Interview mit Marrok von Anomalie

Seit dem Projekt-Debüt „Between The Light“ sind keine drei Jahre vergangen, trotzdem erscheint dieser Tage schon das dritte Album der österreichischen Black Metaller ANOMALIE. Marrok, Kopf hinter dem Projekt und Live-Gitarrist von Harakiri For The Sky, über seine überbordende Kreativität, gesteigerte spirituelle Sensibilität und den großen Zyklus, den die sieben Songs auf „Visions“ bilden.

Woher nimmst du die Inspirationen für so viel Kreativität?
Der kreative Output lässt sich in keiner Weise steuern. Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der ständig neue Ideen hat, es klappt jedoch bei weitem nicht jedes Mal, diese auch zeitnah in funktionierende Songs zu packen. Es passiert schon mal, dass ich ein paar Monate lang kaum Zeit habe, um neues Material zu schreiben oder einfach mal monatelang an ein paar Song-Baustellen hängenbleibe. Meistens reichen jedoch zwei bis drei kreative Hochphasen aus, um genug für die nächste Veröffentlichung zusammenzutragen. Dann lasse ich in der Regel alles nochmal ein paar Wochen bis Monate unangetastet liegen, um mit etwas Abstand zu beurteilen, ob denn auch alles wirklich ausgereift und veröffentlichungswürdig ist oder nicht – der eigene Ersteindruck ist manchmal besser als die nüchterne Betrachtung danach!

Bislang hast du auf den ANOMALIE-Alben immer alles selbst eingespielt, diesmal hast du Bass und Schlagzeug abgegeben. Warum, und wie fühlt es sich für dich an?
Das ist so nicht ganz richtig. Die Studiobesetzung für „Visions“ war exakt dieselbe wie schon auf „Refugium“. Von der Idee, unbedingt alles selbst einspielen zu müssen, habe ich mich schon vor längerer Zeit verabschiedet, denn auch wenn ich gern alles ziemlich diktatorisch genau zu Papier bringe, ergibt es dennoch sehr viel Sinn, Lukas und Tom mit ins Studio zu nehmen! Auch wenn ich beide Instrumente gut genug beherrsche, um komplette Tracks zu schreiben, bin ich nun mal kein richtiger Schlagzeuger oder Bassist und ich bin froh, dass die beiden ihren Beitrag leisten, um meine Alben so klingen zu lassen, wie sie am Ende zu hören sind!

Zudem hast du diesmal zwei Gastmusiker dabei – neben Barth von Our Survival Depends On Us auch die in Schweden lebende Südafrikanerin Heike Langhans. Woher kennst du die beiden, wie kam es jeweils zu der Idee des Gastbeitrages?
Obwohl ich ihn schon seit gut zehn Jahren flüchtig kannte, rutschte Barth erst in den letzten zwei bis drei Jahren plötzlich mehr und mehr in meinen engeren Freundeskreis und da ich mittlerweile sehr gerne und relativ häufig Zeit auf seiner Hütte in den Bergen verbringe, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Song nach seiner Beteiligung verlangte. „Towards The Sun“ ist inhaltlich direkt vom Geschehen an diesem extrem energiegeladenen Ort beeinflusst und wurde auch großteils an ebenjenem Berg geschrieben, daher fühlte es sich einfach sehr natürlich an, Barth an diesem Stück teilhaben zu lassen. Schon während der Aufnahme-Session, die wir kurz vor meinem Aufenthalt bei Markus Stock bereits auf der Alm abgehalten hatten, machte sich ein sehr gutes Bauchgefühl bemerkbar und das Endergebnis ist nun die logische Bestätigung dessen!
Heike traf ich vor ungefähr einem Jahr als Tourmanager ihrer Band Draconian. Ich verstehe mich mit der gesamten Band ausgezeichnet und hatte während der nächtlichen Fahrten im Nightliner viel Zeit, über musikalischen Ausdruck und andere Kunstformen zu sprechen. Heike hat eine atemberaubende Stimme, klar, filigran und doch so kraftvoll. Als ich dann den Text zu „One With The Soil“ schrieb, kam mir Heike umgehend in den Sinn und da ich wusste, dass sie mit ANOMALIE einiges anfangen kann, war es glücklicherweise ein Leichtes, sie für den Gastbeitrag zu gewinnen!

Die Songs schreibst du aber nach wie vor alleine. Siehst du dabei auch Nachteile?
Alles hat seine Vor- und Nachteile, ich bin jedoch mit dem musikalischen Alleingang sehr zufrieden.

Musikalisch wartet das Album auch mit viel Naturmystik und spirituellen/rituellen Elementen wie atmosphärische Soundsamples etc. auf – wie wichtig sind dir diese Themen im Kontext der Band, aber auch in deinem Privatleben?
Mein Leben und mein persönliches Umfeld haben sich in den letzten Jahren enorm entwickelt, unter anderem verspüre ich eine deutliche höhere spirituelle Sensibilität als noch zu Zeiten meines Debütalbums, was unter anderem direkt damit zusammenhängt, dass ich mich nur noch so lange wie nötig in Großstädten aufhalte und mich mittlerweile meistens Menschen umgeben, die alle zusammen einen deutlich spürbaren kreativen und produktiven Sog entwickelt haben, in dem wir uns alle gegenseitig immer weiter vorantreiben. Nachdem ich mit jedem Album in erster Linie völlig intuitiv mein Innerstes vertone, dürfte es nicht verwunderlich sein, dass sich parallel zu meinem Lebensstil auch mein musikalischer Ausdruck weiterentwickelt hat.

Hat das Album ein konkretes Konzept oder zumindest eine Kernaussage?
Das Album beschreibt, wie man leicht erkennen kann, sieben Visionen. Diese stehen grundsätzlich für sich, bilden im Gesamten jedoch einen Kreislauf. Das Ende des Albums, „One With The Soil“, fängt quasi den Zustand ein, von dem es sich in der ersten Vision „Towards The Sun“ zu lösen gilt! Wir alle sind in jeder Sekunde unserer Existenz Teil eines großen Zyklus, ob bewusst oder unbewusst. Es liegt an uns selbst, mit diesem Wissen etwas anzufangen oder auch nicht. Hat man sich jedoch erst einmal ernsthaft dafür geöffnet, die Kräfte, die uns umgeben, wahrzunehmen, hat man definitiv einen „Point of no return“ passiert, denn viele der daraus folgenden Erkenntnisse verändern unsere Sicht auf die alltägliche Realität unwiderruflich!

Wie bereits erwähnt, wurde das Album wieder bei Markus Stock aufgenommen, gemischt und gemastert. Wie lief der Prozess ab und warum ist Markus für dich nach wie vor der perfekte Mann für den Job?
Markus und ich haben ein sehr ähnliches Grundverständnis für Soundgestaltung und Workflow, wodurch wir sehr wenig Zeit mit Grundsatzdiskussionen verschwenden und stattdessen immer wieder in einer produktiven Aufwärtsspirale landen. Ich habe als hauptberuflicher Live-Tontechniker, der auch Studiotechnik studiert hat, schnell das Problem, zu sehr in das Denken des Technikers abzuschweifen, was mir bei Markus so gut wie nie passiert. Ich nehme immer schon ein paar Monate, bevor ich ins Studio gehe, alle Songs rein instrumental in einer Pre-Production-Version auf, die ich schon mal ans Studio vorausschicke. Somit weiß jeder am Tag eins der Aufnahmen bereits ganz gut, wohin die Reise in etwa gehen wird. Ich kann mich durch die hohe Vertrauensbasis rein auf meine Tätigkeit als Musiker konzentrieren und dadurch wesentlich befreiter und kreativer agieren, als ich es früher in anderen Studios konnte!

Mit HARAKIRI FOR THE SKY, bei denen du live aushilfst, gehst du bald auf Tour mit Fäulnis. Was erwartest du dir von der Tour?
Da dieser Run nur den ersten Teil des Trauma-Tourzyklus darstellt, fällt der Trip mit Fäulnis und Ellende verhältnismäßig kurz aus. Dafür werden das ein paar sehr intensive Shows. Beide Supports sind gute Freunde von uns und hammerstarke Bands! Dazu spielen wir viele der Stationen zusammen mit Pillorian und Valborg. Ich bin mal gespannt, was die so auf die Bühne bringen werden!

Hast du das kommende Fäulnis-Album „Antikult“ schon gehört und wenn ja: Was kannst du uns über das Album verraten?
Wird auf jeden Fall anders als die letzte Platte! Dreckiger und mehr BM vs. Punk. Für meinen Geschmack war „Snuff || Hiroshima“ schwer zu toppen und es wird auch nach der neuen Veröffentlichung mein Favorit bleiben, es werden allerdings viele ihren Spaß mit „Antikult“ haben, so viel ist sicher! Und am wichtigsten ist: Die Scheibe ist wieder unfassbar authentisch und so lange das so ist, hat eine Band alles richtig gemacht!

Besten Dank für das Interview. Zum Abschluss ein Brainstorming:
Donald Trump: hat seinen Mickey für das ultimative USA-Dreamteam gefunden – Walt Disney lässt grüßen!
Ski-WM: ääääh…
Wien: Sushi
Black Metal: kann ich.
Natur: pur!
ANOMALIE in zehn Jahren: noch da, aber anders!

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Danke für das Interesse und die Unterstützung!