Interview mit Björn Köppler von Maladie

MALADIE sind in vielerlei Hinsicht eine bemerkenswerte Band: Neben der ungewöhnlich hohen Zahl an involvierten Musikern ist auch ihr wahnwitziger Mix aus Progressive, Death und Black Metal sowie Jazz ein markantes Alleinstellungsmerkmal. Nachdem die selbsternannten „Plague-Metaller“ nun mit „…Of Harm And Salvation…“ ihr drittes Full-Length herausgebracht haben, erzählte uns Gitarrist und Bandleader Björn Köppler im folgenden Interview unter anderem von seiner vielsprachigen Vergangenheit, den internen Abläufen in seiner Band und dem Positiven, das man in seiner Musik finden kann.

Hallo! Freut mich, dass du Zeit für dieses Interview gefunden hast. Wie geht es dir?
Hallo! Freut mich ebenfalls und vielen Dank für die damit verbundene Unterstützung.
Momentan müsste ich lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir gut ginge. Es ist in letzter Zeit viel Unschönes passiert, das droht, mich aus der Bahn zu werfen. Aber hey, ich habe bisher immer die Kurve gekriegt, also werde ich sie auch dieses Mal kriegen.

Ihr bezeichnet die Musik eurer Band MALADIE als „Plague Metal“, was sich auch in euren Texten widerspiegelt. Was genau ist der Grund dafür, dass ihr euer Schaffen als Krankheit begreift?
MALADIE ist eine sehr persönliche Sache. Die offenste und persönlichste Sache, die ich je gemacht habe. Krankheit hat mich seit meiner Geburt begleitet. Im wahren Wortsinne, aber auch im übertragenen. Man kann das Wort Krankheit auf sehr viele verschiedene Dinge anwenden. Seien es persönliche Erfahrungen oder auch auf das Weltgeschehen. Religion ist für mich zum Beispiel die schlimmste Krankheit, die die Menschheit je befallen hat. Eine Heilung scheint nicht mal denkbar. Aber auch den alltäglichen Trott, dem man sich nach und nach immer mehr ergibt, könnte man als Krankheit bezeichnen. Aber Krankheiten sind nicht unbedingt nur negativ. Man kann aus einer Krankheit auch erstarkt herauskommen. Man kommt aus einer Krankheit immer mit mehr Wissen heraus. Eine Krankheit kann eine Katharsis sein, die man nur dadurch erreicht, weil einen eine schwere Krankheit über sehr viele Dinge nachdenken lassen kann. So ging es mir, als ich 2014 schwer krank war und ich dem Tod, wohl nur knapp, von der Schippe gesprungen bin. Das prägt, das verändert. Und das nicht zum Negativen hin.

Bei der Vielfältigkeit eurer Musik ist es schwer, konkrete Einflüsse anderer Bands auszumachen. Gibt es da überhaupt Interpreten, die euch nachhaltig als Künstler geprägt haben?
Puh, das ist keine einfache Frage. Ich habe mir vor mittlerweile 30 Jahren meine erste Iron-Maiden-Platte gekauft und das hat mein Leben damals verändert. Diese Musik hat mir, auf sehr prägende Art und Weise, Dinge gezeigt, an die ich vorher nicht mal ansatzweise gedacht habe. Du kannst Dir sicher denken, dass im Laufe der Jahre noch sehr, sehr viel mehr Musik hinzugekommen ist. Bewusst beeinflussen lasse ich mich aber nicht. Ich wollte schon immer meinen eigenen Weg gehen. Auch musikalisch. Mit MALADIE habe ich mir endlich das Portal geöffnet, zu tun und zu lassen, was ich will. Und das hört man dann halt auch. Ich lasse mich da einfach vollkommen gehen und lasse die Musik einfach geschehen. Was dabei rauskommt, verwundert mich oft selbst am meisten. Aber ich bin keiner, der sich da dann selbst widerspricht. Ich lasse es so, wie es ist, weil es sicher einen guten Grund gab, dass es so ist. Unbewusst lässt man sich aber sicher immer beeinflussen. Und da ich sehr offen bin, was Musik angeht, kommen diese Einflüsse aus sehr vielen verschiedenen Genres. Auch weit jenseits des Metals…

An MALADIE ist eine ganze Menge Leute beteiligt. Wer ist ein festes Mitglied und wen seht ihr eher als Gastmusiker? Und wer ist die treibende Kraft der Band?
Ja, wir sind mal mehr, mal weniger Leute. Das liegt einfach daran, dass es mir ziemlich egal ist, wie viele wir sind. Wenn ich denke, dass jemand etwas Essentielles zu meiner Musik beitragen kann, dann frage ich ihn. Fertig. Die treibende Kraft bin ich. MALADIE habe ich eigentlich als mein Soloprojekt gegründet. Aber ich war mir natürlich bewusst, dass ich an vielen Instrumenten einfach nicht gut genug bin, um diese adäquat einzuspielen, also habe ich mir Leute gesucht, die das können. Feste Bandmitglieder sind sozusagen die Standard-Instrumente, wie Gitarren, Bass, Schlagzeug und Saxophon. Davon spiele ich nur die Gitarre; das meiste Andere an zusätzlichen Instrumenten spiele ich mittlerweile auch selbst, da ein eigenes (wenn auch kleines) Studio da natürlich sehr viele Türen öffnet und ich jetzt eben auch fähig bin, diese vereinzelt auftauchenden Instrumente einzuspielen. Auf „… Of Harm And Salvation…“ gab es aber noch den einen oder anderen Gastbeitrag.
Fest sind auch die drei Sänger Alex, Déhà und Jim. Eigentlich haben wir jetzt erst mal nur noch am Gesang Gäste. Auch für die nächsten Veröffentlichungen bin ich da mit einer Dame im Gespräch, die eine sehr interessante und neue Klangfarbe beisteuern wird. Mehr wird aber noch nicht verraten.

Bei so vielen Mitmusikern ist es vermutlich nicht leicht, beim Songwriting alle gleichermaßen zum Zug kommen zu lassen. Wie kriegt ihr es hin, dass ihr mit den fertigen Songs am Ende alle zufrieden seid?
Nun, das mag jetzt wahrscheinlich etwas abgehoben klingen, aber es ist einfach so, dass am Ende nur einer damit zufrieden sein muss, und das bin ich. Ich lasse jedem seinen Freiraum, seine Parts von MALADIE auszuarbeiten und die Jungs wissen mittlerweile sehr gut, was sie selbst können und haben da auch ihre anfängliche Scheu verloren und tun das immer perfekt. Wenn mir was nicht gefallen sollte, würde es nicht so gemacht werden. Aber das kommt immer seltener bis gar nicht mehr vor. Für das nächste Album haben aber auch Mark (der ja leider auf den letzten beiden Veröffentlichungen nicht vertreten war) und Déhà Riffs beigesteuert, die ich dann mit ihnen zusammen zu einem Song arrangiert habe. Das wird dieses Album wieder etwas abwechslungsreicher gestalten.

Viele von euch haben nebenbei noch andere Projekte, insbesondere Déhà. Wie schafft ihr es, das alles unter einen Hut zu bringen?
Das ist natürlich eine ziemlich schwierige Angelegenheit, die mich oft auch an den Rand des Wahnsinns treibt. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch, musst du wissen. Aber die Ergebnisse stimmen mich dann immer wieder sehr schnell um und alles ist wieder gut (lacht). Aber ich habe auch einen sehr hohen Output, mit dem man auch erst mal klarkommen muss.

Mit „…Of Harm And Salvation…“ habt ihr zuletzt euer mittlerweile drittes Album herausgebracht. War die Entstehung für euch immer noch mit neuen Erfahrungen verbunden oder seid ihr da inzwischen routiniert?
Für mich persönlich gab es mit diesem Album und auch der EP davor sehr viele neue Erfahrungen, da ich da erst mal auch die komplette Produktion, also auch Mix und Master, übernommen habe. Das wäre an sich schon eine ziemliche Herausforderung. Bei MALADIE kommen da aber gerne mal um die 130 Spuren zusammen, die einen erst mal erschlagen. Aber auch bei der Produktion lasse ich mich da, wie schon beim Komponieren, einfach gehen und lasse den Augenblick entscheiden, wie was zu klingen hat. Diese Freiheit hat man bei der eigenen Musik ja mehr oder weniger. Aber ich kann jetzt auch schon sagen, dass die zukünftigen Veröffentlichungen eine ganz andere Produktion haben werden. Das liegt erstens am Songmaterial selbst, aber auch daran, dass man im Studio immer dazulernt und auch die ein oder andere Hardware dazukommt, die den Sound sehr verändern kann und auch soll. Was die Instrumentierung angeht, hat sich auch einiges geändert. Déhà hat auf „…Of Harm And Salvation…“ zum Beispiel „nur“ noch gesungen, während ich zum Beispiel die Streicher und Tasten dieses Mal selbst übernommen habe. Das wird auch in Zukunft erst mal so bleiben. Déhàs Ideen für seine Gesangslinien sind aber immer noch sehr individuell, sodass niemand Angst zu haben braucht, dass sein Input fehlen würde.

Wie geht ihr die Zusammenstellung eines Albums an? Sammelt ihr zuerst viel Material und komprimiert es dann oder komponiert ihr nur so viel, wie ihr letztlich auch veröffentlicht?
Alles, was ich komponiere, kommt auch auf die Veröffentlichungen. Einen Überschuss gibt es für ein Album nicht. Ich merke, wenn ein Album, oder eine EP vollständig ist, und höre dann auf, dafür zu komponieren. Da ich das Komponieren an sich aber nicht lassen kann, gibt es immer auch genug Material für zukünftige Veröffentlichungen. Also, alles was Du auf einem Album hören kannst, ist auch alles, was ich dafür komponiert habe. Natürlich kommt es vor, dass ich Ideen habe, die meiner Meinung nach nicht passen. Diese verwerfe ich dann aber oder nehme sie für zukünftige Sachen auf.

Eure Songs sind meist sehr düster und geradezu wahnwitzig in ihrem Aufbau. Würdest du dennoch sagen, dass es auch positive Seiten in eurer Musik gibt?
Klar, es gibt sehr viele positive Aspekte in unserer Musik. Der Text zu „Desiderium“ zum Beispiel, ist wohl der positivste, den ich je geschrieben habe. Auch wenn sich die Intention dahinter mittlerweile als Illusion entpuppt hat, ist es doch eine Momentaufnahme und mir war damals einfach nach solch einem Text zumute. Aber auch sonst handeln meine Texte ja immer auch vom Aufschwung, vom Wehren, davon, das Negative für sich selbst zu nutzen und somit etwas Positives daraus zu machen. Auch musikalisch gibt es ja durchaus auch Positives – „Duriges“ – das immer auch etwas Licht ins Dunkel bringt. Aber das sind wohl auch sehr subjektive Wahrnehmungen. Mancher Teil, den ich als positiv empfinde, stimmt andere traurig. Und umgekehrt. Es kommt wohl einfach darauf an, in welcher emotionalen Ausgangslage man sich mit unserer Musik beschäftigt.

Worauf liegt bei euch der Fokus: Atmosphäre oder technische Raffinesse?
Ganz klar Ersteres. Technische Raffinesse steht bei uns zu keiner Zeit zur Debatte. Die Emotion ist das Einzige, was zählt. Da meine Mitmusiker aber alles Leute sind, die ihr Instrument beherrschen, werden diese Emotionen eben auch technisch anspruchsvoll umgesetzt. Das ist aber zu keiner Zeit eine Vorgabe.

Gibt es einen Song auf „…Of Harm And Salvation…“, den du als deinen persönlichen Favoriten betrachtest?
Hm, ich denke schon, dass man manche Songs mehr mag, als andere. „Desiderium“ kann ich mir momentan zum Beispiel gar nicht anhören. Aber das hat tiefergehende Gründe und das wird für mich immer ein schmerzhaftes Lied bleiben. Auch „Renuntiatio“ berührt mich emotional etwas mehr, als andere, weil es von meiner verstorbenen Schwester handelt und allem, was damit verbunden ist und was es ausgelöst hat. Ebenfalls schwierig für mich zu hören. Rein musikalisch finde ich „Profunditas“ und „Depugnare“ am besten gelungen, da in diesen beiden Songs sehr viele verschiedene Emotionen aufeinandertreffen und sich vermischen. Als ob man am Kragen genommen und ordentlich durchgeschüttelt wird…

Eure Texte sind wie üblich in mehreren Sprachen verfasst und äußerst kryptisch formuliert. Wollt ihr uns ein wenig Aufschluss darüber geben, worum es inhaltlich geht?
Nun, wie schon mehrfach angedeutet, handeln unsere Texte von allem, was man im entferntesten Sinne als Krankheit bezeichnen kann. Physische, wie psychische. Aber auch das Umkehren dieser, um gestärkt in neue Gefilde aufzubrechen, oder alteingesessene mit anderen Augen zu sehen. Es geht um Erleuchtung, um Wissen und das Denken an sich. Auf unseren Alben geht es um das Ganze, das Leben an sich, während die „Symptoms“-EPs eher von einzelnen Geschehnissen erzählen. Ich benutze beim Schreiben eine sehr abstrakte Sprache, das stimmt. Wieso? Ich weiß es selbst nicht, das ergibt sich einfach während des Schreibprozesses. Ich denke aber, dass jeder, der sich ernsthaft damit befasst, sich darin finden kann. Ich habe allerdings schon ein paar neue Texte verfasst, die eine sehr viel direktere Sprache haben. Man weiß bei MALADIE nie wirklich, was einen erwartet…

Es fällt auf, dass ihr viele Textzeilen in unterschiedlichen Sprachen mehrfach wiederholt. Warum ist das eurer Meinung nach dennoch nicht redundant?
Auch eine Frage, die für mich schwierig zu beantworten ist. Auch das geschieht einfach. Wenn ich finde, dass etwas in einer anderen Sprache besser klingt oder eine Phrase in einer Sprache alleine nicht genug Wirkung hat, dann übersetze ich es eben. Das macht alles etwas unnahbarer, was sicher auch so gewollt ist, wenn auch nicht immer bewusst. Außerdem gab es in meinem Leben schon immer sehr viele Sprachen. Meine Mutter ist Französin, mein Vater Deutscher, wir haben in der Schule Englisch gelernt und ich bin in einer sehr multikulturellen Gegend von Ludwigshafen aufgewachsen. Wenn wir da zum Beispiel Fußball gespielt haben (damals noch im Hinterhof mit zusammengeknüllten Kleidungsstücken oder Rucksäcken als Torpfosten; nicht auf der Playstation), wurde in allen möglichen Sprachen geschimpft und geflucht. Das hinterlässt sicher auch so seine Spuren (lacht).

Das Artwork eurer Platte zeigt abermals eine von Ranken umgebene, gequälte Gestalt, was gewissermaßen eines eurer Markenzeichen ist und zum Konzept passt. Könntest du dir dennoch vorstellen, auch mal ein andersartiges Bild für ein Cover zu verwenden?
Ja, der „Cable Guy“, wie wir ihn manchmal scherzhaft nennen, gehört fest dazu. Die Cover unserer Alben begleiten unsere Progression auch optisch. Das ist mir sehr wichtig. Ich bin mit Schallplatten, also LPs, aufgewachsen. Auch wenn die Welt sich geändert hat, und Downloads etwas Normales geworden sind, gehört ein passendes Cover, das ich anfassen und entdecken kann, für mich untrennbar dazu. Die Cover für die nächsten Veröffentlichungen sind teilweise schon fertig und werden diesen Stil auch weiterführen. Für das fünfte Album habe ich aber tatsächlich eine andere Idee. Das wird schon anders als die bisherigen; auch musikalisch. Lasst euch überraschen…

Was habt ihr als Nächstes für MALADIE geplant?
Wir sind nicht faul. Ich habe die Gitarren für die nächste EP und die nächsten beiden Alben schon im Kasten. Schlagzeug und einige zusätzliche Instrumente ebenfalls. Anfang April geht Hauke ins Studio, um das Saxophon für die nächste EP und das darauffolgende Album aufzunehmen. Du siehst, wir machen keine Pausen. MALADIE ist, zumindest in meinem Leben, allgegenwärtig und daher kommt auch der große Output, den ich habe. Die nächsten Veröffentlichungen werden einige Leute wohl ziemlich verwundern, aber sind wir mal ehrlich: Bei einem neuen Release von MALADIE weiß man ja nie wirklich, was einen erwartet…

Nun kommen wir langsam zum Ende. Sofern du nichts dagegen hast, möchte ich mit dir noch kurz unser traditionelles Metal1.info-Brainstorming durchgehen:
Crematory-Kontroverse: Hat funktioniert. Die (Metal-)Welt spricht über sie. Der Großteil zwar eher negativ, aber sie sind im Gespräch.
Google-Übersetzer: (Lacht) Der ist um WELTEN besser geworden in den letzten Jahren. Zumindest, was Englisch angeht. Aber oft ist es doch ziemlich amüsant, was er ausspuckt.
Low-Fi-Produktion: Definitionssache. Es gibt Leute, die sagen, dass „A Blaze In The Northern Sky“ und „Under A Funeral Moon“ Low-Fi-Produktionen hätten. Das stimmt aber nicht wirklich. Diese Produktionen sind perfekt und auch ganz sicher bewusst so gewollt. Andere nennen aber billigsten Soundbrei „Low-Fi“, und verstecken dabei eher ihr spielerisches Unkönnen hinter einem Sound, der klingt, wie mit einem alten Kassettenrecorder aufgenommen.
Soloprojekt – Band: Tja, nun. Manchmal muss man eben ein „Solo“-Projekt starten, um frei von Kompromissen das tun zu können, was man schon immer tun wollte.
Politik in der Musik: Alles ist politisch. Wenn eine Band aber nur zu extremistischen Propagandazwecken existiert, passt das nicht in meine Welt, die ich gerne so unbegrenzt halte, wie es mir möglich ist.
Latein-Unterricht: Latein ist eine wundervolle Sprache, die alt und unnahbar klingt. Ich liebe Latein. Und Unterricht an sich ist etwas sehr Wertvolles. Auch wenn man das meistens erst im Erwachsenenalter erkennt (lacht). Ok, sehr viele Menschen offensichtlich nicht mal dann…

Danke nochmal für deine Antworten. Die letzten Worte sollen die deinen sein:
Ich habe zu danken. Meine letzten Worte? An die Leser? Hm… Macht was draus! Aus was auch immer…