Interview mit Marcel Breuer von Nocte Obducta

Teil 1 dieses ausführlichen – ausufernden? – Jubiläumsinterviews drehte sich um das aktuelle Album „Irrlicht“. Aber was wäre ein Jubiläum ohne Rückblick? Also ran an die Ananas: Die gesamte Historie von NOCTE OBDUCTA steht auf dem Programm, vom Debüt  bis „Totholz“, von 1995 bis 2020. Warnung: Es folgt viel Text. Nehmt euch ein Bier, (Ananas-)Chips und Zeit – es lohnt sich!

Um das Ganze stimmig zu illustrieren, hat Marcel weder Kosten noch Mühen gescheut, die Privatarchive durchwühlt, einen fast antiken Scanner aufgetrieben und uns eine illustre Rückschau auf 25 Jahre NOCTE OBDUCTA zur Verfügung gestellt. Neben den Bildern im Text findet ihr weitere exklusive Highlights in unserer Jubiläums-Galerie!

NOCTE OBDUCTA feiern in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag – ganz ohne Jubiläumsshows, aus offensichtlichem Grund. Hättet ihr ansonsten etwas geplant gehabt (und wird das nachgeholt)?
Nein, wir hätten das 2023 geplant, denn da wir intern ab der Gründung unter altem Namen zählen, machen wir dann die 30 voll. Klar kam die Umbenennung erst 1995, da hätte dieses Jahr durchaus Sinn ergeben, aber sowohl Besetzung als auch Songmaterial gehen ja auf die Jahre unter dem Namen DESÎHRA zurück.
Wie dem auch sei, wir sind wohl ohnehin keine Band für große Jubiläums-Feierlichkeiten auf der Bühne. Wir würden vermutlich irgendeinen gemütlichen Club-Gig spielen und zusehen, dass wir möglichst viele Freunde einladen, die es uns verzeihen, wenn dem Thema in der dargebotenen Musik kein übertriebenes Gewicht zukommt.


1995-2002

1995 habt ihr aus DESÎHRA – gemäß Metal-Archives einem Hardcore/Punk-Projekt? – NOCTE OBDUCTA gemacht. Wie kam es zu diesem Schritt und war es eher eine Zäsur oder eine Entwicklung?
Ich habe gerade mal nachgeschaut, das steht da ja wirklich. Und da liegen die Metal-Archives mächtig daneben. Als DESÎHRA waren wir – wie auch als NOCTE OBDUCTAmusikalisch recht unberechenbar. Der große Unterschied bestand darin, dass wir hinsichtlich der Umsetzung echt beschissen waren. Gut, das finden Leute heute auch noch, aber damals ging es nicht um Geschmack, wir haben die Ideen wirklich sehr lausig umgesetzt. Dazu waren wir auch in unserer Arbeitsweise noch inkonsequenter als heute. Sobald wir zwei Lieder spielen konnten, haben wir sie zu den Akten gelegt und etwas Neues angefangen.

Marcel 1996; © Privat

Im Kern war es aber bei allen Ausflügen in die diversen Ecken eine Metal-Band mit in erster Linie Metal-Songs. Handelte es sich zu Beginn bei Punk und Psychedelic Rock noch um tatsächlich isolierte und eigenständige Songs innerhalb des Repertoires, waren diese Elemente bis auf Ausnahmen spätestens ab dem Sommer 1994 auf den Stellenwert von Einflüssen und Ausflügen geschrumpft – ganz wie es dann unter dem Namen NOCTE OBDUCTA auch lange der Fall sein sollte. Titel wie „Der Regen“ oder „Im Dunst am ewigen Grab der Sonne“ sind beispielsweise alte DESÎHRA-Lieder. Auch Teile von „November“ oder das wirre Vorgängergebilde von „Des schwarzen Flieders Wiegenlied“ und „In einem Mittsommernachtsschatten“ stammen aus der DESÎHRA-Spätphase. Selbst das bei den Fans so beliebte (und bei uns überhaupt gar nicht so beliebte) „Und Pan spielt die Flöte“ baut auf einem Lied von damals auf.

Marcel 1996; © Privat

Daher ist das Gründungsjahr für mich trotz des abweichenden Namens auch 1993, da es eine Kontinuität gab. Wir reden hier also musikalisch eigentlich von einer Entwicklung, die de facto zu einer Zäsur wurde, weil natürlich alles anders kam, und so ist die Lesart mit der 1995er-Gründug durchaus auch eine plausible. Im Juni 1995 beschlossen wir, den alten Proberaum zu kündigen, nachdem wir bereits im März den Sänger rausgeworfen hatten. Da unsere bisherige Arbeitsweise zu nichts führte und wir das durchaus wussten, wollte ich mich mit unserem zweiten Gitarristen und dem frisch eingestiegenen Sänger/Keyboarder an ein stringenteres Arrangement meiner Ideen setzen, um im Herbst wieder komplett loszulegen, diesmal mit Plan und Disziplin.

Marcel 1996; © Privat

Der Gitarrist stieg dann allerdings sehr schnell aus und zu Basser und Drummer brach zwischenzeitlich der Kontakt ab. So stand ich also mit komplett auf Gitarren ausgerichteter Musik da und hatte als Kollegen nur noch einen Keyboarder, der auch einen Teil der Vocals übernehmen sollte, ohne ein Mikro oder einen eigenen Synthie zu besitzen. Irgendwann im Herbst kam dann die Umbenennung und ein Jahr später schmiss auch besagter Kollege desillusioniert das Handtuch. Nach diesem oder durch diesen finalen Tiefschlag schaffte ich es dann aber sehr schnell, die Band aus alten und neuen Leuten wieder zusammenzutrommeln, und wir machten sogar einige wirklich brauchbare Aufnahmen (unter anderem „Eine Teichoskopie“, „Begräbnisvermählung“ und „Solange euer Fleisch noch warm ist“), verloren dann aber im Frühling 1997 wieder den Proberaum. Erst im Herbst 1997, nachdem wir einen eigenen Raum renoviert und umgebaut hatten, ging es dann befriedigend weiter.

Was würdest du aus heutiger Sicht deinem damaligen Ich bezüglich NOCTE OBDUCTA gerne mit auf den Weg geben?
Besser gar nichts. Durchgehalten habe ich ja auch so, da ist also kein Ratschlag nötig gewesen. Und der Rest war und ist doch ohnehin Entzauberung. Da will ich meinem jüngeren Ich wirklich lieber den Glauben lassen, der früher so vieles so intensiv gemacht hat.

NOCTE OBDUCTA im Dezember 1998: Alex, S. Magic M., Matze, Marcel, Sathonys, Torsten; © Privat

Bis zum ersten Tape hat es dann drei Jahre gedauert – welche Erinnerungen hast du an diese Zeit und die Aufnahmen?
Nun, nach deiner Rechnung sind es zweieinhalb Jahre, nach unserer sogar grauenhafte viereinhalb. Die Erinnerungen an die von dir veranschlagte Zeitspanne ab der Umbenennung würde ich als größtenteils nicht besonders erfreulich bezeichnen, auch wenn es insbesondere ab dem Frühsommer 1997 Abschnitte oder Tage gab, die rückblickend durchaus wertvoll waren. Ob sie das auch dann geweseb wären, wenn wir es weiterhin zu nichts gebracht hätten, weiß ich nicht.

Wirklich interessant wurde es für die Band erst wieder, als wir uns im Herbst 1997 endlich an die Vorbereitungen für das Demo machten. Den Sommer über hatte ich insbesondere mit Alex und Matze, der damals noch gar nicht Teil der Band war und erst im Oktober 1997 unseren alten Drummer Limbach ersetzte, den neuen Raum umgebaut und irgendwie „urbar gemacht“, um mal diesen Vergleich zu bemühen. Die Proben bei Kerzenlicht in einem in ein altes Kellergewölbe gezogenen Luftschutzbunker mit Stampflehmboden hatten eine unvergleichliche Atmosphäre, das gab es vorher und auch nachher nicht mehr in dieser Intensität.

Marcel im Dezember 1998; © Privat

Auch die Aufnahmen waren von großer Zuversicht und sicher auch so etwas wie Erleichterung geprägt. Nach dem ersten Tag Recording ging es beseelt und unvernünftig recht heftig hinaus ins alkoholschwangere Nachtleben und an Tag zwei stellte Theisen dann fest, dass die Drumspuren für eines der vier Lieder im Arsch waren. Das war damals wie auch bei den ersten beiden (oder drei?) Alben alles komplett analog mit Bandmaschinen, und irgendein Band war anscheinend Salat. Wir mussten also unter Zeitdruck improvisieren, und so spielte ich das eigentlich für Gitarren arrangierte Intro des bis heute nie umgesetzten Liedes „Traumschänder“ auf Theisens Synthie und sprach danach mit S. Magic M. den Text von „Totgeburt“ darauf, der lag nämlich mit ein paar anderen Texten auf irgendeinem Tisch rum. Was wir ohne diesen Text gemacht hätten, weiß ich nicht. Vermutlich abartig verhallte Schreie und dazu den Klang von Bierflaschen und -dosen.

1999 dann „Lethe – Gottverreckte Finsternis“; die Geburtsstunde des NOCTE-typischen Doppeltitels. Wie kam es dazu?
Das weiß ich gar nicht mehr. Ich hatte unendlich viele Ideen, vermutlich wollte ich einfach zwei davon unterbringen.

Das Cover passt mehr schlecht als recht zum Titel – was war hier die Idee?
Ich fand das Bild einfach gut. Es hatte Atmosphäre und gleichzeitig eine Eigenschaft, die ich viele Jahre von NOCTE-Covern erwartete: Es sagte irgendwie rein gar nichts aus. Frag mich bitte nicht, wieso ich diese Haltung so unglaublich lange nicht beziehungsweise so gut wie nie abgelegt habe, ich wollte ein wenig Atmosphäre und ansonsten keinerlei visuelle Ablenkung von der oder Projektionsfläche für die Musik. Ich sehe das übrigens mittlerweile anders. Ja, und dann hat das Cover natürlich einen entscheidenden Haken – der titelgebende Fluss fehlt. Ich sage es mal so: Der fließt vermutlich zwischen oder unter diesen abgebildeten Bergen. Der Schwarzwald übrigens.

Wie stehst du heute zu diesem Album, was verbindest du damit?
Es ist unser erstes Album gewesen, also mag ich es natürlich, auch wenn es zu verwaschen ist, die Keyboards viel zu laut sind und nicht nur ich, sondern insbesondere Torsten an dem Tag, an dem wir die Vox gemacht haben, wirklich Halsprobleme hatte. So etwas kann im Herbst halt passieren, und wir waren zeitlich und finanziell nicht flexibel. Möglicherweise klingen wir auch deswegen auf dem Album stellenweise beinahe identisch. Das ist in dieser Ausprägung erst auf „Irrlicht“ wieder eingetreten, auf dem man uns kaum auseinanderhalten kann. Allerdings sind wir diesmal mit den Vox beide sehr zufrieden.

Das ursprünglich für „Lethe“ ebenfalls aufgenommene „In Erinnerung an Herbststürme“ hätte vielleicht trotz des Thrash-Parts in diesem verwaschenen Sound besser funktioniert als auf der im Grundsound trockeneren „Taverne“ und fehlt mir auf dem Album wirklich. Trotzdem höre ich mir das Album alle zwei bis drei Jahre an und genieße es dann auch. Ich frage mich nur jedes Mal ein wenig mehr, warum wir die Keys an manchen Stellen so derart laut drehen mussten.

Für mich war das damals eine sehr gute Zeit, und diese Zeit rund um die Aufnahmen und Veröffentlichung verbinde ich mit der Platte. Dazu kam die Befriedigung, Lieder, die teilweise schon so lange darauf gewartet hatten, festgehalten zu werden, auf einmal auf einem eigenen Album verewigt zu haben, auch wenn wir zunächst enttäuscht von dem Resultat waren. Wie auch bei „Taverne“ war es außerdem eine sehr interessante Erfahrung, mit einer sehr begrenzten Anzahl von Spuren, Bandmaschinen und einem RealTime-Mix mit „all Hands on Deck“ zu mischen.

S. Magic. M, Marcel und Alex von NOCTE OBDUCTA im Dezember 1998; © Privat

Jetzt wäre die Gelegenheit für eine nie erzählte Anekdote …
Nie erzählte Anekdoten gibt es bei NOCTE wirklich viele, auch wenn ich manchmal wirklich nicht weiß, ob es den Beteiligten so recht wäre, dass ich sie erzähle. Als ich nach dem Lesen deiner Frage über dies und das nachgedacht habe, fiel mir auch eine Geschichte im Zusammenhang mit „Lethe“ ein … aber sie ist mir aktuell entfallen. Das Recording von „Lethe“ war aber auch vergleichsweise brav und unaufgeregt.

Nur ein Jahr später dann Taverne – In Schatten schäbiger Spelunken“. Gerade am Anfang einer Karriere brauchen viele andere Bands eher länger – wie ging das, nur ein Jahr für das Album?
Eigentlich ist das keine große Sache, wenn man einigermaßen regelmäßig probt. In der ursprünglich angedachten Ausführung hätte die Platte sogar länger und komplizierter werden sollen, aber wir haben dann einige der vertrackten Elemente wieder über Bord geworfen, weil sie uns zu sperrig erschienen.

Das Cover überrascht erneut durch wenig offensichtlichen Kontext zum Albumtitel. Wie kam es zu diesem Bild, und was war der Gedanke dahinter?
Es gab keinen Gedanken, das war einfach ein von Alben unabhängiger Entwurf, der in der Zeit kurz nach dem Recording von „Lethe“ entstand. Da hingen intensive Erinnerungen dran.

In einem Interview mit Metal1.info aus dem Jahr 2009 sagtest du: „Mit „Taverne“ hätten wir vielleicht unter anderen Umständen wirklich etwas bewegen können.“ Da schwingt schon viel Wehmut mit – bedauerst du, dass es am Ende doch nie zum wirklich großen Durchbruch gereicht hat – und woran lag es damals?
Nein, das war ja eine bewusste Entscheidung, außerdem kam zu dieser recht sperrigen Musik ein nicht gerade verkaufsförderndes Verhalten. Bis auf die üblichen Interviews haben wir uns gegen jegliche Art der Vermarktung gesperrt, und als zum Beispiel unser erster T-Shirt-Entwurf mit „Marcel, geht’s euch irgendwie zu gut?“ abgelehnt wurde, haben wir uns nicht weiter drum gekümmert. Das hatte schon bei der Promo zu „Lethe“ angefangen, als wir im Rahmen eines Interviews ein Magazin veralbert haben, nur weil wir den Rahmen und die Fragen nicht so toll fanden. Es war auch immer klar, dass wir keinerlei Merch außer einem einzigen Shirt pro Album wollten. Wir waren damals für Label und Presse vielleicht nicht gerade die angenehmste Band. Ein bisschen mehr hätten wir wohl schon tun oder doch zumindest anregen oder unterstützen sollen, aber auf eine Art Durchbruch hinzuarbeiten, das wäre einfach nicht unser Ding gewesen. Letztlich wäre ein wenig mehr drin gewesen, und hier und da zwackt einen das mal, aber im Großen und Ganzen ist das schon okay, denn für viel mehr hätten wir uns abhängig vom Musikgeschäft und der öffentlichen Meinung machen müssen, und das wäre nicht lange gut gegangen, dafür sind wir nicht gemacht.

NOCTE OBDUCTA im Januar 2000; © Privat

Wieder nur ein Jahr später – 2001 – habt ihr das „primitive Zwischenspiel“ zwischengeschoben. Irgendwie verdammt mutig, als Band, die sich gerade einen Namen gemacht hat, so ein Black-Metal-Album in Mono rauszuhauen?
Diese Mono-Geschichte ist eine recht spontane Angelegenheit gewesen und fügt sich damit in den gesamten Entstehungsprozess des Albums. Das präsentiere ich dir gerne als umfassende Erinnerung: Alles fing damit an, dass wir im Frühling nach der Veröffentlichung von „Taverne“ das – möglicherweise auch unberechtigte – Gefühl hatten, dass man uns in eine bestimmte Ecke drängen will. Wir waren im Legacy auf dem ersten Platz gelandet und es schien uns, als ging es in der allgemeinen Wahrnehmung auf einmal allzu sehr um Prog und Kunst und dergleichen mehr. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt für die „Galgendämmerung“ geprobt, die zwar deutlich härter werden sollte als „Taverne“, aber irgendwie fühlte es sich richtiger an, etwas wirklich Rohes und Hässliches zu machen.

So verschoben wir die „Galgendämmerung“ also um eineinhalb Monate und nahmen stattdessen im Juli „Schwarzmetall“ an nur einem Wochenende auf. Um Zeit zu sparen und außerdem die rohe und direkte Atmosphäre besser einfangen zu können, nahmen wir die Platte dann zumindest teilweise live auf, also immer mindestens drei Leute gleichzeitig. Nachdem S. Magic M. und ich unseren jeweiligen Soundcheck beendet hatten, tauschten wir außerdem noch schnell die Gitarrenkabel, um die Platte dann jeweils mit dem Sound des anderen einzuspielen. Dazu kam, dass die komplette Mannschaft im Studio ständig total besoffen und die Hälfte auch noch auf Speed war. Nun, und als dann alles im Kasten und auch der Mix schon fast fertig war, meinte Theisen: „Ich weiß, wie es noch schlimmer wird: Wenn ich diesen Knopf drücke.“ Tja … und dann war es Mono.

Immerhin hat das Album einen (!) Stereoeffekt. Humor hattet ihr, hm? Eine Erinnerung an diese Zeit?
(lacht) Hier galt wirklich: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Beim letzten Lied hat Shin mit dem Bass beherzt einen sagenhaften Halbton daneben gelangt, und zwar ganze zwei Takte lang, was uns leider erst im Mix aufgefallen ist. Wir haben also an dieser Stelle kurzentschlossen den Bass gelöscht und stattdessen ein Gewitter eingefügt. Und dieses Gewitter haben wir auch Stereo gelassen.

Wieder ein Jahr später kam dann das als drittes Album geplante „Galgendämmerung“
Wir hätten das Album eigentlich ganz gerne viel früher veröffentlicht, denn es wurde nur ein paar Wochen nach „Schwarzmetall“ aufgenommen. Die Bedenken des Labels, dass das hinsichtlich der Verkäufe Selbstmord sei, sind natürlich verständlich gewesen, aber ein Jahr später (und damit eineinhalb Jahre nach den Aufnahmen) war der Abstand schon wieder so groß, dass wir sehr vieles gerne anders gemacht hätten, aber noch viel zu kurz, um es als Kind seiner Entstehungstage zu akzeptieren. Aber immerhin erschien es im Frühling 2002 zu einer der absoluten Tiefphasen der Band und so sah es nach außen beinahe so aus, als sei alles in Ordnung.

Mit „Totgeburt“ greift ihr hier einen eurer ersten Songs auf – wie kam’s?
Wie weiter oben erwähnt ist die „Totgeburt“-Version des Demos nur ein improvisiertes Stück gewesen, das mit dem tatsächlichen Lied musikalisch nichts gemein hat.


2003-2008

Die „Stille“-EP markiert einen Wendepunkt in eurer Karriere: stilistisch, aber auch durch den Wechsel zu Supreme Chaos Records (SCR). Wie kam es zum Labelwechsel?
Der alte Vertrag war ausgelaufen und beide Seiten waren an einer Verlängerung nicht interessiert. Der stilistische Wechsel fühlte sich intern gar nicht so an, da wir ursprünglich für etwas anderes geprobt hatten und die EP eigentlich nur einschoben.

Was sehen wir auf dem Cover?
Auf dem Cover sieht man Stille, das nagende Schweigen und Verletzungen, würde ich mal behaupten wollen. Ich finde aber auch, dass nicht nur der negative Aspekt der Stille dargestellt ist, sondern auch eine gewisse Ruhe in dem Bild liegt. Das war zwar nicht beabsichtigt, passt aber rückblickend in eine Zeit, in der für eine Weile sehr vieles sehr gut wurde.

Musikalisch ist die EP extrem vielseitig, die Songs aber auch vom Sound her sehr unterschiedlich. Erzähl doch ein bisschen über die Entstehung der EP!
Nachdem wir „Galgendämmerung“ im Spätsommer 2000 aufgenommen hatten und S. Magic M. nach Berlin gezogen war, fielen wir als Band irgendwie in ein Loch. Im Frühling 2001 stieg dann auch noch Shin aus. In der Folge probierten wir es eher halbherzig mit verschiedenen Musikern und Konzepten und probten extrem fragmentarisch für das, was dann teilweise „Nektar“ und „Mogontiacum“ wurde. Zwischenzeitlich lief auch der Vertrag mit Grind Syndictae Media aus und irgendwie eierten wir völlig ziellos durch die Gegend.

Torsten, Marcel und Matze von NOCTE OBDUCTA im August 2003; © Privat

Ende 2002 kam dann wieder Schwung in die Sache, was wohl auch auf meine private Situation zurückzuführen war, da ich mir endlich mal wieder in den Arsch trat, und über Matze lernten wir Robby von SCR kennen. Mit ihm beschlossen wir, dass eine EP als gefühlte Rückkehr schneller und einfacher zu realisieren sei und zudem Material, das ich für die „Nektar“-Idee gänzlich unpassend hielt, als Vertonung der zurückliegenden Jahre aber sehr passend und therapeutisch – wie es zum Beispiel auch bei „Irrlicht“ der Fall ist – in einem angemessenen Rahmen präsentieren konnte. So konnten wir wieder etwas veröffentlichen, hatten aber dennoch Zeit, uns mit der neuen Besetzung wieder auf die Bühne vorzubereiten und gleichzeitig auf einen sehr opulenten Langspieler hinzuarbeiten. Der gerade erst eingestiegene Basser MK beteiligte sich zwar noch nicht an den Aufnahmen, da er zunächst nur unregelmäßig in Mainz war und sich dann auf die Live-Proben konzentrierte, aber in dieser Zeit wuchsen wir als Band wieder wirklich zusammen und die Aufnahmen und die Zusammenarbeit waren ein regelrechter Befreiungsschlag, ein Aufatmen.

Ich denke sehr oft und gerne an diese Zeit zurück und werde nicht selten wehmütig. Mit „Die Schwäne im Moor“ ist eines der mir wichtigsten NOCTE-Lieder vertreten, mit „Vorbei“ außerdem unser meiner Meinung nach ganz klar schlechtestes, auch wenn ich mit dieser Meinung anscheinend alleine dastehe. Außerdem ist „Der Regen“ (zusammen mit „Im Dunst am ewigen Grab der Sonne“ von „Mogontiacum“) das älteste Lied, das sehr nah an seiner Version von DESÎHRA geblieben ist. Noch ältere Versatzstücke, die sich auf anderen Alben wie „Taverne“ und „Nektar“ finden, wurden für NOCTE OBDUCTA extrem verändert. Im Nachhinein ist es vielleicht schade, dass „Aschefrühling“ zunächst nur auf der Vinyl-Version vertreten war, obwohl sich dieses keine zwei Wochen vor dem Recording sehr spontan entstandene Stück für mich sehr gut in die Platte fügt. Aber zum Zeitpunkt des Masters wussten wir noch nicht, dass „Stille“ als Full-Length verkauft werden würde, und so war alles schon fertig.

2004/2005 dann das Doppelalbum „Nektar“ 1 und 2. Ich weiß, ich reite hier viel auf den Bildern rum, aber mal im Ernst: Warum diese beiden Postkartenmotive? Und warum dieser graue Rahmen?
Das hat gleich zwei Gründe: Tatsächlich wollte ich bei „Nektar“ wie auch bei den meisten Vorgängeralben ein möglichst inhaltsleeres Cover haben, das lediglich eine unverfängliche Stimmung und Atmosphäre wiedergibt und nicht zu sehr in eine Richtung lenkt. Insbesondere das Motiv von Teil 1 halte ich auch für ein wirklich großartiges Foto, es wurde auch wirklich genau so eines Nachts von meinem Vater in Irland geschossen. Da es sich um einen Zweiteiler handelte, sollte es aber irgendwie zusammenpassen. Daher der Rahmen, der allerdings völlig anders gedacht war, und das ist der zweite Grund.

Das Booklet hätte eigentlich komplett auf offenem Papier gedruckt werden sollen, lediglich das zentrale Foto sollte lackiert sein. So hätte das Endprodukt auch deutlich edler ausgesehen. Leider ist das dann nicht passiert, und so liegt nun einfach ein Foto auf einem grauen Hintergrund. Hätten wir das gewusst, hätten wir wohl etwas anderes gemacht, denn eigentlich war ich gerade dabei, meine Anti-Haltung im Bezug auf Cover aufzugeben, zumal ich eigentlich immer viel gezeichnet, gemalt und fotografiert habe. Für Teil zwei gab es nach der Enttäuschung über die Umsetzung des ersten Teils auch komplett andere Entwürfe, die wesentlich aufwendiger und leicht surreal waren, aber wir haben dann beschlossen, den Weg zu Ende zu gehen. Immerhin handelte es sich um einen Zweiteiler, und irgendwie wollten wir auch die schlussendliche Ausführung des ersten Teils nicht nachträglich als Fehler brandmarken. Nun, aber das mache ich ja dann jetzt, über 15 Jahre später. Auch gut.

Musikalisch auf einmal doppelt so lange Songs – wie kam es zu dieser extremen stilistischen Wandlung in erneut nur so kurzer Zeit?

Auch hier hab es für uns weder einen Wandel noch handelte es sich um eine kurze Zeitspanne. Einen Hang zu langen Liedern gab es schon bei DESÎHRA und alle Veröffentlichungen von NOCTE OBDUCTA beinhalten Longtracks. Natürlich setzt „Nektar 1“ da nochmal einen drauf. Das Material auf diesem Album entstammt aber zu einem hohen Prozentsatz der Zeit vor „Lethe“ und reicht sogar zurück bis in die Zeit unter dem Namen DESÎHRA, wir haben es schlichtweg nie umgesetzt, obwohl es bisweilen immerhin mal im Proberaum auftauchte. Die kurze Zeitspanne fühlte sich für uns ebenfalls anders an, da wir „Stille“ eher als Interludium betrachteten und unabhängig von der Veröffentlichung „Schwarzmetall“ und „Galgendämmerung“ ja beide im Sommer 2000 aufgenommen worden waren.

MK, Torsten, Matze und Marcel von NOCTE OBCUCTA im Juni 2003 „on the road“; © Privat

Mit den „Nektar“-Alben kam dann auch der Begriff des Avantgarde Black Metal für euch auf – wenn ich ehrlich bin, fand ich NOCTE trotz aller Melodik nie „Avantgarde“. Wie stehst du zu dem Begriff im Kontext mit NOCTE OBDUCTA?
Gebe ich dir vollkommen recht, bin damit auch sehr unglücklich. NOCTE OBDUCTA haben sich damals sicher außerhalb des Standards und der Vorhersehbarkeit bewegt, aber abwechslungsreiche Musik ist halt nicht sofort Avantgarde, auch nicht in einer so konservativen Szene. Irgendwie klebt man ja immer überall Labels drauf. Wenn man sich anschaut, was sich alles so Avantgarde und Progressive nennt … das trifft doch beinahe nie zu und hat gerne einen leicht peinlichen Anstrich.

Wir hören hier nicht zuletzt „Desîhras Tagebuch“ – ein Aufgriff des alten Bandnamens. Wer oder was ist Desîhra eigentlich?
Nichts.

Nochmal, jetzt auf 2005 bezogen: Was würdest du aus heutiger Sicht deinem damaligen Ich bezüglich NOCTE OBDUCTA gerne mit auf den Weg geben?
Ich denke: schon wieder nichts. Beziehungsweise würde ich mich eher mit dem Vorgriff auf 2006 dazu ermahnen, die aufziehenden Krisen anders anzugehen.

2006 kam dann das vorläufige Ende, 2008 erst das Abschiedsalbum „Sequenzen einer Wanderung“, weil ihr Spielball im Streit zwischen Label und Studio geworden seid – was verbindest du mit dieser Zeit, dem Warten auf das letzte Album?
Zwischen dem Startpunkt Weihnachten/Silvester 2005 und der Veröffentlichung Ende 2008 liegt eine ebenso große Spanne der Gefühle. Im Laufe des Jahres 2005 hatten wir das Gefühl gewonnen, dass die recht aufwändigen Pläne, die wir für die beiden zur Wahl stehenden Nachfolger von „Nektar“ hatten,  vom Label finanziell und organisatorisch nicht zu stemmen wären, weshalb ich den Jungs bei einem Kneipenbesuch zwischen den Jahren meine Idee unterbreitete, eine größtenteils instrumentale und von massiven Ausflügen in Soundlandschaften geprägte Version von „Schwarzmetall“ zu machen, die es sozusagen verkraften würde, wenn es über Gebühr ruckeln oder zu Verzögerungen kommen sollte. Unsere Stimmung war damals ziemlich euphorisch, auch als im Laufe des Frühlings das schwarzmetallische Element immer mehr in den Hintergrund trat und der experimentelle Charakter das Ruder übernahm.

Dann aber gingen bei NOCTE OBDUCTA und auch bei mir privat ein paar Dinge ungemütliche Wege und so wurde die Stimmung immer unangenehmer. Unter anderem daraus resultierend frustrierte mich auch das gesamte Umfeld der Band immer mehr … und das sahen einige in der Band sehr ähnlich. Als dann eh schon alles im Eimer war, wurden aus finanziellen Gründen auch noch die laufenden Aufnahmen abgebrochen und das Desaster war komplett. Den Rest des Albums mussten wir dann über ein Jahr später unter immensem Zeitdruck und mit extrem vielen Kompromissen fertigstellen, aufgrund von Terminproblemen ganze Blöcke umarrangieren und Spuren streichen, und wiederum ein gutes halbes Jahr später fand der Mix statt – und zwar via Mail, iTunes und Telefon. Mir sind noch Jahre später Spuren in die Hände gefallen, die ich über die Zeit schlichtweg vergessen hatte und die nie auf der Platte gelandet sind.

NOCTE OBDUCTA hatte in all den Jahren diverse Besetzungswechsel – aber ausgerechnet seit kurz vor dem Split ist das Lineup stabil. Meist ist es ja eher so, dass Bands nach einer Pause in neuer oder ganz alter Besetzung zurückkommen, aber nicht in der, in der es zu Ende ging. Was macht dieses Lineup zum stabilsten, das ihr je hattet?
Wir sind vermutlich ein Haufen alter Männer, die keine Veränderung mehr mögen, auch wenn man dieses Konzept durchaus mal in Frage stellen müsste. Diese Kontinuität muss man aber ein wenig einschränken. Heidig kam erst 2006 dazu, und mittlerweile ist außerdem Flange ausgestiegen und wir sind nur noch zu fünft. Des Weiteren waren Flange und Torsten zwischenzeitlich nicht mehr dabei.


2011-2020

2011 ging es dann weiter. Was hat die Pause aus heutiger Sicht bewirkt, welche Folgen für NOCTE hatte der damalige Ausflug zum Uranos?
Ich sage es ja ungerne, aber für uns keine guten. Wir waren erstmal weg und andere konnten die Lücke füllen.

Dem Post-Rock, der damals mit DINNER AUF URANOS  ja das Ziel war, habt ihr danach überraschenderweise ganz abgeschworen und es ging zurück zum Black Metal. Wie kam diese doch wieder radikale Wendung und warum hast du dann ganz aufgehört, Post-Rock zu veröffentlichen, statt das auf ein Nebenprojekt zu verlegen?
Auf „Umbriel“ ist ja durchaus einiges aus der Zeit unter dem Namen DINNER vertreten, ebenso haben wir unter diesem Namen gelegentlich NOCTE-OBDUCTA-Songs gespielt. Die „Gemälde“-Version von der „Schwarzmetall“, die wir 2012 live gespielt haben, stammt zum Beispiel aus dieser Zeit. Dass ich außerhalb der Band nichts veröffentliche, obwohl es existiert, liegt wohl eher an meiner etwas laxen Art, diese Dinge final anzugehen. Wenn ich den Kram für mich privat und recht roh aufgenommen habe, ist die Geschichte für mich meist beendet, worüber ich mich übrigens sehr oft selber ärgere. Ein wenig ändert sich das gerade mit meiner anderen Band THE VIRGO CLUSTER, da sitzen wir momentan am Recording der Vocals. Wir reden hier aber eher von einem Bastard aus Death, Doom und Psychedelic unter großzügigem Einsatz analoger Synthies.

Viele Rahmenbedingungen, die du damals als Grund für den Split genannt hattest – Faschos in der Szene, die hohen Kosten einer Band, die man kaum je zurückbekommt – haben sich nicht geändert. Was hat sich dann geändert, sodass du dich doch wieder der Black-Metal-Szene zugewandt hast?
Die Hauptgründe waren damals eigentlich andere. Wie wenig die Szene – und das hat nur bedingt mit Politik zu tun, ich habe da auch weiterhin ein Problem mit Dogmatismus und Szene-Gehabe – und vor allem das Geld damit zu tun hatte und welch große Rolle dafür mein damaliges Befinden wirklich gespielt hat, ist mir erst Jahre später wirklich bewusst geworden. Ganz sicher hatten wir die Schnauze voll von Erwartungen und von dieser seltsamen Generation, die heute Mitte 30 ist und so tut, als habe sie in den 1980er-Jahren den Metal erfunden. Ganz sicher hatten wir auch wirklich nervenaufreibende Auseinandersetzungen mit dem Label und außerdem interne Aufweichungserscheinungen, weil nicht mehr jeder bei der Sache war. Aber so etwas passiert halt und wird auch noch öfter passieren. Damals aber war ich einfach nervlich nicht stabil genug und auf dem Weg in eine persönliche Krise, und so habe ich das Gefühl gehabt, ganz dringend einen Cut machen zu müssen, ich wollte auf sehr vielen Ebenen einfach nur noch weg. Ich habe mich in der Folge in vielerlei Hinsicht zurückgezogen und versteckt, und wenn es in den Folgejahren um NOCTE OBDUCTA ging, dann lag mein Fokus immer auf den negativen Aspekten oder den ganzen frühen „guten alten“ Zeiten.

NOCTE OBDUCTA im April 2012 (Pressefoto)

Es ist ja auch nicht so, dass ich mit dem Black Metal aufgehört hätte, den habe ich mit meinem Soloprojekt TOTHOLZ im stillen Kämmerlein weiter gemacht (Resultate und Überbleibsel hört man teilweise auf „Verderbnis“ und „Totholz“), aber ich wollte da draußen nicht mehr als der Marcel von NOCTE OBDUCTA wahrgenommen werden. Rückblickend war das vielleicht kein wirklicher Fehler, aber doch ein unglücklicher Weg, den ich so nicht noch einmal gehen würde. Womöglich hätte ich einfach pausieren und mich ein wenig zurückziehen sollen, um mir all das mit mehr Abstand anschauen zu können, denn den habe ich auf jeden Fall gebraucht.

Das Rückkehralbum „Verderbnis“ klang meiner Ansicht nach etwas arg gewollt nach rohem Black Metal. Wie siehst du das heute?
Ich sehe das von meiner Warte aus nicht so, ich stimme aber zu, dass es quasi nicht so klingt wie eigentlich gedacht und damit vielleicht für dich nicht ganz schlüssig. Zu Beginn der Aufnahme war die Platte wirklich wesentlich roher, und zwar auf eine sehr direkte und spontane Weise. Wie auch das Nachfolgealbum fanden alle Aufnahmen im Proberaum und in Wohnzimmern statt, auch das Songwriting war eine sehr flüssige und unmittelbare Angelegenheit. Wir haben uns dann aber im Mix irgendwie immer weiter von der ursprünglichen Herangehensweise entfernt und das Ganze recht verkopft tausendmal gedreht und gebügelt, sodass die rohen und urtümlichen Elemente vielleicht eher wie Relikte wirken.

Das Album kam dann bei MDD, nicht mehr bei SCR – eine Konsequenz des „Sequenzen“-Dramas? Und warum ausgerechnet MDD, bei denen ihr stilistisch nicht unbedingt in den Roster gepasst habt?
Das kam halt irgendwie so, und der Kontakt war von Anfang an sehr persönlich und unkompliziert.

Zum ersten Mal hat es hier die Ananas aufs Cover geschafft. Wo kommt dieser Gag eigentlich her?
Ich schlage vor, die Geschichte sparen wir uns auf.

Fürs Protokoll: ich protestiere. Aber weiter im Text: 2012 gab es erstmalig in eurer aktiven Karriere in einem Jahr keinen NOCTE-Release; „Umbriel“ kam dann erst 2013. Wie kam’s?

Wir haben den fertigen Mix verloren und mussten die ganze Kacke noch einmal von vorne mischen. Irgendwo war glaube ich ein Kompressor ausgetauscht worden, ohne dass wir das Album gezogen hatten. Da das alles neben unserem Alltag an Feierabenden lief, verzögerte sich alles, und so kam das Album nicht im Herbst 2012, sondern erst Im März 2013 raus.

2016, „Mogon…“ du weißt schon. Warum der Lokalpatriotismus, warum die Heimatstadtreferenz – und war das nicht ein arg sperriger Titel?
Inhaltlich beschäftigt sich das Album ja mit der Zeit, in der die Grundlage für „Nektar 1“ und die erste Hälfte von „Nektar 2“ entstand, also die Zeit Herbst 1994 bis Herbst 1995, eine Art „Gründungsmythos“ unter dem neuen Namen NOCTE OBDUCTA. Und da wir eine Mainzer Band sind und zwei Archäologen in der Band haben beziehungsweise hatten, schien uns der antike Name unserer Stadt einfach angemessen. Im Gegensatz zu der bewusst naiven Art des Rückblicks in der ersten Hälfte von „Nektar 2“ dreht es sich bei „Mogontiacum“ übrigens auch um die Gefährlichkeit von Rückblicken und Selbstreferenzen.

2017 habt ihr mit „Totholz“ quasi „Resteverwertung“ von „Mogontiacum“ betrieben, oder? Wie stehst du heute zu dem Album?
Mit Resteverwertung hatte das nichts zu tun. Dass das Material nicht auf „Mogontiacum“ landete, lag ja am konzeptionellen Rahmen. Der wirklich „verwertete Rest“ wäre wohl das Intro von „Wiedergänger Blues“, bei dem wir tatsächlich ein altes Experiment, zu dem die originalen Spuren verloren gegangen waren, restauriert und ein klein wenig erweitert haben. An dieser alten Aufnahme lag mir aber wirklich sehr viel, und so handelt es sich auch nicht – wie bisweilen angenommen – um das Schinden von Zeit, ganz im Gegenteil. Da diese Collage doch recht ausladend ist, musste das eigentliche Lied sogar gekürzt werden, weil ich keinesfalls auf mehr als 22 Minuten pro Vinyl-Seite kommen wollte. Übrigens eines meiner liebsten Lieder von NOCTE.

Mit „Irrlicht“ habt ihr jetzt zwölf Alben herausgebracht – dazu die DINNER-Platte in der Pause. Das ist verdammt effizient. Fiel es dir immer leicht, Musik zu schreiben?
Ich würde die „Stille“ vielleicht noch dazu nehmen, zumindest die Vinylversion inklusive „Aschefrühling“. Und ja, meist fiel und fällt mir das durchaus leicht, es liegt auch noch wirklich sehr viel Material auf Papier, Tapes und Festplatte herum und wartet auf etwaige Weiterbearbeitung.

Mit welchen drei NOCTE-Songs würdest du die Band jemandem vorstellen, der dir wichtig ist und noch nie NOCTE OBDUCTA gehört hat? …
Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Also wirklich nicht. Aber ich kann stattdessen antworten, dass wir bis auf vielleicht zwei Gigs wirklich immer „Solange euer Fleisch noch warm ist“ gespielt haben, und das sagt sicher auch etwas aus. Inhaltlich und stilistisch ist das allerdings nicht gerade ein Song, der durch ein breites Spektrum glänzt.

Hätte ich statt der drei Songs drei Alben, wäre es deutlich einfacher. Das wären wohl „Taverne“ und die beiden Teile von „Nektar“, aber auch das würde ohne Kommentierung nicht funktionieren: Zunächst einmal bedeutet das nicht, dass diese Alben für mich automatisch auch die besten drei aus dreizehn sind. Hinsichtlich der Umsetzung und des Sounds sind sie ebenfalls ganz sicher nicht repräsentativ und stellen auch keinen Querschnitt dar. Dazu kommt, dass die Anzahl der zu schwülstigen Texte zu hoch ist. Aber: Diese drei Alben bringen vermutlich die diversen Einflüsse und Ideen am ehesten oder schlüssigsten zusammen, und zwar auf eine Art und Weise, die zumindest für NOCTE-Verhältnisse recht greifbar, kompakt und irgendwie auch kategorisierbar ist. Nun ist natürlich die Kategorisierbarkeit ganz sicher nicht das, was wir mit NOCTE jemals erreichen wollten, aber mit den entsprechenden Anmerkungen sind das vielleicht die drei Alben, von denen aus man zumindest musikalisch in andere Regionen von NOCTE starten kann, die einem besser liegen. Ich würde übrigens behaupten, dass „Irrlicht“ diese Voraussetzungen ebenfalls erfüllt, aber ein derart frisches Album sollte man wohl nicht vorschnell in den Ring werfen.

NOCTE OBDUCTA mit Veranstalter in Leipzig (2018); ; © Privat

Gibt es andererseits Songs, die du aus heutiger Sicht bereust, nicht mehr magst oder grundlegend anders angehen würdest?
Wie schon erwähnt halte ich „Vorbei“ für einen wirklich schwachen Song. Er beinhaltet zwar viele Ideen, die ich in einem anderen Kontext durchaus brauchbar finde, aber als Lied ist das einfach nix, das klingt für mich heute wie eine Ideensammlung. Ich halte außerdem „Pan“ für überbewertet. Allerdings bedeutet mir dieses Lied aufgrund seiner Bezüge zu DESÎHRA sehr viel und so frage ich mich heute, ob man daraus nicht ein für mich viel befriedigenderes Produkt hätte machen können – dynamischer, organischer, mehr unbequeme Brüche, dafür auf Seiten des Textes kompakter und kritischer. Und so gibt es auf jedem Album Songs, die ich heute wirklich anders machen würde. Ich würde tatsächlich auf praktisch allen Alben außer vielleicht „Schwarzmetall“, „Totholz“ und „Irrlicht“ Dinge grundlegend anders machen, wenn es um Sound, Performance oder einzelne Songs geht, aber das ist ja nicht Sinn der Sache, denn diese Dinge sind ja irgendwie alle Zeitdokumente.

Zwei bis drei Ausnahmen gibt es aber. „Mogontiacum“ hätten wir wohl wirklich nicht einen derartig chaotischen Sound mit zudem zu lauten Drums (insbesondere in den digitalen Versionen) geben müssen, aber das liegt noch nicht so lange zurück, dazu bilde ich mir erst später eine Meinung. Aus oben genannten Gründen wäre es ein sehr interessantes Projekt, „Sequenzen“ mit allen ursprünglich angedachten Spuren und Vocals und dem außerdem für das Studio angedachten Raum für Experimente und Entfaltung neu aufzunehmen. Und beim Mix anwesend zu sein, das wäre auch sehr wünschenswert.

Marcel von NOCTE OBDUCTA 2020 (Promofoto)

Und dann ist da noch „In Erinnerung an Herbststürme“, das aufgrund seiner recht bewegten Aufnahmegeschichte vielleicht eines Tages noch einmal neu arrangiert und aufgenommen werden könnte, obwohl ich eigentlich ein klarer Gegner solcher neuer Versionen bin. Aber so oft wie dieses Lied aufgenommen wurde, schadet eine weitere Version nicht und würde es vielleicht sogar rechtfertigen, den Song in neuer Form wieder auf die Bühne zu bringen: Die verschollene und nicht komplett instrumentierte Vier-Spur-Version aus der Mitte der 1990er sowie die Versionen auf dem legendären Proberaummitschnitt vom 02.01.1998 gelten vielleicht nicht als „echte“ Aufnahmen, aber auch danach gab es noch vier Versionen. Zunächst die auf dem Demo vom Januar 1998, allerdings geht hier einiges an Details unter. Dann nahmen wir im Sommer 1998 „Lethe“ das erste Mal auf, waren aber mit dem Resultat derart unzufrieden, dass wir das Material vernichteten. Im Oktober 1998 ging das Recording in eine zweite Runde, leider merkten wir dann beim Mix der „Herbststürme“, dass Torsten teilweise den falschen Text gekrächzt hatte, weshalb das Lied im letzten Moment vom Album geworfen wurde. Ohne eigentlich langsam wirklich dringende Änderungen des Arrangements oder vielleicht eher der Spielweise nahmen wir es dann für „Taverne“ im Sommer 1999 erneut auf. Hier zogen wir tatsächlich aus Versehen teilweise die falschen Spuren und hatten außerdem ständig Matzes Sticks auf den Drum-Mikros, denn der gute Mann trommelte ein wenig unpräzise. Aber so landete es dann letztlich auf der Platte. Musikalisch war das Lied zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich uninteressant geworden und schon längst aus dem Liveset verschwunden, obwohl es ein wirklich wichtiges Unterkapitel innerhalb der Bandgeschichte darstellt. Und  wenn ein Lied so oft aufgenommen wurde, aber niemals zufriedenstellend, dann kann man es vielleicht eines Tages nochmal probieren.

Schlaue Fragen und Antworten hatten wir jetzt genug – deswegen zum Abschluss ein extradoofes Brainstorming:
Deine Lieblingsfrucht: Dieses Thema „Lieblings-“ finde ich meist ziemlich unglücklich.
Spongebob:
Du fragst Sachen … mich beschleicht ein gewisser Verdacht, den werde ich gekonnt ignorieren. Spongebob habe ich das erste Mal im Sommer 2002 während eines vergleichsweise beschissenen Frankreich-Urlaubs mit Freunden gesehen. Auf Französisch. Ich war ein wenig irritiert.
Pizza Hawaii: Kann man machen, aber da gibt es deutlich bessere Varianten.
Piña Colada: Cocktails eher selten.
Toast Hawaii: Kann man machen, aber da gibt es deutlich bessere Varianten.
„Wenn hier einer Anna nass macht …“: … dann wird das wohl Frank sein.

Danke nochmals für deine Zeit!
Wir haben zu danken.

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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2 Kommentare zu “Nocte Obducta”

  1. S.

    Nocte hat mich in den frühen 2000ern durch die Pubertät gebracht – mein Lieblings-Release bleibt glaube ich die „Stille“-EP (und ich teile die Meinung, dass „Vorbei“ zumindest der schwächste Track der EP ist). Schönes Interview. Nocte sind seit buchstäblich Jahrzehnten konsistent unterbewertet.

  2. Oli

    Danke sowohl dem Interviewer als auch Marcel für diese tolle Retrospektive! Nocte ist und bleibt eine Schatzkiste düster metallischer Granaten!

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