Konzertbericht: Wizo w/ Rantanplan

16.01.2024 München, Backstage (Werk)

„Spannendes Wetter“ prognostizierte Sven Plöger in seiner Vorhersage für Dienstag, den 16.2.24 in der ARD. Nachdem in München zumindest am frühen Abend noch ziemlich durchschnittliches Januarwetter herrscht, füllt sich das Backstage Werk für die ausverkaufte Show von WIZO und RANTANPLAN ab 18:30 Uhr schnell und tatsächlich restlos. Dass auf der Bühne erst eine knappe halbe Stunde vor Showbeginn hektisch mit dem Aufbau für die Vorband begonnen wird, legt in diesem Kontext aber bereits wetterbedingte Anreiseprobleme der Hamburger nahe.

Damit ist, was RANTANPLAN am heutigen Tag durchgemacht haben, nur leidlich beschrieben. Für die Band wurde der Alptraum winterlicher Autofahrten wahr: Eine Eisscholle vom Dach des vorausfahrenden LKW traf in voller Fahrt die Windschutzscheibe des Band-Vans und drückte diese ins Wageninnere, wie Fronter Torben so berichtet, wie das nur ein Norddeutscher kann: Allein dem Umstand, dass Autoschreiben heutzutage nicht mehr splittern, sei zu verdanken, dass er und Drummer Marlon nicht geköpft wurden. Und: Er sei noch nie so froh gewesen, in München zu sein. Das glaubt man dem Bilderbuch-Hamburger aufs Wort.

Dass RANTANPLAN unter diesen Umständen trotzdem auftreten, verdient höchsten Respekt. Und das nicht nur, aber auch, weil sie dafür einen Ersatzwagen auftreiben, den nötigsten Teil des Equipments umladen und die verlorene Zeit reinholen mussten, um es am Ende doch noch (auf die Minute pünktlich!) auf die Bühne zu schaffen. Dass die Band heute nur zu fünft ist und vom Schlagzeug nur Snare, Hi-Hat, Bassdrum und ein Becken mitgekommen sind, macht gar nichts – haut Marlon dafür doch umso engagierter zu. Und auch der Rest der Truppe scheint sich mit maximalem musikalischem Engagement den Schrecken aus den Knochen zu spielen. Das Publikum lässt sich davon zumindest in Teilen bereits anstecken – aber auch, wo im Zuschauerraum noch nicht getanzt wird, brandet nach dem Auftritt lauter Applaus auf.

Ein anderes Stimmungslevel herrscht aber natürlich ab der Sekunde, in der „der WIZO“ auf die Bühne kommt. Dabei beginnt Punk-Legende Axel Kurth den Abend mit „Der lustige Tagedieb“ zunächst im Alleingang, ehe seine beiden Bandkollegen die Bühne entern und das Backstage Werk in Windeseile zum Kochen bringen. Es folgen „Königin“ und „Schöner wär’s“, und dann ist es auch schon Zeit für den ersten Über-Hit: Im Lichte der Enthüllungen zu AFD und Co. aktueller denn je, spricht das zeitlose „Raum der Zeit“ wohl allen Anwesenden aus der Seele. Und einmal mehr bewahrheitet sich die These, dass Punk-Konzerte eigentlich politische Wellness-Veranstaltungen sind.

Passend dazu setzt Axel im Laufe des Konzertes immer wieder klare Statements gegen Rechts – inklusive Demoaufruf (München: Sonntag, 21.1., 14:00 Uhr, Siegestor, andere Städte siehe unten!) – was vom Publikum dankbar jubelnd angenommen und „Alerta Antifascista“-Rufen quittiert wird. Besonders deutlich wird die politische Wut in „Ganz klar gegen Nazis“, das das Publikum ähnlich innbrünstig mitsingt wie die Anarcho-Klassiker „Kopfschuss“ und „Kein Gerede“.

Doch die Qualitäten „vom WIZO“ – neben der beeindruckenden Wucht, mit der diese drei Männer ihre Songs aus den Boxen krachen lassen – liegen auch in ihrer Vielschichtigkeit: Neben politischen Nummern gibt es bei den Stuttgartern natürlich Deutschpunk-typischen Klamauk (etwa mit den lustigen Tierliedern „Seegurke“ oder „Kopf ab, Schwanz ab, Has!“), aber auch Raum für Gefühle: „Grauer Brei“, „Hey Thomas“ und natürlich „Quadrat im Kreis“ – geschrieben in einer Zeit, als der Terminus „mental health“ noch ebenso wenig etabliert war die „awareness“ dafür – treffen das Publikum augenscheinlich ins Herz.

  1. Der lustige Tagedieb
  2. Königin
  3. Schöner wär’s
  4. Raum der Zeit
  5. Das goldene Stück
  6. Ich war, ich bin und ich werde sein
  7. Seegurke
  8. Gute Freunde
  9. Ganz klar gegen Nazis
  10. Grauer Brei
  11. Hey Thomas
  12. Kopfschuss
  13. W8ing 4 U
  14. Der Käfer
  15. Pippi
  16. Kopf ab, Schwanz ab, Has!
  17. Kriminell & Asozial
  18. Nana
  19. Kein Gerede
  20. Quadrat im Kreis
  21. Adagio
  22. Earlybird
  23. Alte Frau
  24. Schweinewelt
  25. Die letzte Sau

Dass auf „Schweinewelt“ zum Abschluss noch „Die letzte Sau“ folgt, klingt schon von den Titeln her logisch – aber natürlich ist die melancholische Mitsingnummer auch musikalisch der perfekte Abschluss für dieses knapp zweistündige Set. Dass WIZO-Bassist Ralf Dietel zwischendurch vorschlägt, die ganze restliche Tour in München zu spielen – vergleichbar mit Elvis in Las Vegas – und das ganze die „Backs-Tage“ zu nennen, ist angesichts der wirklich rundum perfekten Atmosphäre im ausverkauften Werk kein Wunder – und trotzdem ein Kompliment, das man hier gerne, weil nicht oft hört. Schließlich ist Bayerns Landeshauptstadt für vieles bekannt, aber sicher nicht für seine starke linksalternative (Musik-)Szene.

 

 

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