Interview mit Charlotte Wessels von Delain

DELAINs neues Album „April Rain“ steht frisch in den Regalen, die Europatour startet am heutigen Samstag und auch sonst läuft bei den Holländern gerade alles wunderbar rund. Sängerin und Blickfang Charlotte Wessels stand im Telefon-Interview Rede und Antwort zur neuen Scheibe, outete sich als Radiohead-Fan und stellte sich als sympathische Gesprächspartnerin heraus.

Hallöchen, Charlotte! Wie gehts dir und wie ist denn das Wetter zur Zeit in Holland?
Mir gehts ziemlich gut, danke dir!
Das Wetter in Holland nervt zur Zeit (lacht), wie es das eigentlich meistens tut, also ist das nicht wirklich überraschend. Es ist kalt!

„April Rain“ sollte eigentlich im April veröffentlicht werden – jetzt wurde es auf Ende März verschoben. Was war der Grund dafür?
Nun, wir geben uns selbst sehr selten genügend Zeit um etwas zu beenden. Jetzt beim Mixen und Mastern des Albums und als es dann endlich fertig war, wurde es von einer Roadrunner Holland-Veröffentlichung zu einer Roadrunner International-Veröffentlichung umgewandelt, was bedeutete, dass all die Abteilungen, über die „April Rain“ erscheinen würde, mehr Zeit für die Werbung und Vorbereitungen zur Veröffentlichung brauchten. Wir wollten dabei keinen Fehler machen und sicher gehen, dass alles korrekt abläuft und gut vorbereitet wird. Also entschlossen wir, uns selbst, der Firma und allen anderen ein bisschen mehr Zeit dafür zu geben, indem wir das Veröffentlichungsdatum ein klein wenig nach hinten verschoben. Manche Leute fragten uns daraufhin, warum wir es nicht auf den April verlegten, weil sich das doch so toll mit dem Titel des Albums anhören würde. Aber wir haben eine große Tour mit Kamelot und eine Headliner-Tour Mitte April und wollten deshalb wirklich, dass das Album vor der Tour erscheint. Das ist der Grund, warum wir den März auswählten, ja.

Der Winter in Holland war mit Sicherheit kein warmer – aber woran dachtet ihr tatsächlich, als ihr „April Rain“ als Titel ausgewählt habt?
Es regnet sehr viel in Holland, weswegen mich das sehr inspiriert hat. Eigentlich gibt es drei Gründe, warum wir uns für „April Rain“ entschieden haben. Der erste Grund ist der, dass der Song „April Rain“ gleichzeitig als unsere erste Single erscheinen wird und wir ein sehr spezielles Gefühl mit diesem Titel verbinden – er beinhaltet alle wichtigen DELAIN-Elemente, weswegen wir dachten, dass er ein guter Repräsentant für das gesamte Album sein wird. Der zweite Grund dafür war dieser, dass dich die Texte auf „April Rain“ meistens dazu bewegen sollen, auf die positive Seite zu schauen, auch wenn du denkst, dass du in einer eigentlich negativen Situation bist. „April Rain“ steht weder für den Winter, noch für den Sommer, weißt du. Es ist nicht wirklich kalt, aber auch noch kein totaler Sonnenschein. Es bleibt also wirklich dir überlassen, ob du die positiven Seiten darin siehst. Das ist die Botschaft des Albums und ich denke, dass es eine gute ist. Letzten Endes kannst du immer über tiefer gehende Bedeutungen nachdenken. „November Rain“ hätte sich auch schön angehört, aber ich glaube, der ist schon vergeben. (lacht) Deswegen „April Rain“.

Kannst du bitte ein paar Worte zu den Texten hinter „April Rain“ sagen?
Kein Problem, ich hab die Texte ohnehin geschrieben (lacht). Die meisten Texte sind zumindest ein bisschen autobiografisch. Ich denke nämlich, dass du ein Gefühl wirklich spüren solltest, das du in einem Song beschreiben willst. Das ermöglicht gleichzeitig, dem Hörer eine Nachricht zu übermitteln. Über irgendetwas Fiktives zu schreiben ist ganz anders, weswegen ich für das Songwriting bestimmte Dinge aus meinem eigenen Leben und dem Leben von Leuten um mich herum verwendet habe. Das ist in meinen Augen der beste Weg, etwas zu erzählen. Außerdem wurde ich von meinen Studien inspiriert, beispielsweise denen über die Römische Mythologie. Es gibt den Song „Virtue And Vice“ auf dem Album – ich weiß nicht, ob du den Film „Seven“ mal gesehen hast, aber in dem werden auch sehr viele Laster dargestellt. Ich habe mich damit auseinander gesetzt und ein bisschen damit rumgespielt; „Invidia“ ist auch der lateinische Name für eine der Sünden (Invidia = Neid, Anm. d. Verf.). Ich finde es zudem ziemlich witzig, dass so viele Bands aus dem Gothic oder Metal mit lateinischen Texten arbeiten und ich habe mich immer gefragt, warum das so ist. Weil es sich einfach cool anhört intelligenter anhört? Ich wollte ein bisschen damit hantieren und mag es einfach, ein paar Bedeutungen in oder mit einem Song zu haben, die man nicht auf Anhieb versteht, einem nachher aber umso klarer werden.

Du zeichnest in deiner Freizeit ja sehr gerne – hast du schon mal daran gedacht, irgendwann in der Zukunft selbst ein Cover für DELAIN zu entwerfen?
Ja! Das ist sogar etwas, worüber ich schon seit drei Jahren nachdenke. Aber ich war mit DELAIN so beschäftigt und habe versucht, mein Studium zu bewältigen, dass ich zum Zeichnen einfach keine Zeit mehr hatte. Wenn ich also vor hätte, ein Cover für DELAIN zu zeichnen, müsste ich wirklich erst wieder üben. Aber ich war kreativ in die Arbeiten zum Coverart und Artwork mit einbezogen – das war auch Teil meines Jobs für dieses Album. Wir haben ein paar Maler und Designer und ich war so etwas wie die Kontaktperson zwischen ihnen und der Band. Es hat mir Spaß gemacht, auch bei der visuellen Gestaltung des Produkts beteiligt gewesen zu sein. Aber Zeit zum Zeichnen habe ich leider nicht mehr.

Auf eurer ersten Scheibe „Lucidity“ hattet ihr sehr viele Gäste. Jetzt finden sich nur noch Marco Hietala (Nightwish) und Maria Ahn im Gastverzeichnis wieder. Warum habt ihr euch dieses Mal entschieden, die Zahl der Gastmusiker stark zu reduzieren und wie kamt ihr wieder auf Marco?
Für all das gibt es mehrere Gründe. Als wir anfingen, das Album zu schreiben, haben wir uns selbst nicht sehr viel Zeit dafür gegeben. Es ist ziemlich schwer, in einem zeitlich ohnehin knappen Rahmen einen Haufen Gastmusiker mit eigenen Zeitplänen, die auch wieder beachtet werden müssen, unterzubringen. Mit diesem Album entschieden wir uns auch deshalb gegen tonnenweise Gastmusiker, weil wir als Band nun eine richtige Einheit sind. Ich denke, das ist der größte Unterschied zwischen der ersten Scheibe und dieser – jeder in der Band hat an ihr mitgearbeitet. Wir haben jemanden der die Gitarren spielt, wir haben jemanden, der das Schlagzeug bedient, wir haben jemandem für den Gesang. Wir machten also eine Vorproduktion zur Vorbereitung auf das Album, hörten sie uns an und merkten, dass wir dabei nichts vermissten, keinen riesigen Haufen an Gastmusikern mehr brauchten. Natürlich mag ich es, mit Gästen zu arbeiten, weil es wirklich sehr interessant ist. Es dachten aber auch eine Menge Leute über unser erstes Album, dass wir einen gewissen Erfolg nur wegen der vielen Gastmusiker hatten und unsere Scheibe nur wegen dieser Leute gekauft wurde. Mit „April Rain“ wollten wir uns beweisen. Das war es also, was wir wollten, aber dann kam Marco mit Nightwish zurück nach Holland und es gab da ein paar Teile, von denen wir dachten, dass sie wirklich zu seiner Stimme passen würden. Marco ist wirklich etwas Besonderes, wir lieben seine Stimme einfach. Es ist außergewöhnlich, was er mit seiner Stimme alles machen kann. Er kann eine Frauenstimme 1:1 kopieren, was allein schon ziemlich beeindruckend ist, weil die meisten Männer auch dann noch tiefer singen. Aber er schafft es wirklich 1:1 und hat dabei aber auch noch einen super Growl-Gesang. Wir hatten da also diesen Part, der wirklich zu ihm passte. Als er dann zurück nach Holland kam, machten wir eine Ausnahme und fragten ihn danach. Er sang alles einfach genau so, wie wir es uns vorstellten, was sehr magisch war, wie auf „Lucidity“, als seine Stimme auch schon so wunderbar rein passte. Ja, so war das also – am Anfang wollten wir keine Gastmusiker mehr haben, weil wir mittlerweile zu einer richtigen Band zusammengewachsen waren. Wenn du dir „April Rain“ anhörst, merkst du, dass es nach DELAIN klingt, worauf ich sehr stolz bin. Ich denke, wir werden auch in der Zukunft wieder den einen oder anderen Gast haben, aber sicherlich kein Album mehr wie „Lucidity“.

Wie kam denn eigentlich der Kontakt mit der genialen Cellistin Maria Ahn zustande?
Um ehrlich zu sein wusste ich zwar, dass das „Ahn Trio“ Schwestern sind und in Asien und Amerika (wo sie auch leben) ziemlich groß sind, hatte aber noch keine Musik von ihnen gehört, bis wir nach Cello-Musikern für „On The Other Side“ und andere Songs Ausschau hielten. Unser Produzent Oliver Philips brachte uns dann auf sie und sagte: „Hört zu – wenn ihr wirklich einen großen instrumentalen Beitrag für das Album und das bestmögliche Resultat am Ende wollt, müsst ihr Maria fragen.“ Das taten wir dann auch. Wir sind wirklich sehr zufrieden mit dem Ergebnis und zweifelten auch niemals daran, weil Oliver Philips einfach weiß, wonach wir für DELAIN suchen. Als wir uns ein paar Arbeiten von Maria Ahn anhörten, wussten wir, dass es funktionieren würde. Ganz besonders „On The Other Side“ klingt unglaublich, sie ist wirklich mein Baby auf diesem Song. (lacht)

Es ist ein großer Schritt vorwärts von „Delain mit tonnenweise Gastmusikern“ zu den DELAIN, die ihr heute seid. Kannst du diese Veränderung vielleicht ein bisschen beschreiben?
Klar! Als „Lucidity“ geschrieben wurde, war ein Großteil der Musik schon fertig. Ich habe nur noch den Gesang gemacht. Aber wenn du dir die aktuelle Scheibe anschaust, ist es vollkommen anders, weil du schon von Anfang an in das Schreiben involviert bist. Ich habe etwa 95% der Texte für dieses Album geschrieben. Es war toll für mich, auch ein wenig ins Schreiben der Musik mit einbezogen zu werden, weil ich vorher ja nur für den Gesang zuständig war. Der Song, zu dem ich dabei am meisten begeistert habe, war das Instrumental, worauf ich sehr stolz bin – das war eine großartige Erfahrung. Wir waren sehr glücklich, dass unsere Art des Arbeitens zu DELAIN passte und auch umgekehrt. Versteh mich aber nicht falsch: es ist nicht so, dass jetzt jeder Musik schreibt und vollkommenes Chaos herrscht – Martijn schreibt immer noch am meisten und ist der, der die kritischen musikalischen Entscheidungen trifft. Wir sind fünf Leute mit komplett unterschiedlichen musikalischen Hintergründen, weswegen es da einen bestimmten Grundsatz geben muss. Jeder hatte die Möglichkeit mitzuarbeiten und sich einzubringen und ich bin sehr glücklich, dass das so wunderbar funktioniert hat. Ich bin schon gespannt, wie das mit unserem nächsten Album wird… aber es ist vielleicht ein bisschen zu früh, um darüber zu sprechen (lacht).

Mir kommt es so vor, als wäre das ganze Album – im Speziellen „Control The Storm“, Stay Forever“, „Go Away“ und „Nothing Left“ – direkter, druckvoller und treiben mehr voran. Wie erklärst du dir diesen Gegensatz zu „Lucidity“?
Wir haben die Songstrukturen immer sehr rein und eben strukturiert gehalten und die meisten Titel sind auch sehr transparent. Das Witzige daran ist, dass der Mixer im Gegensatz dazu wirklich mit einem Metal-Blick an die Lieder heran gegangen ist. Auf der einen Seite hast du teilweise Pop-Strukturen und auf der anderen Songs mit Metal-lastigen Gitarren, Kick-Drums und viel Härte. Ich denke, dieser Kontrast ist genau, wonach wir immer gesucht haben.

Du kennst vielleicht das Radiohead-Zitat „If you are on the top, it’s a long drop“ vom Song „Bangers And Mash“. Du bist auf dem besten Weg, eine begnadete Sängerin zu werden, zudem blutjung – auf der anderen Seite studierst du Kunsthistorik. Was ist wichtiger für dich: Sängerin zu sein oder einmal einen „normalen“ Beruf auszuüben?
Ja, die Sängerin zu sein – absolut! Ich meine: es war immer ein Traum von mir, Sängerin zu sein. Es hat eine Weile gedauert zu realisieren, dass es dabei ein paar ziemlich komplizierte Sachen zu bewältigen gilt. Sängerin zu sein ist manchmal wirklich schwer aber du hast trotzdem all diese unglaublichen Möglichkeiten dabei und dadurch. Nebenbei: dieses Studium mache ich deshalb, weil ich mich sehr dafür interessiere und nicht unbedingt deshalb, weil ich später einen Job in dieser Richtung haben möchte. Studieren kann ich immer, einen normalen Beruf ausüben auch – wenn ich Sängerin sein möchte, muss ich das jetzt tun, verstehst du? Ich denke schon seit ein paar Jahren, dass das mehr Zukunft für mich hat.

Ach ja, es ist übrigens cool, dass du Radiohead zitiert hast! Hast du gewusst, dass das meine Lieblingsband ist?

Ist möglich, dass ich das irgendwo aufgeschnappt habe, ja… (lacht)
Wunderbar, du hast mir den Tag gerettet! (lacht auch)

Das freut mich! Wie geht es denn jetzt mit DELAIN in nächster Zeit weiter?
Ich denke, wir werden auf ein paar lange Touren gehen. Unsere erste haben wir, wie ich ja schon sagte, schon diesen April. Wir wollen in der Zukunft wirklich mehr ausgedehnte Touren haben und es wäre auch ziemlich toll, nach Amerika zu kommen. Dann werden wir natürlich auch noch mit den Arbeiten für das nächste Album anfangen, weil es genau das ist, was wir lieben – aber bis dorthin bleibt ja noch ein bisschen Zeit. Wir machen einfach weiter und schauen, wo wir letzten Endes landen. Die meiste Zeit über kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, wie die Zukunft aussehen wird; du bist von so vielen Leuten und äußeren Umständen im Business abhängig. Ich meine: wir könnten 10 geniale Alben schreiben und würden nirgendwo hin kommen und könnten eines schreiben und die Leute würden uns das Haus einrennen. Wir spielen einfach, wir schreiben einfach und hoffen, dass die Leute es mögen.

Martijn sagte vor nicht allzu langer Zeit mal, dass alles irgendwie außer Kontrolle ist, weil niemand DELAIN zutraute, dorthin zu kommen, wo sie heute sind. Denkst du da ähnlich oder könnte man diesen „Kontrollverlust“ vielleicht auch als Zeichen dafür auslegen, dass ihr jetzt bereit für die Zukunft seid?
Ja, das ist absolut richtig! Es fühlt sich vielleicht wie ein Kontrollverlust an. Martijn erzählte mir mal, dass DELAIN sich jetzt auf einer Straße befinden, die viele Abzweigungen hat. Du kannst dich immer frei entscheiden, welche du nimmst, weißt aber nie, wohin sie dich führen wird. Das fühlt sich dann vielleicht trotzdem wie ein kleiner Kontrollverlust an, ja. Aber wenn das das Zeichen dafür ist, dass wir bereit sind, naja… dann sind wir das! Und hey: wir können damit umgehen! (lacht)

Kannst du einen besonders emotionalen Moment mit DELAIN der vergangenen Wochen, Monate oder Jahre bestimmen? Oder waren die eher voll von solchen Momenten?
Es gibt da natürlich viele sehr emotionale Momente. Ich meine: wenn du in einer Band und auf Tour bist, ist man sich die ganze Zeit äußerst nahe, 24 Stunden am Tag. Wie in einer Beziehung hast du deine Höhen und Tiefen. Wenn ein Album endlich veröffentlicht wird, nachdem du monatelang hart daran gearbeitet hast, kann auch das eine sehr emotionale Sache sein. Oder du hast einen bestimmten Song – wie es „On The Other Side“ für mich ist, weil meine Mutter während dieser Zeit sehr krank war – und hörst ihn zum ersten Mal, nachdem er fertiggestellt wurde. Ich musste dabei weinen, weil ich genau wusste, worüber er handelte. Es gibt viele positive und negative Momente; das Wichtigste hinter der ganzen Sache ist für mich aber, dass sie negative Dinge in positive verwandeln kann. Du kannst über eine schlechte Erfahrung machen und es entsteht dabei ein toller Song.

Damit sind wir auch schon fast wieder durch – ich komm allerdings nicht dran vorbei, ein kleines Spielchen mit dir zu machen. Stell dir mal vor, du landest auf einer einsamen Insel:

Welche drei CDs würdest du mit dir nehmen?
Oookay, hm… Ich denke „Radiohead – Hail To The Thief“, Led Zeppelin’s „II“ und… oh, das ist so ne schwere Frage! (lacht) Vielleicht etwas von Depeche Mode

Welches Buch würdest du mitnehmen?
„Metamorphosen“ von Ovid.

Fangfrage: würdest du eher den Radiohead-Sänger Thom Yorke oder einen Bündel Geld mitnehmen?
Ein Bündel Geld? Was soll ich denn mit einem Geldbündel auf einer einsamen Insel? (lacht) Thom natürlich!

Charlotte, ich danke dir für das nette Interview und wünsche dir und dem Rest viel Spaß und Erfolg für das Album und die Tour. Machs gut!
Vielen Dank für dein Interesse! Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, byebye!