Nach einem Vierteljahrhundert gemeinsamer Musik hat Le Comte Caspar vor wenigen Wochen COPPELIUS verlassen – ein Schritt, der für viele Fans überraschend kam. Wir haben den Musiker und Klangkünstler kurz nach seinem Ausstieg interviewt und mit ihm über Abschied und Neuanfang, künstlerische Freiheit, die Zukunft der coppelianischen Liederwelt und seine Pläne als CASPAR PAN gesprochen.

Hallo Caspar, du bist Gründungsmitglied von COPPELIUS und hast die Band vor wenigen Wochen verlassen. Wie geht es dir inzwischen?
Caspar: Das war natürlich ein schwerer Schritt. Ich habe damit viel aufgegeben. Aber ich habe auch viel gewonnen. Inzwischen sprießt meine Kreativität in viele neue Richtungen: Ich weiß gar nicht, was ich zuerst machen soll! Es geht mir inzwischen tatsächlich ziemlich gut.
Du hast dieses Jahr bereits einige Konzerte aus persönlichen Gründen verpasst, von einem Ausstieg war lange allerdings keine Rede. Kannst du uns mehr dazu verraten, was in dieser Phase deines Lebens alles passiert ist?
Wenn man ein Vierteljahrhundert lang gemeinsam Musik macht, dann ist so eine Trennung gar nicht so einfach. Nicht nur emotional, sondern ganz einfach auch organisatorisch. Das kostet durchaus Kraft, auf verschiedenen Ebenen. Ich habe mich aber auch um mich gekümmert und einiges in meinem Leben verändert – Bewegung, Ernährung, mentale Gesundheit.
Wer hatte die Idee zu deinem Abschiedsvideo inklusive emotionalem Abschminken und dem Ende von Le Comte Caspar?
An der coppelianischen Bühnenfigur hängt eine Ausdrucksweise, eine Haltung, aber eben auch Kleidung und Make-up. Da war es für mich naheliegend, das sichtbar abzulegen.
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In dem Video hast du gesagt, dass dir COPPELIUS „nicht mehr guttut“. Kannst du das etwas genauer ausführen?
So eine Kapelle ist ein bisschen wie eine Ehe – und das zu sechst! Mit allen Vorteilen, aber eben auch mit allen Nachteilen. Über 25 Jahre können sich Muster einschleifen, die irgendwann nicht mehr zu einem selbst und zu dem, was man möchte, passen. Und dann kommt man irgendwann an den Punkt, sich zu fragen, ob man sich da noch gut fühlt.
Wie lange hat sich dein Abschied von COPPELIUS schon abgezeichnet? War es ein schleichender Prozess oder mehr eine plötzliche Erkenntnis bzw. ein bestimmtes Ereignis, das dazu geführt hat?
In so einer Kapelle zweifelt jeder mal, davon bin ich überzeugt. So ging es natürlich auch mir ab und an, aber nie wirklich ernsthaft. Die Erkenntnis, dass es nicht mehr gut für mich ist und dass es deswegen nicht mehr geht, kam dann aber auch für mich selbst recht überraschend und plötzlich.

Wie blickst du auf die Zeit bei COPPELIUS zurück? Woran denkst du gerne, woran weniger?
Ich denke gerne an den Blick von der Bühne ins Publikum. An die Gesichter der Fans, für die wir das alles gemacht haben. Ich denke gerne an die Wucht, die diese Kapelle auf der Bühne entfesseln kann. Diese Kraft, die da in das Publikum strahlt. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich denke gerne daran, wie meine verrückten Ideen in der Kapelle angenommen wurden, wenn ich selbst nicht wirklich damit gerechnet habe – die Stoppschildgitarre, der „Stromausfall“ auf der letzten Konzertreise, die gesampleten Federinstrumente, Sounds und Klänge. Das dann auf die Bühne zu bringen, war für mich immer etwas ganz Besonderes. Ich denke weniger gern an die ganzen Umstände des Rock’n’Roll – Einladen, lange Fahrt, Ausladen, Aufbauen, schon geht es los, schon vorbei, Abbauen, Einladen, wenig Schlaf in kurzen Hotelnächten, und weiter geht es … aber das gehört natürlich auch zum Bühnenleben dazu. Aber ich muss wirklich sagen: Die schönen Erinnerungen überwiegen.
Würdest du sagen, dass COPPELIUS bzw. du als Teil der Band erfolgreich sind oder waren?
Es sind schwierige Zeiten für Musizierende – kommerzieller Erfolg ist ohne künstlerische Einschnitte kaum möglich. Aber auch, wenn wir in den Jahren viele andere Bands an uns vorbeiziehen gesehen haben, so weiß ich doch, dass „Coppelius hilft!“ immer gestimmt hat. Es ist wirklich berührend, was mir Fans erzählt haben, was ihnen meine Lieder bedeuten. Die Lieder der Kapelle. Die Kapelle an sich. Aber auch das Umfeld der Kapelle, denn die Fans haben bei COPPELIUS eine ganz besondere Gemeinschaft, die über die Musik hinausgeht. Durch was für schwere Zeiten ihnen das geholfen hat. Und Etliche haben mir gesagt, dass es sie „ohne“ heute nicht mehr geben würde. Ich glaube, das ist ein großer Erfolg!
Wirst du die Band weiterverfolgen bzw. werdet ihr weiter Kontakt haben?
Bestimmt! 25 Jahre lang wollte ich gern von außen sehen, was diese Kapelle auf der Bühne entfaltet – demnächst kann ich es ja tatsächlich mal tun.

Trotz Social Media und Co. ist COPPELIUS immer noch ein geschlossener Kosmos, man weiß nicht viel über die Band und die Mitglieder bleiben fast immer in ihrem jeweiligen Charakter. Ist das ein Vorteil oder führt das in der Praxis auch zu Herausforderungen?
Das ist auf jeden Fall ein großer Vorteil – sowohl für die Privatsphäre der Musiker, als natürlich auch für die ganze mystische Welt. Aber natürlich führt das in der Praxis zu großen Herausforderungen – in einer komplett vernetzten, schnelllebigen Social-Media-Welt kann man nicht mal eben ein Video an der Tankstelle machen, wenn man sich dafür erst schminken, in Schale werfen und einen passenden Hintergrund auswählen muss.
Viele COPPELIUS-Songs sind eng mit dir als Sänger oder Frontmann verbunden. Wie geht es mit diesen Stücken weiter? Werden sie in Zukunft von COPPELIUS, von dir oder von beiden gespielt?
Bis jetzt habe ich die Sachen eigentlich eher als Teil von COPPELIUS gesehen. Ich denke, die Fans werden weiterhin bestimmte Stücke hören wollen – die werden dann eben in Zukunft von Butler Bastille, Graf Lindorf oder Max Coppella gesungen. Auch wenn sie alle eher Tenor als Bass sind. Und vielleicht suchen sie sich ja auch noch einen neuen sechsten Mann, vielleicht gar mit tiefer Stimme – der könnte dann natürlich auch die Stücke, die gerade auf die Wirkung der tiefen Stimme setzen, gut darbieten. Aber deine Idee ist ganz famos – wer weiß? Vielleicht komme ich in Zukunft auch auf die Idee, meine persönlichen coppelianischen Klassiker in neuem Gewand zu spielen? Ha, noch eine neue Idee von Dingen, die ich in Zukunft tun könnte. Und die Liste ist schon so lang!
Was sind die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Caspar dem Privatmenschen, Le Comte Caspar und CASPAR PAN?
Oh weh, gute Frage, und ich fühle mich gleich ein bisschen ertappt! Comte Caspar ist sehr arrogant, herrisch, aber auch düster, manchmal fast bösartig. Da stecken ein paar meiner unangenehmeren Seiten drin und werden dort total überspitzt künstlerisch ausgelebt. Dafür ist CASPAR PAN sehr spielerisch, positiv, kreativ, freundlich, aber auch träumerisch und darf auch mal ein bisschen verpeilt sein – fast schon ein Hippie im 21. Jahrhundert. Ein Neo-Hippie? Das sind alles Schnittmengen vom privaten Caspar – die finstere Seite, die Hippieseite, aber ich bin auch mal ganz langweilig. Ich liebe meinen Garten – meditatives Laubharken ist großartig, auch wenn ich mir dabei etwas spießig vorkomme.

Siehst du dich musikalisch eher als Einzelkünstler oder möchtest du gerne wieder in größeren Bands bzw. Projekten wie mit CHRISTIAN VON ASTER auftreten?
Die gemeinsamen musikalischen Lesungen mit CHRISTIAN VON ASTER sind eine ganz tolle Sache, wir zwei entwickeln eine ganz besondere Energie gemeinsam. Wir inspirieren uns gegenseitig und beflügeln uns. Wir hatten gerade eine wirklich schöne Aster & Caspar-Veranstaltung in Berlin und bald ist wieder eine – am 21. 11. in Eberswalde. Aber bevor ich mich fest auf ein neues Projekt einlasse, muss ich mich zuerst selbst künstlerisch neu finden. Ich mache viele musikalische Versuche, experimentiere mit elektronischer Klangerzeugung und arbeite weiter an neuen eigenen Instrumenten und Samples. Ich probiere mich dazu in vielen verschiedenen musikalischen Richtungen aus. Und wenn diese spannende neue Reise eine Richtung gefunden hat, wird sicherlich neues musikalisches Material entstehen. Ich denke, das werde ich erst mal allein machen – aber wer weiß, vielleicht ergibt sich auch eine neue Band.
Mit CHRISTIAN VON ASTER improvisierst du viel auf der Bühne. Wie sehr magst du dieses Element?
Ich liebe die Improvisation! Ich glaube, sie wird insgesamt etwas stiefmütterlich behandelt und vielleicht sogar etwas abschätzig betrachtet. Dabei ist sie – wenn gut gemacht – so viel mehr als vorbereitete Werke: Sie ist Komposition und Arrangement, Dichtung und Umsetzung im Augenblick, auf den Moment abgestimmt. Das braucht viel künstlerisches Handwerkszeug. Ich liebe es, auf die Bühne zu gehen und keine Ahnung zu haben, was ich spielen werde. Oft schließe ich die Augen vor dem ersten Ton und lasse den Zufall entscheiden, was der erste Klang wird – und was für Inspiration daraus erwächst. Was ich aus dem Publikum spüre, wirkt darauf, wie es weitergeht. Das ist großartig!

Siehst du dich auch als Schauspieler?
Ach du Schreck, keine Ahnung! Ich habe bei zwei Opern gespielt, aber ich wurde nie anderweitig für eine Rolle angefragt. Insofern bin ich das wahrscheinlich eher weniger. Aber ich glaube, ich könnte gut sprechen bzw. lesen – in Hörbüchern oder Hörspielen.
Gibt es Ideen für Songs oder für Musik allgemein, die du bei COPPELIUS nicht umsetzen konntest?
Ja. Es liegen hier viele halbfertige CASPAR-PAN-Stücke. „Die Reise lohnt“ war damals solistisch nur der Anfang und dann hatte ich nebst der Kapelle nicht die Kraft, das sinnvoll fortzuführen. Dabei gibt es ein paar tolle Lieder – träumerisch, freundlich, eine ganz eigene Stimmung, mit ganz merkwürdigen Instrumenten. Davon wird es in nächster Zeit bestimmt etwas zu hören geben!
Du hast mit COPPELIUS auch auf größeren Festivals wie dem MERA LUNA gespielt. Hast du dich dort oder auf den Club-Bühnen wohler gefühlt?
Schwierige Frage! Das große Publikum auf den Festivals ist ein Rausch der Masse – sowohl von der Bühne aus als auch sicherlich als Teil des Publikums. Meist hat man nicht so lange Bühnenzeit und muss in einem kurzen Zeitraum das Publikum fesseln. Das hat schon einen ganz besonderen Reiz. Auf der anderen Seite ist die intimere Atmosphäre und der bessere Klang im Club auch großartig. Man breitet einen eher langfristigen Spannungsbogen aus und erzählt eine Geschichte über einen ganzen Abend hinweg.
Wirst du in Zukunft weiter experimentelle Instrumente selbst bauen? Wenn ja, hast du konkrete Ideen, die du bereits umsetzt oder umsetzen möchtest?
Oh ja, auf jeden Fall! Ich will wissen, wie ein Tonabnehmer am Fahrraddynamo klingt und was ich aus den Klängen machen kann – ob es ein Instrument wird, bei dem ein Rad in einer bestimmten Geschwindigkeit gedreht werden muss, um eine bestimmte Tonhöhe zu erreichen, oder ob ein Sample daraus entsteht, das ich dann am elektrischen Klavier spielen kann. Keine Ahnung! Und ich möchte die Idee der Fahrradrahmenharfe fortführen – zur Fahrradharfe 2.0: In den Rahmen eines Fahrrads werden Saiten gespannt, auf den Gepäckträger kommt ein Verstärker, und auf den Lenker ganz viele Klingeln, die in bestimmten Tonhöhen gestimmt sind. Das muss man sich mal vorstellen: Ich könnte auf die Bühne radeln, das Fahrrad abstellen, auf der Harfe begleiten und vieles mehr.

Gibt es jemanden, mit dem du gerne einmal zusammenarbeiten willst? Wenn ja, mit wem und im Rahmen welches Projekts?
Ich habe keine konkreten Ideen diesbezüglich, aber ich könnte jetzt natürlich auf der einen Seite mal wieder ein paar Remixe für das eine oder andere Projekt machen, auf der anderen Seite aber auch mal wieder hier und da ein Gastsolo spielen.
Was viele vermutlich nicht wissen: Du bist nebenbei auch Fotograf. Ist das für dich ein Thema, das du gerne intensiver verfolgen willst oder mehr ein Hobby?
Fotografieren ist eine tolle Kunstform! Es ist wie Musik, nur dass die Frequenzen alle gleichzeitig auf einen Blick sichtbar sind und nicht nacheinander durch ihre Abfolge wirken. Das ist ein Hobby, das ich jetzt gern wieder intensiver verfolgen will.
Du bist derzeit sehr aktiv auf verschiedenen Social-Media-Plattformen. Sind Instagram und Co. für dich mehr Segen als Fluch?
Beides. Ich habe ein Video zu meinem aktuellen künstlerischen Werdegang, zu Ideen und Plänen und zu meinem momentanen Zustand gemacht – und dafür so eine wunderbare Welle von positiven Rückmeldungen bekommen, dass mich das sehr beflügelt hat. Daraufhin habe ich dann den Trailer für das Lied „Dieses Mal wird alles anders“ gemacht und erst war ich mir ganz unsicher, ob das überhaupt jemand hören wollen würde.
Aber auch hier war das Feedback so überwältigend, dass ich direkt noch „Ganz viel Dings“ nachgeschoben habe. Ein Publikum zu haben, das so anerkennend und positiv damit umgeht, ist wirklich ein Segen für mich – denn gerade in der Anonymität des Netzes wird ja nun auch viel niedergemacht, zerrissen und beschimpft. Womit wir bei den Schattenseiten sind. Social Media verlangt auch viel Präsenz, und das kostet natürlich Kraft. Ich müsste wahrscheinlich jetzt schon langsam mal wieder etwas von mir hören lassen, damit der Algorithmus mich nicht vergisst.

Wäre CASPAR PAN ein Influencer, für was würde er stehen?
Für „Kunst und Quatsch!“ – für spielerisches Ausprobieren von allem, was einem gerade so einfällt. Für erlaubte Fehlversuche, für Herumspielen ohne Ziel. Es muss nicht immer alles klappen. Und dafür, wenn dann doch mal etwas klappt, auch etwas daraus zu machen.
Zum Abschluss gibt es noch unser Metal1-Brainstorming. Was fällt dir als Erstes zu den folgenden Begriffen ein:
Quinte, Terz – die Quinte ist ein großer Quell von Inspiration! Die Terz ist Fluch und Segen!
Berliner Schnauze – vor allem eine Haltung, eine Einstellung
Theater – die Musik entscheidet über die Wirkung
Gelsenkirchen – wilde, anstrengende, großartige Zeit
Das Schlimmste am Klarinette spielen – Klarinettenblätter!
Alte Freunde am Kamin – bewegt mich tatsächlich immer noch bis zum Kloß im Hals
CASPAR PAN in 10 Jahren – auf Europatournee im solarbetriebenen Hausboot, Mikrofone im Wasser, Tonabnehmer am Motor, selbstgebautes Instrumentarium auf der Hausbootbühne
Die letzten Worte gehören dir …
Ich begebe mich auf eine spannende neue künstlerische Reise, und ich habe keine Ahnung, wo sie hingeht. Ich weiß nur eines: Die Reise lohnt!
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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