Interview mit Marrok von Anomalie

Mit ANOMALIE hat Marrok, Gitarrist und Texter der österreichischen Black-Metal-Band Selbstentleibung, ein äußerst interessantes Nebenprojekt ins Leben gerufen. Wie es überhaupt zu dem Debüt „Between The Light“ kam, worum es auf dem Album geht und wie es mit ANOMALIE jetzt weitergeht, könnt ihr im Folgenden nachlesen.

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Das Debüt von ANOMALIE, „Between The Light“, ist unlängst erschienen. Bist du mit dem Resultat zufrieden?
In Anbetracht der langwierigen Entstehung des anfänglich rein privaten Projekts darf ich wohl durchaus zufrieden sein. Die Songs sind über eine Zeitspanne von drei bis vier Jahren immer wieder mal so nebenbei beim Songwriting für meine anderen Bands entstanden und mussten nach dem Entschluss, daraus ein richtiges Projekt zu formen, erst einmal stilistisch einander angepasst werden, was denke ich ganz ordentlich gelungen ist.

Mit welchen Bands würdest du ANOMALIE vergleichen, um jemandem deine Musik zu beschreiben?
Anomalie-FotoDas ist eine recht knifflige Frage … Die eigene Musik hört sich für den Interpreten in der Regel nie nach einer anderen Band an, zumindest war das bei mir eigentlich schon immer so, auch wenn ich das Rad als gesamtes sicherlich nicht neu erfunden habe, so klingt ANOMALIE für mich doch in der stilistischen Konstellation einzigartig. Es zeigt sich jedoch an den Reaktionen auf das Album, dass insbesondere Fans von Bands wie Agalloch, Heretoir, Lantlos, Agrypnie, Austere etc. durchwegs sehr gut auf das Material reagieren.

Wie entsteht ein Song bei dir typischerweise, und was inspiriert dich zu den Texten?
Der Entstehungsprozess eines Songs ist nicht immer exakt der selbe, bisher stand aber in jedem Fall zuerst der instrumentale Song. Während das Songwriting an der Gitarre sehr von meiner temporären Grundstimmung abhängig ist, oftmals verbunden mit der Atmosphäre die mich in diesen Momenten umgibt, so bilden sich textliche Konzepte immer dann, wenn Dinge in meinem Leben passieren die mich tief berühren oder beschäftigen, was nicht immer leicht in Worte zu fassen ist und wenn sich mal emotional nicht viel im Leben tut bleibt auch mal für längere Zeit der Stoff aus hehe … Es gäbe ständig „globalere“ Themen, in welche man sich mit Leichtigkeit hineinsteigern könnte, jedoch wären das Themen, die mir zu oberflächlich erscheinen um ihren Platz in einem Solo-Projekt zu finden, da fehlt die Nähe, der persönliche Bezug!

Wie würdest du den Album-Titel interpretieren?
Der Album-Titel ist ein kleines Wortspiel, welches sich durchaus sehr verschieden interpretieren lässt. „Zwischen dem Licht“ zu stehen ist unter anderem sicherlich gesellschaftlich zu sehen, umso stärker du beleuchtet wirst je dünkler und härter verläuft dein Schatten, der sich nicht und nicht ins Licht drängen lässt. Dazu kann und soll sich jeder seine eigenen Gedanken machen, ich könnte selbst ziemlich lange über den Titel sinnieren ohne je alle Interpretationsmöglichkeiten abzudecken!

In „Not Like Others“ thematisierst du schon durch die Samples im Intro Amokläufe. Wieso ist dir das Thema wichtig und was willst du zu der Diskussion darüber beitragen?
Der Song „Not Like Others“ ist der einzige meiner Songs, dem als Grundlage wenig bis nichts aus meinem eigenen Leben dient. Ich habe mich intensiv mit ein paar psychologisch sehr gut dokumentierten Berichten über Amokläufer beschäftigt, die entgegen dem klassischen Bild solcher meist jungen Menschen, von Anfang an kaum eine Chance auf eine normale Entwicklung hatten. Typen die von Geburt an in miesesten familiären Verhältnissen aufwuchsen, vom Elternhaus als wertloses Stück Scheiße in die Welt getreten wurden und durch ihre psychischen Abgründe in weiterer Folge auch in der Gesellschaft keine Chance erhielten … wenn jemand vom ersten Tag seines Lebens an wie Dreck behandelt wird geht das dann auch immer wieder mal grob daneben, die Schuldigen im Umfeld stehen danach allerdings nie mit großem Bild in der Zeitung, der Arsch bleibt der „Freak“ der die Nerven verlor. Mich haben Aussagen und Details dieser Dokumentationen sehr berührt wodurch dieser Song über unfreiwillige Isolation entstand.Anomalie-Foto2

Du hast auf dem Album auch den sehr bekannten Nine-Inch-Nails-Song „Hurt“ gecovert. Warum ausgerechnet diesen Song?
Ich finde den Song, insbesondere in der Ausführung von Johnny Cash, einfach extrem geil und das seit vielen vielen Jahren! „Hurt“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass einfache musikalische Mittel ausreichen um enorm viel Gefühl zu vermitteln. Ich wusste von Anfang an, dass diese Intensität kaum zu reproduzieren ist, wodurch ich quasi schon vor den Aufnahmen verloren hab und manche Hörer gehen da mit mir auch knallhart ins Gericht. (lacht)
Trotz allem war es mir seit mehreren Jahren eine Herzensangelegenheit diesen besonderen Song auf meine eigene Art und Weise zu vertonen, auch um Erfahrungen im Bereich Clean-Vocals zu sammeln und das hat sich für mich auch gelohnt! Irgendwann muss man mit solchen Dingen mal anfangen, wenn man sich verbessern will und „Hurt“ war mein erster Schritt in meinem erst beginnenden Lernprozess in Sachen Nicht-Metal-Gesang! Der Song hat für mich dadurch auf diesem Album auch eher Bonus-Track-Charakter und ich verstehe, dass die Meinungen darüber sehr auseinander gehen!

Du bist auch bei Selbstentleibung und Tulsadoom aktiv, die beide sehr verschiedene Musik machen. Wie wichtig war dir dieses weitere Ventil für kreativen Output?
Nunja, ich bin ein musikalisch sehr sehr vielschichtiger Mensch, wodurch es einfach auch viele Musikstile gibt, die mich als aktiven Musiker reizen. Während ich bei Tulsadoom einfach die spaßige Rock’n’Roll Seite der Metalwelt auslebe und dort auch nur für das Textliche verantwortlich bin, ist meine Tätigkeit bei Selbstentleibung der bei ANOMALIE gar nicht so unähnlich, wie man vielleicht glauben möchte. Doch auch wenn ich bei Selbstentleibung für einen Großteil des Songwritings verantwortlich bin, ist es etwas anderes in einer voll besetzten Band zu arbeiten. Da nimmt man bereits beim Grundgerüst eines Songs teils bewusst, teils unterbewusst Rücksicht auf die Stärken und Eigenheiten der Mitmusiker. Dieser Faktor fällt bei einem Solo-Feldzug wie ANOMALIE klarer weise völlig weg, was die Sache deutlich persönlicher macht. Für mich ist und bleibt jedoch Musik kein Alleingang, weshalb auch meine drei Gastmusiker ihre Einlage bekamen. Ich könnte nicht nur ein Solo-Projekt betreiben und sonst nichts, dafür häng ich zu sehr an meinem Freundeskreis, zu welchem sich unter anderem viele talentierte Musiker zählen!

Schreibst du gezielt für die jeweiligen Projekte, oder merkst du erst später, für welche der Bands du ein Riff oder eine andere Idee verwendest?
Wie schon erwähnt sind die Songs zu ANOMALIE in den ersten Jahren eher zufällig entstanden, da ich zu dieser Zeit noch gar nicht an ein wirkliches Projekt gedacht habe. Mittlerweile sieht das ganze ja nun anders aus, das nächste Album ist bereits weit fortgeschritten und da werden die Songs auch explizit für ANOMALIE geschrieben, so wie es auch bei den anderen Bands der Fall ist!Anomalie-Cover

Am sehr gelungenen Artwork und der liebevollen Aufmachung des Digipaks mit schwarzer CD sieht man, dass dir das Gesamtpaket wichtig ist. Was denkst du über mp3-Downloads und die dadurch heute vorherrschende Einstellung der „gesichtslosen Musik“?
Mit dem Artwork bin ich selbst auch äußerst zufrieden, an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an den Alex von Irrwisch Illustrationen!
Was die digitale Ebene betrifft: Ich habe generell überhaupt kein Problem damit, wenn sich die Leute meine Musik irgendwo im Netz als mp3s holen, es ist speziell für Bands mit kleinem bis mittlerem Bekanntheitsgrad eine super Sache, dass viele Menschen leicht an die Songs kommen. Mir ist es lieber, es hat jemand das Album als illegalen Download am PC und hört das vielleicht sogar gern, als er/sie kennt das Zeug nicht, weil man ungern etwas kauft ohne zu wissen, was einen erwartet. Ich gehöre zu den Leuten, die sich sehr oft nachträglich Tonträger original zulegen, da ich einfach gern was in der Hand habe für mein Geld und mir gut gestaltete Artworks zusätzlich Freude bereiten. Besonders die Metal-Szene ist in solchen Dingen wohl eh noch etwas konservativer, man sehe sich allein den aktuellen Vinyl-Boom an, ich mach mir da wenig Sorgen um Verkaufszahlen!

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Erstmal vielen Dank an euch von metal1.info für das Interesse an ANOMALIE!
Weiters möchte ich mich bei dieser Gelegenheit nochmals bei allen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass ANOMALIE das wurde, was es heute ist, allen voran bei Matthias für die Aufnahmemöglichkeit, Produktion und sein grandioses Gitarren-Solo, Sven für seine gewaltige Unterstützung durch Art of Propaganda Records, Alex für das Hammer-Artwork, meinen drei weiteren Gastmusikern J.J., Luki und Sophia und nicht zuletzt vielen Dank an alle, die mich nach den ersten drei Youtube-Songs mit ihren bewegenden Reaktionen dazu ermutigten, daraus ein vollwertiges Projekt zu formen! Ohne diese Menschen wäre das alles nicht möglich gewesen!

Wenn du nichts dagegen hast, würde ich das Interview an dieser Stelle gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
Ukraine:
Den Song covern Fäulnis gerne live! ;)
Facebook: Fluch mit ein bisschen Seegen…
Fußball: Massiv überbezahlt; als Österreicher meist sowieso deprimierend!
Black Metal: Viel Spreu, kaum Weizen.
Mondschein: + Natur + Lagerfeuer + Bier und Schnaps
Angela Merkel: hätte ich wohl nicht gewählt…