Interview mit Süd von Hämatom

Nach dem durchschlagenden Erfolg von „Wir sind Gott“ entfesseln die Deutschrocker HÄMATOM nun ihre „Bestie der Freiheit“. Mit neuem Produzenten, neuem Label und einem persönlicheren Ansatz in den Songtexten will der Vierer erneut die Herzen seiner Freaks erobern – zunehmend auch international, wie Schlagzeuger Süd im Interview mit uns ankündigt. Außerdem verrät der Mann an der Schießbude, warum die vier Himmelsrichtungen immer noch keine Liebesschlager schreiben und dennoch mit ihrem neuesten Werk autobiografischer denn je geworden sind.

Hallo Süd! Ihr steht kurz vor dem Release von „Bestie der Freiheit“. Wie geht es euch?
Wie immer vor einem Release wird auf allen Ebenen gerödelt. Wir haben ja Veröffentlichung der CD, eine Release-Tour und verschiedene Autogrammstundenauftritte gleichzeitig, so dass es uns bezüglich der Vorbereitung gerade nicht langweilig wird!

Ihr seid mit „Wir sind Gott“ auf Platz 5 der deutschen Albumcharts eingestiegen und wart auch in Österreich und der Schweiz erfolgreich. Hat euch der Erfolg in diesem Ausmaß im Nachhinein überrascht?
Auf jeden Fall! Wir wissen, dass dieser Erfolg nicht selbstverständlich war. Klar, wir waren wirklich fleißig in unserer Bandhistorie, aber natürlich wissen wir auch, dass so tolle Platzierungen und volle Hallen nicht zu erzwingen sind. Es ist und bleibt eine komplexe Angelegenheit, die man irgendwie immer im Nachhinein, aber selten im Vorfeld erklären kann.

Auf „Wir sind Gott“ habt ihr mit zwei Produzenten zusammengearbeitet, die beide für jeweils die Hälfte der Songs verantwortlich gewesen sind. Wie war es dieses Mal und wie stellt ihr sicher, dass ihr bei unterschiedlichen Menschen an den Reglern ein homogenes Ergebnis erzielt?
Das stimmt nicht ganz. „Wir sind Gott“ wurde komplett von „Kohle“ produziert, lediglich die Touredition dazu mit weiteren Studiosongs war von Sascha Paeth produziert, was sich aber bei dieser speziellen Auflage problemlos zusammenführen ließ. Beim nun erscheinenden neuen Werk namens „Bestie der Freiheit“ ist für die Produktion einzig und allein Vincent Sorg (Die Toten Hosen, Broilers, In Extremo) verantwortlich. Und diese Zusammenarbeit erstreckte sich weit über’s Recording und Mixing hinaus. Er stand schon bei der Bearbeitung der Demos mit Rat und Tat zur Seite.

Wie würdest du den Weg von „Wir sind Gott“ zu „Bestie der Freiheit“ beschreiben?
Es fängt immer mit einer ersten Session an, die „Spatenstich-Session“. Man unterhält sich, man probiert herum, stellt in Frage usw. Letztendlich kamen wir dabei zu dem Entschluss einen neuen Produzenten ausprobieren zu wollen, um wieder frischen Wind in unsere Demos blasen zu lassen. So kam es dann schon sehr frühzeitig zu einer Session mit Vincent Sorg, in der uns nach zwei Tagen Probieren klar wurde, dass wir gerne für das kommende Album die Zusammenarbeit mit ihm suchen würden. Und nach kurzer Überlegung hat er sich auch auf diese Reise mit uns eingelassen. Das Besondere an ihm ist, dass er wirklich jede Idee zerpflückt, um sie wieder neu zusammenzubauen, so dass das Songwriting bzw. die sogenannte Vorproduktion so zeitintensiv wie noch nie in der Bandhistorie wurde. Und so wurde es eben bis zur Geburt der Bestie wie immer ein langer, steiniger Weg.

Ihr habt euch dieses Mal zum Songwriting in die Sonne nach Formentera zurückgezogen. Thematisch bewegt ihr euch wieder in eurem inzwischen bekannten Themenkomplex aus Gesellschaftspolitischem und Zwischenmenschlichem. Wie seid ihr eure neue Platte im Bandcamp angegangen?
Im Bandcamp waren wir dann wirklich unter uns. Nur wir vier, kein Produzent, Techniker, Koch oder was man sonst noch mit sich führt *lacht* Und neben den musikalischen Experimenten und natürlich zwischenmenschlichen Erlebnissen denke ich, dass die textliche Vision der Scheibe in diesem Zeitraum gereift ist. Nämlich die Idee, unsere Bestie emotionaler und persönlicher auf die Menschheit loszulassen. Haben wir bisher einen Spiegel der Gesellschaft vorgehalten, wird dieses Mal unsere eigene Perspektive nicht weiter ausgeblendet, sondern auch in Songs mit verarbeitet.

Die neue Platte erscheint nicht mehr bei eurem Haus- und Hoflabel Rookies and Kings. Was hat euch dazu bewogen, bei Sony Music anzuheuern?
Zum einen finden wir Wechsel ab und zu sehr wichtig, um eingefahrene Automatismen aufzubrechen und zum anderen und das war kein unerheblicher Grund, schielen wir schon länger in Richtung Ausland. Seit wir mit Rammstein Sofia gerockt haben, wenn man das so sagen darf, spüren wir, dass unsere Musik durchaus Potential über die deutschsprachigen Grenzen hinaus hat. Und da ist es natürlich toll mit einem Vertrieb wie dem von Sony aufgestellt zu sein. Im März sind wir übrigens auch auf einer ersten Tschechien-Tour unterwegs. Letzten Sommer hatten wir das erste Festival in Rumänien – es tut sich also was!

Auf „Bestie der Freiheit“ ist kein Song über vier Minuten lang, mit einer Ausnahme bewegen sich alle Lieder zwischen drei und vier Minuten. Wolltet ihr mit euren einzelnen Kompositionen dieses Mal besonders auf den Punkt kommen?
Das haben wir auch schon festgestellt, ist aber wirklich Zufall.  Wir machen die Songs, wir arrangieren sie und wenn was fehlt, wird gestreckt. Wenn der Song Längen hat, wird natürlich gekürzt. Letzteres fällt immer schwerer, klar, da ist aber Vincent gnadenlos. Wenn sich was nach Länge anfühlt, muss es raus.

Und habt ihr „Bestie der Freiheit“ mit verstärktem Blick auf eure Konzerte aufgenommen? Viele der Songs wirken mit ihren Melodien, Chören und Refrains bereits in der Studioversion wie gemacht für euer Publikum.
Ganz ausblenden kann man das natürlich nicht. Wir spielen viel, wir wissen es zu schätzen, wenn das Publikum die Songs mitabfeiert und stemmen uns nicht gegen tanzbare Rhythmik. Aber es ist am Ende auch nicht so viel Kalkül, wie es gerade klingen mag. Schließlich bastelt man einfach an Material herum und irgendwann sind alle glücklich.

Würdest du die Live-Qualitäten als besonderes Kennzeichen von „Bestie der Freiheit“ oder auch von Hämatom allgemein sehen?
Ich würde sie als Kennzeichen von Hämatom bezeichnen. Von Anfang an haben wir versucht, nicht zu kleckern, sondern mit einer Bühnenshow zu klotzen. Wir haben immer draufbezahlt pro Show, Hauptsache es knallt. Und Irgendwann war dann mehr Geld zum Ausgeben da, weil mehr Leute zu den Konzerten kamen und dann haben wir eben einen zweiten Sprinter vollgemacht mit Bühnendeko, dann einen dritten und jetzt sind wir mit LKW und Nightliner unterwegs und unser Chef-Techniker – oder ich möchte sagen Live-Designer – Jarek Zyla hat sich wieder tolle visuelle Überraschungen ausgedacht – also das wird schon geil, wenn die Bestie losgelassen wird.

Bei „Mein Leben – Meine Regeln“ habt ihr einen Keyboard-Part nach schnellem Beginn eingestreut, in „Warum kann ich nicht glücklich sein?“ steigert ihr euch von langsam auf schnell. Eure Besetzung mit Gesang, Bass, Gitarre und Schlagzeug lässt generell nur einen begrenzten Spielraum zu. Worauf legt ihr noch Wert, um neben Tempowechseln euren Stil zu variieren?
Neben wie oben schon erwähnt dem Fokus auf den Texten, stand insgesamt der Gesang sehr im Mittelpunkt. Wir haben mehr dynamische Nuancen entwickelt, so dass man nicht die ganze Zeit von Nord angeschrien wird, sondern es auch zu gesungenen und zu leisen Parts kommt. Er hat uns teilweise mit neuen Klängen seiner Stimme überrascht und so eben mehr Dynamik in die Songs gebracht. Aber auch an den anderen Instrumenten wird permanent experimentiert: So waren auch die Drums noch nie so fett wie auf „Bestie der Freiheit“. Hierfür haben wir uns von amerikanischen Produktionen inspirieren lassen, die sich durchaus nicht scheuen, auch einzelne Instrumente mal viel zu laut zu machen, wie man es sich in Europa eher nicht trauen würde.

Bei „Lichterloh“ zelebriert ihr Erinnerungen an Freunde und gemeinsame Zeit, bei „Bis zum letzten Atemzug“ beschreibt ihr den Abschied von einem wichtigen Menschen. Wieviel Autobiografisches steckt in den Inhalten?
Sehr viel, 100%. „Lichterloh“ beschreibt die wohl geilste Zeit deines Lebens: Es ist Aufbruchstimmung, du hängst in deiner Clique, du glaubst die Welt aus den Angeln heben zu können, deine Träume lenken dich usw. – eine Zeit, die man nie wieder reproduzieren kann. Und „Bis zum letzten Atemzug“ untermauert musikalisch das Abschiednehmen eines guten Freundes, den wir 2017 verloren haben. Ein sehr trauriges Lied, das aber hoffentlich Mut macht.

Ihr scheut euch nicht, in euren Texten zeitgenössische Missstände anzuprangern, wie u.a. in „Mörder“. Wie wichtig ist euch Zeitgeist in euren Texten?
Uns ist Zeitgeist nach wie vor sehr, sehr wichtig. Man muß ja nur die Zeitung aufschlagen und schon sprudelt es Ideen für neue Songs. Wir sehen das ja auch als Auftrag von Hämatom, dass man sich mal wieder für all den Wahnsinn, der um einen herum passiert, sensibilisiert und sich auch traut, etwas zu sagen, wenn es einem nicht passt. Uns würde es langweilen, nur Pseudoliebeslieder wie Helene Fischer zu singen. Da fehlen dann doch zu sehr Ecken und Kanten, das würde uns keinen Spaß bereiten.

Zusammen mit „Lange nicht perfekt“ und „Zeit für neue Hymnen“ habt ihr „Mörder“ als Video vorab ins Netz gestellt. Stellvertretend für das gesamte Album oder mit anderen Absichten?
Naja, das ist schon immer die Intention, sich Songs rauszupicken, die stellvertretend für das gesamte Album stehen. Nur leider sieht das jeder anders. Jedes Bandmitglied, Manager, Label und noch viele mehr, alle lassen wir mitreden und am Ende des Tages weiß man gar nichts mehr. Aber ich denke die Auswahl ist nicht verkehrt und es kommt ja noch mehr. Und es sind einfach auch nur gute Songs auf dem Album *lacht*

Wenn man „Lange nicht perfekt“ auf Hämatom bezieht: Wo könnt ihr noch besser werden, was wollt ihr noch anders machen?
Wir versuchen ja, jeden Tag daran zu arbeiten und direkt vor einer Veröffentlichung ist der Zeitpunkt des Infragestellens eher ungünstig, da man jetzt erst eimal sehen muss, wie die Menschen da außen unser Werk finden. Ziel ist es aber natürlich weiter nach oben zu kommen, um die größte Show der Menschheitsgeschichte auf die Bühne zu bringen. Da hätten wir auch schon tolle Ideen für!

Wie verhindert ihr, dass ihr selbst die von euch angeprangerten „Wehleidigen Monster“ mit den immer gleichen Botschaften werdet?
Da mache ich mir gar keine Sorgen. Die „Wehleidigen Monster“ wechseln nie ihr Thema und versuchen mit Stammtischparolen und Pauschalisierungen zu hetzen. Wir sind aufgeschlossen und vielseitig und stehen auf der anderen Seite wie diese Monster. Und unsere Seite würde ich als die weltoffenere und tolerantere bewerten.

Könnte Hämatom auch mit mehr Metaphern, Allegorien und subtilen Inhalten funktionieren oder lebt ihr auch davon, dass eure Texte ähnlich hart und direkt wie die dazugehörige Musik daherkommen?
Das halte ich für schwierig. Zum einen gibt es Rammstein, die das mit Bravour erledigen, und zum anderen würde wirklich etwas wegbrechen, bestimmt auch Härte, aber auch Format, wodurch ein Stück von Hämatom auch sterben würde.

Daran anschließend: Braucht bzw. wollt ihr überhaupt Abwechslungsreichtum oder seht ihr euren Stil mittlerweile auch als eine Art Markenzeichen?
Wir wollen Abwechslung innerhalb unseres Stils. Der Freak, so wie wir unsere Fans nennen, soll auf jeden Fall das bekommen, was er von Hämatom erwartet. Er soll aber auch überrascht werden durch frische Texte und musikalische Experimente. Und mit Nords markanter Stimme kann man auch vieles machen im musikalischen Unterbau, ohne dass das typische „Hämatomige“ wegfällt.

Vor „Wir sind Gott“ habt ihr eine ausführliche Kampagne in den sozialen Medien gestartet und dabei u.a. die zehn Gebote neu illustriert. Wer hatte die Idee dazu und wie blickt ihr darauf zurück, auch jetzt im Vergleich zu „Bestie der Freiheit“ mit eigenem Adventskalender etc.?
Die Idee kam wiedermal vom Ost, der für diesen Bereich immer wahnsinnig viele Einfälle hat. Zur „Bestie der Freiheit“ gab es neben den genannten Adventskalender auch das „Banner der Freiheit“ – rin großes Banner, dass sich unsere Freaks durch die Republik schicken, unterschreiben, sich damit treffen und ablichten lassen und was zum Release wie das olympische Feuer wieder zu uns zurückkommt. Ist auch eine tolle Aktion, die viele Menschen zusammenbringt.

Dank eurer Masken und eurem Auftreten profitiert ihr davon, eure Musik auch audiovisuell zu vermarkten. Sind YouTube und Co. für euch ausschließlich positiv oder u.a. durch vorgeschlagene Verknüpfungen mit Bands wie Frei.Wild immer noch schwierig?
Nein, ich finde diese Plattformen sind für eine Band wie wir es sind auf jeden Fall positiv zu bewerten. Früher hätte uns VIVA bestimmt nicht gespielt und so können wir eben Videos produzieren, die Millionen von Menschen anschauen – eigentlich Wahnsinn. Und klar gibts mal Shitstrom und Dislikes, und das schmerzt auch temporär, aber trotzdem ist diese Möglichkeit fantastisch.

Ihr habt inzwischen mit unzähligen Formationen zusammen gespielt, auf Festivals oder auf Touren. Wer oder was ist im Laufe der Jahre besonders bei euch hängengeblieben und warum?
Auf jeden Fall Rammstein, aber auch die gemeinsame Tour mit In Extremo war ein toller Spaß, den man gerne wiederholen möchte. Die waren einfach so locker drauf und wir saßen jeden Abend zusammen und haben gefeiert. Und solche Erlebnisse sind einfach super, vor allem wenn man sie mit einer so bekannten Band erlebt. Da könnten sich mal so manche kleinen, unbekannten Gruppen eine Scheibe abschneiden, wenn sie glauben, sie müssten arrogant sein und verkrampfen – ist doch alles Quatsch.

Welcher war der beste Support, den ihr je hattet?
Oh, schwierige Frage, aber apRon waren schon eine tolle Truppe. Sie kamen super beim Publikum an, waren saunett und haben mich immer wieder mit nach München genommen, was schon sehr praktisch war *lacht* Aber es gab viele weitere super Begegnungen mit Supports, da will ich jetzt gar nicht werten.

Euer „Dämonentanz“ in Trockau kurz nach Weihnachten ist inzwischen in der szenerelevanten Festivallandschaft etabliert. Stoßt ihr langsam bei der Location und den verfügbaren Bands an ein Limit oder wollt ihr euer Festival auf dieser Größe belassen?
Die Frage stellen wir uns jedes Jahr und dieses Jahr haben wir ja den Saal durch einen zweiten erweitert, so dass mehr Tickets verkauft werden konnten. Und ich denke, dass wir deshalb auch erstmal Trockau die Treue halten. Es ist ja ein historischer Ort, an dem Ost und Nord ihre ersten musikalischen Gehversuche gewagt haben und auch nach der Gründung von Hämatom gab’s immer Support von Trockau, weswegen man diesen Ort nicht einfach so ersetzen kann.

Mit „Das laute Abendmahl“ habt ihr einen weiteren fixen Termin am Karfreitag in euren Kalender integriert. Habt ihr schon konkrete Vorstellungen, ob ihr damit ein ähnliches oder ein anderes Konzept im Vergleich zum Dämonentanz verfolgen wollt?
Wir haben dieses Jahr J.B.O. Im Gepäck und der Vorverkauf ist fantastisch, also schaut auch hier alles sehr vielversprechend aus. Das Konzept ist und bleibt: Wir laden Bands ein, auf die wir einfach Bock haben. Das sind unsere Shows, die wollen wir auch musikalisch mitgestalten. Und es sind meist Bands, zu denen es irgendeine musikalische oder private Verbindung aus der Vergangenheit gibt. Eigentlich eine tolle Sache!

Abschließend noch unser bekanntes Brainstorming: Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
Der dunkle Parabelritter –
Strafschnaps
Maskenball – Geiler Albumtitel
Alternative für Deutschland – … ist keine Alternative für Deutschland!!!
Wut – Aller Anfang ist schwer.
Provokation – Lass dich nie drauf ein.
Machtspiele – Der Klügere gibt nach.
Das elfte Gebot – Wenn du glaubst christlich zu sein, dann verhalte dich auch so.

Süd, vielen Dank für deine Zeit! Hast du noch ein paar letzte Worte an unsere Leser?
Danke für das Interview und ich hoffe, wir sehen uns auf einer der Release-Shows!