Interview mit Marcel von Nocte Obducta

Wie schon zum ersten Teil haben wir auch zum langerwarteten „Nektar – Teil 2“ ein Interview mit Nochte Obducta-Frontmann Marcel geführt.

Nach einigen Verschiebungen und langem Warten wird nun endlich „Nektar: Teil 2“ veröffentlicht. Wie sind die ersten Reaktionen darauf und was ist seit „Nektar 1“ außer den Line-Up-Wechseln wichtiges passiert?
Nun, da Nektar 2 zur Stunde noch nicht veröffentlicht ist (ich habe vor einer Stunde erst die CDs erhalten), sind die Reaktionen vergleichsweise dünn. Diejenigen, die sich geäußert haben, waren aber durch die Bank weg hocherfreut bis begeistert.
Was wichtige Ereignisse zwischen den beiden Alben angeht, wenn man die drei Line-Up Wechsel nicht mitnimmt… schwierig. Der Sound mag sich verändert haben. Ich gehe gerade mehr zurück zu den Ursprüngen sozusagen. Weniger starke Verzerrung, Tonabnehmer, die klangtechnisch näher an Single-Coils rangehen und sowas…
Und mehr abgedrehte Sounds gibt’s wohl auch…

Hat sich in der Zwischenzeit – einige Songs auf „Nektar 2“ sind ja schon vor 10 Jahren geschrieben worden – viel an den Stücken geändert?
Hm, da liegt wohl eine Verwechslung vor, die 10 Jahre, von denen Du sprichst, treffen in erster Linie auf die Basis von Nektar 1 zu. Bei Nektar 2 verhält es sich anders, denn auch wenn hier bei den ersten beiden Stücken die ein oder andere Stelle verwendet wurde, die zwischen sechs und vier Jahre alt ist, so sind doch die einzig wirklich zehn Jahre alten Passagen in „Und Pan spielt die Flöte“ zu finden, und zwar das Hauptthema und ein Teil des schwarzmetallischen Blocks gegen Ende.

War es eine eher spontane Idee, das kurze und heftige „Es fließe Blut“ mit reinzunehmen? Oder stellt das auf dem Album einen kleinen Wendepunkt zwischen ältestem Nocte-Material (Deshiras Tagebuch) und den beiden letzten, eher ruhigeren und progressiveren Stücken dar?
Also, wie gesagt, Desîhras Tagebuch bezieht sich zwar inhaltlich auf die alten Nocte Stücke, also auf Nektar 1, bzw. auf die Zeit, in der der Grundstein für sie gelegt wurde, aber das Tagebuch selbst ist jünger. Tatsächlich ist es aber älter als der zweite Block des Albums, da hast Du vollkommen Recht. Die Entscheidung, „Es fließe Blut“ auf’s Album zu nehmen, ist zwar jünger als bei den meisten übrigen Stücken, aber „Nektar“ wurde noch ein paar Monate später gemacht, jedenfalls sind diese beiden sehr gegensätzlichen Stücke die beiden jüngsten veröffentlichten Stückte, man wird also keine Prognose für die Zukunft stellen können.

Mit „Nektar 2“ willst du eine Phase abschließen und nach vorne blicken. Wie geht es weiter? Wie man deine Produktivität kennt, dürftest du ja schon wieder einiges geschrieben haben.
Der Blick nach vorne ist da eher inhaltlicher Natur, wir wollen mit dem zweiten Block keinen Nocte-Stil der Zukunft definieren, deshalb sind diese drei nach vorne blickenden Stücke ja auch musikalisch sehr unterschiedlicher Natur. „Es fließe Blut“ ist roh, brutal und kurz, „Nektar“ ist schwerer, melancholisch und trotz seiner Länge leicht nachzuvollziehen, „Atme“ ist dynamisch, sphärisch und wie Du es nennen würdest progressiv.
Wie es exakt weiter geht, ist schwer zu sagen, gerade im Moment sind wir dabei, unsere Planungen über den Haufen zu werfen, wie wir es ja gerne und häufig tun. Es stand ein Jahr lang fest, dass wir dieses Konzeptalbum machen würden, an dem ich immer noch schreibe, musikalisch wird das ganze weitaus facettenreicher, vielleicht so, als würde man die drei aktuellsten Nocte-Scheiben mischen und eine weitere Komponente sowie ein wenig Desîhra.-Material hinzufügen. Aus Gründen, die hier nicht weiter erläutert werden sollen, sind wir aber derzeit eher dafür, ein anderes Album zu machen. Stilistisch ebenso abwechslungsreich, vielleicht ein wenig experimenteller, aber eben ohne dieses Konzept, das ja eine recht akribische, funktionierende Umsetzung von Anfang (also Songwriting und Arrangement) bis Ende (also Vertrieb und Bemusterung) braucht, die aufgrund des Konzept-Charakters sehr unflexibel ist, so abwechslungsreich die Musik auch sein mag. Es ist also alles noch unklar, aber sei unbesorgt, Material und vage Ideen haben wir noch für mehrere Jahre, und es kommt genug dazu…

Wie wichtig sind die „Nektar“-Alben für dich in der Gesamtheit aller Nocte-Alben?
„Wichtig“ ist kein gutes Wort… „Nektar 1“ ist natürlich in sofern etwas, das eine enge Verbindung mit „Lethe“ in seiner Rolle als Debüt (also nicht in musikalischer Hinsicht) hat, da es in großen Teilen das früher geträumte Debüt war, und die erste Veröffentlichung ist ja bekanntlich bandhistorisch und psychologisch immer wichtig. „Nektar 2“ nimmt teilweise darauf Bezug und ist auch ein Blick nach vorne, der nicht zu unterschätzen ist.
Lassen wir’s also mal so sehen: Mit der Fülle der vertretenen Ausprägungen des düsteren Metals und der Spannbreite, die die beiden Nektar-Alben inhaltlich, stilistisch und auch zeitlich (was den Entstehungsprozess von 10 gestückelten Jahren angeht) abdecken, wäre es wichtig, genau diese Alben zu kaufen, wenn man nur zwei besitzen darf und in erster Linie den Stil der Band bis dato erfassen will. Wobei „bis dato“ natürlich auch schon wieder veraltet ist…

Warum sind Martin und Thomas nicht mehr in der Band? Scheint das Line-Up mit den beiden Neuen nun etwas gefestigter?
Sie konnten die Energie, die Nocte Obducta braucht, nicht aufbringen und sind deshalb im Spätherbst letzten Jahres ausgestiegen, leider war das Abschiedskonzert absolut beschissen, da ich am übernächsten Tag eine Abschlussprüfung hatte, mein Kopf war also woanders, außerdem ging’s mir gesundheitlich nicht allzu blendend .Torsten war krank, der Sound war unter aller Sau, meine Gitarre hat sich in ihre Bestandteile aufgelöst, die Betreiber des Ladens hatten beschissene Ideen (die sie auch umgesetzt haben), und Martin hatten wir die zweieinhalb vorangegangenen Monate fast nie zu Gesicht bekommen… da wir zusammen vor allem im Sommer 2003 eine sehr gute Zeit hatten, war das ein sehr dummer Abschluss, aber nach dem Ausstieg haben auch die Spannungen wieder nachgelassen, von daher kann man mit dem Feiern jetzt auch ohne Bühne und Proberaum weitermachen…
Die beiden neuen erscheinen mir auf jeden Fall solider, und mal wieder bin ich versucht, vom besten Line-Up seit langem zu sprechen, aber das habe ich schon mehr als einmal getan, und langsam wird’s mir peinlich.

Wie schauts momentan aus mit den Planungen zu euerer möglichen Tour mit Aeba und Sanguis?
Ha, Scheißthema. Die Sache ist schon seit Dezember gegessen (zumindest haben wir’s Dezember erfahren). Die Verantwortlichen hatten eine sehr undurchsichtige Informationspolitik, und wir haben sogar lediglich über diverse Ecken und vor allem als letzte erfahren, dass die Tour nicht stattfindet, ganz großes Kino!

Spielst du allgemein lieber auf Festival oder in lauschigen Clubs? Dieses Jahr kann man euch unter anderem ja auch auf dem Summer Breeze sehen, das wird ja so langsam auch immer größer und rutscht in eine Wacken-ähnliche Kategorie.
Ob ein Gig gut ist oder nicht, muss nicht von der Größe der Lokalität abhängen. Mittlere Clubs sind mir da wohl am liebsten, wenn’s zu groß wird, geht das Feeling verloren, denke ich. Ich denke, da hat alles seine Vor- und Nachteile. Ein kleiner Laden kann eine sehr angenehme Atmosphäre entwickeln, aber ich kann es nicht ausstehen, wenn ich durch zugepisste Klos waten muss, die das Publikum zugrunde gerichtet hat, weil Scheiß-Metaller sich ja leider nicht benehmen können, wenn man sie in größerer Zahl zusammenbringt, und es ist immer wieder Klasse, wenn in winzigen Backstageräumen jeder Arsch seine Freundin, seinen Nachbarn und seine Oma mitbringt, damit diese Leute einem das Bier wegsaufen und den Platz wegnehmen, aber ich glaube, das ist womöglich Underground oder so. Sehr beliebt in kleinen Läden ist auch das Fahlen von Steckdosen und einer zumindest ansatzweise als solche zu bezeichnenden Anlage. Mit wirklich großen Dingern habe ich ja kaum Erfahrung, ich habe zwar vor acht Jahren mal mit Agathodaimon in Wacken auf der Bühne gestanden, aber mit Nocte ist diese Größenordnung bislang noch nicht bespielt worden. Ich habe auch keine Ahnung, wie es auf dem Summerbreeze aussieht, ich gehe nicht auf Metal-Festivals, aber es wäre schon mal reizvoll, eine große Bühne auszuprobieren. Das allerdings nur zu entsprechender Uhrzeit und gerne auch mit Sound und Licht, und da wären wir schon wieder im Bereich der Fantasy, zumindest für diese Band. Schade eigentlich.
Ideal waren wirklich solche Dinger wie das I-Wood Juni 2003. Da waren wir live-technisch zwar noch eher unerfahren, weil die lange Live-Pause ja gerade erst kurz vorher beendet worden war, aber das ist so die Größenordnung, die mir derzeit am ehesten zusagt.

Habt ihr noch immer Probleme mit dem Kerl, der euch Ende letzten Jahres eine rechte Gesinnung andichten wollte?
Nein, ich denke, das war ein von Aktionismus getriebener Irrer.

Wie hast du vor einigen Wochen den Bush-Auftritt in Mainz miterlebt?
Ich wurde von der Polizei belästigt natürlich, das passiert mir zwar nicht oft aber regelmäßig. Das kommt davon, wenn man rumläuft wie ein Punk, denn das sind ja bekanntlich alles zersetzende Elemente. Ich wurde zwei Nächte vorher (!) lecker kontrolliert mit Taschenlampe im Anschlag, Hand an der Waffe und blödsinnigem Geschwafel. Als ich die Jungs darauf hingewiesen habe, dass sie ein bissl früh dran sind, haben sie irgendwelche blödsinnigen Erklärungen gemurmelt und versucht, superlustige, freundschaftliche Gespräche anzufangen, und mich zu „beruhigen“. Ich habe ihnen zu verstehen gegeben, dass ich es gewöhnt bin, einfach mal so kontrolliert zu werden.
Ansonsten war halt die Stadt tot und zu einem guten Teil abgeriegelt… und das beste ist, dass die Kosten auf der Stadt hängen bleiben. Naja, ist doch super, ich finde, Steuergelder sollten ausschließlich dafür ausgegeben werden, dass dumme Arschlöcher durch die Welt reisen und andere Menschen belästigen. Ich würde mich zum Beispiel dazu bereit erklären, als dummes Arschloch mit meiner Freundin eine kleine, vom Steuerzahler finanzierte Weltreise zu unternehmen. Und wenn jemand in sein Fenster ein Anti-Marcel-Plakat hängt, dann wird der ganze Block sofort unterminiert und vom Erdboden verschluckt.

Ihr setzt auch weiterhin nicht auf ein Image oder malt euch die Gesichter an. Was ist deine Meinung über Bands, die sich mit Corpsepaint „schmücken“?
Soll jeder machen, was er will.

Wie findest du es, dass ein weltbekannter Schauspieler wie Christopher Lee mit seinen über 80 Jahren noch mit einer Band wie Rhapsody ins Studio und auf die Bühne? Hast du vielleicht schon mal reingehört? Der Mann hat vor allem für sein Alter ne Wahnsinnsstimme.
Kenne Rhapsody nicht, aber wenn er eine Wahnsinnsstimme hat… Orson Welles war bei Manowar und vor allem The Alan Parsons Project auch der absolute Hammer…

Musst du momentan viele Interviews geben? Nerven dich die immer gleichen Fragen?
Ja muss ich, und manchmal nerven sie. Diese hier ist angenehm leicht zu beantworten, und angenehm ist auch, dass ich mich nicht über das lyrische Konzept der Nektar-Scheiben auslassen musste, das darf ich zu oft tun…

Das wusste ich, und wir hattens ja auch schon in unserem Interview zu Nektar 1… Zum Schluss quäl ich dich nochmal durch unser Wortspiel. Was fällt dir ein zu…

Manowar
: Luschdig. Macht auf jeden Fall Spaß, wenn man es nicht zu oft hört. Kenne aber die Scheiben nach der „Triumph of Steel“ nicht.

Metal mit Frauengesang: Kommt auf die Musik und den Gesang an.

Metalcore-Trend: Solche Fragen kann ich nicht ausstehen. Ist mir Scheißegal, ist ein Trend wie jeder andere, und er wird gehen und irgendwann wiederkommen. Und dann wieder gehen.

Folk Metal-Boom: Siehe oben. Ist aber lustiger, weil diese ganzen Mittelalter-Figuren auf Veranstaltungen immer so ulkig gewandet herumrennen und absichtlich unsinniges Deutsch sprechen, während sie ihre Getränke aus Gefäßen trinken, die man nicht hinstellen kann, solange man keine entsprechende Vorrichtung kauft… oder bastelt. Ja, ich weiß, Folk und Mittelalter sind zwei Paar Schuhe, aber das kümmert die meisten ja nicht. Warum auch.

South Park: Fick dich und halt’s Maul, Onkelficker!

Metal1.info: Hat man mich das nicht schon mal gefragt? Ja, also ich denke, da habe ich mal ein Interview gegeben.

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