künstlern und Veranstaltern eine Plattform zu schaffen, auf der Tickets zu ihrem echten Marktwert direkt zum Fan gelangen. Weiter steht dort: „Bitte beachte, dass Platin Tickets kein Bestandteil eines VIP Packages sind und daher keine Extraleistungen, wie Merchandise-Artikel oder spezielle Bewirtungsleistungen, während der Veranstaltung mit sich bringen.“

Als „Platin“ werden von Ticketmaster also Ticket klassifiziert, die aufgrund ihrer Kategorie besonders nachgefragt sein dürften (etwa der Innenraum oder gute Sitzplätze). Diese Tickets werden dem normalen Ticketkontingent entzogen und zu variablen Preisen zeitversetzt auf den Markt gebracht. Ob das Platin-Ticket-Kontingent vor Vorverkaufsstart feststeht, oder ebenfalls variabel ist (und damit zusätzliche Gewinne ermöglicht), wie die Kategorien für Platin-Tickets ausgewählt werden, bleibt Firmengeheimnis von Ticketmaster. Auf entsprechende Anfrage antwortet mir Mel Perrett, Director Of Communications at Ticketmaster International, so schwammig wie nur irgend möglich:

Wir werden dazu kein Statement abgeben, aber Sie erhalten einige Hintergrundinformationen, die Ihnen helfen sollen, zu verstehen, wie Platin-Tickets funktionieren: Platin-Tickets sind ein sehr kleiner Prozentsatz einiger der begehrtesten Tickets, die dynamisch gepreist sind und somit näher an ihrem tatsächlichen Marktwert liegen. Sie werden seit vielen Jahren in der Live-Events-Branche als effektives Werkzeug gegen den Sekundärmarkt eingesetzt, und der volle Preis dieser Tickets kommt der Branche und nicht den Wiederverkäufern zugute. Platin-Ticketing bedeutet, dass den Fans eine sehr geringe Anzahl von offiziellen Tickets in begehrten Bereichen zur Verfügung steht, die sie bis zum Tag einer Veranstaltung nach Belieben kaufen können.“

Der Vorteil für den Kunden? Er kann jetzt später die Tickets kaufen, die ihm zum Vorverkaufsstart vorenthalten wurden. Und alle so yeah. Der Vorteil für Ticketmaster hingegen ist unverkennbar: Statt 80,40 € für ein FOS-Ticket für Slipknot 2020 in der Frankfurter Festhalle kostet ein Ticket der gleichen Kategorie als Platin-Ticket nun 205 €, was einer Preisanpassung von + 155,75 % entspricht. Ein Hoch auf die marktgerechte Preisgestaltung.

So bewirbt Ticketmaster seine Platin-Tickets. (Quelle: Screenshot von Ticketmaster.de)

Das Geschäft auf dem Sekundärmarkt

Die von Perrett angesprochenen Sekundärmärkte sind den Ticketfirmen seit jeher ein Dorn im Auge: Aber nicht etwa, weil sich hier Betrüger tummeln, die ungültige Tickets verkaufen, oder Schwarzhändler, die zuvor mit multiplen Accounts weit über den erlaubten Limits Tickets gezielt zum Weiterverkauf erworben haben, und damit Fans um ein Konzerterlebnis zum „fairen“ Originalpreis bringen. Nein, weil die Ticketanbieter nicht nochmal mitverdienen können. Nochmal zum mitschreiben: Nicht, weil hier der Fan abgezockt wird, sondern weil man – bitteschön – nochmal ein Stück von dem Kuchen haben will, den man zuvor selbst verkauft hat. Das Bestreben, hier mitzumischen, reichte von eigenen Wiederverkaufsportalen wie dem Ticketmaster Fan-to-Fan Resal, bei dem Ticketmaster nochmals bis zu 14% Gebühren (Wohlgemerkt auf den originalen Endkäuferpreis, also inklusive aller vorigen Gebühren) einstreicht und von denen wohlgemerkt kein Cent an Bands oder Veranstalter geht, bis hin zu kriminellen Machenschaften: Erst im Juli diesen Jahres hatte Billboard herausgefunden, dass Mitarbeiter von Metallica und Live-Nation Kontingente an METALLICA-Tickets aus dem regulären Vorverkauf zurückzuhalten hatten, um sie später selbst auf Resale-Seiten anzubieten und dort höhere Margen zu erzielen – wohlgemerkt ohne, dass Fans je die Möglichkeit gehabt hätten, sie über normale Kanäle zum Nennwert zu kaufen [Metal1.info berichtete].

Magenta-Musik-Prio-Tickets

Anderen Firmen verkaufte Exklusivität ist etwa das Magenta-Musik-Prio-Ticket, bei dem die Telekom Ticketmaster das Recht abkauft, Tickets für eine Veranstaltung – etwa die kommenden Touren von Slipknot oder System Of A Down – mit einem zeitlichen Vorsprung von 48 Stunden einer bestimmten Personengruppe anzubieten: Den eigenen Kunden und potenziellen Kunden, die bereit sind, für das Vorkaufsrecht ihre Daten einzutauschen. Der Witz daran: Natürlich hat die Telekom dafür kein eigenes Ticketportal entwickelt und ans Netz gebracht; der Vorverkauf läuft im Hintergrund trotzdem über Ticketmaster, die neben dem Geld aus dem Vertrag mit der Telekom die üblichen Gewinne abschöpfen.

Und die beschränken sich ja auch beim „normalen“ Ticketing längst nicht auf Vorverkaufsgebühr von mittlerweile bis zu 25 % des Endpreises (bei von Eventim vertriebenen Tickets für AC/DC 2015) – wohlgemerkt ohne jedes Risiko, auch bei defizitären Konzerten, und ohne die Kosten der Vorverkaufsstellen als Ladengeschäft, die früher über diese Gebühren finanziert wurden. Vielmehr gibt es da je nach Anbieter noch die Buchungsgebühr (2€ bei Ticketmaster), eine „print@home“-Gebühr (die der Bundesgerichtshof nur in der damaligen Höhe von 2,50€ bei Eventim für unrechtmäßig erklärt hat) . Und dann sind da natürlich noch die Versandkosten („Die Versandgebühren hängen von der gewählten Versandart ab und betragen zwischen 4.90-34.90 EUR.“ Ticketmaster), die keiner Versandkostenrealität – vor allem für Großkunden – entsprechen, und somit weiteren Reingewinn für den Ticketanbieter bedeuten. Nicht Grundlos wurde Eventim neben der „print@home“-Gebühr auch der „Premiumversand inklusive Bearbeitungsgebühr“ in Höhe von 14,90 € (plus 5 € je weiterem Ticket / maximal 4 Tickets) vom Bundesgerichtshof verboten, welcher etwa im Rahmen des Vorverkaufs für die AC/DC-Welttournee 2015 ausschließlich (!) angeboten wurde – und der schlussendlich nichts weiter als eine ganz profane innerdeutsche Postzustellung mit 60-ct-Frankierung bedeutete.

… und jetzt?

Selbst mit all diesem Wissen kann man dem Geschäftsgebaren auf dem Ticketmarkt kaum entziehen – die Marktmacht von Eventim und Live Nation ist erdrückend: Die deutsche CTS Eventim kontrolliert über Unterfirmen und Anteile gut zwei Drittel der großen Festivals in Deutschland, dazu Locations wie etwa die Waldbühne Berlin. Und auch Live Nation besitzt diverse Festivals und Stadien: Vom Rock in Rio oder dem Hyde Park Festival bis hin zu 117 Veranstaltungsstätten (Stand: 2012) in aller Welt. Was soll man also mit all diesen Informationen anfangen? Schwer zu sagen. Wer heute Konzerte internationaler Acts besuchen will, kommt derzeit um die Konzert-Konzerne Live Nation und CTS Eventim schlichtweg nicht herum, deren Marktdominanz so groß ist, dass man sich fragt, wofür es eigentlich das Kartellamt gibt. Auf alle Fälle jedoch sollte man sich jedoch zweimal überlegen ob man wirklich bereit ist, den Wahnsinn all dieser Special-Angebote mitzumachen und das System so zu bestätigen. Denn wenn im Kapitalismus eines feststeht, dann das: Nur was sich lohnt, setzt sich durch. Es liegt also auch an uns.


Die in diesem Artikel genannten Geschäftszahlen entstammen, wenn nicht anders angegeben, dem überaus lesenswerten Buch „Vom Imperiengeschäft“ von Berthold Seliger, auf dessen Recherchen und Informationen Teile dieses Artikel beruhen. Alle Homepages wurden am 19.10.2019 abgerufen.

5 Kommentare zu “Das Ticket-Kartell. Oder: Wie Konzerne den Konzertmarkt beherrschen”

  1. Johnny

    Oder man geht einfach ins örtliche az/ajz und genießt dort internationale Gäste zum Vorzugspreis von unter 10 euro.

    Hat ausserdem auch den Vorteil das man dort i.d.R. Keine nazis als vorband hat ;)

    1. Moritz Grütz Post Author

      … so es das überhaupt noch gibt. Dank kollossaler Fehlentwicklungen in der Kulturförderung krebsen alternative Zentren und Kulturorte ja seit Jahren an der Existenzgrenze. Auch hierzu hat B. Seliger viel interessantes in seinen beiden Büchern geschrieben, v.a. in oben erwähntem „Vom Imperiengeschäft“.

    1. Moritz Grütz Post Author

      Hallo Waldg, da hast du natürlich recht – gemeint waren 200,9 Mio. – wir haben die entsprechende Stelle im Text korrigiert. Danke!

  2. Sebastian

    Klasse Kolumne. Diese Krebsgeschwüre können gar nicht oft und brutal genug bloßgestellt werden. Wer zahlt nicht gerne 4x Bearbeitungsgebühren wenn er nur 2 von 3 Tagen Festival mitnehmen kann? (2x Tagesticket, 2x Tagescampen, danke Ticketmaster!)

    Ich meine gelesen zu haben, dass dieser Spaß auch dadurch zustande kommt, dass den Firmen mittlerweile so einiges an Locations gehört, bzw. Exklusivverträge bestehen,
    und die Bands dadurch quasi gezwungen werden ihre Tickets so zu verkaufen. Vielleicht könntet ihr dazu auch mal was schreiben?
    Gerade die erwähnte Metallica-Angelegenheit lässt einen ja schon mal wieder grübeln wer da was gutheißt…

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