Festival-Mediaval VII – Tag 3

  • Goldberg, Selb
  • 12. September 2014 - 14. September 2014

Erschien bereits 10.30 Uhr am Vortag wenig erquickend, so erweist sich Sonntag, 10 Uhr, als Beginn für den „Rock“-Teil des 2014er Bandcontests beim Festival-Mediaval als noch weniger erfreulich. Allein die Qualität der anwesenden Bands rechtfertigt das frühe Aufstehen erneut jede Sekunde: Den Anfang machen die Schweinfurter Folk-Metal-Newcomer NARRATOR, die gerade eifrig damit beschäftigt sind, sich einen Namen in der Szene zu erspielen. Ihr Video zu „Stunde der Wölfe“ trägt seinen Teil dazu bei. Der Song darf im rund halbstündigen Set natürlich nicht fehlen und generell ist die Entwicklung der noch ungeschliffenen Rohdiamanten erfreulich. Die Ansätze stimmen, allein der Feinschliff und vielleicht auch die Vielseitigkeit kommen im Reportoire der Süddeutschen noch ein wenig zu kurz. An den Level der erfahreneren KRAYENZEIT reichen NARRATOR demnach noch nicht heran. SONY DSCDie härteren Gitarren und Grouls werden hier der folkrockigen Melodik „geopfert“ und die Bühne ist für die sieben relativ expressiven Musiker an sich zu klein. Doch KRAYENZEIT mobilisieren im Rahmen der Möglichkeiten nicht nur sich selbst, sondern auch das anwesende Publikum mit ansteckenden Tanznummern wie „Wir sind erwacht“ oder Midtempo-Stampfern namens „Von deinen Lenden“. In den allermeisten Fällen hätte diese Qualität locker für den Sieg gereicht, doch mit CARPE NOCTEM entwickelte sich die dritte der drei Contest-Bands schnell zum klaren Favoriten. Apocalyptica meets System of a Down – da durfte auch ein instrumentales „Toxicity“-Cover nicht fehlen. „String Metal“ haben die fünf Männer aus Jena ihre Musik getauft und das Ergebnis beweist: Gelernt ist in diesem Fall eben gelernt. So studieren die meisten Bandmitglieder entweder Musik oder etwas Artverwandtes und eben jene Grundlage dürfte mitentscheidend für das packende Live-Erlebnis auf rein instrumentaler Basis sein. Dazu kommt der Humor nicht zu kurz und so endet ein Intermezzo nach weniger als einer Sekunde. Spannend, vielseitig und gleichzeitig expressiv gewinnen CARPE NOCTEM den Goldenen Zwerg mit einer überwältigenden Mehrheit der Publikumsstimmen. Am Ende fehlte es sogar an den nötigen Stimmzetteln bei der Jury.

SONY DSCParallel zum starken Contest spielen TIBETREA, die weißrussischen IRDORATH sowie die Vorjahressieger in der Kategorie „Spielmann“, SAITENWEISE (nebst Freunden), auf. Die Weißrussen erinnern mit ihrem professionellen Auftreten an eine osteuropäische Version von Vermaledeyt und finden trotz starker Konkurrenz auf den anderen Bühnen sowie einer Raubvogelshow verdientermaßen ihr Publikum. TIBETREA treten, besonders im Vergleich zum Goldenen Zwerg, erwartungsgemäß auf die Tempobremse und dieser Trend setzt sich im Irish-Scottish-Special mit TUNICHTGUT fort. Einigen dürfte dieser Kontrast zu prägnant sein, so dass sich ein Teil des Festivalpublikums zur Mittagsstunde eine Auszeit gönnt. Für den musikalischen Genuss ist eine Anwesenheit in den ersten Reihen zu diesem Zeitpunkt auch nicht erforderlich. So eignen sich sowohl TIBETREA als auch TUNICHTGUT wunderbar als Begleitmusik zu Fladenbrot und Met.

SONY DSCWährend  in Selb zum ersten Mal Kohlball gespielt wird und die Raubvögel am Sonntag das Piratenfloß unsicher machen, entern die irischen THE FRETLESS die Hauptbühne. Diese erinnern mit ihrem Instrumentarium bestehend aus Celli und Geige frappierend an CARPE NOCTEM, doch die musikalische Ausrichtung ist im Falle der Inselmusiker eine deutlich gediegenere und klassischere. Dass dies nicht unbedingt etwas mit antiquiertem Charme zu tun haben muss, zeigen Stücke wie „Brigitte Mulholland“ und „Dirty Harry“. Einzig ein wenig statisch wirkt das Bühnenbild während des einstündigen Auftritts.

SONY DSCÜber fehlende Dynamik können sich die Gäste bei den Nordlichtern von MR. HURLEY UND DIE PULVERAFFEN anschließend nicht beschweren. Im Gegenteil, das Publikum ist beim markterfahrenen Trio ein fester Bestandteil der Show. Dabei gilt stets die Devise: Es muss nicht richtig gesungen werden, sondern einfach nur laut. Gerne wird sich mittendrin beim abwechselnden „Ach ja?“/“Komma her!“ gegenseitig provoziert oder ein Loblied auf das bandeigene Schiff, die Lightning, angestimmt. Das funktioniert dank herrlich eingängiger Melodieführungen und genug Charisma für eine komplette Schiffskombüse ganz hervorragend. Es erklärt sich quasi von selbst, warum ein zweifelhafter “Musiker” namens Tobee den größten Hit der Pulveraffen namens “Blau wie das Meer” einfach dreist geklaut und zu seinem Mallorca-Hit gekürt hat. Frisch und fröhlich kommen die Songs daher, auch wenn Ms. Ivy Cox als optischer Genuss an diesem Tag unter Deck bleibt und von zwei feierwütigen Freibeuterverbündeten ersetzt werden muss. Fans von Versengold und Knasterbart werden hier mit Sicherheit fündig. Frauen, schüttelt euer Achterdeck – und die Herren ebenso!

SONY DSCEine vollständig andere Richtung schlagen FOLK NOIR im Anschluss ein. Das Vier-Mann-Projekt rund um Faun-Mastermind Oliver Sa Tyr und dessen weiblicher Begleiterin Kaat Geevers verzückt durch einen ganz eigenen Charme. Oliver Sa Tyr in Selb mit anderen Projekten außer Faun zu sehen, ist keine Seltenheit und so findet sich auch für beim ersten Auftritt von FOLK NOIR weit mehr als ausreichend Zuhörerschaft für die teils beschwingten und teils verträumten Melodien, die als Gesamtpaket sehr von Stephan Groth an der Drehleier und auch am Keyboard profitieren. Den beiden Faun-Männern merkt man ihre Eingespieltheit im Laufe der Show an. Musikalisch umfasst die Songauswahl überraschend viel bis dato Unveröffentlichtes und mit „Dear Misery“ eines der Highlights der ersten EP „Songs from Home“ zu Beginn. Dazu präsentiert Oliver charmant die wohl schlechteste T-Shirt-Promotion aller Zeiten, indem er beispielsweise darauf hinweist, dass die Kragen viel zu eng sitzen und man die vorhandene Ware – im wahrsten Sinne des Wortes – um jeden Preis losschlagen will. So kommt auch die „Unterhaltung zur Unterhaltung“ nicht zu kurz, während gleichzeitig ATILLA & FRIENDS auf dem Floß das Finale des Irish-Scottish-Specials einleiten und FANGDORN die Mediaval-Legende wieder aufleben lässt. Wieder einer der Zeitpunkte, an dem man sich auf dem Festival am besten zweiteilen können müsste.

SONY DSCAls vorletzter Festivalpunkt bezieht NIAMH NI CHARRA am hinteren Ende der Burgbühne als vorletzter Act zum irisch-schottischen Themenschwerpunkt ihre Plätze. Die große Fläche davor ist dem Steptänzer reserviert, der als regelmäßiger Gast die Show begleitet. Kein Zufall, war die Künstlerin doch einige Jahre als Solistin für Riverdance aktiv. Die Performance hat insgesamt mit den starken Vorgängern auf beiden Bühnen zu kämpfen und kommt – geführt von Geige und Concertina – nur schwerlich in die Gänge. Dafür ist die musikalische Grundausrichtung von NIAMH NI CHARRA an diesem Tag zu schwermütig und in den schnellen Teilen mit Jigs, Reels und Hornpipes nicht mitreißend genug. Ein etwas trockenes Brot für den Vorabend, trotz sichtlich guter Laune unter den Musikern. So kehren einige zur Strategie des frühen Nachmittags zurück und widmen sich der Musik eher mit einem als mit beiden Ohren oder besuchen das Varieté der Kleinkünstler. In dessen Rahmen präsentieren unter anderem KATRIN LA COQUILLARDE, BEATRICE, BASSELTAN, HOPSA VIVA INSGEHEIM und etliche andere ihre individuellen Programme in komprimierten Kurzfassungen, ehe auf der Hauptbühne noch ein echtes Schmankerl wartet.

SONY DSCAls letztes der ursprünglichen Gründungsmitglieder von THE DUBLINERS starb Barney McKenna am 5. April 2012. Daraufhin verkündete Namensinhaber John Sheahan, dass sich die Urväter des Irish Folk nach dem Ende ihrer 50-Jahre-Jubiläumstour auflösen und ihr letztes Konzert am 31. Dezember 2012 spielen werden. Seit 2013 treten nun Sean Cannon, Eamonn Campbell, Patsy Watchorn und der Banjo-Spieler Gerry O’Connor, der die Dubliners nach Barneys Tod bereits auf Tour begleitet hatte, unter dem Namen THE DUBLIN LEGENDS auf. Im Herbst 2014 findet die Altherren-Combo ihren Weg ins nördliche Bayern, um dort allen Jungspunden die Originale eines „Irish Rover“, „Dirty Old Town“ und Co. zu präsentieren. Kommentare wie „Das kenne ich doch von FIDDLER’S GREEN“ oder „Spielen FLOGGING MOLLY das nicht auch?“ sind dabei an der Tagesordnung – nur dass gleichzeitig keine weitere Coverversion der irischen Traditionals geboten wird, sondern die wirklichen Ursprünge dieser Musikrichtung. Nach GARMANA im Vorjahr bietet Selb, dieses Mal als krönenden Abschluss am Sonntag, ein weiteres Stück Musikgeschichte. Rund 250 Jahre stehen dabei auf der Bühne – und diese mögen zwar etwas betagt wirken, müssen sich aber musikalisch hinter niemandem verstecken. In dieser Musik steckt eine tiefe irische Seele, die weniger auf die Partylaune als das Ohr der Zuhörer abzielt. Und dieses wird in Selb mit feinen Geigen- und Gitarrenbögen sowie den dazugehörigen Stimmen verzaubert. Nach einigen Zugaben ein mehr als würdiger Abschluss und thematisch perfekt gewählt.

SONY DSCDas Ende des letzten Sonntagslieds ist gleichzeitig wieder der Anfang für das kommende Jahr. 2015 wird es ein Celtic-Special geben, für das bereits THE DOLMEN, CARLOS NUNEZ und IRXN angekündigt sind. Etwas prestigeträchtiger dürften sich die anderen Namen unter den bereits bestätigten Bands lesen. Die lauten zum jetzigen Zeitpunkt beispielsweise CORVUS CORAX, OMNIA oder IGNIS FATUU. Kurzum: Es wartet wieder ein bunter Mix auf alle Besucher, für die diese Namen allesamt nicht unbedingt entscheidende Kriterien für eine Rückkehr in das spätsommerliche Selb im September 2015 sein werden.
An dieser Stelle könnte man nun wieder in blumigen Worten oder extravaganten Vergleichen versuchen zu verpacken, was das FESTIVAL-MEDIAVAL abseits der Musik auszeichnet. Es würde nicht gelingen. Das Festival lebt von einem individuellen „Alles kann, nichts muss“. Wie das in der Praxis aussieht, sollte jeder selbst erfahren. An allen drei Tagen gleicht der Goldberg einer Art Mikrokosmos, den es individuell zu entdecken gilt. Den Möglichkeiten sind dabei kaum Grenzen gesetzt, in vielerlei Hinsicht. Alles zu erleben ist hierbei ebenso unmöglich wie vieles zu verpassen.

 

 

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