Interview mit Mikael Stanne von Dark Tranquillity

Drei Jahre seit dem letzten Streich veröffentlichen die schwedischen Melodic Death-Meister DARK TRANQUILLITY ihr neues Studioalbum „We Are The Void“. Frontmann Mikael Stanne stand trotz einer hörbaren Erkältung aus dem heimischen Bett Rede und Antwort, sprach mit uns über den Druck des Erfolgs, die positiven Seiten von Deadlines und deutsche Bierflaschen-Konzerte.

Hallöchen Mikael! Wie geht’s dir heute Abend?
Ich liege gerade daheim in meinem Bett im wunderschönen Göteborg.

Jetzt wo du es sagst – hörst dich etwas verschnupft an.
Ist wohl eine Erkältung, ja. Aber das ist halb so wild, wir können gerne loslegen.

Ausgezeichnet. Eure neue Scheibe „We Are The Void“ steht nun in den Startlöchern und scheint der nächste Meilenstein in eurer Bandgeschichte zu sein.
Oh, denkst du wirklich? Das hoffe ich natürlich!

Tue Madsen hat sich abermals um das Mixing gekümmert, die Drums wurden bei Daniel Antonsson aufgenommen, der Rest mit Martin Brändström. Waren die Aufnahmen dadurch eher entspannt oder aufreibender?
Größtenteils waren die Aufnahmen selbst verhältnismäßig angenehm. Wir mussten nicht ständig zwischen unterschiedlichen Studios pendeln, weil wir alles nacheinander abgearbeitet haben. Dadurch kam es zu keinen großen Zeitproblemen. Für mich persönlich war es trotzdem eine sehr stressige Zeit, weil ich noch einige Arbeit nebenher hatte – das Feintuning und einige Arrangements zum Beispiel. Davon abgesehen waren wir aber trotzdem derart aufgeregt, als wäre es unsere erste Platte.

Noch dazu sollte es ja das Album im Jahr eures 20-jährigen Jubiläums werden. Ein großer Druck oder halb so wild?
Wir hatten immer im Hinterkopf, dass dieses Album etwas Besonderes werden musste, der Start in die nächsten 20 Jahre DARK TRANQUILLITY. Das war gleichzeitig Druck und große Motivation für uns. Letzten Endes kam dadurch zwar viel Stress auf, aber dieser Stress war zum Glück noch positiver Natur. Deadlines sind meiner Meinung nach nämlich eine gute Sache und ich arbeite unter Druck sowieso viel besser und effektiver. Ich bin jemand, der alles immer bis zum letztmöglichen Zeitpunkt aufschiebt und erst dann richtig loslegen kann. Das hat dieses Mal auch die gesamte Band an ihre Grenzen getrieben und gewährleistet, dass wir wirklich unser Bestes geben. Es war kein sehr enger Zeitplan, eher ein strikter. Dieses und Jenes musste bis zum Termin x fertiggestellt sein – das hat Vieles vereinfacht.

Aber mal unter uns, Mikael…
Unter uns? Willst du das Interview etwa für dich behalten? Ich bin zwar krank, aber deswegen nicht weniger aufmerksam! (lacht)

Das merke ich… (lacht) Also mal ehrlich: hast du nicht zumindest den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht, das Album ein Jahr früher oder später zu veröffentlichen, damit es nicht ausgerechnet auf das Jahr eures 20. Jubiläums fällt?
Eigentlich nicht, nein – das kann ich wirklich nicht sagen. Es war natürlich ein gewisser Druck, den wir uns damit aufgeladen haben; aber das war berechnet. Nach den ganzen Touren – es waren ja wirklich sehr viele – hockte ich mich irgendwann wieder hin, um neue Songs zu schreiben. Ich dachte mir die ganze Zeit über: „Du solltest jetzt was schreiben, verdammt!“ Aber mir wollte nichts einfallen, ich hatte keinerlei Inspiration. Ich sprach mit Niklas (Sundin; Gitarre) und Anders (Jivarp; Schlagzeug) darüber, erzählte ihnen, dass ich vollkommen ausgebrannt war. Es ist nicht so, dass das Touren keinen Spaß gemacht hat – ich war danach nur total leer. Wir sagten uns aber, dass wir definitiv etwas tun mussten und nicht einfach faul auf unseren Ärschen sitzen konnten. Deswegen vereinbarten wir ein Datum, zu dem wir ins Studio gehen MUSSTEN. Zwei Monate davor fiel es plötzlich viel einfacher, die ersten Song-Skelette zu erarbeiten, die Kreativität bei uns allen war langsam wieder vorhanden.
In diesem Sinne war es auch kein Druck, dass wir ein neues Album zu unserem Jubiläum veröffentlichten – das hat uns viel eher geholfen, endlich in die Gänge zu kommen. Das Label hatte seine Finger dabei auch nicht im Spiel, es war letztendlich unser Weg, wieder zu Höchstformen aufzulaufen.

Bei einem Vorgänger wie „Fiction“ und dem ins Haus stehenden Jubiläum ist das eine beachtliche Leistung.
Ja, meinst du? Ich weiß nicht… Uns war von Anfang an bewusst, dass diese Scheibe etwas Besonderes werden musste. Mit dieser Einstellung gingen wir ans Songwriting. Wir wollten alles richtig machen, zu 100% bei der Sache sein und unser Bestes geben – um unseren Fans das Beste bieten zu können. Wir haben meinen Gesang am Schluss aufgenommen und nach der Fertigstellung zu entspannen, ein Bier zu trinken und die Resultate zu hören… Das war wohl eins der besten Gefühle überhaupt. Eine wahnsinnige Last ist einem von den Schultern gefallen, gleichzeitig war man über alle Maße stolz auf sich und die Ergebnisse. Die letzten Monate im Studio waren eine Qual – aber eine Qual, die man immer wieder gerne in Kauf nimmt.

„We Are The Void“ nimmt sich zum ersten Mal überhaupt dem Thema „Tod“ an – einem Thema, das ihr bisher weitestgehend ausgespart habt. Wie kam es denn nun dazu?
Am Anfang von DARK TRANQUILLITY haben wir uns geschworen, dieses Thema niemals auszuschlachten, weil es uns einfach nicht tiefgründig genug war. So viele Bands haben schon alles gesagt, was es darüber zu sagen gibt – bis zur Erschöpfung, immer und immer wieder. Wir wollten das deshalb nicht tun, uns diesem Klischee nicht hergeben. Heute, 20 Jahre später, haben wir uns dann tatsächlich dazu durch gerungen – obwohl wir es natürlich nicht so offensichtlich wie viele andere Bands tun. Ich mag vor allem verschiedene Gedichte über den Tod, die Poesie des Ganzen. So haben auch unsere Lyrics eher eine Verbindung zu abstrakten Wörtern, zur Poesie, denn zum Offensichtlichen. Der Tod ist nicht einfach, weswegen es für uns auch keinen Sinn machte, ihn in simple, unbedeutende Worthülsen zu packen. Der Ausdruck in unseren Texten wurde also von meiner Interpretation des Todes mit Hilfe der Poesie beeinflusst. Dadurch war die besonders brutale Zurschaustellung irgendwelcher Splatter-Texte gar nicht notwendig. Die Poesie trägt den größten Teil dazu bei, dass die Texte – sofern man den tieferen Sinn erfasst – eine ganz eigene Art von der Brutalität des Todes offenbaren.
Wenn du die richtige Inspiration hast, gibt es so viele positive Dinge und Wege über und in denen du darüber schreiben kannst. Das war wirklich sehr erstaunlich und mit dem Resultat sind wir alle mehr als zufrieden. Die Texte sollten weder zu persönlich noch deprimierend sein, der Tod nicht als etwas frustrierendes dargestellt werden.

Niklas hat zum ersten Mal nicht selbst Hand an das Coverartwork einer DARK TRANQUILLITY-Scheibe gelegt. Gab es dafür einen bestimmten Grund?
Das kristallisierte sich während den Arbeiten an den Songs heraus. Er war davon komplett in Anspruch genommen und hatte einfach keine Zeit, sich auch noch um das Artwork zu kümmern. In den letzten Monaten und Jahren hat er derart viele Artworks für Bands entworfen dass es ihm auch mal ganz gut tat, sich vollständig auf die Musik konzentrieren zu können und nicht auch noch für die visuelle Gestaltung zuständig sein zu müssen. Ich habe lange nach einem Künstler gesucht, der die musikalische Stimmung treffend visualisieren konnte. Das Coverartwork ist zwar relativ abstrakt, gleichzeitig aber auch wieder direkt und ziemlich ehrlich. Es kommt ganz auf dich an, was du aus diesem Bild ließt. Für mich drückt es aus, dass es so verdammt leicht ist, die falschen Dinge zu tun, dumme Sachen anzustellen und sich falschen Hoffnungen hinzugeben. Es geht aber darum, sich nicht dafür zu schämen, das zu akzeptieren und damit leben zu können.

Wie auch schon auf „Fiction“ hast du dich beim aktuellen Langspieler wieder zu cleanem Gesang durch gerungen, der wirklich unglaublich intensiv daher kommt. Können wir denn auf zukünftigen Alben vielleicht noch etwas mehr davon erwarten?
Das kommt ganz auf die einzelnen Songs an. Wenn ich fühle, dass es passt und sich gut anhört: klar, warum nicht? Wir schreiben die Songs nicht in der Intention, hier und dort klaren Gesang einzubauen. Es ist eher so, dass es irgendwann einen Zeitpunkt gibt an dem wir denken: „Hey – da würde sich Klargesang anbieten“. Als ich den Vers und Chorus zu „Her Silent Language“ geschrieben habe, tauchte diese Melodie in meinem Kopf auf, die ich unbedingt noch einbauen wollte – und das waren dann eben die cleanen vocals. Es kommt also immer auf das Feeling des Songs an. Momentan bin ich mit dem Gesangs-Mix wirklich sehr zufrieden.

Zufrieden wart ihr mit Sicherheit auch über den Verlauf der „Darkness Over X-Mas Tour“, die euch Ende Dezember durch ein paar deutsche Städte geführt hat. Wie hats dir denn gefallen?
Die Tour war eine Wucht, wir hatten verdammt viel Spaß! Das alles war nicht schon lange im Voraus geplant, es wurde – zumindest für unsere Verhältnisse – auch kein großes Aufsehen darum gemacht. Wir wollten einfach mit ein paar befreundeten Bands auf Tour gehen und um die Weihnachtszeit herum nochmal ein bisschen Spaß haben.
Wir haben uns schnell mit Swashbuckle, diesen verrückten Amerikanern angefreundet. Besonders skandalöse Geschichten kann ich dir allerdings nicht erzählen, es ging alles in allem doch relativ gesittet zu. Ich erinnere mich nur an Stagediving im Hai-Outfit in Hamburg, was ziemlich Spaß gemacht hat.
Die Mischung der Bands hat auch ziemlich gut funktioniert, wenn man bedenkt dass einige Locations sogar ausverkauft waren. Das war schon sehr cool und ich wäre gerne noch einige Wochen länger mit den Jungs zusammen geblieben.

Dein verstorbener Großvater war Seemann und hat viel von der Welt gesehen – das ist etwas, das du mit ihm teilst. Worüber würdest du dich denn heute gerne mit ihm unterhalten, wenn du nochmal die Möglichkeit dazu hättest?
Oh Mann, das ist eine echt gute Frage… Lass mich einen Moment nachdenken. Darauf bin ich nicht vorbereitet (lacht). Ich denke am meisten würde mich interessieren, wie er die Welt mit seinen Augen gesehen hat, wie sie zu seiner Zeit war. Als Seemann hat er natürlich auch nicht alles gesehen, da ging es ihm wohl ähnlich wie uns heute – wir sitzen im Tourbus oder Flugzeug, ziehen von einer Stadt in die nächste. Dabei bleibt natürlich kaum oder gar keine Zeit, sich die jeweilige Stadt oder das Land mal genauer anzuschauen.
Wir würden also wohl Geschichten und Erfahrungen über verschiedene Reisen und Städte austauschen. Darüber kann ich mit anderen Familienmitgliedern leider nicht reden. Da hast du mich auf was gebracht… (lacht) Das wäre wirklich eine tolle Sache.

Als ihr im Studio wart, hat ein Fotograf Fotos von euch für ein Buch über die Göteborger Musik-Szene gemacht. Welche Rolle werden DARK TRANQUILLITY in diesem Buch spielen?
Das Buch behandelt die Musikszene in Göteborg und damit die verschiedensten Musik-Genres. Reggae, Pop, HipHop, Techno und Metal – das alles findet seinen Platz. Neben mir wurden noch Anders von In Flames, Henrik von Evergrey und ein paar andere Metal-Musiker interviewt. Das wird bestimmt eine interessante Sache, auf die ich mich schon ziemlich freue. Die Frau, die das Buch schreibt ist eine Kolumnistin beim größten Magazin hier in Göteborg. Außerdem liefert sie eine interessante Perspektive, weil sie weder tief in der Metal-Szene noch in einer der anderen steckt und deswegen relativ unbeeinflusst darüber schreiben kann.

Kommen wir mal auf die inoffizielle Vor-Premiere eurer DVD „Where Death Is Most Alive“ zu sprechen… (die im Rahmen einer Verlosung als Preis im Wohnzimmer von Fans stattgefunden hat – Anm. d. Verf.)
(lacht) Okay, wie du willst.

Es ist kein Geheimnis, dass euch deutsche Bands wie Kreator oder Running Wild beeinflusst haben. Nicht wahr?
Natürlich nicht, nein.

Da muss euch ja die spontane Darbietung der deutschen Verlosungsgewinner, bei denen die inoffizielle Premiere stattgefunden hat, beeindruckt haben. Oder hat davor schon jemand eines eurer Lieder auf leeren Bierflaschen intoniert?
(lacht) Nein, das hat wirklich noch keiner für uns getan. Das war echt eine verdammt süße Aktion, ehrlich! Es ist wohl die deutsche Interpretation unserer schwedischen Musik! Anfangs haben wir uns eigentlich gar nicht sonderlich auf den Abend gefreut, dachten, dass es bestimmt ein Desaster werden würde. Aber als wir mal betrunken waren, wurde es eine wirklich großartige Sache und hat uns sehr viel Spaß gemacht! (lacht)

Wenn du Lust hast schließen wir das Interview mit unserem traditionellen Metal1.Brainstorming ab. Einverstanden?
Klar, schieß los!

Also gut. Was fällt dir hierzu ein:

Xbox: 90% meiner Spielerzeit verbringe ich an der Xbox!
Haiti: Eine unfassbare Katastrophe, die wir in Europa – glaube ich – gar nicht richtig begreifen können. Vor ein paar Tagen habe ich etwas gespendet.
At The Gates: Tolle Inspiration und einer meiner Top-3-Bands
Leere Bierflaschen: Nutzlos, wenn du keine Musik darauf machen kannst
Metal1.info: Wundervoll, beeindruckend, eine große Quelle der Inspiration für uns – danke! (lacht)

Mikael, ich dank dir für deine Zeit! Ich wollte schon immer mal mit dir reden, während du im Bett liegst.
(lacht) Klar, glaube ich dir aufs Wort. Ich danke dir auch vielmals, hat wirklich Spaß gemacht. Bis dann!

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