Interview mit Jean-Jérôme von Regarde Les Hommes Tomber

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum haben REGARDE LES HOMMES TOMBER zu Beginn des Jahres eine mächtige Mischung aus bedrohlichem Sludge, atmosphärischem Black Metal und sehnsüchtigem Post Rock vorgelegt. Gitarrist Jean-Jérôme erklärt uns in unserem Gespräch unter anderem das philosophisch-thelogische Konzept der Band und gibt uns einen Einblick in die französische Metal-Szene.

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Hi und vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, meine Fragen zu beantworten. Wie geht es dir und was treibst du derzeit?
Zuerst einmal vielen Dank, dass du Interesse an unserer Band zeigst. Ich heiße Jean- Jérôme, mir geht es sehr gut und ich bin der Gitarrist von REGARDE LES HOMMES TOMBER.

Da ihr gerade erst euer erstes Album veröffentlicht habt, seid ihr wahrscheinlich vielen unserer Leser noch relativ unbekannt. Kannst du deine Band ein bisschen genauer vorstellen?
Wir kommen aus Nantes in Frankreich. Ich habe angefangen, alleine Songs zu schreiben, was eine ziemlich introvertierte und einsame Arbeit war, sehr persönlich. Danach habe ich diese Demos nach und nach meinen jetzigen Kollegen vorgespielt. Sie waren so begeistert davon, dass sie sich alle entschieden haben, an diesem Projekt teilhaben zu wollen. Wir haben eineinhalb Jahre gemeinsam an der Musik gearbeitet, bevor wir ins Studio gegangen sind. Unseren ersten Auftritt haben wir im Mai 2012 als Opener für Wolves In The Throne Room gespielt, wo uns Gerald von Les Acteurs de L’Ombre Productions wahrgenommen hat. Er war so sehr von unserer Musik überzeugt, dass er sich dazu entschlossen hat, uns unter Vertrag zu nehmen und unser erstes Album zu produzieren. Daran anschließend haben wir mit Bands wie KickBack oder Enslaved zusammengespielt.

Wie würdest du jemandem euren Stil beschreiben, der eure Musik noch nicht gehört hat?
Viele Leute stecken uns in die Post-Hardcore- oder Black-Metal-Schublade. Aber davon abgesehen versuchen wir nicht, einen bestimmten Musikstil zu kopieren, sondern wollen – und das ist das Wichtigste – eine harte, verzweifelte, bedrückende, intensive und explosive Atmosphäre mit unserer Musik kreieren, die manchmal auch losgelöst sein kann. Es ist wohl eine Art apokalyptischer Sludge.

Ihr teilt euch euren Bandnamen, REGARDE LES HOMMES TOMBER, mit einem französischen Film. Gibt es hier auch eine inhaltliche Gemeinsamkeit? Worin seht ihr die Bedeutung eures Namens?
Wir haben uns lange damit Zeit gelassen, einen Namen für unsere Band zu bestimmen. Wir haben versucht, einen Namen zu finden, der zu unserer Musik und dem Thema unserer Texte passt: die unaufhörlichen Fehler, die der Mensch in seinem Streben nach dem Absoluten begeht. Wir wollten, dass unser Bandname die melancholische und verzweifelte Seite unserer Musik repräsentiert. Antoine, unser zweiter Gitarrist, war sehr von dem Film „Regarde Les Hommes Tomber“ von Jacques Audiard bewegt, was der Grund dafür war, dass er uns vorschlug, uns nach diesem Film zu benennen. Zu Beginn hatten wir Angst davor, dafür abgestraft zu werden, dass wir uns für einen französischen Bandnamen entschieden haben, aber dieser ungewöhnliche Name ist einfach die perfekte Bezeichnung für das Bild, um uns selbst und unserer Musik zu bezeichnen. Gleichzeitig fanden wir den Namen sehr originell und poetisch. Ganz davon abgesehen, dass Französisch eine wunderschöne Sprache ist!

rlht2Ich möchte euch noch mal explizit zu eurem ersten Album gratulieren! Ich finde, dass es ein großartiges Album ist, dass sich nicht vor bekannteren und stärker etablierten Bands verstecken muss. Wie sind die Pressereaktionen bisher generell ausgefallen?
Vielen Dank! Wer haben ziemlich viel Feedback von Musikmagazinen und Webzines bekommen. Dabei waren viele Reaktionen positiv und voll des Lobs. LADLO hat uns eine starke Aufmerksamkeit in Frankreich und außerhalb verschafft. Wir haben nicht mit einem derartig positiven Feedback gerechnet. Es ist also eine große Überraschung, gleichzeitig aber auch sehr motivierend.

Wenn ich mir euer Artwork und eure Texte genauer anschaue, sieht es so aus, als würdet ihr einem gewissen „anti-religiösen“ Konzept folgen – kannst du das Thema eures Albums ein bisschen genauer erklären?
Neben den Verfehlungen des Menschen in seinem Streben nach dem Absoluten ist auch der Gegensatz zwischen dem Menschen und dem Göttlichen ein Hauptthema. Der Mensch will größer als das Göttliche sein, größer, als er eigentlich ist und scheitert in seinem Streben nach Perfektion aufgrund seiner bedeutungslosen Existenz als einfacher Sterblicher, weswegen er diese unvorstellbare Größe nur zu einem sehr kleinen Teil begreifen kann. Er befindet sich in einem hoffnungslosen Kampf mit einem unabwendbaren Ende. Der Mensch wird immer in seinen niedrigen Instinkten, seinen Sehnsüchten und seinem Egoismus gefangen sein. Das menschliche Wesen, ausgehend von seinem Wunsch, ein besserer Mensch zu werden, wird seine Suche nach dem Absoluten immer in den Drang nach Herrschaft über seine Umwelt und seine Mitmenschen wandeln. Diese Thematik wird in vielen biblischen Geschichten diskutiert. Wir haben daher mit einem Freund gesprochen, um Inspiration aus diesen biblischen Geschichten zu ziehen und die Songtexte zu verfassen. Die Geschichten von Babel, Noah, Kain und Dantes anfänglich gemeinsamer Weg mit Vergil sind alle in unseren Liedern erzählt und verarbeitet. Diese Beispiele zeigen, dass die Unermesslichkeit, die uns umgibt – welche von Menschen und Naturelementen Gott genannt wird – den Menschen immer wieder die Realität vor Augen halten wird: dass er sterblich und bedeutungslos ist.

Steht dieses Thema auch im Zusammenhang mit eurem Bandnamen? Seid ihr so auf die Idee gekommen, diese biblischen Geschichten aufzugreifen?
Genau so ist es, wir wollten ein kohärentes Konzept: Musik, Texte und Artwork. Das ganze Konzept sollte mit dem Namen REGARDE LES HOMMES TOMBER verknüpft sein.

Wer ist für das von Babel inspirierte Cover des Albums verantwortlich und gibt es eine Geschichte dahinter?
Wir haben Fortifem, verschiedene Graphiker aus Paris, damit beauftragt, das Artwork zu gestalten. Sie haben ihre Inspiration aus verschiedenen Gemälden, wir beispielsweise Gustave Dorés Gravuren, geschöpft. Wir haben ihnen schließlich vorgeschlagen, den Turm von Babel in den Vordergrund zu stellen, da diese Geschichte perfekt das Thema unseres Albums illustriert: die Verfehlung der Menschheit und die göttliche Strafe. Wir sind absolut glücklich mit dem Ergebnis.

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Was sind eure größten Einflüsse auf diesem Album?
Ich bin absolut süchtig nach klassischer Musik und Post Rock. Ich höre gerne verschiedene Bands wie Sigur Rós, Caspian, Mono oder auch Envy. Ich finde, das sind alles Bands, die einen durch ihre unglaubliche Atmosphäre auf eine Art Reise schicken. Dasselbe wollte ich auch erreichen, aber in einer dunkleren Stimmung und mit ein wenig Black Metal, um die verzweifelte Seite unserer Musik besser zur Geltung zu bringen. Um absolut ehrlich zu sein, höre ich auch Bands wir Secret Of The Moon, Enslaved, Emperor, Ulver oder Deathspell Omega.

Ihr seid ja noch eine relativ „junge“ Band – wie fallen die Reaktionen auf eure Konzerte aus? Habt ihr bereits so etwas wie eine Fanbase oder fängt das alles erst langsam an bei euch?
Wir haben immer positives Feedback vom Publikum bekommen. Wie du schon sagst, wir sind noch zu jung um so etwas wie einen „harten Kern“ an Fans zu haben, aber wir bekommen wirklich sehr viel Lob und Motivation nach den Shows zugesprochen.

Plant ihr, auch außerhalb vom Frankreich auf Tour zu gehen?
Wir buchen gerade Konzerte in Frankreich und planen eine Tour durch Frankreich und Europa gemeinsam mit The Great Old Ones im Herbst.

Wenn ich an Frankreich und Metalmusik denke, kommen mir sofort Bands wie Celeste oder Pensées Nocturnes in den Kopf – wie seht ihr die französische Metalszene und habt ihr hier Favoriten?
Es gibt hier immer mehr und mehr spannenden Gruppen, was vor zehn Jahren noch nicht der Fall war. Dinge sind in Bewegung… zu einem gewissen Teil sicher auch durch die neue Generation, die nicht von Nu-Metal inspiriert wurde. Die Black-Metal-Szene hat sich selbst schon lange immer wieder bewiesen und Bands wie Deathspell Omega, Blut aus Nord, Antaeus oder Aosoth beweisen es immer noch.

rlht1Ihr habt euch entschieden, euer Album nur in einer limitierten Version als physisches Produkt zu veröffentlichen. Wie kam diese Entscheidung zustande und wie groß würde ihr das Internet als Promotionsplattform für euch bewerten?
Heutzutage ist Musik immer stärker entmaterialisiert und eine physische Veröffentlichung verliert an Bedeutung. Dennoch wollten wir das Album unbedingt auf Vinyl veröffentlichen, alleine wegen der Schönheit des Objekts. Dennoch ist es so, dass die meisten Verkäufe unserer Albums auf Download-Seiten oder über unsere Bigcartel-Seite ablaufen.

In letzter Zeit haben viele eher „kleinere“ Metalbands Musikvideos zu ihren Songs veröffentlicht und damit Aufsehen erregt – ich denke hier besonders an Sektemtum und Altar Of Plagues). Plant ihr auch, ein Video zu drehen, um euer Album zu promoten?
Ja, haben wir. Wir hoffen, dass wir unser erstes Video Ende September veröffentlichen können. Das ist alleine schon deswegen wichtig, damit man auch auf den Video-Sharing-Seiten präsent ist. Aber wir wollen uns Zeit nehmen, ein visuelles Universum zu erschaffen, dass zu unserer Musik passt.

Ok, das waren schon alle meine Fragen. Ich möchte das Interview gerne mit dem traditionellen metal1-Brainstorming beenden. Was fällt dir als erstes ein, wenn du folgende Begriffe hörst:
Babel: Zwietracht
Deutschland: (auf Deutsch) Die Nationalmannschaft!!
Hardcore: New York!
Verzweiflung: Trauer
metal1: Nettes Webzine