CD-Review: Archspire - Bleed The Future

Besetzung

Oliver Rae Aleron – Gesang
Dean Lamb - Gitarre
Tobi Morelli - Gitarre
Jared Smith – Bass
Spencer Prewett – Schlagzeug

Tracklist

01. Drone Corpse Aviator
02. Golden Mouth Of Ruin
03. Abandon The Linear
04. Bleed The Future
05. Drain Of Incarnation
06. Acrid Canon
07. Reverie On The Onyx
08. A.U.M.


Archspire - Bleed The Future - Coverartwork

Der Mensch hat seit jeher das Bedürfnis, stets neue Höchstleistungen zu erbringen. Immer besser, weiter, höher, schneller. Das gilt auch für den Technical Death Metal. Der technische Schwanzvergleich unter den zahlreichen begabten Bands des Genres bringt massig anspruchsvolle und mitunter beeindruckende Musik hervor. Die instrumentale Machtdemonstration geht mitunter nur leider auch oft so weit, dass Eingängigkeit und Genießbarkeit verloren gehen. Abseits eines anerkennenden Gefühl des Zuspruchs bleibt dann wenig der eigentlichen Songstrukturen im Kopf zurück.

Nichtsdestotrotz freut man sich als Tech-Death-Fan immer wieder, wenn die Musik einem die Haut vom Gesicht schmilzt oder den Schädel zum Platzen bringt. Umso besser, wenn die Lieder dann nicht nur technisch beeindruckend sind, sondern den Musikern auch die Songstrukturen wichtig sind. ARCHSPIRE vereinen auf „Bleed The Future“ beides auf absurd-faszinierende Weise. Kennt ihr das, wenn etwas so übertrieben blöd ist, dass es schon wieder unheimlich lustig ist? ARCHSPIRE sind nicht blöd, dafür so unfassbar schnell und unmenschlich präzise, dass man nach anfänglicher Ungläubigkeit mit einem dümmlichen Grinsen staunend diesem akustischen Wahnsinn lauscht.

„Bring back the fucking danger in the music!”
Mit „Drone Corpse Aviator“ beginnt die wilde Hirnverdreherei bereits beim Songtitel. Was könnte hier das Subjekt sein? Ist es eine ferngesteuerte Drohne, die eine Leiche herumfliegt? Fliegt die (untote?) Leiche eines Piloten die Drohne? Oder ist etwa die Drohne defekt und damit aus technischer Sicht eine Leiche, die von einem Piloten transportiert wird? Rotiert „Bleed The Future“ und damit ein Megatrack wie der Opener erstmal, bleibt aber eh keine Zeit, über solchen Unfug nachzudenken. Von Anfang an prügeln ARCHSPIRE mit absurder Brutalität und wahnsinniger Geschwindigkeit auf alle Ohren in Reichweite ein. Spencer Prewett am Schlagzeug klingt wie ein außer Kontrolle geratener Roboter-Oktopus mit vier Maschinengewehren, Bassist Jared Smith scheint die dicksten Stahlfinger weit und breit zu haben und die Gitarristen Dean Lamb und Tobi Morelli schreddern alles kurz und klein. „Bleed The Future“ ist dabei zu keiner Sekunde stumpf, sondern immer auf den Punkt und technisch überragend.

Dem ganzen Highspeed-Irrsinn setzt Sänger Oliver Rae Aleron die Krone auf: In nicht mal 32 Minuten Laufzeit schießt Aleron um die 3400 Wörter heraus. Das sind etwa 108 Wörter pro Minute und 1,8 Wörter pro Sekunde – Instrumentalpassagen noch gar nicht abgezogen. Zurecht wird sein Gesangsstil als „Shotgun Vocals“ bezeichnet und mit dem „Chopper Rap“ von extrem schnellen Rappern wie Tech n9ne oder Busta Rhymes in Verbindung gebracht. Tatsächlich wirkt sein Stil wie eine Mischung aus tiefen Growls und Chopperstyle, den Aleron noch mit Pig Squeals anreichert. Kenner der Zeichentrickserie „Metalocalypse“ könnten sich dabei an Dethklok-Sänger Nathan Explosion erinnert fühlen. Mit seiner absurden Schnelligkeit und Brutalität ist Aleron ein herausragender und einzigartiger Frontmann, der ARCHSPIREs Status als Genreprimus noch mehr festigt. Wer übrigens nicht glaubt, dass der gute Mann die teils hanebüchenen Texte mit den nicht immer einfachsten Worten tatsächlich singt: Bei halber Abspielgeschwindigkeit kann man die Lyrics mitlesen und erkennt, dass Aleron nicht einfach nur grantig vor sich hingrunzt.

Bei all der Härte, dem Anspruch und der Schnelligkeit schaffen ARCHSPIRE das Kunststück, zugleich melodisch und überraschend eingängig zu sein. „Golden Mouth Of Ruin“ war als erste Singleauskopplung jedenfalls eine gute Wahl, da der Track vergleichsweise gebremst daherkommt und die Melodiösität und den strukturellen Aufbau am deutlichsten zeigt. Aber selbst Tracks wie „A.U.M.“, das nach Aussagen der Band unglaubliche 400 bpm erreicht, ist voller Hooks, Leads und Melodien, die gut ins Ohr gehen und „Bleed The Future“ zu einem Hochgenuss machen. Die Songs wirken auch erst recht so gut und mächtig, weil ARCHSPIRE für genügend Verschnaufpausen sorgen und ihre brachiale Raserei an den richtigen Stellen zügeln.

Mit „Bleed The Future“ führen ARCHSPIRE die Hörer bei allem Chaos an der Hand, die halbe Stunde ist mehr unterhaltsam denn anstrengend. Wer möchte, kann sich aber auch auf eines der Instrumente konzentrieren und dabei die zahllosen Details und überragenden Finessen der virtuosen Musiker erforschen. Durch die überaus druckvolle wie differenzierte Produktion sorgen beide Herangehensweisen an die vierte Platte der Kanadier für eine sehr gute Zeit. Mit „Bleed The Future“ loten ARCHSPIRE musikalische Grenzen weiter aus und schaffen ein Tech-Death-Meisterwerk mit herausragender Qualität. Eine dringende Empfehlung für alle Freunde extremer Musik!

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Bewertung: 9.5 / 10

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1 Kommentar zu “Archspire – Bleed The Future”

  1. Koikarpfen

    Ich verstehe einfach nicht, wie Archspire es hinbekommen, trotz der geisteskranken musikalischen Flutung trotzdem eingängig zu wirken. Die Platte lässt sich, wie schon der Vorgänger, wieder und wieder runtersnacken wie Bandnudeln mit Sahnesauce. Tech Death Album des Jahres, ohne wenn und aber – und trotz extrem großer Konkurrenz.

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