Interview mit Merlin Sutter von Eluveitie

Praktisch das gesamte Frühjahr 2012 waren ELUVEITIE nun unterwegs, erst in Nordamerika, dann in Europa mit der Paganfest-Tour. Die Schweizer Folk-Metaller werden einfach nicht müde, ihr neues Album „Helvetios“ auf die Bühnen zu bringen, im Sommer stehen auch schon wieder massig Festivals an. Vom Touren und dem Konzeptalbum über den gallischen Krieg erzählt Schlagzeuger Merlin Sutter.


Hi Merlin! Ihr seid nun schon praktisch das ganze Jahr 2012 ununterbrochen unterwegs. Wie geht es euch, freut ihr euch nun auf ein wenig Urlaub? Wie erholt ihr euch nun?
So zehn Wochen waren wir jetzt unterwegs, ja. Ich denke, das ist für alle verschieden, ich persönlich brauche eigentlich noch keinen Urlaub, sage aber auch nicht nein zu einer Pause. Da wir nun eine ganze Weile im selben Bus gewohnt haben, verbringen wohl die meisten diese Wochen mit jemandem außerhalb der Band! Jeder hat zudem noch seine eigenen Projekte oder Nebenjobs, die uns beschäftigt halten. Zur Erholung werde ich sicher mit Anna in den Bergen rumstolpern sobald der Schnee endlich weg ist.

Ihr wart nun schon mehrere Male in den USA, wird das Touren dort nicht schon zur Gewohnheit? :)
Wenn, dann eine sehr angenehme! Obwohl ich überall gerne toure ist Amerika einer meiner Lieblingsorte, nicht zuletzt weil wie alles andere auch die Busse da ein ganzes Stück größer sind als in Europa ;)

Nach einer zweiwöchigen Pause nach der USA-Tour ging es schon weiter durch Europa mit dem Paganfest. Wie ist euer enormer Tourplan zu bewältigen? Bleibt da noch Zeit für Privatleben und Freizeit und macht das exzessive Touren noch so viel Spaß wie am Anfang?
So viel Spaß wie am Anfang machts sicher nicht, für mich persönlich ist’s schon ein wenig zum Job geworden. Allerdings ist es immer noch der schönste Job, den ich mir vorstellen kann, daher kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Das Privatleben muss man sich halt organisieren, aber während wir zwar teilweise sehr lange unterwegs sind, sind wir auch mal länger Zuhause. Im Sommer zum Beispiel haben wir schließlich oft drei Tage Arbeit und vier frei, statt umgekehrt!

Bekommt man bei all der Arbeit auch etwas von den Ländern und Städten mit?
Das kommt drauf an. Wenn man will, kriegt man sicherlich auch was von der Umgebung mit, für die meisten Musiker beginnt die Arbeit nicht vor dem Abend. Wenn man sich nach dem Konzert gerne ein paar Drinks genehmigt, verschläft man das Sightseeing aber auch gerne mal ;)

Reagieren die amerikanischen Fans anders auf euch, als die Anhänger aus der Heimat?
Nö, ich würde sagen, die sind etwa gleich cool. Wirkliche Unterschiede sah ich bisher nur in Lädern wie zum Beispiel Brasilien, wo die Fans schon sehr enthusiastisch sein können.

Was sind denn die Hauptunterschiede, Vor- und Nachteile, beim Touren in den USA im Vergleich zu Europa?
Schwer zu sagen! Kommt natürlich auch auf den persönlichen Geschmack an. Ich persönlich mag es in Amerika sehr wegen der großen und angenehmen Busse. Weil ich lieber irgendwo Essen gehe als den ganzen Tag im Backstage zu sitzen, in Amerika gibt’s statt Catering meist „Buy-Out“ Geld. Und wegen der Vielfältigkeit – nachdem ich mir in Kanada den Arsch abgefroren habe, stellt mich mich ein Ausflug zum Strand in Florida gleich wieder auf!

Ihr habt bereits mehrfach auf Burgenfestivals in Bayern gespielt, zum Beispiel Veldenstein 2011 und Stein a.d. Traun 2010. Fühlt ihr euch dort mit eurer Musik wohl und passend?
Wir fühlen uns überall wohl wo man uns hören will! Glücklicherweise scheint das auch an diesen Festivals der Fall zu sein, die mir persönlich ganz gut gefallen.


Kommen wir nun mal zu eurem neuen Album. Mit „Helvetios“ habt ihr es auf den vierten Platz in den Schweizer Albumcharts geschafft, Glückwunsch! Was bedeutet euch das und Chartplatzierungen im Allgemeinen?
Die bedeuten uns insofern etwas, als das sie direkten Einfluss auf unseren Lebensunterhalt haben. Sozusagen: je höher die Chartsplatzierung, desto sicherer ist die Miete bezahlt ;) Wir machen’s aber natürlich nicht für’s Geld, von dem her würde ich sagen, das man sich sicherlich geehrt und dankbar fühlt den ganzen Fans gegenüber, die die Scheibe gekauft haben, aber ohne macht’s genau so viel Spass.

„Helvetios“ ist euer erstes Konzeptalbum. Wie kam es zur Idee und wieso fiel die Wahl auf den gallischen Krieg?
Ich war damals mit Chrigel am Telefon, und wir haben ein bisschen drüber gequatscht, wie das neue Album so sein könnte. Irgendwann fragte ich, ob wir nicht ein Konzept-Album machen wollen über den gallischen Krieg, der für uns insofern eine einfache Wahl war, als das wir immer die Kelten zum Thema haben und das ein wichtiger Punkt in der Geschichte war. Chrigel fand die Idee gut, und ein paar Monate später hatte er das Konzept zusammen!

Wie habt ihr euch über das Thema informiert? Habt ihr da Bücher gewälzt, euch selbst in die Thematik eingedacht? Wie lief das ab?
Chrigel wälzt die Kelten-Bücher schon seit der Zeit vor ELUVEITIE, und das ist auch ausschließlich sein Bereich. Er hat enormes Talent dafür, einen persönlichen Bezug zur Materie herzustellen, das heißt, statt trockene Geschichte aufzutischen schreibt er’s zum Beispiel aus der Sicht eines Zeitzeugen, mit Emotionen und allem drum und dran.

Ist die Herangehensweise beim Songwriting eine andere, wenn es ein vorgegebenes Thema gibt, auf dem die Musik basiert?
Nicht wirklich, oder nicht aus dem Grund. Zu einem Großteil macht bei uns Chrigel das Songwriting, bevor die Band dann ans Arrangieren geht. Anders war dieses mal einzig, das Ivo und teilweise Anna einen deutlich größeren Teil dazu beigetragen haben, wobei das nichts mit dem Konzept zu tun hatte. Ob und wie es für Chrigel anders war, kann ich leider nicht sagen!

„Luxtos“ scheint auf der Melodie des Traditionals „La Jument De Michao“ zu basieren. Wie seid ihr auf dieses traditionelle Stück aufmerksam geworden und wie entstand die Idee der Umsetzung in „Luxtos“?
Chrigel kennt die alle, und hat das ja auch schon mit „Inis Mona“ und einigen anderen Songs gemacht. Die Interpretation von Traditionals ist ja gang und gäbe in der keltischen Folksmusik, wir haben das also sozusagen übernommen.

Wie „Helvetios“ beweist, seid ihr musikalisch extrem vielseitig. Wie schwer fällt es euch dann, Stücke für Videos zu finden, die besonders auf YouTube repräsentativ für die Band sein sollen? Und warum fiel die Wahl ausgerechnet auf „A Rose From Epona“?
Gar nicht! Wir hören uns die Songs an, und dann heißt es bei dem ein oder anderen „Video!“, damit ist die Sache dann erledigt. Wobei in diesem Fall zwei dabei rausgekommen sind, „A Rose For Epona“ und „Havoc“. Was ich sehr cool finde, weil die zwei Songs auch zwei wichtige Seiten von ELUVEITIE zeigen, mit „A Rose For Epona“ die eher ruhige und emotionale – und Annas großartige Stimme – und mit „Havoc“ die brachiale.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem schottischen Schauspieler Alexander Morton, der die Sprechparts beisteuert?
Auch den hat Chrigel gefunden! Wir kannten ihn beide aus dem Film „Valhalla Rising“, was für diesen Job die perfekte Referenz war. Seine Sprechteile finde ich denn auch sehr gelungen, und obwohl ich’s schon x-mal gehört habe, bekomme ich selber noch Gänsehaut beim Epilog.

Das Coverartwork ist diesmal sehr schlicht und erstmals verzichtet ihr auch auf Landschafts- und Naturbilder, ein bisschen langweilig wirkt es schon, finde ich. Wie kam es dazu, was soll es aussagen?
Das war eine Entscheidung in letzter Minute! Aus dem ganzen Artwork sah für uns nichts so richtig nach Cover aus, und irgendwann fanden wir dann, das wir vielleicht in die andere Richtung gehen sollten. Die Idee fand die ganze Band gut, und wir stehen nach wie vor dahinter. Wenn es was aussagen soll, dann würde ich sagen, dass hier die Essenz von ELUVEITIE präsentiert wird, und man sich auf die Musik konzentrieren soll.

Mein Kollege Pascal schrieb beim Review zu „Everything Remains…“, eure Musik hätte neben dem Melodic Death Metal auch Metalcore-Einflüsse. Was sagst du dazu?
Das würde ich weder bestätigen noch bestreiten. Während die ursprüngliche Idee von ELUVEITIE ist, den schwedischen Melodic Death Metal mit Celtic Folk zu verbinden, machen wir mittlerweile einfach unser eigenes Ding. Wir sind außerdem acht Musiker mit sehr verschiedenen Geschmäckern, und jeder fügt bis zu einem Gewissen Grad seine eigene Note zum Endresultat hinzu. Also mehr Einflüsse als man aufzählen könnte!

Von „Everything Remains…“ zu „Helvetios“ gibt es musikalisch nun wenige Veränderungen. Was würdest du sagen, was habt ihr in den letzten beiden Jahren verändert und verbessert?
Durch das viele live spielen sind wir sicher als Musiker gewachsen in der Zeit, und man hat natürlich auch während der Produktion für „Everything…“ einiges gelernt, das man nun besser machen konnte. Abgesehen davon würde ich sagen, dass einmal mehr die ELUVEITIE-typische natürliche Entwicklung von einem Album zum nächsten stattgefunden hat, mehr oder weniger unbewusst.


„Helvetios“ ist nun schon das fünfte Album in sieben Jahren. Besteht bei diesem hohen Output nicht die Gefahr, dass man sich zu sehr wiederholt, dass sich die Musik irgendwann überspielt?
Nö. Wenn uns die Ideen ausgehen, machen wir einfach eine Pause!

Bei eurem ansteigenden Erfolg stellt sich oft auch die Frage nach kommerzieller Zugkraft, oft wird zum Beispiel gefordert, dass Anna öfter singen solle. Wie geht ihr mit diesem Thema um?
Gar nicht, eigentlich.. Wir machen einfach, wonach uns persönlich der Sinn steht. Glücklicherweise stehen wir alle auch auf Annas Stimme ;)

„Helvetios“ wurde teils auf der letzten Tour geschrieben und aufgenommen, richtig? Gibt es denn jetzt bereits wieder neues Material?
Geschrieben und aufgenommen zuhause, aber im Endspurt musste dann im Bus noch ein wenig produziert werden! Was spannend war, wir mussten Chrigels iMac an die Rückseite des Vordersitzes kleben… Neues Material gibt’s noch keins, und ich denke da machen wir uns auch erst nächstes Jahr konkrete Gedanken dazu.

Gibt es schon Pläne für eine richtige Live-DVD? Mit eurem Backkatalog wäre es langsam mal allerhöchste Zeit!
Jein! Pläne gibt’s leider noch nicht, aber wir alle fänden die Idee sehr gut… Hoffentlich ergibt sich da bald mal was!

Lass uns das Interview mit dem traditionellen Metal1.brainstorming beenden. Was fällt dir spontan ein zu…
Asterix: Mein Charakter, falls wir bei ELUVEITIE Asterix-Pseudonyme annehmen würden. War nicht meine Idee.
Anaal Nathrakh: Hä?
FC Basel: Fußball? Nein danke.
Oscar-Verleihung: Verpasst.
David Hasselhoff: Großartig!
Metal1.info: Hm… Was sag ich denn jetzt nettes? Ich lese keine News, aber sicher eine großartige Website! In Sachen Zurechnungsfähigkeit des Interviewers anhand der angenehmen Fragen schon mal im positiven Bereich.
ELUVEITIE in 10 Jahren: Guns’n’Roses, aber mit Slash.

Vielen Dank für deine Zeit!

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