Ob Hölle, Mittelerde oder das von IMMORTAL erdachte, von ewigem Winter beherrschte Reich Blashyrkh: Fantasiewelten haben im (Black) Metal lange Tradition. Da die Schnittmenge der Metalheads und der Gamer:innen erstaunlich groß ist, überrascht es fast, wie wenige Bands sich dabei konkreten Videospielwelten widmen. Mit ihrem Soloprojekt NOCTULE hat sich Serena Cherry genau das vorgenommen: „Wretched Abyss“, das Solo-Debüt der SVALBARD-Sängerin, drehte sich ganz um „The Elder Scrolls V: Skyrim“ – nicht ohne Augenzwinkern bezeichnete die Britin ihre Musik damals als „True Tamriel Black Metal“.
Diesen Kosmos verlässt Cherry nun – nicht aber das generelle Themenfeld des Gamings. Mit „Extinguish Thy Flame“ wendet sich die Britin stattdessen einem anderen Action-Rollenspiel zu: „Elden Ring“. Dabei ist jeder Song einem anderen Boss aus dem Spiel gewidmet – nicht jedoch ohne eine zweite, tiefer gehende Ebene: Das Spiel hat Cherry aus einer depressiven Phase geholt: „Genau wie ein schwieriger Boss in ‚Elden Ring‘ schleudert einen auch eine Depression zu Boden“, erklärt Cherry. Im Gaming habe sie gelernt, sich dem zu widersetzen, das Spiel habe so ihr Leben gerettet.
Auch musikalisch haben sich NOCTULE weiterbewegt: War das Debüt noch unzweifelhaft im Melodic Black Metal zu verorten, dominiert auf „Extinguish Thy Flame“ der Melodic Death Metal. Das hat fraglos mit dem, verglichen mit dem Vorgänger, viel druckvolleren Albumsound zu tun. Es gilt aber auch für den Gesang, der stellenweise etwas an AT THE GATES erinnert, wie auch für die Musik selbst: Die Riffs, oft ergänzt um viele weitere Gitarrenspuren, sorgen für eine dichte Soundwand, wobei insbesondere die Leadgitarren mal für (Melodic-)Black-Metal-Vibes sorgen, mal den Melodic-Death-Metal-Aspekt verstärken und an eine extreme Version von INSOMNIUM erinnern.
Ebendiese Melodien (etwa in „Lord Of Blood“) zählen, wie auch der resolute Gesang und das kraftvolle Drumming, zu den absoluten Stärken auf dem Album – während die Dramaturgie der einzelnen Stücke nicht immer vollends überzeugt. Einige Songs bleiben für die vielen Register, die Cherry kompositorisch zieht, überraschend blass oder enden unerwartet. Vielleicht ist der eine oder andere Song auch einfach etwas zu vollgepackt: Zwar erschließen sich die Songs so über die Zeit noch und offenbaren immer weitere Details – zunächst jedoch wirkt etwa „Grafted“ mit all seinen Melodien nicht nur veredelt, sondern schier überladen. Das kurze Instrumental „O‘ Death“ bietet zwar eine kurze Verschnaufpause vor dem letzten Albumdrittel. Ansonsten bietet das Album jedoch wenig Zeit, das Gehörte sacken zu lassen.
Mit seiner geballten Wucht aus Melodik und Härte ist „Extinguish Thy Flame“ ein spannendes, aber auch forderndes Extreme-Metal-Album geworden, das technisch und stilistisch durchaus mit Bands wie SINSAENUM verglichen werden kann. Das könnte mit der Erwartungshaltung all derer clashen, die NOCTULE bisher als eher entspannt-behäbigen Melodic Black Metal abgespeichert hatten. Und vielleicht wäre an der einen oder anderen Stelle etwas weniger tatsächlich mehr gewesen. Auf der anderen Seite bleibt „Extinguish Thy Flame“ so auch nach vielen Durchläufen noch ein spannendes Album mit großem Grower-Potenzial – und wem auf „Extinguish Thy Flame“ zu viel passiert, der oder die kann anschließend zur Entspannung ja nochmal „Wretched Abyss“ hören.
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Wertung: 7.5 / 10


