Interview mit Noise von Kanonenfieber

Wohl kein Musiker in der deutschen Black-Metal-Szene veröffentlicht derzeit mit einer solchen Schlagzahl Musik, die dann auch noch auf so große Beachtung stößt wie Noise von KANONENFIEBER, LEIPA und NON EST DEUS. Die aktuelle KANONENFIEBER-EP von und den Release des zweiten LEIPA-Albums „Reue“ haben wir zum Anlass für ein ausführliches Gespräch genommen. Teil 1 des Interviews dreht sich um die Hintergründe zu „Der Füsilier“, Zeitmanagement und die Farbe Orange.

Frohes neues Jahr – hast du Vorsätze fürs 2023? Oder zumindest Pläne?
Grüße dich! Ebenso frohes Neues! Erstmal will ich 5 Kilo abspecken, öfter ins Fitnessstudio gehen und mehr Zeit mit der Familie verbringen. Spaß beiseite. 2023 stehen 3 neue Alben an! Die erste Scheibe, “Reue” von LEIPA, kommt diesen Freitag raus, anschließend Mitte des Jahres die vierte NON EST DEUS und Ende des Jahres dann die zweite KANONENFIEBER. Zudem bin ich sehr viel mit KANONENFIEBER unterwegs. Dementsprechend voll ist auch mein Terminkalender.

In unserem letzten Interview hattest du das Album für April/Mai angekündigt – hat sich das verschoben? Wie weit fortgeschritten sind die Arbeiten an dem Album denn?
Ich habe den Release des Albums unter anderem aufgrund der unheimlich hohen Wartezeiten bei den Presswerken verschoben. Zudem tut mir ein bisschen extra Zeit beim Songwriting ganz gut.  Da im November die zweite Auflage unseres War Against War Festivals in Berlin stattfindet, habe ich das als perfekte Möglichkeit für eine Album Release Show gesehen.

KANONENFIEBER auf dem Wolfszeit 2022
Noise mit KANONENFIEBER live auf dem Wolfszeit Festival (26.08.2022); © Afra Gethöffer-Grütz/Metal1.info

Euer Erfolg 2022 war überwältigend, erste Festivals, erste Touren – welche Erkenntnis nimmst du aus 2022 für dich persönlich mit?
Überwältigend trifft es ganz gut, ja. Für mich fühlt sich das Ganze immer noch absolut surreal an. 2022 war das spannendste und anstrengendste Jahr in meinem Leben. Ich habe gelernt, dass Aufwand sich auszahlt, in der Metalszene viele tolle, aber auch schwierige Menschen unterwegs sind, dass Airlines unglaublich unfähig sind und, dass man Leitungswasser in Mexiko nicht trinken sollte. Ich habe außerdem gemerkt, dass ich von Anfang an wohl vieles richtig und ein paar Dinge falsch gemacht habe.

Was waren für dich das Highlight und die Enttäuschung des Jahres 2022?
Das Highlight war ganz klar unser Auftritt auf dem Hell & Heaven in México. Alleine der Umstand, auf der anderen Seite des Globus zu stehen und vor einem großen Publikum zu spielen, ist schon unfassbar. Noch unfassbarer wurde es dann, als die komplette erste Reihe die deutschen Texte mitgesungen hat.
Die größte Enttäuschung kam erst vor wenigen Wochen zustande. Wir sollten unsere größte Clubshow des Jahres spielen in einer ausverkauften Arena in Rumänien. Lufthansa meinte jedoch, uns einfach nicht nach Bukarest fliegen zu wollen. Nach sechs Stunden des Wartens am Flughafen wurden wir mit der Aussage „in zwei Tagen kommt der nächste Flug“ nach Hause geschickt. Es gab nur wenige Momente in meinem Leben, in denen ich enttäuschter war als in diesem. Nicht einmal das alljährliche „Socken-Geschenk“ von Oma an Weihnachten brachte so viel Enttäuschung mit sich.

Kanonenfieber auf dem Dark Easter Metal MeetingDu hast es schon erwähnt, drei neue Alben allein für 2023 geplant, dazu von KANONENFIEBER eine EP, alles von vorne bis hinten selbst gemacht. Dazu weitere Konzerte wie das Noisebringer Fest mit einer KANONENFIEBER-Doppelshow, ein eigenes Label mitsamt Shop … ist das Ganze langsam ein Vollzeit-Job, oder wie schaffst du das alles?
Ja, tatsächlich bin ich mittlerweile – endlich, endlich – Vollzeit-Musiker. Oder eher Einzelhandelskaufmann, Veranstalter und nebenbei Musiker. (lacht) Wie du schon sagst, das wäre mit einem zweiten Job an diesem Punkt nicht mehr vereinbar. Ich versuche vehement, nichts aus der Hand zu geben, um die volle Kontrolle über meine Projekte zu behalten. Ob es nun der Vertrieb, das Marketing, die Produktion des Merch, die Online-Präsenz oder die Verwaltung Website ist. Eben all das, was einem ein großes Musiklabel abnehmen würde. Dass da nicht mehr viel Zeit bleibt, ist natürlich klar. Ganz zu schweigen von den knapp 50 Auftritten, die jetzt schon für 2023 anstehen…

Du bist ja noch verhältnismäßig jung – siehst du das jetzt als eine Phase, in der du einfach mal schaust und mitnimmst, was geht, ehe irgendwann Beruf oder Studium anstehen, oder willst du auch auf lange Sicht in der Szene dein Geld verdienen – und wenn ja, wie?
Relativ jung, das würde ich so jetzt nicht stehen lassen. Der Rücken kracht, das Nebenhaar wächst und gedeiht und ich habe drei Tage lange Kater. (lacht) Ich habe studiert und eine Ausbildung in der Tasche. Ich kann jederzeit wieder zurück in mein altes Leben. Solange es mit der Musik läuft, werde ich einen Teufel tun. Meine finanzielle Lage war vor der Musik ganz klar besser. Meinen Traum vom „Musiker sein“ kann man jedoch nicht mit Geld aufwiegen.

Kanonenfieber - Der FüsilierApropos Merch – zur EP „Der Füsilier“ gibt es ein hellblaues Motiv, das Tonträger-Cover ist aber wieder Orange. Warum hast du dich gegen ein eisig-blaues Cover entschieden, das ja zum Thema gut gepasst hätte?
Das blaue Cover hat super gepasst, da hast du vollkommen recht. Ich habe das blaue Cover für die Single-Auskopplung des “Füsilier I” machen lassen – einfach nur, um dem Song eine eigene Identität zu geben. Für das Cover der ganzen EP wollte ich wieder unsere Signatur-Farbe haben. Orange ist und bleibt KANONENFIEBER, dementsprechend wird sich das auch nicht verlieren.

Ich kann mir nicht helfen, aber das Cover weckt bei mir „Feuerwehrmann“-Assoziationen. Kannst du das bitte mal gerade rücken und erklären, was man hier eigentlich sieht?
Das von dem Maler Daniel Bechthold und mir erarbeitete Konzept zeigt unser Maskottchen Fritz als „Kommandant Winter“. Er bringt den Frost und den Schnee über die Soldaten, die Richtung Przemyśl gezogen sind, um ihre Kameraden zu befreien. Das Ganze bewerkstelligt Fritz mittels eines Schnee- /Eis Werfers. Im Winterkrieg in den Karpaten sind zehntausende Soldaten durch die Wetterbedingungen gestorben. Das soll das Bild darstellen.

KANONENFIEBER auf dem Ragnarök 2022Insgesamt setzt die EP optisch, musikalisch und vom Textkonzept her nahtlos fort, wofür KANONENFIEBER steht. Wie lange kannst du diesen Weg so weitergehen, ohne Gefahr zu laufen, dich selbst zu kopieren?
Kopiert man sich nicht immer selbst, sobald das Debut raus kam? Ich versuche auf jeden Fall nicht, KANONENFIEBER neu zu erfinden. Um mich kreativ auszuleben, habe ich meine anderen Projekte. Wo KANONENFIEBER drauf steht, da wird auch KANONENFIEBER drin sein. Ob die Thematik die gleiche bleibt, das gilt es abzuwarten. Ich möchte mir auf jeden Fall die Möglichkeit offen halten, in andere Zeitabschnitte der Menschheitsgeschichte einzutauchen.

Auch „Der Füsilier“ erzählt eine düstere Kriegsgeschichte. Hast du auch hier wieder mit Briefen als Textvorlage gearbeitet?
Ich habe für “Der Füsilier” mehrere Quellen benutzt. Ich hatte Berichte und zwei Briefe zur Hand, die den größten Teil des Textes geprägt haben.

Worum geht es in dem Text genau? Die Belagerung von Przemyśl endete ja mit der Kapitulation und Gefangennahme von 100.000 Austro-Ungarischen Soldaten. Wer ist der Füsilier, der sich hier nach Hause kämpft?
Es geht um ein Austro-Ungarisches Regiment, das ausgeschickt wurde, um die in Przemysl gefangenen Soldaten zu befreien. Auf dem Weg dorthin starben schon so viele Soldaten, dass der Feldzug scheiterte und nach mehreren Scharmützeln mit den Russen zum Erliegen kam. Die Soldaten haben anschließend versucht, sich zurück in die Heimat durchzuschlagen. Das gelang aber nicht vielen.

Die Geschichte der Soldaten, die sich durch Schnee und Eis und Hunger quälen, um zurück in die Arme seiner Liebsten zu kommen, birgt ja durchaus das Risiko zur romantischen Verklärung dieser Invasionstruppen. Reicht es, sich als Band von NSBM und dessen Gefolgschaft zu distanzieren, um nicht mit einem so nüchternen, aber eben darum unkritischen Text Gefahr zu laufen, doch wieder für entsprechende Personen attraktiv zu werden, oder andererseits dafür Kritik zu ernten? Ich erinnere mich hier spontan an Marduk, die für ähnlich deskriptive Texte auf „Victoria“ mitunter harsch kritisiert wurden…
Ich sehe keine Romantik darin, halb tot durch Eis und Schnee nach Hause zu kriechen, um das einzige zu erreichen, was einem im Leben lieb und teuer ist. Und sofern man sich die 30 Sekunden nimmt und sich mit dem Text von “Der Füsilier” auseinandersetzt, wird man auch nichts derart Verfängliches finden. KANONENFIEBER-Texte sind und bleiben unpolitische und wertungsfreie Dokumentationen historisch belegbarer Geschehnisse.


>> Lies hier Teil 2 des Interviews!  Darin sprachen wir mit Noise über „Reue“ als Album wie auch als Gefühl, seine Herangehensweise ans Songwriting und die Frage, ob er auch LEIPA eines Tages auf die Bühne bringen wird …

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

4 Kommentare zu “Kanonenfieber

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