Interview mit Marco Concoreggi von Dexter Ward

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Marco Concoreggi machte erstmals von sich reden, als er den Posten als Sänger der griechischen Power-Metal-Band Battleroar antrat. Mit den Hellenen nahm er stolze drei Alben auf, ehe er die Truppe 2010 verließ. Der Grund für seinen Abgang ist schnell identifiziert, denn bereits kurze Zeit vorher hatte Mr. Concoreggi zusammen mit seinem Battleroar-Mitstreiter, dem Gitarristen Manolis Karazeris, seine eigene Band DEXTER WARD gegründet.  Die nahmen von 2010 bis 2016 eine EP und zwei Alben auf, ehe es still wurde um das griechisch-italienische Gemeinschaftsprojekt. Nun kehrt die Band mit „III“ ins Rampenlicht zurück, weshalb es höchste Zeit wird, Herrn Concoreggi auf den Zahn zu fühlen.

Das Logo der Band Dexter Ward

Hi Marco und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für dieses Interview nimmst. Wie geht es Dir?
Ich danke Euch und ich mache das wirklich mehr als gerne! Es ist ein gutes Gefühl, um ein Interview gebeten zu werden. Euer Interesse an unserer Musik bedeutet uns wirklich viel!

Als Fan der Werke von H.P. Lovecraft finde ich Euren Bandnamen ziemlich cool. Warum habt Ihr aus seinen Charakteren genau diesen für Euren Namen gewählt?
Ich würde gerne eine coolere Geschichte erzählen, aber die Wahrheit ist, dass das schlicht die erste seiner Geschichten war, die ich als Teenager gelesen habe und sie gefällt mir noch immer am besten. Ich weiß noch, dass ich 1991 eine „Dylan Dog“-Story gelesen habe (das ist ein italienischer Charakter, so eine Art „Detektiv für das Okkulte“, der sich mit allerlei Monstern, Mysterien und Albträumen herumschlägt). Es war eine Sonderausgabe namens „Almanacco della Paura“ und darin kam ein kurzes Dossier über H.P. Lovecraft vor. So bin ich auf ihn gekommen und habe angefangen, seine Bücher zu sammeln. Das war damals deutlich schwerer als heute, weil es noch kein Internet gab. Es gibt allerdings einen roten Faden, der diese spezielle Geschichte mit unserer Band verbindet, nämlich etwas, das aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückkehrt. Etwas, das eben durch seine „essenziellen Salze“ – das könnten in diesem Fall wir Musiker oder im weiteren Sinne der klassische Metal der 80er sein – zurückgebracht wird.

Seit Eurer letzten Platte „Rendezvous With Destiny“ sind knapp vier Jahre vergangen. Was habt Ihr in dieser Zeit getrieben?
Nachdem das Album erschienen ist haben wir für ein paar Jahre Konzerte in Europa gespielt. Hauptsächlich haben wir uns aber auf Familie, Jobs, unser Privatleben und andere Ventile unserer Kreativität konzentriert. Wie Ihr vielleicht wisst organisiert unser Gitarrist Manolis das „Up The Hammers“-Festival in Athen und Akis (Leagitarre), Stelios (Drums) und John (Bass) spielen noch in anderen Bands. Ich selbst habe etwas Zeit gebraucht, um mich neu zu orientieren, weshalb wir die Band von Ende 2018 bis Anfang 2019 „eingefroren“ haben, um unser Feuer wiederzufinden.

Euer neues Album „III“ wird in Kürze erscheinen. Wie würdest Du die Platte – auch mit Blick auf ihren Vorgänger – beschreiben?
Ich finde ganz ehrlich, dass das alles saustarke Songs sind. Sowohl im Hinblick auf die Musik als auch auf die Texte ist es das Beste, Lebendigste und Tighteste, das wir als Band je zustande gebracht haben. Akis hat das Album aufgenommen und produziert, weshalb alle nötigen Entscheidungen innerhalb der Band getroffen wurden. Was Ihr hört ist also zu 100% DEXTER WARD. Unser Debüt „Neon Lights“ hat sehr gute Songs und rohe Energie, was ich auch für den Grund seines relativen „Erfolges“ halte, aber der Sound hätte sehr viel besser sein können (das war unser Fehler und nicht der des Produzenten). Das nachfolgende „Rendezvous With Destiny“ hat einen sehr klaren, kraftvollen und modernen Power-Metal-Sound. Rückwirkend betrachtet fehlen dem Album jedoch die Einheit und der Zusammenhang zwischen den Songs. Textlich gehen sie in ganz unterschiedliche Richtungen und wir hätten auch andere Nummern wählen können, damit die Platte eher im Uptempo-Bereich zu finden ist. Was „III“ angeht, so sind wir von den Songs derart überzeugt, dass wir diesen einfachen Titel gewählt haben, um nicht von der Musik abzulenken.

Wie liefen das Songwriting und die Aufnahmen zu „III“ ab?
Das ging alles ungewöhnlich schnell und war sehr unerwartet. Von den acht Songs auf „III“ hatten wir nur zwei vor Frühjahr 2019 geschrieben: „The Dragon Of The Mist“ und „In The Days Of Epic Metal“ gab es in Demo-Form schon seit 2017. Die anderen sechs haben wir in nur drei Monaten sehr schnell nacheinander geschrieben. Im Oktober 2018 hatte ich an meinem 43. Geburtstag einen Punkt erreicht, an dem ich die Motivation für Auftritte oder Songwriting nicht mehr aufbringen konnte. Ich trauerte den alten Zeiten von vor 20 Jahren nach, als ich anfing Musik zu machen und erstmals im Ausland getourt bin. Die meisten meiner Bekannten haben inzwischen Kinder und sowohl im Innern als auch ansonsten ganz andere Interessen. Bei mir hat sich zumindest im Innern nichts geändert, ich bin nur ein bisschen härter geworden – man könnte „verbittert“ sagen, aber das wäre eigentlich zu hart. „Desillusioniert“ fasst es vermutlich am besten zusammen. Ich glaube, das Heavy Metal am besten von jungen Menschen in ihren Teenager-Jahren oder ihren Zwanzigern gemacht wird und auch für sie gedacht ist. Ihre Vision ist noch nicht von den Kompromissen, die uns das Leben aufzwingt, verwässert worden und ihre Energie ist noch frei, um sie für diese Leidenschaft aufzuwenden. Ich habe damals angefangen, an der „Metal-Szene“ zu zweifeln und an dem, was heutzutage als Metal gilt. Nur ein Beispiel: Erst neulich habe ich ein Review über ein Konzert mit Bands namens Amaranthe, Apocalyptica und Sabaton gelesen. Sie spielten in einem Club in Italien, in dem ich vor etlichen Jahren mal Dio gesehen habe und ich hab mich gefragt, was das soll. Mit so einer „Szene“ habe ich absolut nichts am Hut. Mit diesen Typen habe ich nichts gemeinsam und was noch wichtiger ist: Wie soll ich in einer Welt klarkommen, die solchen Bands hinterherläuft und sie als Metal bezeichnet? So war ich vor etwa einem Jahr drauf. Es ging sogar soweit, dass ich aufgehört habe, Metal zu hören. Im Auto hatte ich nur noch Italo-Disco-Synthwave aus den 80er (Lost Years) und ein paar Alben von Miles Davis. So etwa im Februar oder März 2019 habe ich aber wieder meine liebsten Heavy-Metal-Alben rausgekramt und auch die Gitarre wieder in die Hand genommen, um ein paar Riffs zu üben. Ich habe mich dann auf einmal wieder so gefühlt wie mit 20, weshalb ich Manolis und die Jungs angerufen habe und wir beschlossen haben, die Band wiederzubeleben. Weil unser Antrieb jetzt aber ein anderer war und wir auch wieder neue Energie getankt hatten, fand ich, dass wir ein starkes Cover und passendes Logo brauchen, weshalb ich eines Morgens am Küchentisch eine grobe Skizze unseres jetzigen Schriftzugs angefertigt habe. Später wurde sie dann von einem Profi (Alexandros Vasilopoulos), der sowohl das Logo als auch das Artwork des neuen Albums gezeichnet hat, verfeinert. Von den sechs neuen Songs schrieb ich als erstes „The Eyes Of Merlin“ und als letztes wurde „Return Of The Blades“ im Juni 2019 fertig. Akis ist ein Tontechniker und Produzent, der 2002 das erste Battleroar-Album in seinem Homestudio aufgenommen hat, als Manolis und ich noch in der Band waren. Für „III“ hat er sich in Athen um die Aufnahme aller Instrumente gekümmert. Nur meinen Gesang habe ich in Italien aufgenommen. Er hat sehr viel Zeit und Mühe in die Vorproduktion gesteckt und die Platte am Ende komplett in Eigenregie aufgenommen. Ich finde, dass er fantastische Arbeit geleistet hat und dies unser bisher stärkstes und klanglich bestes Album ist. Wir haben im September 2019 mit den Aufnahmen begonnen und hatten bereits im November die fertigen Master in der Tasche.

Das Cover von "III" von Dexter WardBeeinflussen die Werke von H.P. Lovecraft auch Eure Texte? Worum geht es in Euren Songs?
Ja, das von einer Band namens DEXTER WARD möchte man das erwarten, aber tatsächlich ist das nicht der Fall. Am Ende unseres Songs „Antarctic Dream“ haben wir ein Zitat von ihm eingebaut und hier und da gibt es ein paar indirekte Verweise. Ich finde es aber sehr schwierig, das Gefühl, das seine Erzählungen bei mir hervorrufen, im Kontext unserer Musik wiederzugeben. Seine Ideen können meiner Meinung nach nur schwer durch eine erhebende Mischung aus NWOBHM und U.S. Metal repräsentiert werden. Die Werke von R.E. Howard passen weit mehr zu unserem Stil und finden sich in den Texten zu unseren beiden neuen Songs „Return Of The Blades“ und „Conan The Barbarian“ wieder. „Return Of The Blades“ bezieht sich auf den Song „Hyrkanian Blades“, den Manolis und ich für das dritte Battleroar-Album geschrieben haben. Das Outro von „Conan The Barbarian“ greift das Thema von „Sword Of Crom“, eines Songs, den ich 2002 geschrieben habe und der auf dem Battleroar-Album „Age Of Chaos“ gelandet ist, auf. „The Eyes Of Merlin“ wurde vom Film „Excalibur“ inspiriert – als ich den Song geschrieben habe, hatte ich den Film allerdings 15 Jahre nicht gesehen. Ich habe ihn mir vor einem Monat wieder angeguckt und ich empfehle Euren jüngeren Lesern, ihn dringend anzusehen, falls sie ihn nicht kennen. „Soldiers Of Light“ hat eher so ein U.S.-White-Metal-Feeling wie unsere älteren Songs „Youngblood“ oder „Evil Nightmares“. Das ist eine Huldigung solcher Bands wie Bloodgod, Zion oder den aus Amerika stammenden Emerald und all der anderen großartigen Bands von der „California Metal“-LP. Die Texte von „Reign Of The White Knight“ und „The Dragon Of The Mist“ gehören definitiv ins Fantasy-Genre, wenngleich es hier keine bestimmten Bezüge gibt. „The Demonslayer“ hingegen basiert auf einer Idee von mir und dreht sich um den Kampf zwischen Gut und Böse oder Himmel und Hölle. Mehr will ich dazu nicht sagen, weil es mir lieber ist, wenn sich die Leute ihre eigenen Bilder zur Musik malen – selbst, wenn das von der Idee des Autors abweicht. Schlussendlich beschwört „In The Days Of Epic Metal“ Bilder aus der nordischen Mythologie, aber eigentlich geht es darum, wie ich mich fühlte, als ich 2002 das erste Mal nach Griechenland gekommen bin. Dort lernte ich eine Szene kennen, die sich gerade in voller Blüte befand. Alles schien möglich zu sein und in gewisser Weise war auch alles möglich, weil wir im Herzen jung waren und es für uns nur Heavy Metal gab.

DEXTER WARD wurden vor mehr als zehn Jahren gegründet – das ist ein Jahrzehnt Bandgeschichte. Wie fühlt sich das an?
Fühlt sich an, als würde ich alt werden. Und je älter man wird, umso langsamer tut man Dinge und alle möglichen Gesundheits-, Familien- und Geldprobleme stellen sich dem in den Weg, was dein Herz will. Da muss man abwägen, was man tatsächlich tun kann, ohne alles andere zu zerstören aber davon abgesehen fühle ich mich eigentlich nicht groß anders als früher. Wir haben ein starkes neues Album und zwei weitere volle Platten, eine Single und zwei EPs auf dem Kerbholz. Wir haben unzählige Konzerte in Europa gespielt und wenige aber dafür absolut loyale Fans. Und wir genießen es in der Band, als Menschen miteinander abzuhängen. Wir sind Freunde und wir freuen uns auf die Zukunft, denn es fühlt sich wie eine neuer Anfang für die Band an!

Was wird Euer nächster Schritt nach Veröffentlichung sein? Sehen wir Euch bald mal in Deutschland?
Bisher gibt es keine bestätigten Konzerte in Deutschland, aber ich bin zuversichtlich, dass wir im Laufe des Jahres und auch 2021 dort sein werden. Für den Moment werden wir am zweiten Tag des „Up The Hammers“ in Athens spielen, das ist am 14. März. Am 20. März haben wir eine weitere Griechenland-Show auf dem „Horns Up Festival“ in Trikala und am 9. Mai geht es auf das „Pounding Metal Fest XIV“ in Madrid. Am 9. Oktober sind wir im belgischen Bree, am nächsten Tag in Dijon in Frankreich und am 10. Oktober auf dem“Rising Fest IX“. In den nächsten Monaten werden wir weitere Konzerte ankündigen. Außerdem haben wir bereits damit begonnen, unser viertes Album zu schreiben und diesmal werden wir keine vier Jahre brauchen!

Da es Euch bereits seit mehr als zehn Jahren gibt: Wie beurteilst Du die heutige Metal-Szene?
Ich bin nicht mehr ganz so informiert wie vor 20 oder 25 Jahren, als ich alle Platten und alle Magazine gekauft habe. Nicht, weil es mich nicht interessiert, sondern weil es heutzutage einfach zu viele Bands und zu viel Musik gibt – vor allem seit es die sogenannte „New Wave Of Traditional Heavy Metal“ gibt. Es schmeichelt mir, dass wir dazu gezählt werden, aber nachdem ich das seit 18 Jahren mache und jeweils drei Alben mit Battleroar und Dexter Ward aufgenommen habe, fühlt sich das für mich nicht mehr nach „New Wave“ an. Ich denke, es gibt heutzutage eine Menge toller Musiker mit guter Technik. Das sind alles begabte Produzenten und Multi-Instrumentalisten, die heute obendrein recht bezahlbare Hard- und Software zur Verfügung haben und damit im Alleingang ziemlich gut klingende Platten produzieren können. Aber wenn ich das Demo von „Dark Storm“ von Heathen Rage mit all den Nebengeräuschen hören oder auch Aceiums „Cold Steel“ und Commanders „The High ’n‘ Mighty“ (das Bootleg, weil ich mir das Original nicht leisten kann. Zu meiner Verteidigung: Ich habe vor vielen Jahren mal die Kassette mit dem Löwenkopf auf dem Cover besessen) auflege, dann wird deutlich, dass wir hier nicht über die gleiche „Schule“ reden. Lieber habe ich pro Monat eine dieser Platten als zwanzig von den heutigen. Wenn das jeder so sehen würde, hätten wir natürlich keine Chance, aber es ist doch so: Für die jungen Hörer von heute sind diese 20 Alben vielleicht von geringerer Bedeutung als das eine Album für mich vor 25 Jahren. Vermutlich ist alles eine Frage des Alters und der Perspektive.

Vielen Dank für das Interview! Lass uns zum Abschluss noch ein bisschen brainstormen. Was fällt Dir zu den folgenden Begriffen ein?
Herbert West: Reanimator. VHS. Ich trage das T-Shirt gerne auf Konzerten.
Frontiers Music: John Wayne, weil dieses Label keinen Metal veröffentlicht.
False Metal: Manowar. Nicht, weil sie False Metal wären, aber weil sie ständig davon reden. Hier in Venedig sagen wir: „Der erste Hahn, der kräht, hat das Ei gelegt.“
Pay To Play: Bullshit.
Underground: Rockt.
King Diamond in zehn Jahren: King Diamond!

Noch einmal vielen Dank für Deine Zeit! Die letzten Worte sind die Deinen!
Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Ihr dieses Interview mit mir geführt habt. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lesern dafür bedanken, dass sie das Feuer am Leben erhalten und Underground-Bands wie uns eine Chance geben! Headbangt ordentlich und wie Judas Priest sagen: „Always remember to defend the faith!“ Alles Gute und wir sehen uns dann in Deutschland!

Ein Bandforo der Heavy-Metal-Band Dexter Ward

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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