CD-Review: Dark Tranquillity - Moment

Besetzung

Mikael Stanne – Gesang
Chris Amott – Gitarre
Johan Reinholdz – Gitarre
Anders Iwers – Bass
Anders Jivarp – Schlagzeug
Martin Brändström – Keyboard, Synthesizer

Tracklist

1. Phantom Days
2. Transient
3. Identical To None
4. The Dark Unbroken
5. Remain In The Unknown
6. Standstill
7. Ego Deception
8. A Drawn Out Exit
9. Eyes Of The World
10. Failstate
11. Empires Lost To Time
12. In Truth Divided


Bereits nach „Construct“ hatten DARK TRANQUILLITY mit Martin Henriksson (Gitarre/Bass) einen ihrer langjährigen Hauptsongwriter verloren. Nach „Atoma“ hat es ihm nun Gründungsmitglied, Gitarrist und ebenfalls bisheriger Hauptsongwriter Niklas Sundin gleichgetan und seine Koffer gepackt. Während Henriksson seinen Ausstieg damit erklärte, dass er generell keine Lust mehr aufs Musikmachen habe, gab Sundin als Ausstiegsgründe an, er habe das ständige Touren satt und wolle lieber vermehrt kreativ sein und eigene Musik erschaffen. Mit seinem Soloprojekt Mitochondrial Sun hat Sundin diesen Plan mittlerweile in die Tat umgesetzt und allein dieses Jahr zwei spannende Alben veröffentlicht. Beide waren Musiker, die maßgeblich über Jahrzehnte hinweg hauptverantwortlich waren, wenn es darum ging, den unverkennbaren Sound einer der großen Melodeath-Legenden immer wieder neu zu definieren. Trotz inzwischen vollständig ausgetauschter Saitenfraktion, die nun aus den erfahrenen Musikern Anders Ivers (Tiamat), Johan Reinholdz und Chris Amott (ex-Arch-Enemy) besteht, treten nicht diese, sondern in erster Linie Schlagzeuger Anders Jivarp und Martin Brändström die Songwriter-Nachfolge an.

Bereits die letzten beiden Werke gingen in großen Teilen auf ihre Kappe. Dass Jivarp und Brändström auch in der Vergangenheit schon häufig an der Entstehung der Songs mitbeteiligt waren, gereicht der Formation in dieser Situation sehr zum Vorteil. Wo andere Bands vollkommen auf verlorenem Posten stünden, sind die beiden Musiker in der Lage, die Kernelemente des DARK-TRANQUILLITY-Sounds zu konservieren und damit zu arbeiten. Spätestens seit „Construct“, das den zweifellos radikalsten Stilbruch seit „Projector“ einleitete, musste sich die Band jedoch wiederholt Kritik gefallen lassen. Durch Jivarps und Brändströms Einfluss wurden die Songs immer gemächlicher, ruhiger, atmosphärischer – aber in den Augen einiger eben leider auch zahmer und langweiliger. Ein Vorwurf, der vor allem angesichts der offensichtlichen Schwierigkeiten, knallige und frische Refrains zu schreiben, durchaus seine Berechtigung hat.

Für „Moment“ mussten die beiden Musiker, insbesondere Jivarp als Hauptverantwortlicher, erstmals ein komplettes Albumsongwriting ohne die Hilfe ihrer Ex-Kollegen auf die Beine stellen. Wie zu erwarten war, klingt „Moment“ daher wie die konsequente Weiterentwicklung von „Atoma“. Schnelle, Death-Metal-lastige Tracks sucht man hier vergeblich. Die Songs tauchen noch tiefer in den Gothic-Bereich ab, mit dem sie in den letzten Jahren zunehmend liebäugelten. Produktionsikone Jens Bogren liefert dazu den passenden modernen Sound mit heruntergefahrenem Härtegrad und einem stimmigen Mix der zahlreichen Synthesizerklänge Brändströms im metallischen Grundkonstrukt.

Doch während Tracks wie die Gothic-Metal-Single „The Dark Unbroken“ oder das etwas schleppende, aber immerhin sehr eingängige „Eyes Of The World“ mit beeindruckender Präzision noch haarscharf am Kitsch vorbeischrammen, da stürzen sich „Remain In The Unknown“ oder „Standstill“ mit Anlauf in klebrigen Zuckerguss. Derart banale, aufgeweichte, mit Mainstream-Hörgewohnheiten schmusende Kompositionen ohne Ecken und Kanten ist man von den Schweden bisher nicht gewohnt gewesen – und das darf auch in Zukunft gerne dabei belassen werden. Ein weiteres Problem, das sich bereits auf „Atoma“ andeutete, ist Jivarps Schlagzeugspiel: Obwohl er auf Midtempo-lastigen Alben wie „Projector“ oder „Haven“ bewiesen hatte, dass er sich in diesen Gefilden bestens zurechtfindet, greift er seit ein paar Jahren vermehrt auf wenig aufregende Muster zurück. So fehlt einigen Passagen auf „Moment“ der Groove oder die Abwechslung, was bei den meisten Songs in verzeihlichem Ausmaß geschieht, einem potentiell tollen „Transient“ mit seinem monotonen Grund-Beat etwa letztlich aber das Genick bricht.

Bei aller Kritik machen DARK TRANQUILLITY jedoch erneut sehr viel richtig. Die beiden Vorab-Singles „Phantom Days“ und „Identical To None“ wissen mit bandtypischen Riffs und Melodien zu überzeugen. Das spaßige „Failstate“ klingt im Grunde wie „Atoma 2.0“ und stellt einen hervorragenden Kandidaten für den nächsten Live-Hit dar. Als spannendste und interessanteste Songs der Platte erweisen sich „A Drawn Out Exit“ und „Ego Deception“. Nicht nur, weil DARK TRANQUILLITY sich in diesen beiden Stücken endlich zur Abwechslung in düsteres statt dauerdepressives Terrain trauen: Ersterer spielt einmal mehr gekonnt mit ungeraden Taktarten und präsentiert sich als progressivster Track des Albums, während letzterer durch seinen tollen Klargesang überzeugt. Allgemein klingt Sänger Mikael Stannes Clean-Gesang sicherer und besser als je zuvor. Hörer müssen sich auf „Moment“ darauf einstellen, so viel Klargesang vorgesetzt zu bekommen wie seit „Projector“ nicht mehr. Den Abschluss des Albums bilden die beiden gelungenen Songs „Empires Lost To Time“ und „In Truth Divided“. Der eine stimmungstechnisch fast schon fröhlich, aber immerhin zur Abwechslung mal etwas flotter; der andere eine bewegende Doom-Ballade in jenem Stil, den man schon von der „Atoma“-Bonus-CD kennt – mit Sicherheit ein Zugeständnis der Band an die vielen Stimmen, die sich begeistert weitere derartige Songs wünschten.

Wenn man anno 2020 die Musik der schwedischen Melodic-Death-Metal-Pioniere im musikalischen Gesamtkontext betrachtet, muss man „Moment“ trotz offensichtlicher Makel attestieren, dass es auch als eines der schwächsten Alben der Band immer noch ein vollkommen eigenständiges, unverwechselbares und die Grenzen des Genres unermüdlich neu steckendes Werk ist. Das muss man nach über 30 Jahren im Geschäft erst einmal hinbekommen. Wer allerdings mit dem seit „We Are The Void“ (2010) immer stärker integrierten Gothic-Vibe seine Probleme hat, der wird wohl mit „Moment“ noch weniger glücklich als mit „Atoma“ und „Construct“ werden. Dass DARK TRANQUILLITY kaum noch Interesse an fetzigen Death-Metal-Songs wie denen ihrer 2000er-Ära haben, sollte spätestens jetzt endgültig klar sein. Die Melodeather haben ihre ganze Karriere über bewiesen, dass man nie wissen kann, was einen auf dem nächsten Album erwarten wird. Diesen Mut zur erneuten Veränderung wird es brauchen, um sich nach „Construct“, „Atoma“ und „Moment“ nicht in eine kreative Sackgasse zu manövrieren.

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Bewertung: 7.5 / 10

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3 Kommentare zu “Dark Tranquillity – Moment”

  1. Moritz Grütz

    Ich fand die Atoma ja noch sehr gut, gerade weil ich diesen melodiös-ruhigen Stil sehr gerne mochte. Die „Moment“ finde ich leider – so gern ich sie gemocht hätte – nach den ersten Durchläufen arg belanglos. Das klingt mal generisch nach DT, mal nach angezogener Bremse … alles schön, aber halt auch weit von „Meilenstein“ entfernt. Sehr schade.

  2. Fenrir

    Gerne kritisiert man nur, aber ich möchte jetzt auch einmal eine Review loben, die alles richtig macht: Hintergrund zur Platte, Musik umrissen für Neue und Kenner, klare Begrifflichkeiten evozieren das Klangbild. Was man dann auch immer von der neuen DT halten mag, das Review dazu war super :)

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