Sounds aus der Dose – ist das noch live?

Pro Contra v3

Immer häufiger sieht man auf den Bühnen der Konzerte ein neues „Instrument“: den Laptop. Was Anfang der 2000er eher noch die Ausnahme darstellte, ist inzwischen dank technischer Fortschritte und erschwinglicheren Preisen auch für viele kleine Bands eine Option geworden. Ob vom Schlagzeuger oder Keyboarder bedient, der Rechner verfolgt immer dasselbe Ziel – digital gespeicherte Samples werden direkt in den live erzeugten Klang eingespeist und fügen ihm je nach Lust und Laune der Band verschiedene Effekte hinzu. Aber was hält man als Besucher von dieser Anreicherung? Macht sie Shows interessanter oder ist sie ein erster Schritt hin zu einer „Mini Playback Show“?
Wir haben uns in der Redaktion Gedanken dazu gemacht und präsentieren euch in unserer neuen, unregelmäßigen Rubrik „Pro & Contra“ zwei zugespitzte Standpunkte. Gerne wollen wir auch eure Meinung kennenlernen und laden euch herzlich dazu ein, mit uns über die Kommentarfunktion zu diskutieren.

 

PRO

Qualitativ hochwertige, selbst gemachte Musik war schon immer ein Credo des Heavy Metal. Nicht umsonst hat zum Lebensgefühl der Szene immer auch die Ablehnung von Popmusik gehört – man sah und sieht darin zu viele Hilfsmittel, wie Studiomusiker, aufwendige Tanzperformances, die von der Musik ablenken, und nicht zuletzt eine schockierende Neigung zum Playback. Noch heute singen viele Pop-Ikonen nicht live bei ihren „Live“-Auftritten: Lady Gaga und Britney Spears sind da nur die Spitze des Eisbergs, wie jüngst Beyoncé bei der Wiedervereidigung des US-Präsidenten Obama zeigte.

Müsste man nicht schon deswegen gegen den Einsatz von Samples im Heavy Metal sein? Nein. Denn weder hängt Authentizität alleine an der Anwesenheit eines Laptops auf der Bühne noch ist sie das einzige gültige Prinzip des Heavy Metals. Hinzu kommt noch etwas ganz anderes: Heavy Metal ist in vielen Spielarten „larger than life“. Metal ist Emotion, Energie, aber immer auch eine Art von Realitätsverfremdung – das gilt für aufgeblasene Fantasy-Opern à la Rhapsody Of Fire genauso wie für manche nihilistische Prägung des Black Metals.

Viele Bands benutzen in Studios zu diesem Zweck Mittel, die sich live nicht einfach reproduzieren lassen: klassische Instrumente, ganze Orchester, weitere Sänger, fette Chöre, Klangsamples von historischen Persönlichkeiten bis Motorradsounds, Erzählerstimmen usw. In manchen Fällen sind es nur nette Dreingaben, die die Songs etwas aufpeppen sollen, in vielen Fällen aber konstitutive Elemente einer Kunstform, die abgespeckt schlicht nicht funktionieren würde. Viele Bands aus dem Symphonic Metal oder den verschiedenen Richtungen der Avantgarde-Musik können nicht authentisch live auftreten, wenn sie nicht auf die „Konserve“ zurückgreifen würden. Schließlich ließe sich nicht jeder Effekt von Therion „live“ am Keyboard synthetisieren – und man könnte wahrlich auch darüber streiten, ob Violinen aus dem Keyboard erzeugt besser sind als aus dem Laptop …

Man verstehe das nicht falsch: Keineswegs sollen hier dem Vollplaybacktheater Tür und Tor geöffnet werden. Das komplette Ersetzen einzelner Musiker durch Bandaufnahmen, wie jüngst bei den Touren von Sabaton (Keyboard) und Luca Turilli’s Rhapsody (zweite Gitarre), ist mehr als ärgerlich. Hier hätte man unbedingt auf echten Ersatz zurückgreifen sollen. Aber es gibt nun einmal Bands, bei denen die Musik nicht ohne bestimmte Unterstützung wirken kann. Sollen die nicht touren dürfen? Das kann doch auch keine Lösung sein.

Wer Samples generell verdammt, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Manche Samples machen schließlich den Wiedererkennungswert oder den Witz eines Liedes aus. Wer würde Iron Maidens „Number Of The Beast“ gerne live ohne das berühmte Sprachsample am Anfang hören? Und überhaupt: Ist nicht der entscheidende Faktor, dass ein Auftritt dem Publikum Spaß macht? Welcher Fan hat sich nicht gefreut, als Iced Earth auf der jüngsten Tour endlich mal „Dante’s Inferno“ gespielt haben – auch wenn dafür Samples der wuchtigen Orchestrationen nötig waren? Macht es nicht vielen eine gewisse Freude, wenn man schon am eingespielten Intro eines Liedes erkennt, was gleich gespielt wird? Solange keine ganzen Bandmitglieder ersetzt werden, sollte man den Künstlern die Autonomie über ihre Performance lassen.

[Marc Lengowski]

 

CON

In den letzten Jahren sind immer öfter Dinge auf Metal-Konzerten zu hören, die die jeweilige Band gar nicht selber spielt – angefangen bei traditionell aus der Konserve kommenden Intros bis hin zum Abspielen von Orchester- oder gar Schlagzeug- Chor- oder Gitarrenpassagen. Das betrifft nicht allein Gruppen mit synthetisch gesättigtem Sound, nein, sogar Bands aus Genres, die ganz auf Keyboard & Co. verzichten, bedienen sich derartiger Hilfsmittel. Schluss mit der Verwässerung des Konzerts durch derartige Pseudo-Live-Darbietungen!

Was bringt es einer Band, auf der Bühne etwas zu präsentieren, was sie gar nicht selbst zu leisten vermag? In jedem Fall meinen Zorn. Ich möchte nur das hören, was die Musiker mit ihren Händen und der Stimme in dem Moment produzieren. Wohl getimte Samples sind in aller Regel überflüssig und haben auf der Bühne nichts verloren. Viele Dinge sprechen dafür, auf künstliche Klänge jenseits des Keyboards zu verzichten.

Zum einen hat das etwas mit Authentizität zu tun. Als Konzertbesucher erstaunt man gern vor Ehrfurcht, wenn anspruchsvolle Songs mit technischer Raffinesse heruntergezockt werden, wenn mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gesang und vielleicht noch Keyboard ein atmosphärischer, harter, schneller oder cooler Sound erzeugt wird. Wer mit künstlichen Samples nachhilft, versucht etwas zu leisten, was er gar nicht kann. Es gibt genügend Bands, die erzeugen Soundwände ohne jede Elektronik, vom handelsüblichen Verstärker abgesehen. Wem das nicht gelingt, sollte sich überlegen, was er auf einer Bühne verloren hat.

Auch die Dynamik und Spontaneität eines Live-Auftritts geht flöten, wenn der Sound essenziell davon abhängt, zu welchem Zeitpunkt bestimmte Samples erklingen. Einfach mal ein Sing-A-Long einbauen? Geht nicht. Den Refrain noch einmal spielen? Vergesst es. Die Nummer in kochender Atmosphäre einen Zacken beschleunigen? Leider nein. Nun mag es so sein, dass die Profis auf der Bühne eh nichts dem Zufall überlassen. Doch es ist gut möglich, dass viele Bands mehr Variation böten, wenn sie nicht durch das enge Korsett des richtigen Timings gehemmt wären.

Ein live gespielter Song ist eben keine Studioaufnahme. Da darf auch mal ein Ton nicht hundertprozentig sitzen, das sollte jedem Hörer klar sein. Wer erwartet, dass seine Helden genau das abliefern, was zu Hause aus der Anlage schallt, hat grundsätzlich etwas beim Thema „Metal-Konzert“ nicht verstanden. Wie viel ist in der Vergangenheit schon dadurch gewonnen worden, dass sich ein Song in der Live-Darbietung organisch veränderte!

Nun gibt es den Fall, dass das musikalische Konzept eine Verschmelzung von Metal und Orchester vorsieht. Viele Bands können sich nicht die entsprechenden Live-Musiker leisten. Doch dann bleibt noch die Methode, die Songs für das Bühnenerlebnis abzuspecken, umzuarrangieren und die notwendigen Melodien von einem Keyboarder spielen zu lassen – oder gleich auf Auftritte zu verzichten. Dann ist die Musik eben nicht für die Bühne gemacht. Die Hälfte der Darbietung aber einfach vom Band laufen zu lassen, das hat nichts mehr mit einem Konzert zu tun. Das ist Mini-Playback-Show und einfach kein Heavy Metal.

Spinnen wir den Gedanken einmal weiter: Was wäre denn, wenn nicht nur Streicher, Bläser oder Pauken vom Band kommen, sondern gleich auch das Gitarrensolo oder der Chor? Völlig absurd? So weit ist der Weg nicht mehr! Liebe Musiker, schaltet einen Gang zurück und baut auch im Studio euren Sound nicht zu einem überproduzierten Potpourri aus tausendundeinem Instrument aus. Dann kriegt ihr alles so auf die Bühne, wie es im Proberaum konzipiert worden ist. Weniger ist mehr – eure Zuhörer werden es euch danken.

[Justus Ledig]

>> Was denkt ihr zu dem Thema? Raum für Diskussionen bietet euch die Kommentarfunktion direkt unter diesem Artikel!


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5 Kommentare zu “Sounds aus der Dose – ist das noch live?”

  1. Christina Greiner

    Zum Thema wie weit das tatsächlich schon geht – in Asien gibt es bereits die Vocaloids – elektronische Stimm-Samples, die jeden beliebigen Text singen können. Und damit Konzerthallen füllen. Dazu gibt es dann ein animiertes Anime-Mädchen, das via Hologramm-Technik auf der Bühne tanzt. Kein Witz.
    http://www.youtube.com/watch?v=fB9hWyaEkGc

    1. Manu

      @Christina: Ein neuer Eintrag ins Lexikon der Abstrusitäten – am verwirrendsten finde ich, dass sich die Zuhörer einem Hologramm gegenüber genauso verhalten, wie einem „real existierenden“ Menschen-Musiker… Wie wohl eine Hologramm-Backstage-Party aussieht?

  2. conaly

    Wieso kaputt? Etwas vorschnell eure Meinungen. Ich war mal auf einem derartigen Konzert und ich habs trotzdem genossen. Mal abgesehen davon, dass das technisch ein extremer Aufwand ist auch nur einen Song zu erstellen (ich kenne die Software dazu und hab damit auch schon rumgespielt), stehen noch viele weitere Menschen hinter dem Projekt. Dass Miku Hatsune (oder alle anderen dieser Avatare) nicht real sind, heißt ja nicht, dass es die Macher davon nicht gibt. Ein solches Hologramm-Konzert ist nämlich auch mit extremen Aufwand verbunden (ich hab mal von Zahlen von ca. 500.000$ für EIN einzelnes Konzert gelesen). Also bitte nicht gleich alles verurteilen, nur weils euch auf den ersten Blick nicht zusagt. Es gibt viele Fans davon und auch ich hatte wie gesagt Spaß daran.

    Zum eigentlichen Thema: ich sehe das nicht als das Problem. Z.b. Rage haben ja in sehr vielen Songs Orchester-Parts dabei. Und auch live macht die Band keinen Hehl draus, dass das Zeugs vom Laptop kommt, nein das wird gar gleich in den Pausen zwischen den Songs explizit erwähnt, dass jetzt gleich das Orchester aus der Dose kommt, da man leider 100-Mann-Orchester in eine Clubhalle bekommt. Kritischer fand ich die Sache z.B. bei Sabaton, da kann ichs auch nicht ganz nachvollziehen, dass man bisweilen weiterhin ohne Keyboarder auftritt. Warum mans da echt nicht schafft jemanden zu verpflichten, und sei es auch nur für eine Tour, ist mir etwas schleierhaft. Aber dann hab ich lieber etwas Keyboard aus der Dose, als einen beschnittenen Live-Auftritt.

    1. Christina Greiner

      Nein, kaputt ist es nicht. Es ist aber definitiv, wie jede neue, unetablierte Kunstform, faszinierend und kontrovers. Natürlich steckt hinter solchen Konzerten eine Menge Arbeit, und auch eine ganze Menge Herzblut. Nur ganz geheuer ist es denke ich den Wenigsten, schließlich eignet sich das Thema wunderbar für einige Zukunfts-Horrorvisionen. Kombinieren wir doch mal die zwei Themen – Sabaton auf der Bühne mit einem virtuellen Keyboarder, der virtuell die Samples abspielt. Sänger wird totkrank – kein Problem, man samplet die Stimme, nimmt mit dieser dann neue Alben auf und schickt in Zukunft ein Hologramm auf die Bühne. Den post mortem Auftritt gabs ja schon mit Tupac. Schon ein bisschen creepy ;) Empfehlung dazu vielleicht auch der Film „The Congress“, der bald in die Kinos kommt.
      Ich persönlich hab nix gegen Samples oder weitere zukunftsorientierte Techniken, die auf Konzertbühnen Verwendung finden sollen. Aber am liebsten gehe ich auf Konzerte, wenn möglichst viel noch auf der Bühne live handgemacht wird. Wie lange will ich Nightwish schon mit Orchester und Chor sehen. Und wie sehr genieße ich es, wenn Bands und DJs, die elektronische Musik machen, mit einer ganzen BigBand auf die Bühne gehen. Aber wenn etwas finanziell oder platztechnisch nicht möglich ist, macht das eine Band deswegen nicht schlechter. Alles was noch künstlicher wird würde ich dann unter einem anderen Begriff als „Konzert“ laufen lassen. Die Hologramm-Auftritte sind für mich eher eine neuartige Showform oder alternativ ein Konzerte-Gimmick. Als solche aber mit wahnsinnigem Potenzial.

      P.S.: Zur Frage mit der After-Show-Party … Wenn die kreativen Köpfe hinter der Musik und dem Auftritt auch ihre Anerkennung kriegen und evtl. sogar für die Fans greifbar sind, warum dann nicht die da hinschicken :)

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