Wave Gotik Treffen 2013

  • Leipzig
  • 17. Mai 2013 - 20. Mai 2013

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Seit 22 Jahren pilgern die „Schwarzen“ zu Pfingsten nach Leipzig. Die schicken Klamotten werden abgestaubt und die letzten Nähnadeln fliegen durch die Stoffe – alles um für diese besonderen vier Tage gut ausstaffiert zu sein. Zu Hause wird noch einmal das Make-up Probe getragen und die letzten Accessoires wandern in den Koffer. Und diese sieht man bereits im Laufe des Donnerstages vor diversen Hotels in Leipzig zur Genüge stehen.

Wer trotz langer Anreise noch fit genug ist, besucht am Abend eine der zahlreichen Eröffnungsparties, die in der gesamten Stadt zu finden sind. Sei es im Agragelände mit DJ MARC BENECKE oder im Hellraiser mit FGFC820. Wer es etwas ruhiger angehen lassen will, für den ist die Tanznacht während der „blauen Stunde“ genau das Richtige.

Freitag:

Am frühen Vormittag startet im Heidnischen Dorf das WGT-Programm mit VROUDENSPIL. Die Rosenheimer versuchen bei den recht warmen Temperaturen die Leute aus den Zelten nebenan zu locken. Und einige scheinen tatsächlich Frühaufsteher zu sein und tanzen zur Musik der Freibeuter, die vorrangig ihr neues Werk „Pulverdampf“ präsentieren. In den Ständen drumherum ordnen die Verkäufer nochmals ihr Sortiment und machen sich für die ersten Gäste bereit.

Was ein Besucher am Freitag nicht verpassen darf, ist das Viktorianische Picknick im Clara Zetkin Park. „Bestaunen und bestaunt werden!“ lautet das Motto und zu sehen gibt es jede Menge.

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Vorranging die werten Damen schmeißen sich in prunkvolle Roben und ausgefallene Kostüme. Von edel bis punkig, von rockig bis bieder ist alles dabei. Schade nur, dass der Park und die Wiese mittlerweile von Fotografen so belagert wird, dass der normale Besucher nicht zwei Meter gehen kann ohne vor eine Linse zu geraten.

Um die Zeit bis zum Auftritt der LETZTEN INSTANZ zu überbrücken, die den Startschuss in der Agrahalle gaben, haben die Besucher die Möglichkeit einigen Foto- und Kunstausstellungen beizuwohnen oder den Vorführungen der Buchzunft ein Augenmerk zu schenken.

Um 18 Uhr stürmen die sieben Jungs der INSTANZ die Bühne der großen Halle. Zunächst scheint das Interesse des Publikums eher darin zu liegen außerhalb noch ein paar Sonnenstrahlen zu haschen oder über die Meile zu flanieren, doch nach den ersten drei Liedern füllt sich die Halle mehr als deutlich. Mit guter Laune und bester Stimme legen die Instanzler einen hervorragenden Auftritt hin, der geprägt ist von der Albentrilogie mit „Schuldig“, „Heilig“ und „Ewig“.

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Sympathisch, mit viel Charme und Witz begeistern sie ihre Fans von der ersten Minute an. Die Stimmung unter den Anwesenden entwickelt sich wahnsinnig gut und sehr viele finden bedauern, dass die Jungs nur eine Stunde Spielzeit haben und gerade dann die Bühne verlassen müssen, als die Halle richtig brodelt.

2011 mussten DAS ICH ihren Auftritt beim WGT absagen. Stefan Ackermann erkrankte schwer und brauchte die Pfingstzeit für seine Genesung. In diesem Jahr tritt er mit seinem langjährigen Kollegen Bruno Kamm wieder auf. Der Auftritt des Künstlers wird bejubelt und eine Gänsehautwelle scheint durch die Reihen zu gehen, als Ackermann die ersten Töne singt. Stark und kraftvoll klingt der Bühnenveterane. Deutlich sieht man ihm an, wieviel Spaß er an diesem Abend hat und wie sehr er diese Stunde auf der Bühne genießt. Eine ganz große Leistung, die beide da an den Tag legen.

Eine weitere Band darf auf fast keinem WGT fehlen: THE 69 EYES betreten gewohnt cool und aufreizend lässig mit ihren Gitarren um die Hüften gegen 21 Uhr die Bühne. Jyrki 69 trägt eine seiner großen Piloten-Sonnenbrillen und in der knackigen Lederhose bringt er die Mädels in den ersten Reihen zum seufzen und schmachten. Mit „Gothic Girl“ war es dann endgültig um diverse Fanherzen geschehen. Ein passenderes Lied zum WGT gibt es wahrscheinlich nicht. Insgesamt ein solider Auftritt der Norweger, aber das Besondere, der Kick, fehlt an diesem Abend.

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Steampunk: Eine Erscheinung, die in den letzten Jahren immer mehr Zuwachs in der schwarzen Szene erhält und natürlich auch auf dem WGT immer wieder in Outfits zu erkennen ist. In den USA haben sich fünf Künstler an dieses Thema gewagt und es in Kostümen und mit Musik zum Leben erweckt. Als Geheimtipp im Vorfeld empfohlen, müssen ABNEY PARK in Leipzig den Vorschusslorbeeren Taten folgen lassen. Die frische Art der Amerikaner überträgt sich recht zügig auf die Anwesenden und diese feiern und tanzen zu den rockigen Industrial-Klängen der US-Amerikaner. Sehenswert ist diese Band besonders durch Sängerin Jody, die quirlig und gut gelaunt über die Bühne springt und dabei mit ihrer starken Stimme überzeugt.

Wer anschließend nach AND ONE noch nicht müde ist und immer noch Lust hat zu tanzen und zu feiern, der kann zum Beispiel im Beyerhaus-Keller oder im Darkflower den DJs seine Wünsche zukommen lassen.

 

Samstag:

Früh aufstehen ist angesagt, denn im Städtischen Kaufhaus, in der Innenstadt Leipzig, wartet u.a. die LETZTE INSTANZ darauf Autogramme geben zu dürfen. Bereits am Freitag konnten sich die treuen Fans alles signieren lassen, was sie von ABNEY PARK, DAS ICH oder THE 69 EYES im Gepäck dabei hatten. In den vier Tagen greifen u.a. auch XANDRIA, WOLFCHANT, VNV-NATION, ENSIFERUM und THE BIRTHDAY MASSACRE zum Stift – zusätzlich zu ihren jeweiligen Auftritten.

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Im Centraltheater finden im Laufe der Tage einige Lesungen und Vorträge statt. Instanz-Sänger Holly Loose trägt im Rahmen der Lesereihe vier Geschichten aus dem neuen Buch „Weisse Geschichten II“ vor. Ein Buch, das nur Werke von Fans enthält und noch nicht erhältlich ist. Der Frontmann der Instanz liest die Geschichten mit viel Leidenschaft. So gelingt es ihm,  den Inhalt und die Gefühle wie Trauer und Schmerz, aber auch Witz und Liebe, zu vermitteln. 160 Menschen haben sich in dem kreisrunden Saal versammelt und lauschen andächtig der eindringlichen Stimme des Sängers, der sich seit geraumer Zeit auch auf literarischen Pfaden befindet.

Zurück geht es dann in das Heidnische Dorf. Mittlerweile hat sich auch der Regen vom Vormittag verzogen und die Sonnenstrahlen verleiten viele Festivalanhänger dazu, zu außergewöhnlichen und teil freizügigen Outfits zu greifen. Voll ist es geworden auf dem Platz vor der Bühne, immer mehr Menschen drängen sich zusammen auf dem matschigen Boden. VROUDENSPIL können an zwei Tagen zeigen, wie weit sie ihre Musik und der Ehrgeiz gebracht haben. Leider müssen sie beim WGT auf ihre langjährige Bassistin Jane verzichten. Ersatz Alex ´kommt von ZWIELICHT, doch hält sich im Hintergrund und konzentriert sich auf seine Noten. So gibt es mehr Platz für Ratz und Co., die vom Vortag schon ein bisschen müde wirken, aber alle Reserven mobilisieren und auch in Leipzig überzeugen.

Klarinette, Kontrabass und ein Butler, der auch manchmal die Manieren missachtet. Die Rede ist von COPPELIUS. Von den Fans sehnlichst erwartet und schon bejubelt betreten die Bandmitglieder nach und nach durch ein neues Showelement, eine Litfaßsäule, die Bühne.

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Le Comte Caspar, Bastille und Kollegen versprühen immer noch die Funken ihrer Anfänge. Mit der Setliste kommt nie Langeweile auf und durch gewagtes Stagediving sucht vor allem Bastille die Nähe zu den Fans. Auch im Heidnischen Dorf beweisen die Kammercore-Musiker ihre musikalische Stärken ohne groß Schwächen aufzuweisen.

Auch die LETZTE INSTANZ hat ein zweites Date mit den Festivalbesuchern und toppt dabei die bereits guten Besucherzahlen von COPPELIUS. Wer den Auftritt in der Agra verpasst hatte, steht nun im Dorf im großen Pulk, der eine etwas geänderte Setliste erleben darf, die aber genauso viel zu bieten hat und Stimmung macht wie die erste am Tag davor. Das ganze Ambiente ist hingegen ein wenig familiärer als am Vortag.

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Die Band kann intensiver mit dem Publikum agieren und auch Holly und Co. lassen es sich nicht nehmen über die Köpfe der Fans zu gleiten. Dann heißt es Abschied nehmen vom Heidnischen Dorf. Es lockten PARADISE LOST im Kohlrabizirkus. Mit ihrem letzten Album „Tragic Idol“ hielten sie sich 2012 fünf Wochen lang auf Platz sechs in den deutschen Charts. Musikalisch hat sich die Band nicht viel verändert und hält immer noch an ihren klassischen Elementen fest. Optisch gab es allerdings vor allem bei Nick Holmes in den letzten Jahren einige Veränderungen. Die lange Zottelmähne ist mittlerweile einem modernen Kurzhaarschnitt gewichen und die 25 Jahre auf der Bühne zeigen sich in kleinen Fältchen. Stimmlich und instrumental geben PARADISE LOST alles, doch das schlechte Bühnenlicht trübt den Gesamteindruck.

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Sonntag:

Das Programm des WGT steht schon ein paar Wochen vorher fest, sodass sich alle Besucher im Vorfeld spezielle Veranstaltungen aussuchen können. So gern man auch an jedem Ort sein möchte, es geht einfach nicht. Zu den Highlights zählen dieses Jahr unter anderem, dass 100 Besuchern die Chance gegeben wurde bei der Rocky Horror Picture Show dabei zu sein oder 200 andere WGT-Jünger durften dem Orgelkonzert zum 200. Geburtstag von Richard Wagner beiwohnen.

Nach dem rockigen und metalischem Samstagabend geht es im Kohlrabizirkus am Sonntag mit elektronischen Klängen weiter. SOLAR FAKE machen den Anfang und liefern mit ihrem erstklassigen Sound und Programm einen grandiosen Auftakt. Sänger Sven Friedrich profitiert dabei von seiner Bekanntheit als Frontmann von Zeraphine. Das Highlight ist jedoch der Auftritt der Band NAMNAMBULU, die sich 2005 aufgelöst hatte. Die Musiker feiern mit zahlreichen Neugierigen ihre Wiedervereinigung.

Die Moritzbastei ist ein Teil der ehemaligen Stadtbefestigung Leipzigs. Früher als Studentenclub genutzt, ist es seit 1993 zum Kulturzentrum geworden, in dem Konzerte, Theaterstücke und andere Veranstaltungen stattfinden. Und gerade für das WGT ist dieser Ort bestens gemacht. In dem düsteren, aber heimeligen Ambiente können ganz spezielle Bands ihre Musik darbieten. Am Sonntagabend zählen die GRAUSAMEN TÖCHTER dazu. Hier hieß es: Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben. Denn wer nicht schon ein paar Minuten vor Konzertbeginn dort ist, hat Pech und wird nicht mehr eingelassen. Kein Wunder, denn gerade durch die sehr spezielle Show hat sich die Hamburger Band seit 2009 einen Namen gemacht. Mit deutschen Texten, die kein Blatt vor den Mund nehmen, und harten EBM-, Techno- und Punkelementen sowie einer leicht angehauchten BDSM Show hat sich die Fangemeinde der Töchter deutlich vermehrt – auch wenn hier nicht hauptsächlich die Musik im Vordergrund stehen mag.

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Unterstützt wird Aranea im Gesang durch zwei weitere Damen in hautengen Latexoutfits, mit denen sie zusammen einstudierte Tanzeinlagen aufführt. Die fast nackte Aranea, nur mit einem hautfarbenen Höschen bekleidet, dominiert den kleinen Saal extremst mit ihrer Stimme. Diese klingt wahnsinnig kraftvoll und hart. Ihre Sklavinnen haben nicht viel zu lachen, kniend verbringen sie fast das ganze Konzert im Rücken ihrer „Meisterin“ und müssen diverse Bestrafungen über sich ergehen lassen.

Montag:

Die Frankfurter NACHTGESCHREI eröffnen den musikalischen Abschlusstag des WGT 2013. Nach dem Ausstieg von Frontmann Hotti war es zunächst still um die Band geworden. Der Nachfolger blieb lange ein Geheimnis. Neu-Sänger Martin erweist sich wie auf der  „Aus schwärzester Nacht“-Tour auch in Leipzig als zukunftsträchtiger Ersatz für die Folkmetaller, die vor einer beachtlichen Menge ihre Songs zum Besten geben. Stimmlich git es nichts zu meckern und auch die restlichen Mitglieder legen sich wie gewohnt ins Zeug. Die Fans scheinen den „Neuen“ schon jetzt akzeptiert zu haben.

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Nach einem rockigen Sonntag in der Agra verabschiedet sich der Montag und das WGT mit ein paar elektronischen Highlights. ORANGE SECTOR aus Hannover versuchen die tanzende Menge bei Laune zu halten und für die kommenden Acts vorzubereiten. Dabei fehlt es den Norddeutschen allerdings an Elan und Stimmung. Beides wird ums hundertfache gesteigert, als die PATENBRIGADE WOLFF ihre Baustelle aufbauen. Die Beats verfehlen nicht ihre Wirkung, im weiten Umkreis kann man die ekstatischen Bewegungen der Cybers beobachten. Das Treiben auf der Bühne zieht die Blicke aber immer wieder zurück. Die Berliner liefern eine tolle Show und die einfachen Texte liegen recht schnell auf der Zunge, sodass man mindestens nach dem ersten Refrain textsicher mitgrölen kann. Sehr empfehlenswert, wenn man in Feierlaune ist.

KMFDM hatten bereits im April auf dem DMF in München vor allem mit ihrer Sängerin Lucia überzeugt.  In Leipzig manifestiert sich dieser Eindruck. Dieses Mal verschwinden die Mitglieder auch nicht hinter dicken Nebelschwaden oder Strobos. Lucia wechselt recht oft die Bühnenseite und lässt die Männerherzen mit ihrem gewagten Outfit nach oben schnellen. Die Band gibt richtig Gas: Es kommt einem fast so vor, als wollten sie das Publikum vor dem großen Hauptact VNV NATION entweder total müde machen oder richtig anheizen. Die Stimmung unter den Anwesenden ist jedenfalls am Ende richtig gut und in der Halle wird es zunehmend heißer, nicht nur wegen der Hauptakteurin auf der Bühne.

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Fazit: Was bleibt, ist ein rundum sehr gelungenes WGT mit zahlreichen tollen Bands, die man ja leider nicht alle sehen konnte. Für jeden Geschmack war etwas geboten und wer keine Lust auf Konzerte hatte , der setzte sich einfach an die Flaniermeile und fröhnte dem People Watching.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stefanie Schaaf
(alle Rechte vorbehalten)


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