Review Eluveitie – Ategnatos

Zwei Jahre ist der große  Bruch im Line-Up der schweizer Folk-Metaller ELUVEITIE nun her: Drei Mitglieder, die seit Langem Bestandteil der Gruppe waren, traten aus, drei Neuzugänge füllten die vakant gewordenen Posten. Musikalisch gesehen war bei ELUVEITIE trotz der Umstände nicht daran zu denken, sich bedeckt zu halten: Noch 2017 erschien das vollauf überzeugende Akustik-Album „Evocation II – Pantheon“ und ließ nicht darauf schließen, dass die Umstrukturierung der Gruppe geschadet hätte, im Gegenteil machte die Fokussierung auf die weiblichen Vocals deutlich, dass der Wechsel von Anna Murphy zu Fabienne Erni mitnichten einen Qualitätsverlust darstellte.  Das galt ebenso für die völlig neue Single „Rebirth“, die bald darauf noch im selben Jahr erschien und ELUVEITIE frisch und unverbraucht von ihrer gewohnten und besten Seite zeigte. Ein vielversprechender Vorbote auf das nächste Folk-Metal-Album, welches nun mit „Ategnatos“ endlich in den Startlöchern steht.

Der philosophisch-mystische Rahmen des Albums, der sich mit der Übertragung alter mythologischer und spiritueller Gesichtspunkte in die heutige Zeit befasst, wird durch den Opener und Titelsong sowie den Schlusstrack „Eclipse“ markiert, welche jeweils auf ihre Art den aus dem Refrain von „Rebirth“ bekannten Text verwenden. Doch um beim Anfang zu bleiben: Das in den Titelsong integrierte Intro baut sich schrittweise und spannend auf, nach der einleitenden Sprechpassage gesellen sich Flöten, dann bedächtige Gitarren und weiblicher gälischer Gesang hinzu, bis der Song schlussendlich vollends von der Leine gelassen wird und sich als eine ELUVEITIE-Nummer aus dem Lehrbuch entpuppt. Ein äußerst stimmiger Einstieg, der den Hörer sofort für sich gewinnt. Was danach passiert, ist bis zur letzten Note ebenfalls ganz großes (Ohren-)Kino. Auf „Ategnatos“ zeigt sich die Gruppe von Song zu Song in Höchstform und setzt gekonnt auf die ansprechende Mischung aus Metal, insbesondere von Melodic Death beeinflusst, und Folk. Durchgehend hohe Qualität ohne große Ausfälle ist man von ELUVEITIE gewohnt, aber hier stellt sich tatsächlich jede Nummer als ein eigenes kleines Highlight heraus, in dem es eine ganze Menge zu entdecken gibt. Eine derart große Hitdichte, wie sie das achte Album der Band aufweist, ist selbst für eigene Verhältnisse bemerkenswert. Bravo!

Für die Folk-Melodien findet erneut die volle Bandbreite an Instrumenten wie Geige und keltischer Harfe bis hin zu Dudelsack und Drehleier Verwendung. Die Melodien gehen gewohnt rasch ins Ohr, sorgen sowohl in aufgeweckten Ohrwürmern wie „Ambiramus“ als auch in einer sehr düsteren Nummer wie „Worship“ für eine Menge Atmosphäre, lassen dem Metal-Bestandteil der Songs aber stets genug Raum zur Entfaltung. Dass ELUVEITIE diese Seite ihrer Musik, sofern nicht gerade ein Akustik-Album auf dem Plan steht, ohnehin nie stiefmütterlich behandeln unterscheidet sie seit jeher angenehm von vielen anderen Bands des Genres, bei denen die Kombination von Metal und Folk dazu führt, dass E-Gitarren eigentlich nur zu begleitendem Beiwerk verkommen. Der Metal-Anteil auf „Ategnatos“ ist aber nicht nur angenehm präsent, sondern energetischer denn je: Songs wie „Deathwalker“, „Mine Is The Fury“ oder „Rebirth“ bieten bei aller Folk-Melodik Riffs, die erstmal alles im Umfeld in Schutt und Asche legen, und noch nie waren Chrigel Glanzmanns Growls und Screams derart kraftvoll und mächtig. Hinsichtlich des Gesangs leistet aber auch Fabienne Erni auf ihrem zweiten ELUVEITIE-Album ganze Arbeit, legt eine Menge Emotion in ihre Vocals (insbesondere auf dem schon erwähnten „Eclipse“) und liefert sich großartige, kontrastreiche Duette mit dem Frontmann.

„Ategnatos“ bietet wirklich alles, was man sich von einem ELUVEITIE-Album wünschen kann und macht deutlich, dass das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts längst nicht zu spät ist, um Meisterwerke mit Klassiker-Potenzial zu veröffentlichen. Selten wurden keltischer Folk und Metal so perfekt in eine Symbiose gebracht. „Ategnatos“ ist melodisch, brachial, eingängig, vielseitig, gefühlvoll und ganz definitiv eine der feinsten Arbeiten, die es je aus dem Hause ELUVEITIE zu hören gab – und das will bei einer Band, die bereits Alben wie „Slania“ oder „Helvetios“ hervorgebracht hat, schon eine Menge heißen. Chapeau!

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Wertung: 9 / 10

Publiziert am von Pascal Weber

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