Interview mit Marrok von Anomalie

Anderthalb Jahre nach „Visions“ erscheint mit „Integra“ die erste EP aus dem Hause ANOMALIE. Neben eindrucksvollen Erfahrungen aus China, wo er eben erst als Gitarrist von Harakiri For The Sky auf Tour war, berichtet ANOMALIE-Mastermind Marrok, warum er sich für dieses Format entschieden hat, was hinter den vier Songs steckt und wann man mit dem nächsten Album rechnen darf.

Nur ein Jahr nach „Visions“ erscheint nun eine neue EP – wie kam es dazu?
Genau genommen liegen zwischen den beiden Veröffentlichungen ziemlich genau anderthalb Jahre. Meistens löst bei mir die hoch kreative und fokussierte Atmosphäre während eines Studioaufenthalts zu einem neuen Album kurz darauf eine Flut an neuen Ideen aus, was auch in den Tagen nach dem Abschluss von „Visions“ passierte. Sobald ein Kapitel für mich abgehakt werden kann, blicke ich sofort nach vorne und die Vision der nächsten Schaffensperiode nimmt sehr schnell klare Formen an. Daraus entsteht eine wahnsinnig produktive Eigendynamik, die diesmal in den Grundgerüsten von vier Songs resultierte. Es fühlte sich intuitiv richtig an das Material aus diesem Kreativschub zu veröffentlichen, ohne nachträglich noch zwei, drei Tracks zu schreiben, nur um die Gesamtspielzeit auf volle Albumlänge zu pushen. Die EP bringt dadurch die Essenz von ANOMALIE sehr gezielt auf den Punkt und steht für mich auf derselben Prioritätsstufe mit „Visions“.

Gefühlt bist du ständig mit Harakiri For The Sky unterwegs, das letztes ANOMALIE-Album kam erst 2017. Wie schaffst du es, so schnell neue Musik zu schreiben, aufzunehmen und so weiter?
Ehrlich gesagt finde ich nicht, dass vier neue Songs anderthalb Jahre nach dem letzten Album ein außergewöhnlich hoher Output sind. Es entstand seither im Hintergrund auch noch deutlich mehr Material, man sollte allerdings nicht ohne Sinn und Plan jede Nummer bei der erstbesten Gelegenheit veröffentlichen. Nachdem ich kein Fan von unnötigen Kompromissen bin und die Erschaffung und Darbietung von Musik oberste Priorität in meinem Leben hat, bin ich mittlerweile seit einiger Zeit hauptberuflich in unserer Branche aktiv, wodurch ich zwar rund um die Uhr Arbeit am Tisch habe, andererseits auch die Freiheit aufrecht erhalte, kreative Momente möglichst produktiv zu nutzen. Auf trockene Zahlen reduziert, bin ich zusammengefasst ungefähr ein Drittel des Jahres mit Harakiri For The Sky unterwegs – da bleibt noch genug Zeit für ANOMALIE.

Die EP trägt den Titel „Integra“, die Reine. Was ist der Gedanke hinter dem Titel?
Das Wort an sich lässt bereits je nach Kontext verschiedene Interpretationen zu und so ist auch mein persönlicher Hintergedanke zum Titel ziemlich vielschichtig. Die EP ist quasi eine komprimierte Version eines Full-Length-Albums und daher liegt es in der Natur der Sache, dass hier ohne halbgare Experimente die Reinform meiner momentanen Vorstellung von ANOMALIE verewigt wurde. Inhaltlich spielt die sinnbildliche mentale und physische Reinkarnation durch kompromisslose Konsequenz in der konstanten Erweiterung und Überschreitung der eigenen körperlichen und geistigen Limits eine große Rolle. Im gezielten Ausmerzen seiner individuellen Schwächen kommen wir dem wahren Potenzial, das in jedem von uns steckt, Tag für Tag etwas näher. „Integra“ steht in diesem Sinne also auch für pure, unverblümte Selbstreflexion die nötig ist um der stärksten Form unserer selbst näher zu kommen.

Gibt es, obwohl es nur eine EP ist, trotzdem ein Textkonzept?
Es gibt keinen klaren roten Faden, der die Tracks inhaltlich nahtlos miteinander verbindet. Die Inhalte der einzelnen Songs bilden jedoch wie schon auf meinen beiden letzten Alben einen in sich geschlossenen Kreislauf und sind diesmal verschieden interpretierte Perspektiven einer gemeinsamen Kernkonklusion.

Wo liegt der Link zum Artwork, warum ist es das perfekte Bild für das Cover?
Das Cover stammt wieder einmal aus der Feder von Irrwisch Illustrationen und ist in seiner Symbolik sowie Farbgebung sicherlich für einige ein etwas unerwarteter Zug, vereint jedoch im Detail zum einen Elemente, die sich ganz bewusst vom ersten Album weg durch alle ANOMALIE-Artworks ziehen, zum anderen veranschaulicht die Thematik bei genauerer Betrachtung viele inhaltliche Grundsäulen der EP. Die Motte ist ein Wesen, das die Metapher von „Integra“ sehr passend verkörpert.

Im ersten Song „Rebirth“ beziehe ich mich auf die alternative Interpretation der Rosenkranz-Inschrift INRI: Igne Natura Renovatur Integra – Durch Feuer wird die reine Natur wiederhergestellt. Die Motte wird seit jeher magisch von Licht und Feuer angezogen, obwohl es unausweichlich den physischen Tod zur Folge hat. In der weiteren Auslegung des Satzes heißt es: Wenn sich das innere Feuer des Geistes frei und unbefleckt durch seine äußeren Hüllen vollständig verwandelt, wird seine reine ursprüngliche Natur auf höherer Ebene wiederhergestellt.

Die Hüllen werden dadurch zum Geistselbst, zum Lebensgeist und zuletzt zum Geistesmenschen verwandelt und mit seinem individuellen geistigen Wesen verschmolzen, was mit der vollkommenen Auferstehung des Leibes gleichbedeutend ist. Metaphysische Reinkarnation durch ehrliche Selbstreflexion und kompromisslose Disziplin sind zentrale Bausteine der vier Tracks und werden durch das Symbol der Motte und der bekannten Kreuzigungspose als Referenz auf die Kreuz-Inschrift meiner Meinung nach sehr stimmig auf den Punkt gebracht. Das umliegende Szenario, bestehend aus Waldsilhouetten unter dem unendlichen nächtlichen Himmelszelt, ist nicht nur an eine spezielle Textstelle geknüpft, sondern weiters eine Hommage an eines meiner Lieblingsgemälde einer mir sehr nahestehenden Person, die mich mit ihrem Wesen und Schaffen immer wieder tiefgehend inspiriert.

Wie stehst du generell zum Format der EP – was macht die Kurzveröffentlichung für dich reizvoll?
„Integra“ ist tatsächlich die erste Kurzveröffentlichung meiner gesamten Musikerkarriere. Ich war nie großer Befürworter von Demos, EPs und Split-Veröffentlichungen, da ich bei vielen Bands das Gefühl habe, sie bringen solche Dinger nur raus, um in kindlicher Ungeduld ein weiteres Release auf ihrer Liste zu haben. ohne genug Ideen für ein vollwertiges Format zu haben. Und oft frage ich mich, wer ernsthaft acht bis zwölf Euro für zwei bis drei relativ kurze B-Tracks ausgibt. Ausnahmen bestätigen natürlich auch in diesem Fall die Regel.

Für mich hat es sich bisher auch stets falsch angefühlt, nach maximal der Hälfte des Songwritings für ein Album einen vorzeitigen Punkt zu machen. Ehrlich gesagt wäre es aus geschäftlicher Sicht wesentlich smarter gewesen, auch diesmal noch den einen oder anderen Track dazuzupacken, um das Ding als volles Album mit größerer Werbewirkung zu promoten, da ich mir sicher bin, dass ich einen Teil meines Zielpublikums einfach durch die Bezeichnung „EP“ nicht erreiche. Dieses Format wird von einigen Hörern einfach komplett ignoriert. Da ANOMALIE allerdings ein Herzensprojekt und kein Businessprojekt ist, bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt. So ist „Integra“ nun, was es ist, und ich fühl mich sehr gut damit! Mit fast einer halben Stunde Spielzeit habe ich auch nicht das Gefühl, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen – die EP ist definitiv ihr Geld wert, so viel kann ich ehrlich behaupten.

Arbeitest du bereits an einem neuen ANOMALIE-Album?
Momentan gibt es einige offene Song-Baustellen, wovon man sicherlich das ein oder andere Ergebnis auf dem nächsten Album hören wird. Auch Titel sowie einige Themen sind bereits fixiert, die Marschrichtung für das nächste Album ist also klar definiert. Es ist allerdings noch ein weiter Weg und aktuell bin ich auch noch innerhalb von fünf Monaten fünfmal auf Tour, daher komme ich höchstwahrscheinlich erst nächstes Jahr wieder in die richtige Stimmung, um das Werk mit dem nötigen Spirit zu vollenden. Kreativität lässt sich jedoch generell nur bedingt steuern und absolut nicht erzwingen. Also lass ich es wie immer auf mich zukommen. Sowas wie Stress seitens des Labels gibt es für so kleine Bands wie ANOMALIE ja zum Glück nicht, es steht somit noch in den Sternen, wann wir das nächste Album im Studio verewigen werden.

Mit Harakiri For The Sky warst du gerade in China unterwegs – was für Erfahrungen hast du dort gemacht, inwiefern hat dich diese Tour geprägt?
Zwei Wochen lang am anderen Ende der Welt zu touren ist natürlich ein Privileg und eine Erfahrung, die man sich als junger Musiker noch vor wenigen Jahren nicht hätte vorstellen können. Dementsprechend unvergesslich sind diese Erlebnisse auch nachwirkend. Ich sitze gerade in diesem Moment am Flughafen in Moskau, auf der Rückreise von Peking – die Eindrücke sind also noch sehr, sehr frisch. Ohne zu sehr auszuschweifen: China war eine Reise voller Extreme. Die Shows und das Publikum hätten besser nicht sein können, die Energie und Leidenschaft der Konzertbesucher lässt sich nicht mit Europa vergleichen und lässt einen täglich sprachlos von der Bühne gehen.

Diese enorm positiven Erlebnisse und das verdammt gute Essen waren für meinen Teil jedoch auch essenziell, um tagsüber den Umgang mit der restlichen Gesellschaft in diesem industrieverseuchten und heillos überbevölkerten Land zu meistern. Ich bin ehrlich gesagt etwas schockiert und traurig, wie sehr dieses Volk ihre extrem alte und wertvolle Kultur mit Füßen tritt. Außerhalb der alten Tempel herrscht fast völlige Anarchie, in welcher die Menschen rücksichtslos und unverschämt ihr riesiges Hamsterrad über Freund und Feind rollen. Natürlich stehen die schönen Stunden und die neuen Bekanntschaften mit wundervollen Individuen langfristig im Vordergrund und ich hoffe sehr, wir können früher oder später an diese Tour anknüpfen!

Im Herbst geht es mit ANOMALIE auf Tour mit Naglfar und Schammasch – was erwartest du dir von der Tour, warum passen die Bands gut zusammen?
Ich erwarte mir nichts Geringeres als die 16 intensivsten Shows unserer bisherigen Bandgeschichte. Das Set ist stimmiger denn je und wir sind in der Live-Besetzung während des letzten Jahres als Kollektiv sehr gewachsen, was mir persönlich enorm viel bedeutet. Die gemeinsame Energie, die wir auf der Bühne generieren, hebt sich durch den starken Draht zueinander auf ein völlig neues Niveau. Diese Tour bietet dafür in ihrem Rahmen die perfekten Bedingungen, um uns ideal präsentieren zu können.

Den Tourbus mit Schammasch zu teilen, ist mir eine besondere Ehre und Freude, da Band Mastermind C.S.R. meinen höchsten künstlerischen Respekt genießt. Er ist einer der wenigen mit einer völlig klaren Vision, jemand, der weit über die Grenzen der rein musikalischen Ausdrucksform auf allen Ebenen kompromisslos seine Ideale eindrucksvoll realisiert. Wir pflegen schon länger freundschaftlichen Kontakt und wir freuen uns alle sehr darauf, gemeinsam durch Europa zu ziehen! Mit Naglfar on top haben wir noch dazu eine skandinavische Naturgewalt an Bord, die im letzten Jahrzehnt sehr selten zu sehen war. Die Jungs sind aktuell so stark wie nie zuvor und ich freue mich sehr darauf, dass wir dieses Spektakel eröffnen dürfen!

Es handelt sich um eine eurer immer in vielerlei Hinsicht sehr speziellen Quantheon-Touren – was erwartet den Besucher diesmal alles konkret?
Ich will an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten, aber diese Tour geht weit über die Normen einer normalen Metal-Tour hinaus. Natürlich stehen die drei Bands und deren Musik im Vordergrund, jedoch begleitet diese Produktion eine großartige Auswahl an unglaublich starken und sehr unterschiedlichen Künstlern, die mit ihren Beiträgen einen enorm wichtigen Beitrag zum Gesamterlebnis dieser Produktion beitragen werden. Die Grenzen der jeweiligen künstlerischen Medien verschmelzen zu einem großen Ganzen, wodurch die Philosophie von Quantheon Touring – aber auch ANOMALIE – stärker denn je zu spüren sein wird!

Zum Abschluss des Interviews noch unser Brainstorming:
Der Papst: Wie alle religiösen Führer immer noch global viel zu einflussreich.
Black Metal: Den Begriff gibst du mir nun im dritten Interview hintereinander! (lacht)
Vinyl: Ein schönes Format im digitalen Zeitalter.
Festivals: Für ANOMALIE-Shows oft eher unpassend.
China: Land der extremen Gegensätze.

Besten Dank für deine Zeit und Antworten, die letzten Worte gehören dir:
Vielen Dank an euch und alle Hörer für die langjährige, treue Unterstützung!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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