Interview mit Marcel von Nocte Obducta

In diesem Interview im Zuge des herovrragenden Albums „Nektar – Teil 1“ spricht Nocte Obducta-Frontmann Marcel über eben jenes und erklärt uns unter anderem, warum der Underground eine einzige Lüge ist und erzählt noch weitere, interessante Sachen.

Sei gegrüßt, Marcel! Euer neues Album „Nektar Teil 1“ ist nun schon seit einigen Wochen erhältlich. Die ersten Reaktionen waren, so wie ich das gelesen habe, alle durchweg gut bis begeistert. Wie hast du das alles mitbekommen, seit die CD erhältlich ist?
Eigentlich nur absolut fantastische Kritiken und Reaktionen, sowie eine Bewertung eines Hörers, der mit „ganz arm“ dabei war, aber ich denke, bislang bewegt sich das wirklich immer nahe der Höchstnote.

Die vier Stücke sowie das Intro auf „Nektar Teil 1“ sind allesamt von 1994 bis 2000 geschrieben worden. Warum hat es solange gedauert, bis diese Lieder veröffentlicht wurden?
Ich wollte die Lieder in jedem Fall aufnehmen, allerdings kam dann immer etwas dazwischen. Dinge wie Line-Up Wechsel, der plötzliche Wunsch, die „Schwarzmetall“ zu machen, andere Idee, die man aus welchen Gründen auch immer einfach früher angepackt hat, dann irgendwann eine ganze Weile, in der wir zwar für Nektar geprobt haben, am Ende aber doch nichts passierte, ich total frustriert war, und wir nach dem Labelwechsel relativ spontan „Stille“ eingeschoben haben. Und obwohl erstens noch sehr viel älteres, zum Gutteil unfertiges Material wartet und ich zweitens gerade intensiv an neuen Sachen arbeite, wollte ich die Lieder von Nektar 1 ganz einfach nicht verwerfen, sie sind für Nocte Obducta und die Bandgeschichte zu wichtig.

„Nektar Teil 2“ wird im Januar 2005 erscheinen. Habt ihr Teil 1 und 2 zusammen aufgenommen? Wird der Nachfolger musikalisch in die selbe Kerbe wie die aktuelle CD schlagen, oder gibt es dort wichtige Veränderungen?
Grob geht es natürlich in die selbe Ecke, die stilistische Bandbreite ist ähnlich weit gefasst, vielleicht sogar noch breiter, und die Vocals sind auch ein wenig variabler.

Wie habt ihr die Stücke ausgewählt, die auf den ersten und auf den zweiten Teil kommen?
Das liegt sowohl an den Texten als auch an der Musik. Teil 1 ist Material von 1994 bis 2000, und es handelt sich dabei um DIE Nocte Lieder, die Nocte zu Nocte gemacht haben, sie stehen in engem Kontext mit Leidern, die man schon auf unseren frühen Veröffentlichungen gehört hat, wie beispielsweise „In Erinnerung an Herbststürme“ vom Demo und unserem zweiten Labum.
Teil zwei ist wiederm in zwei Hälften geteilt. Der erste Teil blickt zurück und befasst sich inhaltlich mit der Zeit, in der das Fundament für Teil 1 gelegt wurde. Musikalisch wird zwar auch auf altes Desîhra-Material zurückgegriffen, im Schnitt ist der Kram aber jünger als die Leider auf Teil 1. Die Musik dürfte der von Teil 1 recht ähnlich sein, allerdings mit ein paar mehr überraschenden Wendungen.
Die zweite Hälfte sieht dann wiederum nach vorne, wobei musikalisch hier die verschiedenen Spielarten des düsteren Metals stärker auf einzelne Leider fokussiert wurden.
Würde man als inhaltlich (nicht also den Zeitpunkt der Komposition betrachtend!) eine Chronologie erstellen wollen, dann hätten wir den Anfang mit der ersten Hälfte von Teil 2. Dann kämen alle anderen Nocte Alben, an deren Anfang meinetwegen Nektar 1 stünde, wobei man auch sagen könnte, dass Nektar 1 die musikalische Quintessenz aller bisherigen Nocte Alben ist. Abgeschlossen würde alles von der zweiten Hälfte des zweiten Teils mit einem Blick nach vorne.
Du siehst, es steht also ein Konzept über Nocte Obducta an sich dahinter, und demenstprechend ist auch das Artwork gewählt, das bei unserem dann irgendwann einmal erscheinenden achten Album wohl komplett anders ausfallen wird. Mit den beiden Nektar Teilen haben wir viele Jahre Musik auf einen Punkt gebracht. Oder auf viele Punkte?

Wofür stehen Nocte Obducta? Was wollt ihr mit der Band aussagen? Zieht sich so etwas wie ein roter Faden durch das gesamte Bandwerk?
Wir wollen machen, was wir wollen.

Marcel, du schreibst die Texte und die Musik stets alleine. Wollen die anderen sich nicht einbringen, oder siehst du das als deine alleinige Aufgabe an? Kann man vielleicht sogar sagen, dass Nocte Obducta so etwas wie dein Projekt ist, und der Rest der Band immer das macht, was du für richtig hältst bzw. so was ähnliches wie Session-Musiker sind?
Nun, dann mal einen Unterpunkt nach dem anderen. Dass sich andere nicht einbringen, liegt tatsächlich zu einem Gutteil an mir, wobei zum Beispiel kein Schlagzeuger ist, der Songs schreibt, sondern eher durch seine Art zu spielen den Liedern seinen eigenen Stempel aufdrückt, und das ist auch nicht zu gering zu bewerten, auch wenn im Endeffekt doch ich die Leider geschrieben habe. Aber abgesehen davon, dass zumindest bei drei Alben bei jeweils einem Lied der jeweilige Keyboarder mitgearbeitet hat, muss man auch bedenken, dass wir immer Mitglieder hatten und haben, die songwriterisch ganz einfach nicht tätig sind, auch außerhalb der Band nicht.
Tatsächlich ist es aber so, dass ich ganz einfach Nocte Obducta als meine Band betrachte. Von Sessionmusikern zu sprechen, ist aber nicht angebracht, denn abgesehen davon, dass zumindest einzelne Bandmitglieder der Band durch ihre Art, das Material umzusetzen, einen eigenen Charakter geben, zeichnet sich ein volles Mitglied für mich nicht dadurch aus, dass es komponiert oder textet. Tatsächlich mag sich der ein oder andere als Sessionmitglied vorgekommen sein, wenn im Studio doch ich sein Instrument zumindest in Teilen einspielen musste, aber das liegt dann ja nicht an meinem „Führungsstil“, sondern am jeweiligen Unvermögen, das hat mit meiner Person nichts zu tun, und es ist außerdem auch eine zwischenmenschliche Frage, inwieweit eine Person ganz einfach zur Band dazu gehört.
Im Übrigen ist vorgesehen, dass die Freiräume für den ein oder anderen auf dem achten Album weitaus größer werden.

Musst du in einer bestimmten Stimmung sein, um einen Text, ein Lied oder ein Album zu schreiben? Das wäre ja anzunehmen, wenn auf „Nektar“ jetzt Sachen veröffentlicht werden, die teilweise schon fast zehn Jahre alt sind, also auch schon vor der Veröffentlichung eueres ersten Albums „Lethe (Gottverreckte Finsternis)“ entstanden sind. Verarbeitest du beim Schreiben manchmal auch bestimmte Ereignisse?
Ja, sicherlich, wenn die Stimmung nicht da ist, dann kommt in der Regel auch nur Scheiße raus, das heißt, man kann entweder gar nicht oder doch zumindest nicht an diesem oder jenem Thema weiterarbeiten. Das ist natürlich auch ein Grund für die Reihenfolge der Veröffentlichungen. Das Material auf der Galgendämmerung zum Beispiel ist ja auch fast komplett älter gewesen als das auf dem Vorgängeralbum „Schwarzmetall“.
Bestimmte Ereignisse im Sinne von ganz konkreten erlebten „Tatsachen“ habe ich früher nicht allzu oft eingebaut, auch wenn natürlich trotzdem alles auf meinem Leben, meinen Ansichten und auch meinen Erlebnissen basierte, allerdings war das Material höchst selten an ganz klar zu fassenden Ereignissen festzumachen. Dieser Aspekt gewinnt aber mittlerweile stark an Bedeutung, die erste Hälfte von Tei 2 trägt den Übertitel „Desîhras Tagebuch“, und es ist tatsächlich eine Beschäftigung mit dem real geschehenen, auch wenn man das den Texten vielleicht nicht sofort ansieht.
Das Album, an dem wir gerade arbeiten, wird ähnlich gestrickt sein, zumindest, was die transportierten Inhalte angeht.

In deinen Texten scheint sich vordergründig viel um die Natur zu drehen, auch auf dem CD-Cover und im Booklet sind einige schöne Landschaftsbilder. Bist du sehr naturverbunden?
Mehr als manch anderer, aber ich gehöre nicht zu denen, die den ganzen Tag durch Wälder und Felder streifen, was jetzt nicht abwertend gemeint ist. Die Naturverbundenheit ist auch nicht nur eine Beschäftigung mit der Natur in den Texten, oft werden Naturphänomene auch benutzt, um Stimmungen oder Anschauungen zu versinnbildlichen oder eine Atmosphäre zu erzeugen, die der nahekommt, die ich empfunden habe, als ich das Lied geschrieben habe.

Ihr wart einige Jahre lang bei Nuclear Blast unter Vertrag (Fehlinformation meinerseits, hab ich falsch vom nfoblatt abgelesen… Anm. d. R.). Nach eueren vier ersten Alben wurde schon das Mini-Album „Stille“ aus dem letzten Jahr über Supreme Chaos Records vertrieben. Warum habt ihr euch nach der Zusammenarbeit mit einem Major im Metalbereich für ein kleines Undergroundlabel entschieden?
Wir waren nie bei Nuclear Blast unter Vertrag, sondern bei Grind Syndicate Media. Ich denke, unsere etwas unbequeme und unberechenbare Art ist nicht geeignet für ein größeres Label (gewesen), aber wäre dem so gewesen, könnte ich mir vorstellen, dass unsere Verkäufe etc. sicher um einiges rosiger aussähen, wenn wir bei einem größeren Label unter Vertrag gewesen wären.


Ihr werdet aufgrund der Liedtitel, Songnamen und auch der musikalischen Stimmung öfter mit Dornenreich verglichen bzw. in Verbindung gebracht. Wie siehst du das, wie findest du die Band?
Ich muss gestehen, dass ich Dornenreich in erster Linie vom Namen kenne, ich besitze kein einziges Album. Da ich mich also mit der Band nie befasst habe, kann ich zu diesem Vergleich auch nicht wirklich etwas sagen.

Wie ist euer Verhältnis zu Agathodaimon heute?
Mittlerweile eigentlich wieder sehr gut. Wir hatten mal ordentlich Ärger, und unsere Meinungen zu Musik, Geschäft usw. sind weitestgehend unterschiedlich, aber eigentlich ist das Verhältnis mittlerweile wieder völlig in Ordnung, man ist ja nicht mehr im Kindergarten, und heiraten sollen wir auch nicht. Die beiden Auftritte, die wir dieses Jahr mit ihnen hatten, waren recht spaßig, da gibt es nichts zu meckern.

Über welche Themen würdest du nie einen Song schreiben?
Über Auberginen. Obwohl…

Vor allem im Black Metal-Bereich sind Nebenprojekte ja keine Seltenheit. Hast du bzw. die anderen Bandmitgleider da was am Start?
Torsten wird irgendwann innerhalb der nächsten Monate mit seinem Soloprojekt Agrypnie etwas rausbringen, ich würde das Material am ehesten als hypnotischen, sehr schleppenden Black Metal alter Schule bezeichnen, aber am besten fragt man das den Meister selber, jedenfalls klingt der Kram vielversprechend.
Ich selber sitze ja seit Ewigkeiten an Exekutionsromanze, das würde ich vielleicht als eine Art Rock bezeichnen, allerdings melancholisch bis düster und mit vielen elektronischen Experimenten und seltsamen Sounds. Tatsächlich ist das Zeig Nocte Obducta stellenweise gar nicht so unähnlich, ich hoffe, dass ich mich innerhalb der nächsten Monate ebenfalls an Aufnahmen machen kann, denn in Rohaufnahmen ist schon ein komplettes Album fertig.
Mit Flange sitze ich außerdem an Vater Carus, sehr offene, atmosphärische Musik, zwar auch in erster Linie düster, allerdings absolut gar keinem Genre verpflichtet. Die Band, die eigentlich auch komplett wäre, hätten wir nur IRGENDWANN mal Zeit, das Zeug vernünftig anzugehen, ist mehr oder minder hervorgegangen aus Flanges mittlerweile aufgelöster Band SIN, weshalb auch hier an Ideen, Fragmenten und ganzen Grundgerüsten für Unmengen von Liedern genug vorhanden ist, um wirklich dick loszulegen. Das Problem ist halt immer die Zeit.
Unser Basser Martin ist zwar auch tätig in Sachen Songwriting, was er aber gerade konkret macht, das weiß ich ehrlich gesagt nicht… aber mit Matthias macht er wohl gerade spaßeshalber ganz derben Grindcore.

Aktuell ist ja gerade die Meldung der neuen „Black Metal Übergruppe“ Helvete mit Nocturno Culto, Frost und Nattefrost sowie General K und Invictus von Disiplin. Was hältst du von einer solchen Kombination?
Nun, warum nicht. Ist zwar albern, dass das dann immer gleich eine Übergruppe sein soll, und anhören werde ich es mir wohl auch nicht unbedingt, aber ich finde nichts verwerfliches daran.

Wie siehst du die (Black) Metal Szene im Moment, und wie wird / sollte sie sich in Zukunft entwickeln?
Sie ist mir scheißegal, weil alleine „Szene“ schon albern ist, bzw. die, die sich ihr zugehörig fühlen. Ich mag da auch ein Bestandteil von sein, aber im Endeffekt ist das nur noch ein ganz peinliches Theater, mit dem ich besser nichts mehr zu tun habe, ich kann die Musik auch ohne Dogmen und kindische Regeln machen.

Zum Schluss gibt’s auch für dich unser Wortspiel. Was kommt dir bei folgenden Begriffen in den Sinn…

MTV: Aua

MP3: Aua

New Metal: Aua, aber nur ein bissl, es ist nicht so, dass in dieser Musikrichtung grundlegend jeder musikalische Gedanke nicht nach meinem Geschmack ist, ist halt einfach nicht so mein Ding, vielleicht ist man auch zu alt, wenn man langsam auf die 30 zugeht, dann ist man ja nicht mer nu, sondern ol. Ich denke nicht, dass es irgendein Album einer als Nu Metal bezeichneten Band gibt, das mir wirklich gefallen würde, aber ich mag es nicht, alles zu kategorisieren und zu bewerten. Aber bei aller Kritik, die dieser Musikrichtung zukommt, ist es doch vielleicht gar nicht dumm, dass handgemachte Musik auch weit vorne bei den Kids und den dicken Verkäufen eine wichtige Rolle spielt, oder? Ich muss es mir ja nicht kaufen, und ich denke, die Leute machen für Charts-Verhältnisse doch wirklich solide Musik irgendwie.

Eisregen: Schneeschauer?

Macht: Star Wars? Könnte jetzt über die Gefährlichkeit und Ungerechtigkeit von Macht philosophieren und über die Scheiße, die sie überall auf der Welt ermöglicht, ich habe aber keine Lust.

Technik: Ich nehme mir die Freiheit heraus, dies als musikalische Technik zu nehmen: Ich mag technische Musik, solange die Technik nicht zum Selbstzweck wird und damit die Atmosphäre der Musik zerstört.

Liebe: Nun, ohne Liebe fänd ich’s hier jedenfalls ziemlich Scheiße, was sich natürlich für die sogenannte Szene nicht gehört. Sachen gibt’s.

Religion: Da fragst Du den falschen, ich bin nicht getauft, meine Schwestern auch nicht, meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten, meine Freundin auch, und wer Religion braucht, soll’s meinetwegen durchziehen, solange er nicht anderen damit auf die Nerven geht. Religion ist eine Art Ersatzdenken, finde ich.

Alkohol: Lecke
. Hat mir viele gute Ideen beschert, viele lustige Nächte, viele unlustige Vormittage, und es gab Zeiten, da waren wir eigentlich ständig, immer und überall besoffen, aber in letzter Zeit entferne ich mich ein wenig davon.

Underground: Die blödsinnigste Lüge der Welt. Underground, wie er sich gibt, ist das Gegenteil von dem, was er eigentlich sein sollte und dummer Weise trotz alledem zu sein glaubt. Etikette, Regeln, Einschränkung, Image, all das, was Underground zerstört, wird von seinen Verfechtern sowas von ausgereizt, dass einem schier übel wird. Gerade die Followers of true Underground gehören zu den größten Modekids unserer Zeit, nur sehen sie unheimlicher aus. Underground ist Zeitgeist, ist modern, ist ein Zeichen unserer bescheuerten Gesellschaft und ihrer Bestandteile, die gerne trotz ihrer Gleichförmigkeit etwas besonderes wären.

Musik: Was soll ich da noch sagen, jetzt mal im Ernst? Lies Dir das Interview durch du hör Dir die Alben an.

Metal1.info: warum die „1“?

Dann bedanke ich mich für deine Zeit, Marcel, und wünsche noch viel Erfolg mit dem neuen Album. Die letzten Worte gehören dir…
Wie immer keine letzten Worte…

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