CD-Review: Hämatom - Bestie der Freiheit

  • Veröffentlichung: 2018
  • Label: Sony
  • Spielart: Rock
Besetzung

Nord – Gesang
Ost – Gitarre
West – Bass
Süd – Schlagzeug

Tracklist

01. Zeit für neue Hymnen
02. Mein Leben - Meine Regeln
03. Warum kann ich nicht glücklich sein
04. Mörder
05. Lichterloh
06. Ich hasse dich zu lieben
07. Lange nicht perfekt
08. Zur Hölle mit eurem Himmel
09. Lauter
10. Unter Strom
11. Bis zum letzten Atemzug
12. Wehleidige Monster
13. Todesmarsch
14. Schrei nach Verschwörung
15. Bon Voyage


Etwas weniger als zwei Jahre nach dem (im wahrsten Sinne des Wortes) göttlichen „Wir sind Gott“ feiern die NDH-Rocker/-Metaller HÄMATOM ihre neuerliche irdische Niederkunft mit „Bestie der Freiheit“. Mit neuem Produzenten, neuem Label und persönlicheren Texten im Gepäck entfernen sich die vier Himmelsrichtungen allerdings etwas von liebgewonnenen Qualitäten. So fletscht die Bestie zwar mehrfach ihre Zähne, unter anderem auf dem Cover, doch meistens bleibt es dabei.

Auf ihren letzten drei Alben, die sozusagen in „Wir sind Gott“ kulminierten, standen Nord, Ost, Süd und West für kompromisslose Härte und deutliche Inhalte. Der Hass und die Wut im New-Metal-Rock-Mix begeisterten immer mehr Fans und umso erstaunlicher gerät die Erkenntnis, dass „Bestie der Freiheit“ erstmals wie ein Kompromiss aus vielen (neuen) Köchen daherkommt. Die Vorab-Auskoppelung „Zeit für neue Hymnen“ ist ein deutlich besserer Titel für die insgesamt 15 Kompositionen, die wie „Mörder“ nur noch selten jene Energie, Kraft und auch Aggression transportieren, welche HÄMATOM bis dato auszeichneten. Die Produktion von Vincent Sorg erinnert an Szenegrößen wie die Toten Hosen, In Extremo oder auch die Broilers, die der Betreiber der Principal Studios an den Reglern bereits begleitet hat. Qualitativ gibt es wenig zu beanstanden, nur gerade langjährige Fans bzw. Freaks werden sich vermutlich schnell fragen, was von ihrer Lieblingsband übrig geblieben ist: So wirkt „Mein Leben – meine Regeln“ wie die teils keyboardgeschwängerte Variante von „Meine Sache“ der Broilers. Die Refrains von „Warum kann ich nicht glücklich sein?“, „Lange nicht perfekt“ und „Ich hasse dich zu lieben“ gestalten sich eingängig, aber eben auch nicht primär durch die Härte, welche meist von Süd und seinem Schlagzeug ausgeht, sondern durch eine gewisse bekannte Eingängigkeit vom Rock-Reißbrett.

„Zur Hölle mit eurem Himmel“ ist wiederum der Inbegriff für eine Nummer, die vor einigen Jahren wohl noch nicht unter dem Namen HÄMATOM erschienen wäre: Es fehlen Biss, Ecken und Kanten und so ziemlich alles, wofür die Franken stehen. Der Refrain „Wir stehen unter Strom, bereit zur Kollision“ nebst Mitgröhl-Part für die „Armee der Außenseiter“ wirkt weniger wie eine ernstzunehmende Drohung sondern vielmehr wie eine handzahme Ankündigung, ebenso wie die eher bescheidene Forderung nach etwas mehr Druck im Trommelfell in „Lauter“. Die Parole aus „Unter Strom“ stünde wiederum auch Mittelalter-Rockern wie In Extremo oder Saltatio Mortis gut zu Gesicht. Mit „Wehleidige Monster“ und netten Thrash-Riffs positionieren sich die Deutschrocker erneut politisch gegen Stammtischparolen und Co., wenngleich auch nicht mit derselben Deutlichkeit und dem gleichen Nachdruck wie in „I Have A Dream“ vom Vorgänger. „Dass diese Welt keine Nazi-Spasten braucht“ passt lyrisch vielleicht nicht in den Sony-Kosmos, dafür bellen die Hunde nun nicht mehr nur im übertragenen Sinne. Leider beißen sie nicht mehr wie früher bzw. zu selten. Im mehr als gelungenen Abschluss „Bon Voyage“ fordern HÄMATOM das Ende vom Stock im Arsch – man hätte sich eben jenes auch etwas vom aktuellen Longplayer gewünscht, der irgendwie ein bisschen so wirkt, als ob das Gaspedal noch mehr hergegeben hätte, aber jemand die hymnische Handbremse angelegt hat.

Nord ist am Mikro vielseitig wie nie, reißt bei den persönlichen Botschaften aber nur vereinzelt mit  – wie in „Lichterloh“, das an die jungen Jahre und damit die beste Zeit des Lebens erinnern soll, oder „Todesmarsch“, das balladesk die Sinnlosigkeit von Krieg anprangert. Beides sicherlich keine neuen Ideen, aber gut umgesetzt. Besaßen fast alle Stücke von „Wir sind Gott“ ein Eigenleben, so ist das Ergebnis dieses Mal musikalisch relativ gleichförmig und auch in den Botschaften auf die breite Masse der typischen Deutschrock-Hörer zugeschnitten. Der Wunsch von HÄMATOM, auch über die deutschen Grenzen hinaus bekannter zu werden, ist nachvollziehbar, nur im jetzigen Zustand ist das Ergebnis auf „Bestie der Freiheit“ ein halbgarer Kompromiss, der besonders einige ältere Anhänger überraschen und auch verprellen dürfte. Spannend bleibt, ob sich durch neue Hymnen statt altbekannter Härte weitere Hörerschaften erschließen lassen und wie stark die (etwas zu offenkundig kommerzielle) Zäsur in der Vita letztlich ausfällt.

Bewertung: 6.5 / 10

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