Interview mit Arne und Benni von Captain Planet

Mit ihrem neuen Album „Treibeis“ hat es die Hamburger Punkband CAPTAIN PLANET geschafft, nach zwei in der Szene gefeierten Alben nun auch einstimmig von den großen Feuilletons besprochen zu werden. In unserem ausführlichen Gespräch mit Sänger Arne und Gitarrist Benni erfahren wir nun unter anderem, dass ihnen der Geheimtipp-Status lieber ist, welche Rolle Politik in ihrer Musik spielt und wie viel Metal eigentlich in Punkrock steckt.

Moin Moin! Erst mal danke, dass ihr euch Zeit nehmt, diese Fragen zu beantworten. Wie geht es euch gerade, was macht ihr derzeit?
Benni: Danke auch für das Interesse, Metal-Fanzines melden sich ja leider nicht so häufig… Ansonsten geht es gut. Zurzeit warte ich darauf, dass der Winter zu Ende ist.
Arne: Danke der Nachfrage – alles gut soweit. Mit zwei Kids zuhause drängt sich das Weihnachtsfest gerade brutal in den Vordergrund, mit Tom Waits und Schokoplätzchen halt ich das aber noch ganz gut aus.

Euer neues Album ist Mitte Oktober erschienen und die Reaktionen seitens der Presse fallen durchweg positiv aus – habt ihr mit einem so großen und positiven Feedback gerechnet?
Benni: Ja, die Rückmeldungen sind wirklich großartig. Das freut uns natürlich sehr. Allerdings ist es uns viel wichtiger, dass wir selbst mit der Platte zufrieden sind. Was andere davon halten, ist eher zweitrangig.

Wie erklärt ihr euch, dass ihr mit „Treibeis“ auch in den Feuilletons großer Zeitungen besprochen wurdet, während ihr bisher – meiner Meinung nach – stärker den Ruf eines Geheimtipps innehattet?
Benni: Keine Ahnung, woran das liegt. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass wir mit „Treibeis“ eigentlich eine wütende Platte gemacht haben und keine, die möglichst vielen gefallen soll. Geheimtipp zu sein ist mir weiterhin sympathischer als eine Konsensband zu sein, die keinem wehtut. Ich hoffe also, dass wir ersteres bleiben.
Arne: Na ja, ich denke, dass gerade das Feuilleton der richtige Platz für Sperriges ist – Konsens landet im Privatradio.

„Treibeis“ ist in meinen Augen euer bisher bestes Album – gleichzeitig ist es aber auch deutlich sperriger als der Vorgänger „Inselwissen“. Wie würdet ihr „Treibeis“ selbst charakterisieren?
Benni: Ich finde, dass „Treibeis“ eine runde Sache geworden ist. Insgesamt wohl wieder ein wenig dreckiger als die „Inselwissen“. Das war auch der Plan, wenn es denn einen gab.
Arne: Ich persönlich finde die „Inselwissen“ eigentlich sperriger – die Songs und auch die Sounds klaffen stärker auseinander als auf der „Treibeis“, wo alles viel homogener wirkt. Dennoch ist Treibeis zorniger und wütender – wobei der geneigte Metalhase sich jetzt wahrscheinlich in die fingerlos lederbehandschuhte Faust lacht…

War es eine bewusste Entscheidung, die Gitarren stärker zu verzerren als auf den Vorgängern?
Benni: Ja. Die Gitarren auf „Inselwissen“ waren uns im Nachhinein ein wenig zu zahm, da haben wir halt eine Schippe draufgepackt. Kehrseite davon ist natürlich, dass manches filigrane Gitarrengeplänkel ein wenig an Durchsetzungsfähigkeit verliert. Mal schauen, was wir in zwei Jahren davon halten.

Viele behaupten, dass eure Platten alle gleich klingen – eine Aussage, die ich so nicht unterschreiben kann. Dennoch habt ihr einen ganz eigenen, wiedererkennbaren Stil. Wie darf man sich den Songwriting-Prozess bei Captain Planet vorstellen?
Benni: Ich finde ja auch, dass die Platten unterschiedlich klingen. Ob man das so sieht oder nicht, hängt wahrscheinlich auch viel von den eigenen Hörgewohnheiten ab. Bei Bands oder Genres, die mich nicht interessieren, hört sich für mich auch oft alles gleich an. Erst wenn man so richtig auf etwas einsteigt, fallen einem die Unterschiede wirklich auf.
Die Songs entstehen meist erst als Grundgerüst zuhause und werden dann im Proberaum rundgeschliffen. Anschließend kommen Arnes Texte drauf. Ziel beim Schreiben der Songs ist es, dass alle Teile ihre Daseinsberechtigung haben. Alles, was nur nutzloses Tüdelü ist oder nicht zwangsläufig an die jeweilige Stelle gehört, muss raus. Meist ist dann halt nach zweieinhalb Minuten Schluss.
Arne: Wobei der Teil des „Rundschleifens“ sehr lange dauern kann. Manche Songteile wandern im Laufe der Monate schon mal durch vier bis fünf Songs, bis sie dann endlich ein klangliches Zuhause finden. Viele landen auch im (digitalen) Papierkorb. Am Ende sind es dann wieder nur elf Songs, die es auf die Platte schaffen. Dafür ist man dann aber auch mit jedem einzelnen Song emotional eng verbunden und größtenteils sehr zufrieden.

In euren Texten wir selten von einem „Ich“ gesprochen, sondern ein imaginäres „Du“ adressiert oder von einem kollektiven „Wir“ gesungen. Wieso bevorzugt ihr diese Formen?
Arne: Dahinter verbirgt sich kein wirklicher Plan. Das hat sich über die Jahre einfach so ergeben. Ein imaginäres „Du“ zu adressieren macht es vielleicht einfacher die Dinge zu benennen. Es schafft eine gewisse Distanz und eine Art Eindringlichkeit, die das ständige über sich selbst Singen wahrscheinlich nicht bieten kann.

Generell erscheinen mir eure Texte sehr persönlich, wobei vor allem auf „Inselwissen“ gleichzeitig auch immer eine politische Tendenz erkennbar ist. Wie wichtig ist euch ein politisches Bewusstsein in eurer Musik?
Arne: Sehr wichtig. Politisches Bewusstsein muss sich dabei nicht durch die konkrete Benennung gesellschaftlicher und politischer Missstände in Songtexten ausdrücken. Es geht nicht darum, die Menschheit „von oben“ als Masse zu betrachten, und mit dem Finger aus dem Raumschiff auf all die verbesserungswürdigen Abmachungen da unten zu zeigen. Unsere Texte erzählen vom Alltag, wo die Ereignisse wie auf einem Fließband auf dich zukommen und du damit umgehst. Sie sind dabei immer auch politisch, weil sie eine Grundunzufriedenheit mit den Zwängen und Mechanismen des Alltags ausdrücken. Das nennen viele dann leicht genervt „Emo“, es ist aber mehr als das. Es ist der notwendige innere Sturm, der Veränderungen (auch politischer Art) erst möglich macht!

Liegt es an eurer Heimat, der Hafenstadt Hamburg, oder woher kommt eure Faszination für das Thema Wasser in euren Albentiteln? Was bedeutet Wasser für euch?
Benni: Ach, das ist mit der Zeit irgendwie ein Selbstläufer geworden. Da heißt die erste 7-Inch irgendwas mit Strand und schon fällt einem nichts anderes mehr ein.

Euer altes, großartiges Label „Unterm Durchschnitt“ musste leider aufgrund finanzieller Engpässe aufgeben. Wie würdet ihr die Musiklandschaft derzeit im Bezug auf Independent-Label beschreiben?
Benni: Sinkende Plattenverkäufe tun natürlich allen bei der Plattenherstellung Beteiligten weh. Wer Geld verdienen will, sollte folglich lieber etwas anderes machen. Glücklicherweise gibt es nach wie vor eine große Vielfalt an kleinen Labels, die Arbeit, Liebe und Geld in die Platten kleiner Bands stecken, ohne dabei zu erwarten, dass sich das Ganze irgendwann richtig auszahlt.

Seid ihr zufrieden mit eurem neuen Label? Hattet ihr auch andere Angebote?
Benni: Ja, wir sind mehr als zufrieden. Zeitstrafe ist genau das, was wir uns gewünscht haben. Es haben auch andere Labels angefragt, aber Renke ist halt ein Freund, macht nur gute Platten und verbiegt sich nicht.

Ihr geht nebenbei alle noch anderen Berufen nach – ist die Musik für euch demnach ein Hobby? Oder könntet ihr euch, falls so etwas wie „der Durchbruch“ käme, vorstellen, alles auf diese Karte zu setzen?
Benni: Naja, Hobby klingt so lieblos… Ich würde es eher als Leidenschaft und als Notwendigkeit betrachten. Müsste ich das als Beruf machen, würde es den Zauber schnell verlieren. Das soll alles mal schön so bleiben, wie es ist.

Habt ihr eine Meinung zur aktuellen Lage von Punkrock in Deutschland? Würdet ihr euch selbst als Punkband beschreiben oder seht ihr euch selbst in einer Tradition?
Benni: Zur aktuellen Lage von Punkrock in Deutschland kann ich nichts sagen. Das ist ja auch mal ein sehr schwammiges Feld und ein sehr belangloses Land. Ich kenne jedoch viele tolle Bands, die sich in diesem Moloch rumtreiben, scheint also alles in Ordnung zu sein. Und ja, wir würden uns gerne als Punkband sehen. Insofern stehen wir auch in einer Tradition von Bands, schließlich machen wir ja nichts grundlegend Neues. Das ist ja alles schon mal dagewesen.

Habt ihr Lieblingsbands aus diesem Genre?
Benni: Alle meine Lieblingsbands sind Punk-/Hardcorebands. Ich bin da leider sehr engstirnig…
Arne: Das Genre ist mittlerweile so differenziert, dass sogar meine Folk- und Singer/Songwriter-Vorlieben dort zuhause sind. Gilt also auch für mich.

Abgesehen davon: Wie würdet ihr eure eigene Rolle in der Musiklandschaft Deutschlands beschreiben? Glaubt ihr, ihr seid bereits eine Konstante/Inspiration für andere Bands?
Benni: Da musst Du wohl eher andere Bands fragen. Ich würde es jedoch schön finden. Wir lassen uns ja schließlich auch von anderen Bands inspirieren. Da wäre das ja ein fairer Deal.
Arne: Ich glaube schon, dass es mittlerweile eine (kleine) Schublade gibt, auf der Captain Planet steht. Ob die Bands, die darin landen, sich das immer selbst aussuchen, sei mal dahingestellt.

Was für andere Bands inspirieren euch, oder wenn es keine Bands sind, woraus zieht ihr die größte Inspiration für eure Musik und eure Texte?
Benni: Jede Band, die mich begeistert und jedes Konzert, das mich packt, motiviert mich die Gitarre in die Hand zu nehmen und selber kreativ zu werden. Insofern findet man wohl immer etwas von dem, was man gerade hört, in den eigenen Songs wieder. Ich höre gerade viel Marked Men und Neon Piss, mal schauen, was das bewirken wird.
Arne: Ich war neulich auf einem John K. Samson-Konzert. Seine Songs singe ich seit Jahren meinen Kindern zum Einschlafen vor. Von ihm und seiner Art Geschichten zu erzählen habe ich mir einiges abgeschaut.

Das Artwork auf der neuen Platte unterscheidet sich vom Stil eurer bisherigen Veröffentlichungen – war das ein bewusster Schritt, eine Art Neuanfang auf einem neuen Label?
Benni: Das liegt wohl eher daran, dass diesmal Marco alleine dafür verantwortlich war. Vorher haben Arne und Marco das in Kooperation gemacht.

In Amerika gibt es ja derzeit eine Gruppe von befreundeten Bands, die sich The Wave nennt. In Deutschland gab es ja da eine Zeit lang das Grand Hotel Van Cleef und ihr seid bekanntermaßen sehr gut mit Matula befreundet. Würdet ihr auch noch andere Bands in euren „Freundeskreis“ integrieren?
Benni: Über die Jahre haben wir mit vielen wahnsinnig guten Bands gespielt und dadurch viele tolle Menschen kennengelernt. Hierzu zählen neben Matula Bands wie Duesenjaeger, Antitainment, El Mariachi, Grand Griffon, Adolar, Love A, Findus und viele andere. Das ist kein geschlossener Verein, das ist keine neue Welle von irgendwas. Insofern hoffe ich, dass wir noch viele weitere Kapellen kennenlernen. So ein Abend im lokalen autonomen Jugendzentrum schweißt aber auch zusammen. Das Grand Hotel van Cleef gibt es übrigens immer noch. Tolles Label.

Aufgrund eurer Berufe könnt ihr nicht so oft touren – wie wichtig ist euch das Tourleben generell? Wie lässt sich das mit euren Jobs am besten verbinden?
Benni: Konzertausflüge sind definitiv ein maßgeblicher Teil des Vergnügens und uns daher sehr wichtig. Es geht ja bei der Bandsache darum, mit Freunden was auf die Beine zu stellen und Zeit miteinander zu verbringen. Mit den Berufen lässt sich das schlecht verbinden, muss aber trotzdem gehen. Meist beschränken sich unsere Ausflüge auf Wochenenden oder kleinere Touren in den Schulferien.
Arne: Die Zeit auf Tour ist weniger geworden, dadurch aber auch umso wertvoller. Man freut sich oft schon zwei Wochen vorher darauf endlich im Bus zu sitzen. Ich habe auch das Gefühl, dass wir durch diese gestiegene Wertschätzung das Proben viel ernster nehmen – man will einfach immer perfekt vorbereitet sein und gut abliefern.

Kann man aufgrund der großen Medienresonanz mit mehreren Konzerten nächstes Jahr rechnen? In den letzten Jahren habt ihr euch ja doch sehr rar gemacht.
Benni: Rar machen ist leider weiterhin angesagt. Wir versuchen aber so viel mitzunehmen wie möglich und es sind schon feine Sachen geplant. Jepp!

Wird es auch Festivalauftritte geben?
Benni: Ja, wir haben bereits einige Festivals zugesagt. Mir persönlich sind aber die kleinen, feinen Konzerte in überfüllten Spelunken die lieberen.
Arne: Definitiv. Auf diesen riesigen Bühnen ohne echten Kontakt mit den Zuschauern fühle ich mich seltsam beobachtet – aber was Festivals angeht stehen wir ja auch noch am Anfang. Da können wir noch viel besser werden.

Wir haben eine kleine Tradition bei metal1, weswegen ich das Interview gerne mit einem kleinen Brainstorming beenden würde. Was sind eure ersten Assoziationen zu folgenden Begriffen:

Berlin:
Benni: Groß
Arne: Schön

Sehnsucht:
Arne: Kitschige Heimatfilme

Metal:
Benni: Rollenspielspielende Informatiker
Arne: Bennis Bruder

Gentrifizierung:
Benni: Zorn
Arne: St. Pauli

Semesterticket:
Benni: Fahrrad

Tausend Dank, dass ihr meine Fragen beantwortet habt. Wenn ihr noch etwas loswerden wollt, die letzten Worte gehören euch:
Benni: Ich spiele Gitarre über eine alte Box von Helloween. Arne hatte mal Gesangsunterricht bei der Gesangslehrerin von Kai Hansen. Können wir bei euch damit Eindruck schinden?
Arne: Metal ist viel mehr Punk als du glaubst!