Interview mit Daniel Scheuch von Wirklicht

Der Ton macht die Musik – aber das Licht die Atmosphäre. So ließe sich vielleicht der Arbeitsethos von Lichttechniker Daniel Scheuch zusammenfassen. Mit WIRKLICHT hat er sich in den letzten Jahren einen mehr als guten Ruf erarbeitet. Im Interview mit Metal1.info gibt er Einblicke in den Arbeitsalltag in seinem Beruf und erklärt aus Sicht des Manns am Lichtpult, worauf es bei einer gelungenen Show ankommt, welche Rolle Freude an der Musik spielt und was Clubshows von Konzerten auf Kreuzfahrtschiffen unterscheidet.

Wie kam es zu dem Namen WIRKLICHT, was steckt für dich in diesem Begriff?
WIRKLICHT bezieht sich auf die Wirkung und Wahrnehmung von Licht im Allgemeinen und bei meinen Shows speziell auf sehr atmosphärische Weise.

Gib uns doch mal eine kurze Übersicht, mit/für welche Bands du im Metal-Bereich schon gearbeitet hast!
Wegbereitend waren 2013 meine lieben Freunde von Nocte Obducta, die dem Thema Licht sofort sehr offen gegenüber standen und mich für alle Shows mitgenommen haben. Anschließend kamen Der Weg einer Freiheit aus meiner jetzigen Heimat auf mich zu, mit denen ich Festivals wie das Summer Breeze und With Full Force gestalten durfte. Durch Nocte-Obducta-Sänger Torsten Hirsch kam ich zu zwei tollen Tourneen mit seiner Band Agrypnie, die 2014 erstmals mit den Österreichern von Harakiri For The Sky unterwegs waren. Da hatte ich das Vergnügen, mit beiden Bands zu arbeiten und Freundschaften zu entwickeln, die letztlich auch zu weiteren tollen Zusammenarbeiten mit Harakiri und dem Solo-Projekt von Gitarrist Chris und seiner Band Anomalie führten.

Durch diese Kontakte kamen weitere Bands wie Heretoir aus München und Fäulnis aus Hamburg auf WIRKLICHT. Mit Heretoir ging es im Folgejahr erneut auf das Summer Breeze und mit Fäulnis wurde zum ersten Mal das Party.San Open Air bespielt. 2015 war generell ein sehr erfolgreiches Jahr für meine damals noch frische Selbstständigkeit als Lichttechniker/Operator/Designer, da mir dann Bands wie Primordial, Katatonia, Bloodbath und Paradise Lost die Möglichkeit boten, größere Festivals und Shows, auch im weiter entfernten Ausland, zu spielen. Als Beispiel sei da Paradise Lost erwähnt, die mich für Ihre Shows nach Israel und Griechenland eingeflogen haben und so für unvergessliche Erinnerungen gesorgt haben.
2016 ging es stetig weiter. Manche Bands gingen, neue folgten. Alcest und Belphegor hatten mir einen recht vollen Terminkalender geschenkt, Agrypnie zusammen mit Anomalie und Todtgelichter eine weitere Europatour und ich konnte so weiter dazulernen und meine Art, Licht zu gestalten, weiterentwickeln. Die Holländer von Legion Of The Damned brachten mich in diesem Jahr als Ersatz-Lichtoperator zum Wacken Open Air, wo wir zwar am Nachmittag, aber dafür auf der Black Stage eine Show spielen durften. 2017 kamen dann weitere internationale Bands wie GlerAkur (Island), Soror Dolorosa (Frankreich), Kalmah und Lost in Grey (Finnland) mit Konzerten und Tourneen an. Seit diesem Jahr durfte ich noch ein paar Shows mit den aufstrebenden Jungs von Attic angehen und ich bleibe offen, wer noch so kommt…

Gehst du aktiv auf Bands zu, oder wirst du angefragt?
Beides! Am Anfang ging ich auf Bands wie Nocte Obducta zu. Dadurch kamen dann aber auch die ersten direkten Anfragen, dass  Bands mit mir zusammenarbeiten wollten. Letztlich wird es aber auch immer so bleiben: Wenn ich in einer Band etwas sehe, mit der ich arbeiten möchte, frage ich einfach an und versuche, mit WIRKLICHT zu überzeugen.

Was ist für dich für eine Zusammenarbeit entscheidend – nach welchen Kriterien nimmst du ein Angebot an? Ist dir wichtig, wie sympathisch die Musiker sind, wie gut du die Musik findest, oder ob dich die Musik zumindest „inspiriert“?
Für mich muss es musikalisch und menschlich passen. Ich gestalte atmosphärisches Licht, welches zur dargebotenen Performance perfekt passen soll. Emotional und intensiv soll es für alle sein. Ich schätze, bei einer Reggae-/Hiphop-Gruppe wäre ich weniger gut aufgehoben, als bei einer Post-Rock-/Metal-Band. Natürlich finanziere ich mit dem Beruf meinen Lebensunterhalt, jedoch nehme ich mir als selbständiger Techniker klar raus, mit welchem Kunden ich arbeiten will. Letztlich sollten der Spaß und die Ambition niemals verloren gehen.

Wie viel ist bei einer Lightshow durchgeplant, wie viel spontan?
Das kommt jedes Mal auf die Produktion an. Hast Du jetzt eine Arenatour, wo man mit einer Full-Production ankommt und jeden Tag immer dasselbe Material dabei hat, macht es Sinn alles durchzuplanen, damit jeder Tag gleich ist.
Bei meinen Shows variiert es. Das schafft vor allem Kreativität und hält es spannend. Ich bin (bislang) kein Freund von der Schaffensweise, alles so durchzuplanen und -programmieren, dass man dann am Ende nur noch am Pult sitzt und auf „Go“ drückt, damit der Timecode läuft. Ich möchte live „mitspielen“ und die Einzelmomente individuell mit Licht unterstützen. Aber natürlich überlege ich mir vor den Shows, was zu jedem Song passen könnte – welche Farbe, welche Lichtstimmung.

Worauf kommt es da an, wie viel kannst du daheim schon vorbereiten, wie viel erst bei der ersten Show? Bleibt die Show dann über die Tour gleich, oder variiert das von Halle zu Halle?
Entscheidend ist, dass speziell bei mittelgroßen Bands, die keine Arenen fahren, jede Venue anders ist – Tag für Tag. Ich erarbeite mir vor jeder Tour ein Konzept zu der ganzen Show. Lasse mir die Setlist vorab schicken und arbeite mich in jeden Song ganz speziell ein. Positionen der Lampen, Lichtstimmungen und auch Thema Strom muss immer bedacht werden.
Ist erst einmal ein Plan gemacht, bleibt bei mir jeden Tag das Licht und Konzept identisch. Egal, wie die Venue ausgestattet ist – ich versuche, dass ich meine Show jeden Tag visuell so darstellen kann: Lampen-Typ hin oder her, die Atmosphäre muss nur die gleiche sein. Man möchte dem Publikum ja eine gleichbleibende Qualität bieten. Sonst würden Bands ja auch nicht auf eine eigene Crew bestehen, sondern täglich mit den örtlichen Leuten arbeiten.

Gerade bei kleinen Shows wird das Licht ja oft quasi nebenbei vom Tontechniker gemacht, meist heißt das dann: rhythmisches Knöpfchendrücken, gelegentliche Farbwechsel, fertig. Worauf kommt es bei einer richtig guten Lichtshow an?
Ich schaue gerne noch kleine Shows an, bei denen ich mich dann aber auf den Künstler und nicht auf das Licht konzentriere. Klar, wie Du schon sagst, oft wird es halt nebenbei gemacht oder gibt es einfach nur eine Grundstimmung für den Abend. Ich hab den Anspruch an eine „richtig gute“ Lichtshow, dass sie den Musiker beziehungsweise die Band auf der Bühne visuell unterstützt. Betonung liegt auf „unterstützt“. Ich halte nichts davon, wenn es eine reine Materialpräsentation ist, als wäre man auf irgendeiner Messe von einem Scheinwerferhersteller – Hauptsache es blinkt und bewegt sich alles, damit ja jede Funktion der Lampe gezeigt wird. Eine gute Lichtshow kann man auch mit wenigen Lampen erreichen, wenn der Operator weiß, was er erreichen möchte.

Was war dahingehend das beste Konzert, das du (als Unbeteiligter) gesehen hast?
Die Liveshows von Sigur Rós haben mich in der Vergangenheit immer gepackt. Die Mischung aus Licht, Ton & Visuals erreicht mich zu 100%.

Und bei welcher Show konntest du dich aktiv am besten ausleben, wo ist dein Konzept am besten aufgegangen?
Richtig gelungene Shows waren für mich Katatonia beim Friction Fest, Alcest am WGT und Belphegor auf der Pool-Stage bei 70.000 Tons Of Metal.

Gab es auch schon Konzerte, bei denen du mit dem Resultat unzufrieden warst, ein Konzept einfach nicht aufgehen wollte?
Meist war das Venue-technisch geschuldet, als mir beispielsweise in Stuttgart das lokale Lichtpult während einer Show zweimal abgeraucht ist. Zum Glück gab es ein zweites, mit dem ich parallel weiterarbeiten konnte.

Was stellt dich bei deiner täglichen Arbeit vor die größten Probleme?
Kommunikation mit Technikern oder Bands. Ich stecke so viel Herzblut rein, reagiere immer sofort auf Mails und erwarte dieses Engagement auch von der anderen Seite. Diese Branche ist schnelllebig und antwortet man beispielsweise nicht sofort auf eine Anfrage, so wird der Job eben weitergegeben.

Was sind deine Lieblingsmomente in einem Set?
Die schönsten Momente sind immer die, wenn das Publikum glücklich und mit einem Lächeln auf den Lippen das Konzert verlassen. Ich freue mich, wenn ich im vorbeilaufen höre, dass die Show „einfach geil“ war oder so. Dann weiß ich, dass das Zusammenspiel aller Gewerke perfekt war.

Wie viel ist während der Show eigentlich noch „Handarbeit“, wie viel schon im Vorhinein programmierte Choreographie, die dann automatisch durchläuft?
Bei mir wird alles live dazu gedrückt. Ich programmiere meine festen Positionen und so weiter,  aber live wird alles händisch gefahren. So gebe ich mir selbst mehr Freiräume für Kreativität. Da entstehen live manchmal durch Zufall die besten Ideen, die dann fest ins Programm übernommen werden.

Du warst auch schon auf dem 70.000 Tons Of Metal – war es schwieriger oder generell anders als „normale“ Konzerte, dort als Lichttechniker zu arbeiten?
Ich hatte die 70K und die Full Metal Cruise bislang mit derselben Band. Kreuzfahrten sind definitiv immer anders – speziell, da Platzmangel herrscht und man meist nicht viel an zusätzlichem Licht mitbringen kann. Für mich war die 70.000 Tons aber eine unfassbar tolle Erfahrung, grandiose Shows und einfach im Februar in der Karibik sein, anstatt im kalten Deutschland (lacht).

Wie hast du dieses Event generell erlebt?
Perfekt durchgeplant. Ein mega Schiff mit tollen Zimmern, viele Möglichkeiten, seine freie Zeit auch abseits von Konzerten zu gestalten und rund um die Uhr leckeres Essen. Als Besucher sicherlich eine teure Eventreise, aber definitiv lohnenswert. Allerdings muss man sagen, dass es grade für europäische Besucher meist eher ein „langweiliges“ Line-Up ist, da man die meisten der Bands in Europa doch immer wieder sehen kann. Da ist es für das amerikanische, kanadische und südamerikanische Publikum eher mal ein Highlight, Bands wie Die Apokalyptischen Reiter zu sehen, die die USA eher selten bis nie bespielen.

Zuletzt warst du als Lichttechniker mit David Hasselhoff unterwegs. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Die Hoff-Tour lief schon ein paar Tage, als dann kurzfristig die Anfrage eines geschätzten Kollegen kam, ob ich bei dieser Full-Production-Tour als Systemtechniker aufspringen könnte, ausschließlich in großen Hallen und Arenen. Gegenüber meinen „Stammbands“, mit denen ich sonst toure, eine extreme Steigerung der Hallengröße. Allerdings hatte ich bei der Tour überhaupt keinen Einfluss auf das Gestalterische. Das Ganze wurde von Martin Kames aus Wien betreut, den man von seinen Arbeiten mit Kreator, Heaven Shall Burn und dergleichen kennt. Auch für ihn definitiv eine neue Erfahrung, die uns allen aber große Freude bereitet hat. Er war als Licht-Operator und Full-Production-Dienstleister mit seiner Firma federführend für diese Tournee. Mein Aufgabenfeld war der tägliche Aufbau der ganzen Lichtanlage im Dach und auf Boden mit zwei weiteren Kollegen.

Wie bist du Lichttechniker geworden, welche Ausbildung hast du gemacht?
Das ganze kristallisierte sich während der Ausbildung zur „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ heraus, wo ich für mich merkte, dass das Gewerk Licht mir viel mehr Freude und Kreativität bietet, als beispielsweise die Tontechnik oder der Bühnenbau.

Mal direkt gefragt: Kann man davon leben?
Je nachdem, welchen Lebensstandard man gewohnt ist (lacht). Mit genügend Aufträgen und Kunden läuft das Ganze gut. Aber es gibt natürlich immer Hochs und Tiefs, weshalb mal definitiv immer für Tour-freie Zeiten Geld beiseitelegen sollte.

Magst du das Tourleben, oder empfindest du das als eher anstrengend?
Es ist klar anstrengend und zehrt an den Nerven, wenn man oft im engen Nightliner zusammen leben muss, sich Hotel und Stadt täglich ändert und man leider oft von der Freundin weg ist. Aber da muss man für sich selbst den perfekten Mix finden. Ich bin mit genau diesem Leben super glücklich! „Auf Tour fahren“ heißt ja nicht 24/7 Party machen. Für uns Techniker ist das harte Arbeit, man lebt aus dem Koffer und muss sich jeden Tag mit neuen (lokalen) Kollegen auseinandersetzen und mit denen arbeiten. In jedem „normalen“ Job hat man eine gewisse Zeit, sich an neuen Kollegen zu gewöhnen, einen gewissen Umgang untereinander zu entwickeln.
In dieser Branche muss das alles innerhalb weniger Stunden sitzen, damit pünktlich um 19:00 Uhr die Türen der Location aufgehen und die Show steht.

Würdest du diesen Karriereweg wieder einschlagen?
Für mich war das im Alter von 13, 14 Jahren schon klar, dass ich genau in dieser Branche arbeiten möchte. Deshalb definitiv Ja! Unbedingt.

Was kannst du Leuten raten, die sich für den Beruf interessieren?
Seid offen für alles. Schaut euch so viel wie möglich an und findet raus, welcher Bereich euch interessiert. Es ist definitiv kein 9-to-5-Job. Man gibt viel Freizeit auf, aber bekommt auch viele schöne Momente zurück.

Danke für deine Zeit und Antworten – zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Looking for Freedom: Letzter Song vor dem Abbau
Dein aktuelles Lieblingsalbum: Carpenter Brut – EP III
Live-DVD: Sigur Rós – Heima
Konzertfotografen: Shot in the Dark, Carsten Brand, Stefan Schumann & Void Revelations
Für diese Band einmal das Licht zu machen wäre dein Traum: The Angelic Process
WIRKLICHT in 10 Jahren: Hoffentlich die ganze Welt betourt.

Die letzten Worte gehören dir:
Danke Dir für das Interview und die Vorstellung von WIRKLICHT auf Metal1.info – mich würde es sehr freuen, wenn dadurch weitere Bands Lust auf atmosphärisches Licht haben.

Alle Live-Fotos in diesem Interview stammen von WIRKLICHT-Shows.
Foto 1: Stefan Schumann / 5, 7, 8: WIRKLICHT